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Kirchliches

Ruhe für unsere Seelen

Predigt am 21. Juni 2020 in der Evangelisch-Lutherischen Martini-Kirchengemeinde Martini-Gadderbaum

Predigtttext am 2. Sonntag nach Trinitatis: Matthäus 11,25-30

Liebe Gemeinde!
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Diese Sätze Jesu aus dem Matthäusevangelium bringen inhaltlich etwas in mir zum Klingen. Sprechen tiefe menschliche Sehnsüchte an. Nehmen Motive auf, die aus dem Alten Testament stammen. Jesus von Nazareth hat seinen Namensvetter Jesus Sirach bestimmt gelesen. Dieser alttestamentliche Weisheitslehrer schreibt als Fazit seines Buches (Sirach 51,23-27):
„Kommt her zu mir, ihr Ungebildeten, und wohnt im Haus der Bildung!
Warum wollt ihr noch warten und eure Seelen dürsten lassen?
Ich habe meinen Mund aufgetan und gesprochen: Kauft euch Weisheit – ganz ohne Geld!
Beugt euren Nacken unter ihr Joch und nehmt ihre Erziehung an. Sie ist nahe und leicht zu finden.
Seht mich an: Ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit gehabt und habe großen Trost gefunden.“

Sie haben die Parallelen bestimmt wiedererkannt. Aber das, was bei Jesus Sirach die Weisheit ist, die Bildung, die Erziehung, das ist bei Matthäus die Person Jesus selbst. Zu ihm sollen die Mühseligen und Beladenen kommen, er will sie erquicken, er will ihnen Ruhe geben.
„Erquicken“ und „Ruhe“ kommen übrigens im griechischen Urtext des Matthäusevangeliums vom gleichen Wortstamm: „pauo“ und „pausis“. Da kommt unser deutsches Wort „Pause“ her. Jesus will uns eine Pause geben.

Und ehrlich gesagt: Die könnte ich brauchen, so eine Pause. Gerade nach den letzten Wochen.
Zu Beginn der Corona-Krise hat der Soziologe Hartmut Rosa gesagt, jetzt, wo man zuhause bleiben müsse, käme die Entschleunigung, die man nutzen könne, um in Resonanz zu sich und seiner Umwelt zu kommen. Ehrlich gesagt, den Herrn Rosa würde ich gerne noch mal sprechen. In den letzten Wochen ist bei mir beruflich und privat ganz viel passiert, aber sicher keine Entschleunigung. Ich hätte eine Pause durchaus brauchen können, etwas Ruhe für meine Seele.
Und da bin ich ja nicht allein.

Auch die Kassiererin im Supermarkt hätte eine Pause brauchen können, wenn sie zum wiederholten Mal den Streit zwischen Kunden schlichten musste, wer denn nun die letzte Klopapierpackung bekommt. Sie erinnern sich, das war das große Thema vor ein paar Wochen. Im Rückblick klingt das vielleicht lustig, aber damals war es das gar nicht.
Die alleinerziehende Mutter hätte eine Pause gebraucht, wenn sie nach der täglichen Arbeit müde nach Hause kam zum Homeschooling mit ihren Kindern, die den ganzen Tag zuhause gesessen haben. In der Corona-Krise waren es ja vor allem die Frauen, die die Doppelbelastung von Beruf und Familie noch stärker als zuvor tragen mussten.
Aber auch diejenigen, die nicht wie bisher gearbeitet haben, hatten zwar vielleicht Zeit, aber keine Ruhe für ihre Seelen.
Der Fabrikarbeiter, der in die Kurzarbeit geschickt wurde, und der nicht wusste, ob das Kurzarbeitergeld für die Miete und die Grundkosten seiner Familie reichen würde. Und der sich vor dem Moment fürchtet, wenn die Kurzarbeit in die Arbeitslosigkeit übergeht. Keine Ruhe für seine Seele.
Der selbstständige Künstler, der nicht mehr vor Publikum auftreten konnte und weder Applaus noch Geld bekam, der hatte keine Ruhe für seine Seele. Und der Realschüler, die Abiturientin kurz vor ihrem Schulabschluss? Der Gastwirt, in dessen Restaurant sich auch nach der Öffnung kaum Gäste verirren? Die wohl auch nicht.

Vielleicht kann die Hoffnung auf die Sommerferien helfen?
Urlaub ist ja immer eine Pause, in der man die Seele baumeln lassen kann.
Aber auch die Sommerferien sind in diesem Jahr anders. Nicht in jedes Land kann gefahren werden. Kurz vorher noch Corona-Fälle in verschiedenen Grundschulen. Und dann der Corona-Ausbruch, der gerade in der Nachbarschaft in Rheda-Wiedenbrück passiert ist. Ein Skandal, was in der fleischverarbeitenden Industrie geschieht! Und wie damit umgegangen wird! Das darf nicht ohne Folgen bleiben. Wir müssen uns politisch kümmern um die Unterbringungssituation und die Hygienestandards in den Sammelunterkünften. Und wir brauchen eine neue gesellschaftliche Debatte über unser Konsumverhalten, das auf Dumpingpreisen und Dumpinglöhnen in der Fleischindustrie beruht.
Dass jetzt im Kreis Gütersloh ausgerechnet die Schulen und die Kindergärten geschlossen werden, verstärkt aus meiner Sicht den Skandal. Immer auf die Kleinsten. Wenn dann noch eine Quarantäne hinzukommen sollte, die nicht nur die Schlachtfabrikmitarbeiter betrifft, sondern weitere Bevölkerungskreise, dann: Prost Mahlzeit! Dann ist nichts mit Ruhepause in den Sommerferien.

Was müsste eigentlich geschehen, damit wir aufatmen und Ruhe finden können? Das ist nicht nur eine rhetorische Frage für mich. Ich habe keine wirklich abschließende Antwort darauf gefunden.
Vielleicht hilft es, zwei Spuren zu verfolgen, die Matthäus gelegt hat.

Eine Spur: Das Joch. Jesus sagt: „Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Das Joch ist ein altertümliches Gerät. Tiere tragen es, um eine Last zu schultern oder zu ziehen. An manchen Orten der Welt tragen Menschen bis heute ein Joch, um Wasser zu holen oder Waren zum nächsten Markt zu bringen. Wie gut, wenn es auf dem schweren Weg eine Wasserstelle gibt, an der die Lasten abgelegt werden können. Mensch und Tier haben hier die Möglichkeit, sich an dem frischen Nass zu erquicken.
Wer von den Lasten seines Jochs nicht erdrückt werden soll, muss es absetzen. Erquickt werden können nur die, die bereit sind, ihre Lasten abzugeben und sich zu erfrischen.
Als Mühselige und Beladene kommen Menschen mit ihrem Joch zu Jesus Christus. Der sagt ihnen nicht, dass sie gar nicht mühselig und beladen sind. Sondern der ruft sie gerade als Mühselige und Beladene zu sich. Der verspricht ihnen nicht, dass es überhaupt kein Joch mehr geben wird. „Ruhe finden für unsere Seelen“ heißt offensichtlich nicht, den ganzen Tag nur auf der faulen Haut zu liegen. Jesus übergibt ein ganz anderes, ein neues Joch. Dessen Last kann leicht sein und es muss nichts Drückendes haben. Mit dem Joch der Freiheit auf den Schultern müssen wir nicht mehr um Leben und Tod kämpfen. Das ist unsere Hoffnung: Wir können loslassen, weil wir von Jesus befreit worden sind. Unsere Sorgen um das, was mit uns wird, mit unseren Familien, mit unserer Gesellschaft können wir freigeben und sie Jesus Christus anvertrauen. Und dann können wir frei werden zum Dienst an Gott und unserem Nächsten in Familie und Gesellschaft. Einen Versuch wäre es wert, oder?

Die zweite Spur: Das Gotteslob. Damit beginnt der Predigttext ja. „Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde“. Jesus preist seinen Vater im Himmel. Das ist erst einmal nicht ungewöhnlich. Aber wenn man genauer hinschaut, dann schon.
Denn was ist „zu dieser Zeit“ passiert? Jesus und seine Jünger sind unterwegs in Galiläa und verkündigen das Wort Gottes. Aber sie bleiben wirkungslos. Und so klagt Jesus die Städte an, in denen sein Wort nicht auf Gehör gestoßen ist. „Weh dir, Kapernaum – Sodom wird es am Tag des Gerichts noch erträglich gehen im Vergleich zu dir.“ Und gerade in dieser Situation der Wirkungslosigkeit, des Misserfolgs ist Jesus nicht frustriert, sondern lobt Gott: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde“. Vielleicht eine gute Idee auch für uns.
Das Lob Gottes bewirkt keine Weltflucht, ganz im Gegenteil. Wir können Gott loben mit Taten des Glaubens und der Liebe. Wer Kranke besucht, wer anderen Menschen zuhört und sie tröstet, wer sich für bessere Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie einsetzt, der lobt Gott auf eine ganz besondere Weise. Gesellschaftliches Handeln von Christen kann Gotteslob sein, ihm zur Ehre dienen.
Gotteslob nimmt die Wirklichkeit dieser Welt zur Kenntnis. Auch wenn diese Wirklichkeit ihre Schattenseiten hat.
Und trotzdem! Elie Wiesel hat einmal gesagt: „Um Gott zu loben, muss man leben, und um zu leben, muss man das Leben lieben – trotz allem.“ Trotz allem das Leben zu lieben, trotz allem zu leben, trotz allem Gott zu loben.
Und dann kann uns das neue Leben erreichen. Dann müssen wir nicht alles selbst tragen, sondern dann können wir uns tragen lassen. Dabei gemeinsam Gott loben. Mit dem sanften Joch erneuerter Freiheit. Ruhe finden in Gott. Danach sehne ich mich.

Amen.

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