Geistliches Wort zum 23. März 2020 auf www.evangelisch-in-westfalen.de:
„Darum tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.“ (1. Thessalonicher 5,11)
Nehmen wir uns Zeit für einander, für persönliche Gespräche und für konkrete Hilfe. Es ist gut, wenn ich merke, dass ich nicht allein bin, sondern jemand für mich da ist. Und es ist gut, wenn ich für andere da sein kann. So trösten wir uns gegenseitig in unsicheren Zeiten.
Einige Stichworte im Dialog der Evangelischen Kirche von Westfalen mit der Neuapostolischen Kirche[<- hinter diesen Links verbergen sich Berichte über einen gemeinsamen Studientag beider Kirchen am 7. März 2020 in Haus Villigst]
Kirchenverständnis:
CA (Confessio Augustana / Augsburger Bekenntnis von 1530), Artikel VII: „Es ist aber die Kirche die Versammlung der Heiligen, in der das Evangelium rein gelehrt wird und die Sakramente [Taufe und Abendmahl] richtig [=evangeliumsgemäß] verwaltet werden.“
CA VIII: „da in diesem Leben viele böse Menschen und Heuchler darunter sind“
Unter Apostolizität wird evangelischerseits die Übereinstimmung der heutigen Kirche mit dem in der Bibel enthaltenen Evangelium von Jesus Christus verstanden. Die institutionelle Apostolizität (in Person von Bischöfen oder Aposteln) gehört zum „bene esse ecclesiae“, kann also gut und hilfreich sein, ist aber akzidentiell und nicht substantiell.
Amtsverständnis:
CA V: „damit wir diesen Glauben erlangen, ist das Amt zum Lehren des Evangeliums und Austeilen der Sakramente eingesetzt worden“
Zum Amt gehören Ausbildung und Beauftragung/Ordination. Es ist eingebunden in eine zu aktualisierende Tradition; es hat keine heilige Dignität sondern Funktionalität.
Otto Weber, Grundlagen der Dogmatik, Bd. 2, Neukirchen-Vluyn 7. Auflage 1987, S. 635: Das gegliederte Amt „(Amt und Charisma.) Die in der Gemeinde zu verrichtenden Dienste bestimmen sich nach den Gaben, die der Gemeinde gewährt sind, und damit den Aufgaben, die sich ihr Stellen. Da aller kirchliche Dienst unter dem verkündigten Wort geschieht, so gebührt dem „Dienst am Wort“ der wichtigste Platz. Er kann aber nicht recht geschehen, wenn nicht zugleich solche Dienste verrichtet werden, die der Erhaltung der Gemeinde in der Disziplin („Zucht“) und in der Liebe gewidmet sind. Diese Dienste gehören zum „Amt“ in der Gemeinde, sind ihm nicht unterstellt, sondern innerhalb der Bruderschaft beigeordnet und bilden mit ihm zusammen das Amt in der Gemeinde. Das ministerium ecclesiasticum ist mehrfältig. Es ist zugleich von der Art, dass es für andere, neu als nötig erkannte Dienste offen ist.“
KO Grundartikel I-IV: – Jesus Christus – AT und NT – Rechtfertigung – Lutherische – Reformierte – Unierte Gemeinden, Bedeutung der Barmer Theologischen Erklärung – Diener am Wort achten und wahren Bekenntnisstand der Gemeinden, Zulassung aller zum Abendmahl – Innere Gemeinschaft, Gemeinschaft mit anderen reformatorischen Kirchen
KO Art. 1: „im Vertrauen auf den dreieinigen Gott, der Israel erwählt hat und ihm die Treue hält“
KO Art. 18ff:
Ämter und Dienste in der Kirchengemeinde:
Pfarrer/innen, Prediger/innen, Prädikant/innen, Presbyter/innen,
weitere Ämter und Dienste (Kirchenmusiker/innen, Diakone/Diakoninnen,
Gemeindepflege und Diakoniestationen, Gemeindepädagog/inn/en, Sozialpädagog/inn/en,
Erzieher/innen, Küster/innen, Verwaltung) Frauenordination seit 1974 (Unsere
Geschichte, S. 14)
KO Art. 84 ff.:
Der Kirchenkreis
(Superintendent/in, Kreissynodalvorstand)
KO Art. 117 ff:
Die Landeskirche
(Landessynode, Kirchenleitung, Landeskirchenamt, die Präses als Vorsitzende der
Landessynode + als Leitende Geistliche ≈ Bischöfin in anderen evangelischen
Kirchen + als Vorgesetzte des Landeskirchenamts)
KO Art. 156 ff:
Die landeskirchlichen
Ämter und Einrichtungen
(KO
Art. 167ff: Der Dienst an Wort und Sakrament ≈ Kirchliche Lebensordnung)
Wir laden zu aktiver Mitgestaltung und
Beteiligung ein.
Wir fördern die weltweite Ökumene mit
anderen Kirchen.
Volkskirche: nicht mehr Kirche des Volkes, sondern Kirche für das Volk Barmer Theologische Erklärung (1934), These VI: „Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.“
Nedika2020 – das steht für „Netzwerk Digitalisierung Kassel 2020“. Ein Netzwerktreffen zu „Digitalisierung, Theologie und Ethik“, das die EKD zusammen mit weiteren Partnern am 21./22. Februar in den Räumen der ECKD in Kassel organisiert hat.
Das Tagungsprogramm war erstmal karg: Es gab viele Leerräume bei – Ankommen, – Begrüßung, – Kennenlernen, – Themen identifizieren, – Vernetzungsräumen, – Arbeitsgruppen ohne Titel, deren Ergebnisse im Plenum präsentiert werden sollten, – einer Blitzlichtrunde, – dem obligatorischen Reisesegen, – der obligatorischen Morgenandacht und – natürlich, einem kirchenleitenden Grußwort.
Zusammen mit Bernd Tiggemann fuhr ich als Vertreter der Evangelischen Kirche von Westfalen mit gemischten Erwartungen nach Kassel. Sicher, Theologie und Ethik der Digitalisierung sind wichtige Themen – aber war da genug Input zu erwarten? Das Ganze schien doch sehr von den Teilnehmern abzuhängen. Im Bahnhof Kassel dann die ersten Begegnungen mit bereits und noch nicht Bekannten, die Vernetzung setzte sich auf dem Weg übers Hotel ins Tagungszentrum fort – ein guter Anfang.
Und es ging gut weiter: 60 Leute waren dabei, die alle ein großes Interesse an Digitialisierung UND an Theologie UND an Ethik hatten. UND aneinander. Manchmal braucht auch die digitale Szene ihre Spiegelung in der Kohlenstoffwelt, mit viel physischer Ko-Präsenz. Ralph Charbonnier erinnerte an Leibniz und verortete das Zentrum des Nachdenkens über die Binarität und die Digitalisierung seither in Hannover-Herrenhausen ;-). Stefanie Hoffmann berichtete von der Stabsstelle Digitalisierung im Kirchenamt der EKD und führte in die Andachtsform twaudes ein. Kristin Merle stellte fest, dass digitale Transformationen die wissenschaftliche Theologie zur Neuformulierung zwingen; sie forderte eine Durchdringung der religionskulturellen Gegenwart. Gernot Meier berichtete von den Aktivitäten der badischen Landeskirche in Sachen Digitalisierung und mahnte entsprechenden Ressourceneinsatz an; Wolfgang Loest tat das aus lippischer Perspektive. Frederike van Oorschot wagte eine erste Systematisierung, wie digitale Methoden in die wissenschaftliche Theologie integriert werden können. Denn der Medienwandel verändere die Vorstellungen von traditionellen theologischen Begriffen, die deshalb neu formuliert werden müssten. Und neue Technologien bräuchten neue Frames und Narrative.
Und das kirchenleitende Grußwort? Horst Gorski bezog sich auf Niklas Luhmann und dessen These, dass jedes neue Medium überschießende Energie bringe, die erstmal ins Chaos führt. Der Buchdruck habe in der Reformation dazu beigetragen, das Verständnis des Evangeliums zu verändern. Der Computer sei dabei, den Diskurscode von wahr _ nicht wahr auf meine Behauptung _ deine Behauptung zu verändern. (Wobei ich ja mit Marc-Uwe Klings „Känguru“ glaube, dass der neue Code witzig_nicht witzig ist. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Zurück zu #nedika2020.)
In drei Arbeitsgruppen wurden die Themen gebündelt: – Kirche, Ekklesiologie und Digitalisierung, – Anthropologie und Gottesbild, sowie – Öffentliche Kommunikation und Gesellschaft.
Und nun geht’s weiter: Theologische Workshops sind geplant. Doktoranden und Habilitanden werden sich zu einem Kolloquium treffen. Kontakte in die Wirtschaft sollen ausgebaut werden. Landeskirchen wollen voneinander lernen. Und alle, die bei #nedika2020 dabei waren, nehmen viel Schwung mit von Kassel nach Hause. Denn, wie es ein Teilnehmer zum Abschluss formulierte: „Wir sind viele!“
PS. Ein Hashtag. Das klingt erstmal trendy. Und so sagt die Moderation zu Beginn der Veranstaltung auch, der dazugehörige Hashtag „trende“ bereits bei Twitter. Da bin ich aber nicht. Bei Instagram bin ich. Da gibts unter dem Hashtag nedika2020 immerhin 7 Bilder mit maximal 35 „Likes“. Ist das schon ein wirklicher Trend?
Predigt im Kantatengottesdienst in Siegen-Weidenau am 02.02.2020
„Alles, alles nur nach Gottes Willen!“ Das ist nicht nur der Titel, sondern auch die Kernaussage der großartigen Bachkantate, die heute im Mittelpunkt dieses Gottesdienstes steht. Einiges ist dazu in der Einführung schon gesagt worden. Und auch die Predigt wird sich mit dieser Kernaussage beschäftigen: „Alles nur nach Gottes Willen!“
In meiner Textfassung hat die Kantate 72 insgesamt 50 Zeilen. 21mal kommt Gottes Wille darin vor, fulminant gleich am Anfang, der ja im Grunde ein Lobpreis, ein Gloria ist – diesen Chor hat Bach ja später zum Gloria in seiner Messe in g-Moll weiterverarbeitet (BWV 235). Am häufigsten kommt der Wille Gottes im Rezitativ vor, das wir schon gehört haben: „Herr, so du willst“ ist das leitende Motiv hier. 9mal erklingt dieser Satz. Wenn man will, kann man hier in die Bachsche Zahlenmystik einsteigen. Was bedeuten diese Zahlen? Denn wir können davon ausgehen, dass Bach als Komponist und Salomo Franck als Texter das „Herr, so du willst“ nicht zufällig so häufig wiederholt haben.
Aber
ich will dieser Spur nicht folgen, sondern mich mit Ihnen zusammen
eher auf den Weg machen, dem Willen Gottes und seiner Bedeutung zu
folgen. Denn auch in den Teilen der Kantate, die nach der Predigt
folgen werden, spielt der Wille Gottes die zentrale Rolle. Allerdings
wird hier zunächst die zweite Person der Dreifaltigkeit in das
Zentrum des göttlichen Willens gestellt: der Heiland Jesus Christus
will etwas tun, heißt es im zweiten Rezitativ und in der folgenden
Arie. Der Schlusschoral, dessen Text Bach von Markgraf Albrecht von
Preußen übernommen hat, nimmt dann beides auf, bis es in der
letzten Zeile heißt, dass Gott den Gläubigen nicht verlassen will.
Wie gesagt, 21mal kommt in der Kantate der Wille Gottes vor. Und der Wille des Menschen? 1mal. Und selbst diese Erwähnung des menschlichen Willens ist sofort auf Gott bezogen: Gerade eben in der Alt-Arie hieß es: „Mit allem, was ich hab und bin, will ich mich Jesu überlassen“.
Der
Wille des Menschen ist sein Himmelreich, heißt es im Sprichwort. Bei
Bach hören wir, dass das Himmelreich mit dem Willen des Menschen
nichts zu tun hat, sondern dass hier der Wille Gottes 100%ig
entscheidend ist. Wirklich zu 100%. „Alles“
war das erste Wort des Chores zu Beginn. „Mit allem,
was ich hab und bin“, soll ich mich Jesus überlassen, ermahnt
mich die Arie. Und im Schlusschoral geschehe Gottes Wille „allezeit„.
Bach
und Franck zeigen sich hier als gute evangelische Theologen, weil sie
sich auf zentrale Aussagen des neuen Testaments beziehen.
Die
vorgeschriebene Bibellesung für den Sonntag der Uraufführung am 27.
Januar 1726 stand im 8. Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Es ist die
Geschichte zweier Heilungen. Zunächst kommt ein
Aussätziger zu Jesu, „betete ihn an und sprach: Herr, wenn du
willst, kannst du mich reinigen. Und Jesus streckte die Hand aus,
rührte ihn an und sprach: Ich will’s
tun; sei rein! Und sogleich ward er von seinem Aussatz rein.“
Nachdem der Heiland auf diese Weise seine Gnadenhand ausgestreckt
hat, tritt der berühmte Hauptmann von Kapernaum auf und sagt: „Herr,
mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.
Jesus sprach zu ihm: Ich will
kommen und ihn gesund machen.“ Und indem er es will, ist das
Wichtigste schon geschehen.
Überhaupt
spielt der Wille Gottes im Evangelium nach Matthäus immer wieder
eine zentrale Rolle: „Dein Wille geschehe!“, so lehrt Jesus
im Vaterunser beten (Mt 6,10). Und ein Kapitel weiter lesen wir in
der Bergpredigt: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Es
werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, ins Himmelreich
kommen, sondern die den Willen meines Vaters im Himmel tun“ (Mt
7,20-21). Dass der Wille Gottes geschieht, ist demnach zwar unsere
Aufgabe, aber zunächst etwas, worum wir Gott bitten sollen. Im
Vaterunser geht die Bitte ja weiter „…wie im Himmel, so auf
Erden.“ Ob Gottes Wille im Himmel befolgt, davon können wir
zwar ausgehen, aber wir wissen es nicht. Was wir wissen: Hier auf der
Erde geschieht dies erst andeutungsweise und sehr bruchstückhaft.
Jesus
geht uns dabei als Beispiel voran bis zum Letzten, wenn er kurz vor
seinem Tod bittet: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser
Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du
willst“ (Mt 26,39).
So
weit, so klar. Aber was heißt das nun konkret, wenn wir Christen
darum bitten, dass Gottes Wille allezeit geschehe? Was ist denn der
Wille Gottes genau? Das ist ja nicht immer so einfach zu erkennen.
Ich
nehme Sie für ein Beispiel mit auf eine kurze Reise in die
Vergangenheit. Nicht ins Jahr 1726 nach Leipzig, als die Kantate
uraufgeführt wurde, sondern ins Jahr 1095. Wir reisen nach
Clermont in Frankreich, wo – wie der Zufall es will – gerade ein
Konzil stattfindet. Eine lateinische Bischofssynode ist
zusammengekommen und Papst Urban II. ist ihr Vorsitzender. Man ist
mit Problemen des innerkirchlichen Alltags beschäftigt, zum Beispiel
mit dem Zölibat. Das war also schon damals ein Thema, nicht nur
heute auf dem synodalen Weg der katholischen Kirche. Aber nicht
deshalb ist die Synode bekannt geworden, sondern durch den Aufruf des
Papstes, die heiligen Stätten im heiligen Land zu befreien. Von den
muslimischen Seldschuken, die Israel und Jerusalem besetzt hatten.
Papst Urban II. ruft dagegen zum ersten Kreuzzug auf. Und die
Synodalen, die 14 Erzbischöfe,
225 Bischöfe und mehr als 400 Äbte reagieren mit einem
berühmt gewordenen Ruf: „Deus lo vult! Gott will es!“
Gott
will es! Davon waren die Synodalen 1095 voll überzeugt. Wir heute
sind das nicht mehr. Ganz im Gegenteil: Wir halten die Kreuzzüge für
eines der dunkelsten Kapitel der Kirchengeschichte. Wir glauben
nicht, dass sie Gottes Willen entsprochen haben: „Deus non vult!
Gott will es nicht!“ Fazit: Nur weil irgendjemand, sei es ein
Papst, ein Erzbischof oder auch nur ein Landeskirchenrat behauptet:
„Dies ist Gottes Willen“, muss es noch lange nicht auch
wirklich Gottes Willen sein.
Wie
können wir erkennen, was Gottes Willen ist?
Dietrich
Bonhoeffer hat sich in seiner Ethik (DBW Bd. 6, S. 322ff.) dazu
einige Gedanken gemacht, die mir hier weitergeholfen haben:
„Der
Wille Gottes kann sehr tief verborgen liegen unter vielen sich
anbietenden Möglichkeiten. Weil er auch kein von vornherein
festliegendes System von Regeln ist, sondern in den verschiedenen
Lebenslagen ein jeweils neuer und verschiedener ist, darum muss immer
wieder geprüft werden, was der Wille Gottes sei. Herz, Verstand,
Beobachtung, Erfahrung müssen bei dieser Prüfung
miteinanderwirken.“
Aber
wir müssen aufpassen, dass Herz, Verstand, Beobachtung und Erfahrung
nicht mit dem Willen Gottes verwechselt werden. Und vor allem sollen
wir nicht so tun, als wüssten wir ein für allemal, was Gottes
Willen ist.
Erneut
Bonhoeffer: „Weil ja das Wissen um Jesus Christus, weil … die
Erneuerung, die Liebe, und wie man es immer ausdrücken mag, etwas
lebendiges ist und nicht etwas ein für allemal Gegebenes,
Feststehendes, Inbesitzgenommenes, darum entsteht mit jedem neuen Tag
die Frage, wie ich heute und hier und in dieser Situation in diesem
neuen Leben mit Gott, mit Jesus Christus bleibe und bewahrt werde.“
Wenn wir Gottes Willen erkennen wollen, müssen wir also jeden Tag neu danach fragen. Und seien wir misstrauisch gegenüber denen, die allzu vollmundig behaupten, sie wüssten ein für allemal den Willen Gottes. Und damit unterstellen, dass die anderen das nicht wüssten. Vielleicht haben sie nur die Eingebungen ihres Herzens oder die Überzeugungen ihres Verstandes für Gottes Willen gehalten. Vielleicht haben sie die Lebendigkeit und Menschenfreundlichkeit des Gottes unterschätzt, mit dessen angeblichem Willen sie ihre eigenen Überzeugungen untermauern wollten.
Es geht weniger darum, vollmundig zu behaupten, den Willen Gottes zu kennen. Es geht eher darum, den Willen Gottes zu tun. In seinem Leben zeigt Jesus auf, was die Orientierung an Gottes Willen bedeutet. Er zeigt das, wenn er Menschen das Leben rettet. Er zeigt das, wenn er sie gesund macht. Er zeigt das, wenn er Ausgestoßene in die Gemeinschaft aufnimmt und mit ihnen isst und trinkt. Er zeigt das, wenn er lebensfeindliche Regeln aufhebt, damit Menschen frei werden und leben können.
All‘
das heißt, sich an Gottes Willen zu orientieren – und das sind
lauter gute Dinge, die die Welt schöner machen und den Menschen zu
einem besseren Leben helfen. In der Nachfolge Jesu die Welt schöner
machen und den Menschen zu einem besseren Leben helfen, das ist aber
kein Heile-Welt-Idylle, sondern das kann sich auch handfest äußern:
In unserem Einsatz für den Schutz der Umwelt und gegen den
Klimawandel. In unserer Abwehr jeglicher Diskriminierung von Menschen
nach ihrer sexuellen Orientierung. In unserem Beharren darauf, dass
man keine Menschen im Mittelmeer ertrinken lässt. Punkt.
Und
in all‘ diesen Formen unserer Nachfolge können wir darauf hoffen,
dass Gott sein Versprechen hält, das in den letzten Zeilen der
heutigen Bachkantate so formuliert wird:
„Wer
Gott vertraut, wer auf ihn baut, / den will er nicht verlassen.“
Dann
können wir sie mit ganzem Herzen hören, mit ganzer Seele in uns
aufnehmen und mit ganzem Gemüt mitsingen.
Amen.
BWV 72
Alles nur nach Gottes Willen
Text 1-5: Salomo Franck
1715; 6: Markgraf Albrecht
von Preußen 1547
Uraufführung 27.
Januar 1726, Leipzig
1. Coro
Alles nur nach Gottes Willen, So bei Lust als Traurigkeit, So bei gut als böser Zeit. Gottes Wille soll mich stillen Bei Gewölk und Sonnenschein. Alles nur nach Gottes Willen! Dies soll meine Losung sein.
2. Recitativo e Arioso
A
O selger Christ, der allzeit seinen Willen In Gottes Willen senkt, es gehe wie es gehe, Bei Wohl und Wehe. Herr, so du willt, so muss sich alles fügen! Herr, so du willt, so kannst du mich vergnügen! Herr, so du willt, verschwindet meine Pein! Herr, so du willt, werd ich gesund und rein! Herr, so du willt, wird Traurigkeit zur Freude! Herr, so du willt, und ich auf Dornen Weide! Herr, so du willt, werd ich einst selig sein! Herr, so du willt, – lass mich dies Wort im Glauben fassen Und meine Seele stillen! – Herr, so du willt, so sterb ich nicht, Ob Leib und Leben mich verlassen, Wenn mir dein Geist dies Wort ins Herze spricht!
3. Aria A
Mit allem, was ich hab und bin, Will ich mich Jesu lassen, Kann gleich mein schwacher Geist und Sinn Des Höchsten Rat nicht fassen; Er führe mich nur immer hin Auf Dorn- und Rosenstraßen!
4. Recitativo B
So glaube nun! Dein Heiland saget: Ich wills tun! Er pflegt die Gnadenhand Noch willigst auszustrecken, Wenn Kreuz und Leiden dich erschrecken, Er kennet deine Not und löst dein Kreuzesband. Er stärkt, was schwach, Und will das niedre Dach Der armen Herzen nicht verschmähen, Darunter gnädig einzugehen.
5. Aria S
Mein Jesus will es tun, er will dein Kreuz versüßen. Obgleich dein Herze liegt in viel Bekümmernissen, Soll es doch sanft und still in seinen Armen ruhn, Wenn ihn der Glaube fasst; mein Jesus will es tun!
6. Choral
Was mein Gott will, das g’scheh allzeit, Sein Will, der ist der beste, Zu helfen den’n er ist bereit, Die an ihn glauben feste. Er hilft aus Not, der fromme Gott, Und züchtiget mit Maßen. Wer Gott vertraut, fest auf ihn baut, Den will er nicht verlassen.
A performance by the Bach Society of Minnesota, Paul Boehnke conducting.
Die
Kirchenmusik muss breiter aufgestellt werden. Das ist das Ergebnis
einer Fachtagung der Evangelischen Kirche von Westfalen. Moderne Formen
wie Neues Geistliches Lied, Gospel und Worship haben im Gemeindealltag
längst ihren Platz erobert. Die Ausbildung von Kirchenmusikerinnen und
-musikern muss diesen Bereich neben der traditionellen klassischen Musik
sehr viel stärker berücksichtigen.
„Es ist an der Zeit, das Schubladendenken aufzugeben“, sagte der Leiter des Instituts für Aus-, Fort- und Weiterbildung der westfälischen Kirche, Peter Böhlemann, am Donnerstag in Witten. „Nur wenn sie gemeinsam auftritt, hat die Kirchenmusik eine Zukunft“, betonte auch der in der Landeskirche zuständige Dezernent, Landeskirchenrat Vicco von Bülow. Die Evangelische Kirche von Westfalen sieht er dabei auf einem guten Ergebnis: Mit der Evangelischen Popakademie Witten und der Ausbildung von Popkantorinnen und -kantoren habe man die Weichen in die richtige Richtung gestellt.
Mehr als 100 Pfarrerinnen und Pfarrer, Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker sowie interessierte Gemeindemitglieder diskutierten im Lukaszentrum Witten unter dem Titel „Praise’n’Worship, NGL & Co.“ die Frage: „Welche Popularmusik braucht die Gemeinde?“. Die Antwort war eindeutig: Die Gemeinde braucht singbare Lieder, es macht dabei keinen Unterschied, aus welcher Zeit oder Kategorie sie stammen.
Referenten
und Teilnehmer berichteten, wie sehr Richtungskämpfe und Abgrenzungen
die Entwicklung von Gottesdiensten und Gemeinden blockieren können.
Neben dem Streit, ob der klassische Orgelchoral oder moderne Bandmusik
geeigneter sei, kämen auch Auseinandersetzungen um neuere Formen der
Musik hinzu. So sehe sich die Worshipmusik, die an vielen Stellen für
volle Kirchen sorgt, oft innerkirchlicher Kritik ausgesetzt. „Die
Lobpreisszene verengt das biblische Gottesbild auf den Vater und König,
und sie hat die Tendenz, den christlichen Glauben ganz auf das
individuelle Wohlgefühl im Moment der Anbetung zu reduzieren“,
bemängelte etwa der Publizist Andreas Malessa. Vielen Kirchenmusikern
und Pfarrerinnen sei sie auch musikalisch zu simpel in Aufbau und
Textform. „Da wird ein Vers dreimal wiederholt und nur ein Wort dabei
ersetzt“, so Malessa.
Neues geistliche Lieder stammt aus den 60ern
Allerdings
seien auch andere, vermeintlich moderne Formen der Kirchenmusik für
weite Teile der Bevölkerung längst veraltet. „Das sogenannte neue
geistliche Lied stammt aus den 60ern, die Musik, die wir im Radio oder
Internet hören, ist längst weitergegangen“, erklärte Experte Malessa.
Notwendig sei es aber nicht, derartige Ansätze wie Worship, Gospel oder
NGL aufzugeben, sondern sie weiterzuentwickeln. Außerdem werde es immer
wichtiger, Musik nicht nur vorzutragen, sondern die Gemeinde
anzusprechen, ihre Emotionen zu wecken und sie zum Mitsingen zu bringen,
so Malessa.
An dieser Stelle betonten etliche der anwesenden Kirchenmusikerinnen und – musiker, dass ihre Ausbildung sie auf derartige Aufgaben nicht vorbereite. Ansätze wie der Evangelischen Kirche von Westfalen, inzwischen auch Pop-Kantoren auszubilden, seien ein Schritt in die richtige Richtung. Notwendig sei aber, nicht nur Teilzeitstellen, sondern ausreichend 100-Prozentstellen einzurichten. Wo das einer Gemeinde alleine nicht möglich sei, solle man über Kooperationen mit Nachbargemeinden nachdenken. Dabei dürfe auch die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche kein Tabu sein. (Gerd-Matthias Hoeffchen)
Aus Gründen habe ich mir in den letzten Tagen eine Reihe von Musikvideos aus dem Worship-Bereich angeschaut und angehört. Nicht alle so ganz mein Geschmack. Aber das hier fetzt richtig – das „Schweizer Worship Kollektiv“. Mir vorher unbekannt, aber guuuut.
Schweizer Worship Kollektiv Ich säge’s zu mir sälber (feat. Céline Bührer)
Und das Ganze auf Hochdeutsch:
Vers Ich sag’ es meiner Seele Der Herr ist gut, er lässt mich nie im Stich Ich sag es meiner Zukunft Der Herr ist treu, er hält, was er verspricht PreChorus 1 Den Gefühlen mach’ ich klar dass ich im Glauben vorwärts geh’ Dem Verstand rufe ich zu: Gott, der Herr wird zu mir stehn Chorus Lob’ den Herrn – in deinen Zweifeln Ehre ihn – im Treubleiben Schau auf ihn – wenn du nicht weitersiehst Preise ihn – in deinen Kämpfen Dank Ihm laut – trotz den Dämpfern Lob’ den Herrn, meine Seele – jetzt! PreChorus 2 Meine Angst weis’ ich zurück Weil Gottes Hand mich sicher lenkt Meinen Sorgen mach’ ich klar Dass mein Versorger an mich denkt
Das deutsche Wort „Sonntag“ bedeutet wörtlich
genommen „Tag der Sonne“. Dies geht zurück auf die alten Germanen, die die
griechisch-römisch Benennung der Wochentage nach den Planetengöttern übernahmen
und umwandelten. Neben der Sonne (-> Sonntag) waren dies der Mond
(->Montag), Thingus (->Dienstag), Wotan (->engl. Wednesday – das
deutsche Mittwoch bedeutet „Mitte der Woche“), Donar (->Donnerstag), Freia
(->Freitag), Saturn (->engl. Saturday). Das deutsche Wort „Samstag“ kommt
vom jüdischen Sabbat. Viele der Traditionen, die dem Sonntag zugeordnet werden,
haben ihre Wurzeln im Sabbat.
Woher stammt der Sabbat?
„Am
Anfang schuf Gott Himmel und Erde“
– so heißt es im ersten Vers der Bibel (1. Mose 1,1). Das Ende des
Schöpfungswerks am siebten Tag ist der Sabbat, zu dem es in 1. Mose 2,2 heißt: „Und
so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am
siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. 3 Und Gott segnete den siebenten Tag
und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen
und gemacht hatte.“
Von der Schöpfung und ihrem Abschluss im Sabbat ergab
sich die Aufforderung an den Menschen, den Sabbat als Ruhetag Gottes dadurch zu
heiligen, dass sie ihn ebenfalls als Ruhetag begehen. So heißt es in den Zehn
Geboten, wie sie im 2. Buch Mose festgehalten sind (2. Mose 20,8-11): „Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Sechs Tage
sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der
Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein
Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein
Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel
und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am
siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.“
Eine
andere Begründung erfuhr das Sabbatgebot im 5. Buch Mose. In der dort
festgehaltenen Fassung der Zehn Gebote wurde auf den Auszug aus Ägypten
zurückgeblickt und damit dem Sabbat eine soziale Dimension zugewiesen (5. Mose
5,12-15): „Den Sabbattag
sollst du halten, dass du ihn heiligest, wie dir der HERR, dein Gott, geboten
hat. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten
Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun,
auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Rind, dein
Esel, all dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt, auf
dass dein Knecht und deine Magd ruhen gleichwie du. Denn du sollst daran
denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der HERR, dein Gott, dich
von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm. Darum hat
dir der HERR, dein Gott, geboten, dass du den Sabbattag halten sollst.“
Wie verhielt sich Jesus zum Sabbat?
In der Bergpredigt hat Jesus deutlich gemacht, dass
er nicht gekommen sei, um das alttestamentliche Gesetz Gottes oder die
Propheten aufzulösen, und gesagt: „Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern
zu erfüllen“ (Matthäus 5,17). Viele Berichte in den Evangelien zeigen
jedoch auf, dass es bei der Auslegung und Befolgung der Gebote zu Konflikten
zwischen Jesus und den „Schriftgelehrten und Pharisäern“ kam. Ein Beispiel ist
die Geschichte über das Ährenraufen am Sabbat (Markus 2,23-28): „Und
es begab sich, dass er am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger
fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu
ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er
sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn
hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit
Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als
die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu
ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um
des Sabbats willen. So ist der Menschensohn
ein Herr auch über den Sabbat.“ Damit wurde die Sabbatheiligung in besonderer Weise
in den Dienst des Menschen gestellt.
Wie wurde aus dem Sabbat der Sonntag?
Die ersten Christen und Christinnen stammten aus dem
Judentum und begingen deshalb zunächst den Sabbat. Als das Christentum sich
über die ganze Welt ausbreitete, kamen jedoch mehr und mehr Christen nicht aus
dieser Tradition. Dagegen wurde der auf den Sabbat folgende Tag, der Sonntag,
zum wichtigsten Tag der christlichen Woche. Nach dem Zeugnis der Evangelien
galt er als Tag der Auferstehung Jesu Christi (vgl. Markus 16,2). Die Christen
versammelten sich an diesem ersten Tag der Woche zu abendlichen Mahlfeiern, um
der Auferstehung ihres Herrn zu gedenken (vgl. Lukas 24,30-43; Johannes 20.1).
Im 2. Jahrhundert finden sich dann weitere eindeutige Belege für einen
christlichen Sonntagsgottesdienst. Unter Kaiser Konstantin wurde im Jahr 321
die Feier des Gottesdienstes mit dem arbeitsfreien Ruhetag am Sonntag
verbunden; in der Folge dessen war gegen Ende des 4. Jahrhunderts der Sonntag
als christlicher Ruhetag etabliert. Im Mittelalter galt der sonntägliche
Gottesdienstbesuch als Kirchengebot.
Wie verhielt sich die Reformation zum Sonntag?
Die evangelischen Kirchen kannten keine Pflicht zum
sonntäglichen Gottesdienstbesuch, sondern betonten die Freiheit, die den
Menschen am Sonntag das Hören des Wortes Gottes und für Mensch und Vieh eine
Ruhepause ermögliche. Für Luther spielten dabei auch sozialethische Überlegungen
eine wichtige Rolle. In seinem Kleinen Katechismus (1529) formulierte er in
seiner Auslegung des Feiertagsgebots: „Du sollst den
Feiertag heiligen. – Was ist das? – Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die
Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören
und lernen.“
Der Heidelberger Katechismus, der für den reformierten Protestantismus in Deutschland steht, formulierte
als Antwort auf die Frage „Was will Gott im vierten Gebot?“: „Gott will zum
einen, dass das Predigtamt und die christliche Unterweisung erhalten bleiben
und dass ich besonders am Feiertag, zu der Gemeinde Gottes fleißig komme. Dort
soll ich Gottes Wort lernen, die heiligen Sakramente gebrauchen, den Herrn
öffentlich anrufen und in christlicher Nächstenliebe für Bedürftige spenden.
Zum anderen soll ich an allen Tagen meines Lebens von meinen bösen Werken
feiern [=ablassen] und den Herrn durch seinen Geist in mir wirken lassen. So
fange ich den ewigen Sabbat schon in diesem Leben an“ (Heidelberger
Katechismus, Frage 103).
Welche Entwicklung nahm der Sonntag in der Neuzeit?
Durch die industrielle Revolution des 19.
Jahrhunderts wurden die Arbeitszeiten auch auf den bisher arbeitsfreien Sonntag
ausgedehnt. Erst 1891 wurde Sonntagsarbeit wieder verboten. Die Weimarer
Reichsverfassung 1919 schützte den Sonntag als „Tag der Arbeitsruhe und er
seelischen Erhebung“; diese Bestimmung wurde auch in das Grundgesetz der
Bundesrepublik Deutschland aufgenommen. Nachdem der Sonntag alter Tradition
gemäß als erster Tag der Woche angesehen wurde, beginnt seit 1976 in
Deutschland die Woche mit dem Montag, so dass der Sonntag als Teil des
Wochenendes die Woche abschließt.
Zwar ist die Sonntagsruhe heute gesetzlich geschützt, doch ist er als arbeitsfreier Tag zunehmend gefährdet. Immer mehr Ausnahmen werden genehmigt. Immer häufiger wird gefordert, dass die Menschen auch am Sonntag die Möglichkeit haben sollen einzukaufen. Neben wirtschaftlichen Interessen haben veränderte Freizeit- und Konsumgewohnheiten zur Folge, dass die bisherigen Strukturen des Sonntags als Tag des christlichen Gottesdienstes wie auch als gemeinsamer Tag der Erholung für alle Menschen sich massiv wandeln.
In der nächsten Woche stehen im Deutschen Bundestag zwei Gesetzentwürfe über die Organspende zur Abstimmung: von Jens Spahn/Karl Lauterbach und von Annalena Baerbock. Ich halte die Spahn/Lauterbachsche sogenannte „Widerspruchslösung“ für höchst problematisch.
Die Argumente für die sog. „Widerspruchslösung“ überzeugen mich nicht. Denn “ ich finde es nicht richtig, dass ein Mensch widersprechen muss, um sich das Recht auf körperliche Unversehrtheit zu erhalten.“ (Heribert Prantl)
Der Theologe Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, hat die Hauptkritikpunkte hier gut zusammengefasst.
Ich hoffe, dass sich möglichst viele Menschen innerhalb und außerhalb des Deutschen Bundestages davon überzeugen lassen. Denn „es handelt sich um eine große Gewissensentscheidung. Die Frage lautet: Wem gehört der Mensch? Er gehört nicht dem Staat, er gehört nicht der Gesellschaft. Er gehört sich selbst.“ (Heribert Prantl) Und deshalb widerspreche ich der „Widerspruchslösung“.
AKTUALISIERUNG:
Der Deutsche Bundestag hat sich gegen die sogenannte „Widerspruchslösung“ ausgesprochen.
Einige Gedanken zum Verhältnis von Heilung und Heil
Heil und Heilung hängen nicht nur vom Wortstamm her zusammen. Die körperliche Heilung ist im Christentum wie in anderen Religionen oft im Zusammenhang mit dem geistlichen Heil gesehen worden. Im Sinne eines ganzheitlichen Menschenbildes spricht auch manches dafür.
Aber hier gilt es, vorsichtig zu sein. Man darf diesen Zusammenhang nicht überdehnen. Denn Krankheit ist nicht einfach ein Zeichen für Unheil. Es ist eben nicht so, dass man die simple Gleichung aufstellen kann: gesund = gläubig, also von Gott geliebt, krank oder gehandicapt = ungläubig, also von Gott verworfen.
Der Theologe Ulrich Bach hat diese Gleichung als „theologischen Sozialrassismus“ bezeichnet. Und er hat recht damit. Theologisch muss festgehalten werden: Jeder Mensch ist ein von Gott geliebter Mensch, ob nun mit oder ohne Handicap. Jeder Mensch ist als von Gott geliebtes Geschöpf ein vollwertige Person. Da fehlt nichts, da muss nichts hinzuoperiert oder genetisch manipuliert werden.
Im Dritten Reich wurde zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben unterschieden – mit mörderischen Konsequenzen. Und gegenwärtig wird im Zusammenhang mit den Möglichkeiten der modernen Biowissenschaften eine Debatte geführt, bei der einige der Beteiligten anscheinend von dem Wunsch getrieben werden, per Gentechnik den besseren Mensch zu züchten. Der Wiener Systematiker Ulrich Körtner hat dazu klar gesagt: „Der alte Mensch im biblischen Sinne ist nicht verbesserungs-, sondern vergebungsbedürftig.“ Recht hat er. Ich kann als Christ kein Welt- und Menschenbild übernehmen, das unkritisch medizinische Heilung mit göttlichem Heil gleichsetzt und umgekehrt.
Nicht jeder, der von seiner Krankheit geheilt wurde, hat das Heil, die Seligkeit Gottes erreicht. Und nicht jede, die die Seligkeit Gottes erreicht hat, ist medizinisch gesehen geheilt. Ulrich Bach hat es so formuliert: „Christus ist nicht das Ende der Behinderung, sondern das Ende der Behinderung als Unwert.“ Unser Heil ist nicht von unserer Gesundheit abhängig. Unser Heil ist von Gott abhängig.
Das ist die Hauptsache. Eben nicht: Hauptsache gesund. So gerne ich selbst gesund bin und bleibe. So sehr ich allen Gesundheit wünsche, nicht nur im neuen Jahr.
Die Jahreslosung für 2020 steht im Markus-Evangelium, im 9. Kapitel, in Vers 24: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben.“
Wie passt das zusammen? Glauben und Unglauben in einem Satz? In einer Person? Kann man zugleich glauben und nicht-glauben? Ich nähere mich diesem Paradox, indem ich den Zusammenhang der Jahreslosung ansehe, nämlich die Verse 17 bis 27:
„Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn zu Boden; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten’s nicht. Er antwortete ihnen aber und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir! Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn hin und her. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund. Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist’s, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Als nun Jesus sah, dass die Menge zusammenlief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! Da schrie er und riss ihn heftig hin und her und fuhr aus. Und er lag da wie tot, sodass alle sagten: Er ist tot. Jesus aber ergriff seine Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.
In meiner theologischen Ausbildung und meiner kirchlichen Praxis habe ich viel erfahren, viel gelernt. Und doch fühle ich mich oft wie die Jünger, von denen am Anfang der Geschichte berichtet wird: „aber sie konnten‘s nicht.“ Da ist es zumindest ein kleiner Trost für mich, wenn ich sehe, dass es den Jüngern, also den Menschen, die täglich mit Jesus zusammen waren, dass es diesen Jüngern ganz ähnlich ging: „sie konnten‘s nicht.“ –
Was konnten sie nicht? Ein Vater bringt seinen Sohn zu ihnen, damit sie den bösen Geist austreiben, der den Sohn befallen hatte. Die Jünger waren nicht unerfahren darin, wie es einige Kapitel vorher im Markus-Evangelium erzählt wird: „Und sie zogen aus und predigten, man solle Buße tun, und trieben viele böse Geister aus und salbten viele Kranke mit Öl und machten sie gesund.“ Sie hatten es also schon gemacht, sie konnten es – grundsätzlich ja. Aber hier: „sie konnten‘s nicht.“ Der Geist, der den Jungen befallen hat, bleibt in ihm.
Nach allem, was man von dem Krankheitsbild erkennen kann, hat der Junge unter dem gelitten, was wir heute Epilepsie nennen würden. – Haben Sie schon einmal einen epileptischen Anfall mitbekommen? Manche dieser Anfälle sind klein, kaum merkbar. Andere zeigen Symptome wie die des Jungen in der biblischen Geschichte: Krampfanfälle, Zuckungen, Schaum vor dem Mund. In der medizinischen Fachsprache heißen solche großen Anfälle „Grand mal.“ Ich habe zu Beginn meines Theologiestudiums einige Monate in einer Wohngruppe für Menschen mit Handicaps gearbeitet. In „meiner“ Wohngruppe lebte auch Sabine, ein Mädchen, das häufig unter Grand mal-Anfällen litt. Alles, was ich als Betreuer in einer solchen Situation tun konnte, war, aufzupassen, dass Sabine ihren Kopf nicht auf den Boden oder gegen Möbel schlug und sich so verletzte. Ansonsten konnte ich nur abwarten, bis der Anfall vorbei war. Mehr nicht.
Als ich mich während der Vorbereitung auf diese Andacht an Sabine erinnert habe, konnte ich den Vater verstehen, wie er seinen Sohn zu den Jüngern bringt, von ihnen auch keine Hilfe erfährt und schließlich vor Jesus steht. Sicherlich enttäuscht: „Andere haben sie heilen können, meinen Sohn nicht!“ Und das macht ihn auch skeptisch gegenüber Jesus. Wenn seine Jünger da nichts tun können, kann Jesus selbst wahrscheinlich auch nichts tun. Es klingt sehr misstrauisch, was der Vater laut dem Bericht im Markus-Evangelium sagt: „Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ Wenn. Jesus nimmt das auf. Der Ausdruck, mit dem er das tut, lautet in der Lutherbibel: „Du sagst: Wenn du kannst…“ Ich verstehe das so: „Was heißt hier: Wenn du kannst…?“
Und dann folgt ein steiler Ausspruch, einer von denen, die in der Lutherbibel immer fettgedruckt sind: „Alle Dinge sind möglich, dem, der da glaubt.“ Puh. Und schon wieder komme ich mir vor, wie jemand, der überhaupt nichts kann. „Aber sie konnten‘s nicht.“
Wenn wirklich alle Dinge möglich sind für den, der glaubt, dann kann es ja mit meinem Glauben nicht so weit her sein. Wenn ich nicht einmal viele der einfachen Sachen kann, geschweige denn die wirklich komplizierten, was ist dann mit meinem Glauben?
Der Vater des epileptischen Sohnes wird ähnlich gedacht haben. Ihm war die Heilung seines Sohnes unendlich wichtig, für den Sohn, aber auch für sich selbst. So sagt er ja auch: „Erbarme dich unser und hilf uns!“
Weil mit der Krankheit ein ungeheurer sozialer Druck verbunden war, ein Druck auf die ganze Familie, auch deshalb war es ihm so drängend, dass sein Sohn geheilt würde. Und in dieser Situation sagt Jesus ihm: „Was heißt hier: Wenn du kannst? Alle Dinge sind möglich, dem, der da glaubt.“ Und was der Vater antwortet, das ist in der Lutherbibel zum Glück auch fettgedruckt: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Das kann ich gut verstehen, was der Vater hier sagt. Denn so einfach ist es ja nicht: Entweder Glaube – oder Unglaube.
Das kann ich nachvollziehen, dass es da ein Ineinander von Glaube und Unglaube gibt. „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Ganz und gar ungläubig ist er nicht, der Vater. Sonst hätte er ja seinen Sohn nicht hergebracht, sonst hätte er seinen Fall ja nicht trotz des Versagens der Jünger noch Jesus vorgelegt. Andererseits: Ganz und gar gläubig ist der Vater auch nicht. Sonst hätte er seinen Sohn ja auch selbst heilen können: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Diesen Zwiespalt spürt der Vater. Und er bringt ihn zum Ausdruck, ja, er schreit ihn heraus. Schreit: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Und Jesus hilft. Er treibt den bösen Geist aus. Der Junge wird noch ein letztes Mal hin und her gezerrt, dann liegt er still am Boden. Wie tot. Doch Jesus ergreift ihn bei der Hand und er steht auf. Er steht auf – aufstehen – auferstehen. Ein kleines Osterfest, was hier geschieht: Leiden an der Krankheit – wie tot – Auferstehung. Eine Ostererfahrung. Eine Ermutigung auch für uns: Ostererfahrungen gibt es nicht nur an Ostern. Es gab sie vorher und es gibt sie nachher.
Auch wir, die wir vielleicht ähnlich wie der Vater zwischen Glauben und Unglauben hin und her pendeln, zwischen Vertrauen und Misstrauen, zwischen Furcht und Zuversicht, auch wir können solche Erfahrungen machen. Natürlich gilt auch für uns, dass wir dafür Hilfe benötigen. In einem der „Ich-bin-Worte“ im Johannesevangelium sagt Jesus von sich selbst: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ – Ohne ihn können wir nichts tun. Im Zusammenhang mit der Frage von Glauben oder Unglauben finde ich das entlastend. Es kommt eben doch nicht auf meinen kleinen Glauben, auf meinen Kleinglauben an. Weder kann ich mir – im positiven Sinne – Dinge selbst anrechnen. Noch muss ich – im negativen Sinne – mich selbst belasten, muss mich wegen meines fehlenden Glaubens anklagen, wenn etwas nicht geklappt hat, wenn mir nicht „alle Dinge möglich“ waren.
Wenn Martin Luther sich mit aller Energie gegen die Auffassung gewandt hat, gute Werke führten zum Heil, dann war damit auch gemeint, dass der Glaube nicht zum Heil führt, wenn er als Werk verstanden wird, als etwas, was wir „machen“ können. Glauben ist nichts, was wir „machen“ können, nichts automatisch Vorhandenes, was wir nur noch sozusagen aktivieren müssten, kein Zauberstab, den wir quasi nur noch aus der Schublade holen müssten. Glauben ist und bleibt ein Geschenk. Das ist ein Trost für mich, gerade in den Phasen, in denen ich mich meinem Unglauben näher fühle als meinem Glauben.
Eine Jahreslosung als Trost. Als Zuspruch. Das ist schon mal ein guter Anfang für 2020.