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„All das glaub‘ ich…“

Predigt am 27. Juli 2025 in der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Martini-Gadderbaum in Bielefeld

Evangeliumslesung: Das Bekenntnis des Petrus. (Lukas 9,18-20)
18 Und es begab sich, als Jesus allein betete, waren seine Jünger bei ihm; und er fragte sie und sprach: Wer, sagen die Leute, dass ich sei? 19 Sie antworteten und sprachen: Sie sagen, du seiest Johannes der Täufer; andere aber, du seiest Elia; andere aber, es sei einer der alten Propheten auferstanden. 20 Er aber sprach zu ihnen: Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei? Da antwortete Petrus und sprach: Du bist der Christus Gottes!

Lied: Christus, dein Licht (Jacques Berthier)

Predigt:

Liebe Gemeinde!
I:
Wissen Sie, dass vorgestern ein ganz besonderer Tag war? Wir konnten ein 1700jähriges Jubiläum feiern. Denn am 25. Juli 325 ging das altkirchliche Konzil von Nizäa zu Ende. Auf diesem Konzil wurde ein Text beschlossen, der sich in diesen etwa 70 Generationen Menschenleben als das weltweit am meisten verbreitete Glaubensbekenntnis durchgesetzt hat. Sie finden es auch heute noch im Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 854. Wir werden es gleich gemeinsam miteinander sprechen. Aber Sie können es schon jetzt einmal aufschlagen. Denn – jetzt mal ehrlich – wer von Ihnen hat vom sogenannten Nizänischen Glaubensbekenntnis schon einmal gehört? Bitte aufzeigen! Und wer hat es schon einmal gesprochen, vielleicht im Gottesdienst? Bitte aufzeigen! Und wer hat es verstanden? Während ich bei den ersten beiden Fragen guten Gewissens die Hand heben konnte, bin ich hier auch raus.
Insofern trifft auch für das Nizänische Glaubensbekenntnis zu, was die Ballastwache in ihrem Gottesdienst im März hier in Martini-Gadderbaum so gesungen hat: „All das glaub ich, aber doch auch irgendwie nich!“
„All das glaub ich, aber doch auch irgendwie nich!“ Was das in Bezug auf das Nizänische Glaubensbekenntnis bedeutet, was das in Bezug auf meinen Glauben bedeutet, was das in Bezug auf unseren Glauben bedeutet, darüber will ich in dieser Predigt gemeinsam mit Ihnen nachdenken. Es wird dabei etwas kirchengeschichtlicher als sonst hier in Martini üblich, aber ich sehe an Ihren Gesichtern, dass Sie heute dazu bereit sind.

II:
Also: Das Konzil von Nizäa. Eine frühchristliche Bischofssynode und zwar nicht nur eine, sondern die allererste. Das Konzil von Nizäa eröffnete die Reihe der sieben ökumenischen Konzilien, die von allen großen christlichen Konfessionen als gemeinsames Erbe anerkannt werden und deren Entscheidungen darum eine besondere Verbindlichkeit haben. Eingeladen hatte Kaiser Konstantin. Zum Konzil reisten fast 300 Bischöfe aus der damaligen christlichen Welt nach Nizäa, das heute Iznik heißt und ein kleiner Ort süd-östlich von Istanbul ist.
Dem Kaiser ging es wohl um die politische Einheit des Römischen Reiches, die er durch theologische Streitigkeiten gefährdet sah. Und außerdem befürchtete er vermutlich, dass Streit über die richtige Verehrung Gottes auch Gott verärgern könnte, was sich gleichfalls negativ auf das Wohlergehen des Reiches ausgewirkt hätte.
Wir empfinden es heute als befremdlich, dass ein Kaiser eine Synode eröffnet und leitet. Spätestens seit der Barmer Theologischen Erklärung 1934 während der Nazi-Herrschaft wissen wir, dass die Aufgaben von Staat und Kirche zu trennen sind, weil es beiden nicht gut tut, wenn sie miteinander vermischt werden. Trotzdem können wir anerkennen, dass die Leistung des Konzils von Nizäa erheblich war. Denn die Konzilsväter haben nicht nur eine Reihe von praktischen Entscheidungen getroffen, wie die Festlegung des Ostertermins auf einen Frühlingssonntag, sondern auch einen Abschlusstext in der Form eines Glaubensbekenntnisses formuliert.

III:
Und dieses Glaubensbekenntnis hat es in sich. Wegen der dreiteiligen Gliederung: Wir glauben den einen Gott, heißt es. Und das wird dann ausgeführt: Wir glauben an Gott den Vater, Gott den Sohn und Gott den Heiligen Geist. Durch diese Formulierung hielt man fest, dass es zum Wesen Gottes gehört, in sich selbst Vielfalt und Beziehung zu sein. Schon in sich selbst ist Gott beziehungsreich zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist. Die Vorstellung der Dreieinigkeit macht Gott lebendig. Vater, Sohn und Heiliger Geist haben etwas miteinander zu tun. Das Glaubensbekenntnis von Nizäa sagt: Sie sind aufeinander bezogen, gehen voneinander aus und wirken miteinander an der Erlösung der Welt und der Menschen. Ein solches beziehungsreiches, lebendiges Gottesbild ist mir wichtig. Auch wenn ich nicht alles daran verstehe. Dabei bin ich aber in guter Gesellschaft: Der Reformator Philipp Melanchthon hat einmal geschrieben: „Die Geheimnisse der Gottheit sollen wir eher anbeten als erforschen.“ Und die Ballastwache singt: „All das glaub ich, aber doch auch irgendwie nich!“
Wobei man sich 325 in Nizäa auf den ersten und vor allem den zweiten Glaubensartikel konzentrierte. Im Originaltext hieß es im dritten Glaubensartikel ursprünglich bloß: „Wir glauben an den Heiligen Geist.“ Punkt.
Die weiteren Aussagen dazu sind 56 Jahre später bei einem weiteren Konzil hinzugefügt worden, nämlich 381 in Konstantinopel. Deshalb heißt das Glaubensbekenntnis, das wir gleich nach der Fassung im Evangelischen Gesangbuch sprechen, auch eigentlich korrekt und vollständig: Nicäno-Konstantinopolitanum. Ni-cä-no-Kon-stan-ti-no-po-li-ta-num. Probieren Sie das mal zu sprechen. Wer das hinterher beim Kirchcafé fehlerfrei hinbekommt, kriegt von mir einen Keks.

IV:
Doch zurück nach Nizäa 325. Den Aufwand, extra ein Konzil einzuberufen, hat man sich damals deshalb gemacht, weil es in den Jahren vorher theologischen Streit gab. Bekenntnisse fallen nie vom Himmel, sondern sind immer die konkrete Klärung einer theologischen Auseinandersetzung in der Kirche zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort.
Damals ging es wie so häufig um die Frage: Wer ist Jesus Christus? Inwiefern kann man den Menschen Jesus von Nazareth „Gott“ nennen? Eine Gruppe von Christen rund um den Priester Arius hatte argumentiert: Christus kann nicht auch so wie der Vater Gott sein, denn sonst hätten wir ja zwei Götter, und das widerspricht dem christlichen Monotheismus, also der Überzeugung, dass es nur einen Gott gibt. Arius meinte, Jesus sei von Gott geschaffen, ähnlich wie die übrige Schöpfung, er sei also nicht gleich ewig wie Gott.
Dagegen betonten Theologen um Bischof Eusebius von Nikomedien die absolute Göttlichkeit von Jesus, ohne darauf zu verzichten, von einem Gott zu sprechen. Denn sie argumentieren: Wenn Jesus nicht vollkommen göttlich war, dann hätte er die Menschheit auch nicht erlösen können. Nur wenn sich menschliche Natur ganz in göttliche Natur verwandelt, nur dann kann auch der Mensch ganz verwandelt werden und der Vergänglichkeit entrinnen, weil nur ein Gott uns erlösen kann.

Um diese Streitfrage zu klären, bezogen sich die Konzilsväter gut christlich auf die Bibel. Aber sie stellten fest, dass die ausgelegt werden muss. Wenn zu Beginn des Johannesevangeliums steht: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Was heißt das denn genau? „Das Wort“, das ist in diesem Fall ein Ausdruck für Jesus, war das nahe bei Gott – oder ist es mit ihm identisch? Wie ist die Beziehung des Vaters zum Sohn? Wenn in der Bibel, im Johannesevangelium, steht, dass Christus Gott sei oder göttlich sei, was bedeutet das konkret? Das wollte das Konzil klären. Und es hat auf Begriffe aus der griechischen Philosophie zurückgegriffen, um zu einem Kompromiss zu kommen. Im Mittelpunkt steht der Begriff „homoousios“, das heißt: wesensgleich oder „eines Wesens“.
Im Nizänischen Glaubensbekenntnis ist festgehalten, dass der Sohn „eines Wesens“ mit dem Vater ist. Was bedeutet das? Sie und ich sind auch wesensgleich, insofern wir alle Menschen sind, aber wir sind nicht komplett identisch. „Wesensgleich“ sollte zunächst einfach besagen, dass Gott und Jesus sozusagen aus dem gleichen göttlichen „Stoff“ sind, dass also Jesus nicht etwa von Gott aus dem Nichts geschaffen, sondern aus ihm selbst hervorgebracht, gezeugt worden ist. Man darf sich das „gezeugt“ nicht wörtlich vorstellen, sondern eher geistig. Geschaffen würde bedeuten: neu geformt, Gott ist der Handwerker. Gezeugt bedeutet: Jesus ist so aus Gott entstanden, so wie die Strahlen der Sonne aus der Sonne kommen, auch wenn sie nicht selbst die Sonne sind.
Überhaupt Licht. Hier wird das Nizänische Glaubensbekenntnis fast schon poetisch. Christus ist „Licht vom Licht“. Das knüpft an biblische Aussagen von Jesus Christus als dem „Licht der Welt“ an (Joh 8,12). Und es scheint weiter in Lieder wie „Christus, dein Licht“, das wir direkt vor der Predigt gesungen haben.
Wenn es im Nizänischen Glaubensbekenntnis darum geht, ob Jesus Christus tatsächlich „Gott von Gott“ war, dann geht es auch darum, ob Gott tatsächlich Mensch geworden ist. Ich finde es auch deshalb wichtig, als Christ heute daran festzuhalten, dass Jesus nicht einfach nur ein guter Mensch war. Jesus Christus gehört dazu, wenn ich sage: „Ich glaube an Gott.“
Habe ich damit alle Bedeutungstiefen des „homoousios“ erkannt und kann sie für mich übernehmen? Nein, es bleibt dabei, was die Ballastwache gesungen hat: „All das glaub ich, aber doch auch irgendwie nich!“

V:
Das Apostolische Glaubensbekenntnis, das im Gesangbuch eine Nummer vor dem Nizänischen steht, beginnt mit den Worten: „Ich glaube“. Ich muss eine Antwort geben auf die Frage des Jesus, die Sie vorhin in der Evangeliumslesung gehört haben: „Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei?“ Es reicht nicht, wenn ich versuche, mit einem Verweis auf die Meinung anderer Leute auszuweichen: „Sie sagen, du seiest Johannes der Täufer; andere aber, du seiest Elia; andere aber, es sei einer der alten Propheten auferstanden.“ Petrus hat sich getraut und Farbe bekannt: „Du bist der Christus Gottes!“ Und auch ich heute muss mich trauen und mich zu dem bekennen, was ich persönlich glaube. Das heißt nicht, dass dann alles zweifelsfrei feststeht. Sie wissen, was die Ballastwache gesungen hat: „All das glaub ich, aber doch auch irgendwie nich!“
Das Nizänische Glaubensbekenntnis bietet für mich eine Lösung an, mit dieser Spannung umzugehen. Es beginnt mit den Worten: „Wir glauben“. Ich kann mich in meinen Glauben getragen wissen durch diejenigen, die den Glauben mit mir zusammen bekennen. Manchmal kann ich Worte sprechen, die anderen nur schwer über die Lippe kommen, manchmal bekennen andere im „Wir glauben“ für mich mit.
Aber, so könnte man fragen, gerade hier in Martini-Gadderbaum, einer Gemeinde, die zu Recht stolz auf das Selber-Denken ist: Darf mir in Formeln vorgeschrieben, vorgesagt, vorgedacht werden, was ich glauben muss?
Ich würde gerne ein kleines Plädoyer für solche Bekenntnisformeln halten.
„Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden“. Mit verdichteten Formeln wie diesen begann der christliche Glaube. Die ersten Christenmenschen haben sich solche Formeln gegenseitig zugerufen und daraus für ihren Glauben Kraft geschöpft. Es ist gerade nicht nur mein privater Glaube, dass Gott seinen Sohn von den Toten erweckt hat, sondern der Glaube der ersten Zeuginnen und Zeugen damals vor zweitausend Jahren in Jerusalem. Diese Glaubensformel trägt mich. Sie hilft mir als Bindeglied, als Teil einer großen Gemeinschaft von Glaubenden aller Zeiten und aller Orte auch persönlich zu glauben. Ohne gemeinsame Bekenntnisse als Voraussetzung gäbe es keinen privaten Glauben, ohne die Gemeinschaft aller Christenmenschen, die Kirche, keinen einzelnen Christenmenschen, nicht mich, nicht Sie.
Die Konzilsväter von Nizäa haben versucht, in einer theologischen Auseinandersetzung die Kirche um eine Kompromissformel zu versammeln. Theologische Auseinandersetzungen innerhalb der Kirche gibt es bis heute, wird es wahrscheinlich immer wieder geben.
In solchen Auseinandersetzungen muss diskutiert werden. Martin Luther hat einmal dazu gesagt, dass man die Geister aufeinander platzen lassen muss. Und dann muss entschieden werden, auf Konzilien, also auf Synoden. Denn würde nicht entschieden, dann würde ein solcher Dauerstreit eine Kirche als Gemeinschaft lähmen. Durch solche Entscheidungen werden Grenzen markiert und auch Positionen aus der Kirche ausgegrenzt. Bestimmte Brandmauern zu bestimmten Positionen muss man ziehen und halten, wenn eine Gemeinschaft intakt bleiben will. Wenn eine Kirche bei dem bleiben soll, was ihr Jesus Christus aufgetragen hat.
Das heißt nicht, dass man immer genau bei den Worten bleiben muss, mit den beispielsweise vor 1700 Jahren dieser Auftrag gedeutet wurde. Das hat schon die Alte Kirche nicht getan. Wie schon erwähnt, hat man bereits 56 Jahre nach dem Konzil von Nizäa den Text des dortigen Glaubensbekenntnisses auf das Nicäno-Konstantinopolitanum erweitert. Und es folgten nicht nur fünf weitere ökumenische Konzilien, sondern auch weitere Glaubensbekenntnisse.

Immer wieder haben Christen und Christinnen in der Kirche darum gerungen, mit welchen Worten sie ihren gemeinsamen Glauben zusammen formulieren können. Es ist nicht einfach, das alte Bekenntnis mit neuen Worten auszudrücken. Gerade, wenn wir noch keine bessere Sprache haben, können wir uns beim Bekennen unseres Glaubens aber von alten Bekenntnistexten helfen lassen. Und weil das Nizänum ein so kluger theologischer Kompromiss auf biblischer Basis ist, lohnt es sich, es immer mal wieder zu sprechen. Auch dann, wenn nicht alle alles verstehen. Aber vielleicht, wenn man einen Text immer mal wieder spricht, eröffnen sich Chancen, ihm näher zu kommen. Und damit dem Verständnis dessen, was wir jeden Sonntag hier in Martini-Gadderbaum im Gottes-Dienst feiern.

Amen.

Nizänisches Glaubensbekenntnis EG RWL 854

Wir glauben an den einen Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
der alles geschaffen hat, Himmel und Erde,
die sichtbare und die unsichtbare Welt.
Und an den einen Herrn Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott, Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.
Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen,
hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist
von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.
Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus,
hat gelitten und ist begraben worden,
ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift
und aufgefahren in den Himmel.
Er sitzt zur Rechten des Vaters
und wird wiederkommen in Herrlichkeit,
zu richten die Lebenden und die Toten;
seiner Herrschaft wird kein Ende sein.
Wir glauben an den Heiligen Geist,
der Herr ist und lebendig macht,
der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht,
der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird,
der gesprochen hat durch die Propheten,
und die eine, heilige, christliche und apostolische Kirche.
Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.
Wir erwarten die Auferstehung der Toten
und das Leben der kommenden Welt.
Amen.

Wichtiger Hinweis: Alles, was ich in dieser Predigt über das Konzil und das Glaubensbekenntnis von Nicäa geschrieben habe, habe ich von Prof. Dr. Wolfram Kinzig (Bonn) und Prof. Dr. Christoph Markschies (Berlin) gelernt. Ich empfehle zum Einstieg die Lektüre des ZEIT-Interviews „Es tobte ein Streit um Jesus“ mit Prof. Kinzig und des Vortrags „Nicaea 325 n. Chr. – alte und neue Perspektiven auf ein Konzil und sein Glaubensbekenntnis“ (epd-Dokumentation 18/25) von Prof. Markschies. Alles, was ich Falsches über das Nizänum geschrieben habe, stammt von mir.
Und ich empfehle einen Besuch bei einem Auftritt der Betheler Kabarattgruppe „Ballastwache„.

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Was wir brauchen

Predigt für die Ev.-Luth. Martini-Kirchengemeinde Gadderbaum
am 5. November 2023
im Vortragssaal der Kunsthalle Bielefeld

Liebe Gemeinde!

Respekt!

Heute hat der Gottesdienst nicht nur bereits um Punkt 10 Uhr begonnen statt wie in unserer Gemeinde üblich um halb elf. Wir versammeln uns auch nicht in der Stephanuskirche, sondern in der Kunsthalle.

Andere Zeit, anderer Raum. Und Sie sind da! Wie wundervoll. Genau das habe ich heute morgen gebraucht.

Was wir brauchen“ – so heißt die Ausstellung, die in den Etagen über uns zu sehen ist. Vor allem mit Ausstellungsstücken von Oscar Tuazon.

Oscar Tuazon ist ein US-amerikanischer Installationskünstler und Bildhauer, der in Los Angeles lebt. Er wurde 1975 geboren. Die renommierte Internetseite Artfacts.net zählt ihn zu den 1000 bedeutendsten Künstlern weltweit und bezeichnet ihn als „ultra-contemporary“, also als ultra-zeitgenössisch.

Auf Wikipedia steht: „Die raumgreifenden Konstruktionen von Oscar Tuazon befinden sich auf der Schnittstelle zwischen Skulptur, Architektur und Design. Häufig verwendete Materialien sind Holz, Metall, Stein und Beton. “

Mit einigen seiner Werke ist Tuazon gerade sozusagen „auf Europatournee“. Zunächst in der Kunsthalle Bergen, dann im Kunst Museum Winterthur, und jetzt eben in Bielefeld – und das noch eine Woche lang.

Auch wenn Sie die Ausstellung selbst noch nicht besucht haben, haben Sie eines seiner Kunstwerke bereits gesehen. In der Eingangshalle steht mitten im Raum „Where I lived and What I Lived For“ (2007), ein Anklang an ein früheres Werk, das Native American Pavillon. Tuazon fühlt sich den uramerikanischen Bewohnern der US-Westküste sehr verbunden und hat viel von ihrem ganzheitlichen Kunstverständnis übernommen:

Mich inspiriert nach wie vor eine erweiterte Vorstellung von Kultur, wie sie in indigenen Communitys vorherrscht, das heißt ein Konzept, das neben bildender Kunst auch Musik, Nahrung, Sprache und Zeremonien einschließt.

Zu dem, was wir ganz grundlegend brauchen, gehört für Oscar Tuazon das Wasser. Die Water School in der ersten Etage ist ein sichtbares Zeichen dafür.

Mit dieser Installation hat sich Tuazon am politischen Protest der sogenannten Water Protectors gegen eine Wasser-Pipeline durch indigenes Land beteiligt. [Alle Zitate von Oscar Tuazon nach dem Gespräch mit Benedikt Fahrschon, Lynn Kost, Christina Vegh und Axel wieder, das unter dem Titel „Lernen, bauen, denken“ im Katalog zur Ausstellung veröffentlicht wurde.]

Als Künstler habe ich manchmal das Gefühl, in Isolation zu arbeiten – und hier waren 10 000 Menschen, die sich zusammengetan hatten, um temporäre Gebilde zu errichten, mit denselben Mitteln, die auch ich nutze. In Umweltbewegungen unter indigener Führung gilt Kultur nicht als zweitrangig gegenüber politischer Organisation, sondern als zentraler Baustein des Gesamtprojekts.

Wasser ist grundlegend für alles Leben auf der Erde. Auch die Bibel weiß das – wie es schon die Schöpfungsgeschichte zeigt, die wir als biblische Lesung gerade gehört haben. Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser, dem einzigen Element, dass sich im Tohuwabohu schon identifizieren ließ.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde; ihm verdanken sich der Kosmos, die Biosphäre, das organische Leben und schließlich der Mensch,

Zunächst einmal werden die Räume geschaffen, in den dann Leben entstehen kann. Ein durchaus moderner Gedanke. Die aktuellen Debatten um den Naturschutz befassen sich neben dem Artenschutz auch mit dem Schutz ganzer Lebensräume, den Biotopen. Die Erkenntnis hat sich durchgesetzt, dass man die Lebens-Räume schützen muss, wenn man das Leben schützen will.

Dazu gehört auch der Klimaschutz. Darüber sind sich auch irgendwie alle einig, aber ob wir genug dafür tun und wie man darauf aufmerksam machen kann, darüber schon wieder nicht.

Gerade radikalere Gruppen treffen mit ihren Aktionen oft auf Unverständnis, seien es nun Straßenblockaden oder Attacken auf Kunstwerke. Oscar Tuazon dagegen zeigt sich als politischer Künstler, eben als „ultra-zeitgenössisch“:

Kunst ist eine Sphäre, in der wir sehr kritisch über den Abfall nachdenken müssen, den Ausstellungen, Reisetätigkeiten und die Kunstwerke selbst hinterlassen. Deshalb sind Klimaproteste, die sich berühmter Kunstwerke bedienen – mögen diese Aktionen auch viele Menschen wütend machen -, so wichtig und effektiv: Sie instrumentalisieren die symbolische … Macht eines Kunstwerks.

Tuazons Kunstwerke wie zum Beispiel die Skulptur „Numbers“ (2012) als Ziele von Kartoffelbrei-Attacken? Ich weiß nicht, wie die Kunsthalle Bielefeld darauf reagieren würde…

Wenn Sie sich seinen Skulpuren nähern, um sie herumgehen, werden Sie auf jeden Fall neue Perspektiven entdecken. Zum Beispiel auf die dahinter an den Wänden angebrachten Kunstwerke (von Richard Serra und anderen). Aber auch darauf, wie wir Räume wahrnehmen.

Das ist für mich das Spannendeste an der manchmal etwas spröden Konzeptkunst von Oscar Tuazon. Sein Verständnis von Räumen und wie man sie nicht nur nutzen, sondern auch prägen kann.

Ich schaffe Räume für Menschen. Ich mache Platz, damit etwas anderes passieren kann. … Einen Raum zu betreten, ist nicht nur … eine Erfahrung für einen Betrachter, sondern auch eine soziale und politische Handlung, die ihrerseits die Bedingungen des Raums schafft. Du machst den Raum.

Am deutlichsten wird das in seinem zentralen Ausstellungsstück in der Kunsthalle:

Dem „Building“, das speziell für diesen Raum in Bielefeld entworfen und hergestellt wurde. Site-specific art nennt das die Kunstexperten.

Maßstäblich verkleinert stellt das „Building“ das Gerüst eines Hauses in den amerikanischen Wäldern dar, das Tuazon mit seiner Familie bewohnt, wenn er nicht in L.A. ist. Entscheidend ist aber für ihn nicht das Gerüst, sondern das, was darinnen passiert, das, was Menschen daraus machen.

Man kann kaum ein schöneres Geschenk machen, als zu sagen: „Hier ist die Arbeit, sie ist unvollendet; es gibt noch so viel, was du machen kannst.“

In der Mitte steht ein Feuerofen, um den herum sich Menschen versammeln können.

Und deshalb sind als einziges konkretes Einrichtungsstück im „Building“ Bänke installiert. Die Neue Westfälische führt auf ihnen Kunstgespräche. Die Universität Bielefeld und die Technische Hochschule OWL führen dort Lehrveranstaltungen durch, die diese Bänke zu Hörsaalbänken machen.

Bänke bringen Menschen zusammen, das wissen wir in der Martini-Gemeinde spätestens seit unserem Projekt „Plauderbank“.

Und es gibt noch weitere kirchliche Parallelen zu Tuazons Raumverständnis. Oft wird ja der Kirchenraum als heiliger Raum für den Gottesdienst verstanden.

Der evangelische Kirchbauexperte Thomas Erne hat auf biblische Vorbilder verwiesen:

Das sind Traditionslinien, die sich bis ins Alte Testament verfolgen lassen. Dort finden sich die räumliche Gegenwart Gottes im repräsentativen Tempel und die kommunikative Gegenwart Gottes in der Liturgie der Synagoge. …Die Synagoge ist ein Funktionsraum, dessen Bedeutung in der Ermöglichung der liturgischen Feier aufgeht.

Anders als die katholische Theologie haben wir Evangelischen einen zumeist nüchternen Blick auf den Raum der Kirche:

Kirchengebäude sind bis heute in evangelischer Perspektive äußerer Rahmen für die gottesdienstliche Zusammenkunft und letzten Endes entbehrlich. Deshalb kann Gottesdienst auch gefeiert werden „auf einem Platz unter dem Himmel, und wo Raum dazu ist“, wie es Martin Luther einmal gesagt hat.

Auf einem Platz unter dem Himmel, oder wo Raum dazu ist. Die feiernde Gemeinde macht jeden Raum zu einem Gottesdienstraum, nicht der Kirchraum umgekehrt die feiernde Gottesdienstgemeinde.

Dieses Motiv einer Unabhängigkeit der christlichen Religion von Räumen ist in der Evangelischen Theologie ein Grundkonsens von Luther über Schleiermacher bis heute: „Die Umgrenzung des Raumes ist nur eine äußere Bedingung, mithin Nebensache“.

Heilig ist ein Raum, auch ein Kirchenraum, also nicht einfach so, durch Tradition oder durch ein bestimmtes Architekturkonzept. Heilig ist ein Raum, auch ein Kunsthallenhörsaal, dadurch, dass Menschen ihn zum Gottesdienst nutzen. Sie haben es vielleicht noch nicht gemerkt, aber wir befinden uns gerade in einer Kirche.

Liebe Gemeinde,

in den letzten Monaten hat es viele Gemeindeversammlungen zum „Aufbruch 2035“ gegeben. Dem Veränderungsprozess der Kirche in Bielefeld. Der nötig ist, weil wir auch in Bielefeld immer weniger Kirchenmitglieder und immer weniger Geld haben. Und weil die kleiner werdenden Kirchengemeinden und geringer werdenden Finanzmittel nicht mehr zu den vielen Gebäuden passen, die wir noch haben. Und auch wenn ich durchaus mitbekommen habe, wie anstrengend die Zusammenarbeit mit den anderen Gemeinden in der Innenstadtregion manchmal ist, ich halte sie für unvermeidbar.

Wir werden Ressourcen miteinander teilen müssen – und zu diesen Ressourcen gehören auch unsere Räume. Es gibt keinen an sich heiligen Raum Süsterkirche, die Altstädter Nicolaikirche ist trotz des schönen Altars nicht per se heilig und die Neustädter Marienkirche ist vielleicht dann am heiligsten, wenn sie als Vesperkirche oder für geistliche Musikkonzerte genutzt wird. Und so sehr ich die Stephanuskirche mit ihrem Zeltdach und den wunderschönen Buntglasfenstern liebe – auch sie ist vor allem ein Funktionsraum, dessen Bedeutung darin besteht, dass er die Feier eines Gottesdienstes ermöglicht. Natürlich sieht die Stephanuskirche ganz anders aus als das „Building“ von Oscar Tuazon. Aber im Endeffekt ist auch sie nur ein äußerliches Gerippe, in dem das Entscheidende geschieht durch die Menschen, die sich darin versammeln.

Zum Glück tun sie das. Zum Glück tun wir das. Und insofern sind wir als Gemeinde, wir, die wir heute hier in der Kunsthalle versammelt sind, wir sind das, „was wir brauchen“, um den Titel der Ausstellung noch einmal aufzunehmen.

Und vielleicht nehmen wir auch noch eine Anregung von Oscar Tuazon mit auf:

Kann ich zum öffentlichen Raum etwas Nützliches beitragen? Das scheint mir ein guter Ansatzpunkt zu sein.“

Ja, das scheint mir ein guter Ansatzpunkt auch für uns in der evangelischen Kirche, für uns in der Martini-Gemeinde zu sein: Können wir zum öffentlichen Raum etwas Nützliches beitragen? Können wir für unsere Bielefelder Gesellschaft etwas Gutes tun? Oder mit der Bergpredigt gesprochen: Können wir Salz der Erde und Licht der Welt sein? Ich bin fest davon überzeugt, dass wir das können. Und deshalb ist mir nicht bange um die evangelische Kirche in Bielefeld und nicht um die Martini-Gemeinde, ob nun im Blick auf 2035 oder darüber hinaus. Wir können nicht so bleiben, wie wir sind. Wir müssen nicht so bleiben, wie wir sind. Wir werden nicht so bleiben, wie wir sind.

Wir werden neue Wege gehen. Und auf die will ich vertrauen.

Amen.

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Mütend

Predigt am 26. Dezember 2021 (2. Weihnachtsfeiertag) in der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Martini-Gadderbaum in Bielefeld
(hier nachzuhören)

Liebe Gemeinde,

seit 1977 legt die Gesellschaft für Deutsche Sprache das „Wort des Jahres“ vor. Und wenn man sich diese Worte so im Rückblick anschaut, dann sind sie oft ein Spiegel der Geschichte dieser Jahre. Ein paar Beispiele aus den letzten 20 Jahren:
1999: Millenium – das neue Jahrtausend weckt Hoffnungen und Befürchtungen.
2005: Bundeskanzlerin – zum ersten Mal steht eine Frau der Bundesregierung vor.
2006: Fanmeile – bei der Fußballweltmeisterschaft ist die Welt zu Gast bei Freunden.
2008: Finanzkrise – der Zusammenbruch einer Immobilienbank stürzt die Finanzwirtschaft der ganzen Welt ins Chaos.
2015: Flüchtlinge – die Bundeskanzlerin sagt „Wir schaffen das!“
2020: Coronapandemie – das Virus ist da.

Und dann in diesem Jahr? Erinnern Sie sich, welches Wort Anfang Dezember gekürt wurde?
2021 war es –  Wellenbrecher
Die Begründung: „Das Wort steht für alle Maßnahmen, die getroffen wurden und werden, um die vierte Corona-Welle zu brechen.“

Tja, das war wohl nix. Entweder haben wir die vierte Welle gar nicht gebrochen. Oder die vierte Welle war gar nichts gegenüber der fünften, die mit der Omikron-Variante bevorsteht. Inzwischen wird ja schon ganz offen darüber gemunkelt, dass im Januar wieder ein ernsthafter Lockdown über unsere Gesellschaft verhängt wird. Mit Schulschließungen und allem, was dazu gehört.

Wissen Sie, was mein Wort des Jahres ist? „Mütend“. Das bin ich nämlich: „müde“ und „wütend“ zugleich – eben „mütend“. Müde bin ich von dem ganzen Hin und Her, dem Auf und Ab, den Hoffnungen und Enttäuschungen. Das strengt an. Und wütend bin ich. Auf dieses blöde Virus, das unsere Welt überzogen hat und einfach nicht gehen will. Und wütend auf die, die meinen, dass man dem Virus ohne medizinische Vernunft begegnen kann. Die das Impfen verweigern und damit nicht nur sich, sondern auch andere gefährden. All das macht mich „mütend“. Dieses Mütendsein ist schon eine eigentümliche Erfahrung. Aber ich glaube, ich bin nicht der einzige, der sie gemacht hat.

Nicht der einzige hier im Raum, nicht der einzige in unserer Gesellschaft, aber auch nicht in der Geschichte. Und auch nicht in der Bibel. Im heutigen Predigttext sind auch Menschen mütend. 

Jesaja 7,10-14
10Und der Herr redete abermals zu Ahas und sprach: 
11Fordere dir ein Zeichen vom Herrn, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe! 
12Aber Ahas sprach: Ich will’s nicht fordern, damit ich den Herrn nicht versuche.
13Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? 
14Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

Ahas war König von Juda einige Jahre vor dem Jahr 700 v. Chr. Der Dialog zwischen ihm und dem Propheten Jesaja findet statt in einer Situation, in der er festsaß in seiner Stadt Jerusalem. Belagert wird seine Stadt von zwei feindlichen Heeren. Es ist nur noch eine Frage der Zeit und er würde alles verlieren, seine Macht, sein Reich, sein Leben. Wer sollte ihm jetzt noch helfen? Vielleicht die mächtigen Assyrer. Die sind stark, die könnte er um Hilfe bitten, die würden kommen und ihn retten. Gut, er müsste den assyrischen Göttern opfern, seinen Tribut zahlen. Aber der Entschluss stand für ihn fest. Wenn es keinen anderen Weg gibt, gibt es keinen anderen Weg.

Nervig, dass da dieser Jesaja kommt. Der meint, die beiden Feinde vor der Stadt wären nur rauchende Scheite, die bald von verglühen würden. Keine Ahnung vom Militär, dieser Prophet. Und jetzt steht er schon wieder vor ihm und hat angeblich eine Botschaft von Gott für ihn: „Es wird dieses Mal gut ausgehen. Es wird Euch nichts passieren. Und damit Du das auch glauben kannst, König Ahas, darum gebe ich Dir ein Zeichen. Du darfst Dir eins wünschen. Aus der Tiefe oder aus der Höhe, ich hole Dir auch die Sterne vom Himmel.“

Aber Ahas will nicht. Er sagt, er will Gott nicht auf die Probe stellen. Aber eigentlich ist er auch einfach nur müde. Müde vom Regierungsgeschäft. Müde von den Feinden vor der Stadt. Wütend auf sie und auf das Gemecker der Leute auf den Straßen seiner Stadt. Er wimmelt Jesaja ab.

Und da lässt der Prophet Ahas seinen ganzen Frust spüren: „Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen?“ Jesaja ist mütend. Unverbesserlich ist er, dieser Ahas. Wie sehr man auch auf ihn einredet. Selbst wenn man freundlich zu ihm ist, wenn man ihm alles möglich machen will, ihm die tollsten Zeichen anbietet, bleibt er verschlossen und verbohrt. Wut steigt in ihm auf und gleichzeitig diese Müdigkeit. Und nicht nur bei ihm. Das ganze Volk hat dieser König mütend gemacht. Jesaja wirft ihm das vor. Und noch mehr: „Willst Du auch Gott mütend machen?“ fragt er ihn. Willst Du, dass Gott so genervt ist von Deinem Unglauben, dass Gott selbst müde von Deinen Ausreden wird? Und dass er dann richtig wütend auf Dich wird? Dich bestraft und uns, das Volk Israel, gleich mit?

Das ist für mich ein neuer Gedanke beim Nachdenken über den Text geworden. Gott selbst kann auch müde werden, vielleicht sogar mütend. So wie ich. Haben Sie das schonmal gedacht?

Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht“, heißt es ja eigentlich in Psalm 121,3.

Aber Gott hat doch viel mehr um die Ohren als unsereins. Eine ganze Welt, einen ganzen Kosmos. Pflanzen und Tiere, Erde und Meer, und obendrauf noch uns Menschen alle. Die Guten. Und die Bösen. Die seinen Rat überhören, kein Zeichen von ihm wollen. Und manchmal macht ihn das vielleicht müde. Das alles Viele. Und das alles Böse macht ihn wütend dazu. Wenn Gott Mensch geworden ist, dann kennt er vielleicht auch so ganz menschliche Gefühle wie das Mütend-Sein.

Aber Jesaja gibt mir Hoffnung, dass es nicht dabei bleibt.
Wenn wir nicht mehr rauskommen aus unserem Mütend-Sein – Gott rappelt sich auf. Wenn wir nicht mehr wollen – Gott will. Und nimmt uns mit. Ahas wollte kein Zeichen von Gott. Aber Gott hat ihm von sich aus ein Zeichen gegeben, erzählt Jesaja: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

Eine schwangere Jungfrau mit einem Sohn, dessen Name „Immanuel“ heißt, dass Gott bei uns ist. Den Satz kennen Sie, nicht wahr?

Der steht in der Evangeliums-Lesung für den heutigen Tag (Matthäus 1,18-25). Der Evangelist Matthäus ist offensichtlich als gläubiger Jude aufgewachsen. Und deshalb kannte er natürlich den Propheten Jesaja. Und wusste, dass dieses Prophetenorakel ganz bekannt war. Obwohl, oder vielleicht auch weil niemand so genau wusste, wer denn dieser Sohn sein sollte, von dem Jesaja da orakelt hatte. Vielleicht der Junge, der als zufälligerweise nächstes in Jerusalem geboren werden würde? Oder das Kind der Frau von Jesaja selbst? Dazu würde ja der sprechende Name Immanuel passen, denn Jesaja hatte seinen anderen Kindern auch sprechende Namen gegeben. Oder sollte die Frau des Königs Ahab einen Sohn bekommen, ihn Immanuel nennen und so ihren Mann davon überzeugen, dass Gott weiterhin auf seiner Seite steht? Die meisten Bibelausleger heutzutage denken, dass das die historisch wahrscheinlichste Variante ist.

Matthäus denkt: Jesus von Nazareth ist der Immanuel. Dass Gott seinen Sohn auf die Erde schickt, ist das deutlichste Zeichen, dass er weiterhin auf unserer Seite stehen will. Und weil Matthäus davon überzeugt war, dass der Gott des Jesaja und das Ahas auch sein Gott war, dass dieser Gott auch der Vater Jesu war, erschien ihm das ganz einleuchtend.

Und wahrscheinlich hat Matthäus auch kein Problem damit gehabt, dass in seiner griechischen Bibelübersetzung (der Septuaginta) die Mutter des Immanuel eine Jungfrau war. Das war eben nur ein besonderes Zeichen für die wirklich wunderbare, also ganz göttliche Herkunft des Kindes – und deshalb war Maria, die Mutter Jesu, auch eine Jungfrau.

Uns heute kommt das nicht mehr so leicht über die Lippen: „Eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären.“ Das halten wir biologisch für ziemlich unmöglich. Und deshalb freuen wir uns, wenn wir entdecken, dass im hebräischen Urtext gar nicht „Jungfrau“, sondern „junge Frau“ steht. Das kommt unserem naturwissenschaftlichen Weltbild entgegen. Eine junge Frau wird schwanger, und ihr Kind wird zum Zeichen dafür, dass Gott mit uns ist.

Ein Kind als Zeichen dafür, dass Gott mit uns ist. Das steht im Zentrum des Wunders von Weihnachten.

Weihnachten ist ja ein Fest der Zeichen, das unsere Augen auf das Wunder der Geburt Gottes im Menschen lenken sollen. Geschenke, liebevoll ausgewählt und verpackt, Zeichen der Liebe. Wunderbare gedeckte Festtafeln, bereit für gute Gespräche und Begegnungen. Engel am Weihnachtsbaum, die die Botschaft vom Frieden auf Erden in unsere Wohnzimmer bringen. Aber bevor das jetzt zu kitschig wird – es gibt neben diesen Zeichen natürlich auch andere. Geschenke, die offenbaren, dass der andere gerade nichts mit uns anzufangen weißt. Tante Milla, die sich lauthals am Tisch darüber aufreget, dass die geklöppelte Weihnachtsdecke ihrer Mutter nicht aufliegt, das Besteck falsch angeordnet ist und die Kinder offensichtlich nicht gelernt haben, dass man Kartoffeln nicht mit einem Messer schneidet. Und auch wenn Sie keine Tante Milla zu Besuch hatten, dann wissen Sie, dass man sich auch innerhalb der Familie mit immer den gleichen Streitereien, Schubladen und Witzigkeiten mütend machen kann.

Auch 2021 brauchen wir das Weihnachtswunder, um uns aus unserem Mütendsein zu befreien. Wir brauchen den Glauben, der Mut macht, mit dem Wunder zu rechnen. Wir brauchen die Gabe, uns vorstellen zu können, dass etwas Außergewöhnliches geschehen kann, etwas, das außerhalb unserer jetzt machbaren Möglichkeiten seht.

Das Immanuel-Zeichen macht uns inmitten der vielen anderen Zeichen deutlich: Gott ist mit uns. Auch 2021. Vielleicht gerade jetzt.

Wo Gott in einem Menschenkind geboren wird, da wird etwas heil.
Heil werden, nicht müde werden, das Wunder zu erwarten. Auch wenn das Kind nicht mehr göttlich aussieht, wenn es anfängt zu quengeln, Blödsinn macht und beginnt, die falschen Spiele der Erwachsenen mitzuspielen. Auch wenn das Mütendsein in der Gesellschaft sich immer weiter ausbreitet, so dass es manchmal wirklich um Verzweifeln ist.

Heil werden, nicht müde werden, das Wunder zu erwarten, dass Gott sich im Menschen in diese allzu menschliche Welt begibt. Dass es heilsame Begegnungen gibt mit anderen Menschen, auch mit den Tante Millas dieser Welt. Und dass uns in dem einen oder anderen Menschen Gott begegnet.

Am besten wäre es, „Immanuel“ wäre das Wort des Jahres 2021.
Immanuel. Gott ist mit uns. Hier in Martini-Gadderbaum. Und heute am 2. Weihnachtsfeiertag.

So sei es.
Amen.

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Kirchliches

Ruhe für unsere Seelen

Predigt am 21. Juni 2020 in der Evangelisch-Lutherischen Martini-Kirchengemeinde Martini-Gadderbaum

Predigtttext am 2. Sonntag nach Trinitatis: Matthäus 11,25-30

Liebe Gemeinde!
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Diese Sätze Jesu aus dem Matthäusevangelium bringen inhaltlich etwas in mir zum Klingen. Sprechen tiefe menschliche Sehnsüchte an. Nehmen Motive auf, die aus dem Alten Testament stammen. Jesus von Nazareth hat seinen Namensvetter Jesus Sirach bestimmt gelesen. Dieser alttestamentliche Weisheitslehrer schreibt als Fazit seines Buches (Sirach 51,23-27):
„Kommt her zu mir, ihr Ungebildeten, und wohnt im Haus der Bildung!
Warum wollt ihr noch warten und eure Seelen dürsten lassen?
Ich habe meinen Mund aufgetan und gesprochen: Kauft euch Weisheit – ganz ohne Geld!
Beugt euren Nacken unter ihr Joch und nehmt ihre Erziehung an. Sie ist nahe und leicht zu finden.
Seht mich an: Ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit gehabt und habe großen Trost gefunden.“

Sie haben die Parallelen bestimmt wiedererkannt. Aber das, was bei Jesus Sirach die Weisheit ist, die Bildung, die Erziehung, das ist bei Matthäus die Person Jesus selbst. Zu ihm sollen die Mühseligen und Beladenen kommen, er will sie erquicken, er will ihnen Ruhe geben.
„Erquicken“ und „Ruhe“ kommen übrigens im griechischen Urtext des Matthäusevangeliums vom gleichen Wortstamm: „pauo“ und „pausis“. Da kommt unser deutsches Wort „Pause“ her. Jesus will uns eine Pause geben.

Und ehrlich gesagt: Die könnte ich brauchen, so eine Pause. Gerade nach den letzten Wochen.
Zu Beginn der Corona-Krise hat der Soziologe Hartmut Rosa gesagt, jetzt, wo man zuhause bleiben müsse, käme die Entschleunigung, die man nutzen könne, um in Resonanz zu sich und seiner Umwelt zu kommen. Ehrlich gesagt, den Herrn Rosa würde ich gerne noch mal sprechen. In den letzten Wochen ist bei mir beruflich und privat ganz viel passiert, aber sicher keine Entschleunigung. Ich hätte eine Pause durchaus brauchen können, etwas Ruhe für meine Seele.
Und da bin ich ja nicht allein.

Auch die Kassiererin im Supermarkt hätte eine Pause brauchen können, wenn sie zum wiederholten Mal den Streit zwischen Kunden schlichten musste, wer denn nun die letzte Klopapierpackung bekommt. Sie erinnern sich, das war das große Thema vor ein paar Wochen. Im Rückblick klingt das vielleicht lustig, aber damals war es das gar nicht.
Die alleinerziehende Mutter hätte eine Pause gebraucht, wenn sie nach der täglichen Arbeit müde nach Hause kam zum Homeschooling mit ihren Kindern, die den ganzen Tag zuhause gesessen haben. In der Corona-Krise waren es ja vor allem die Frauen, die die Doppelbelastung von Beruf und Familie noch stärker als zuvor tragen mussten.
Aber auch diejenigen, die nicht wie bisher gearbeitet haben, hatten zwar vielleicht Zeit, aber keine Ruhe für ihre Seelen.
Der Fabrikarbeiter, der in die Kurzarbeit geschickt wurde, und der nicht wusste, ob das Kurzarbeitergeld für die Miete und die Grundkosten seiner Familie reichen würde. Und der sich vor dem Moment fürchtet, wenn die Kurzarbeit in die Arbeitslosigkeit übergeht. Keine Ruhe für seine Seele.
Der selbstständige Künstler, der nicht mehr vor Publikum auftreten konnte und weder Applaus noch Geld bekam, der hatte keine Ruhe für seine Seele. Und der Realschüler, die Abiturientin kurz vor ihrem Schulabschluss? Der Gastwirt, in dessen Restaurant sich auch nach der Öffnung kaum Gäste verirren? Die wohl auch nicht.

Vielleicht kann die Hoffnung auf die Sommerferien helfen?
Urlaub ist ja immer eine Pause, in der man die Seele baumeln lassen kann.
Aber auch die Sommerferien sind in diesem Jahr anders. Nicht in jedes Land kann gefahren werden. Kurz vorher noch Corona-Fälle in verschiedenen Grundschulen. Und dann der Corona-Ausbruch, der gerade in der Nachbarschaft in Rheda-Wiedenbrück passiert ist. Ein Skandal, was in der fleischverarbeitenden Industrie geschieht! Und wie damit umgegangen wird! Das darf nicht ohne Folgen bleiben. Wir müssen uns politisch kümmern um die Unterbringungssituation und die Hygienestandards in den Sammelunterkünften. Und wir brauchen eine neue gesellschaftliche Debatte über unser Konsumverhalten, das auf Dumpingpreisen und Dumpinglöhnen in der Fleischindustrie beruht.
Dass jetzt im Kreis Gütersloh ausgerechnet die Schulen und die Kindergärten geschlossen werden, verstärkt aus meiner Sicht den Skandal. Immer auf die Kleinsten. Wenn dann noch eine Quarantäne hinzukommen sollte, die nicht nur die Schlachtfabrikmitarbeiter betrifft, sondern weitere Bevölkerungskreise, dann: Prost Mahlzeit! Dann ist nichts mit Ruhepause in den Sommerferien.

Was müsste eigentlich geschehen, damit wir aufatmen und Ruhe finden können? Das ist nicht nur eine rhetorische Frage für mich. Ich habe keine wirklich abschließende Antwort darauf gefunden.
Vielleicht hilft es, zwei Spuren zu verfolgen, die Matthäus gelegt hat.

Eine Spur: Das Joch. Jesus sagt: „Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Das Joch ist ein altertümliches Gerät. Tiere tragen es, um eine Last zu schultern oder zu ziehen. An manchen Orten der Welt tragen Menschen bis heute ein Joch, um Wasser zu holen oder Waren zum nächsten Markt zu bringen. Wie gut, wenn es auf dem schweren Weg eine Wasserstelle gibt, an der die Lasten abgelegt werden können. Mensch und Tier haben hier die Möglichkeit, sich an dem frischen Nass zu erquicken.
Wer von den Lasten seines Jochs nicht erdrückt werden soll, muss es absetzen. Erquickt werden können nur die, die bereit sind, ihre Lasten abzugeben und sich zu erfrischen.
Als Mühselige und Beladene kommen Menschen mit ihrem Joch zu Jesus Christus. Der sagt ihnen nicht, dass sie gar nicht mühselig und beladen sind. Sondern der ruft sie gerade als Mühselige und Beladene zu sich. Der verspricht ihnen nicht, dass es überhaupt kein Joch mehr geben wird. „Ruhe finden für unsere Seelen“ heißt offensichtlich nicht, den ganzen Tag nur auf der faulen Haut zu liegen. Jesus übergibt ein ganz anderes, ein neues Joch. Dessen Last kann leicht sein und es muss nichts Drückendes haben. Mit dem Joch der Freiheit auf den Schultern müssen wir nicht mehr um Leben und Tod kämpfen. Das ist unsere Hoffnung: Wir können loslassen, weil wir von Jesus befreit worden sind. Unsere Sorgen um das, was mit uns wird, mit unseren Familien, mit unserer Gesellschaft können wir freigeben und sie Jesus Christus anvertrauen. Und dann können wir frei werden zum Dienst an Gott und unserem Nächsten in Familie und Gesellschaft. Einen Versuch wäre es wert, oder?

Die zweite Spur: Das Gotteslob. Damit beginnt der Predigttext ja. „Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde“. Jesus preist seinen Vater im Himmel. Das ist erst einmal nicht ungewöhnlich. Aber wenn man genauer hinschaut, dann schon.
Denn was ist „zu dieser Zeit“ passiert? Jesus und seine Jünger sind unterwegs in Galiläa und verkündigen das Wort Gottes. Aber sie bleiben wirkungslos. Und so klagt Jesus die Städte an, in denen sein Wort nicht auf Gehör gestoßen ist. „Weh dir, Kapernaum – Sodom wird es am Tag des Gerichts noch erträglich gehen im Vergleich zu dir.“ Und gerade in dieser Situation der Wirkungslosigkeit, des Misserfolgs ist Jesus nicht frustriert, sondern lobt Gott: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde“. Vielleicht eine gute Idee auch für uns.
Das Lob Gottes bewirkt keine Weltflucht, ganz im Gegenteil. Wir können Gott loben mit Taten des Glaubens und der Liebe. Wer Kranke besucht, wer anderen Menschen zuhört und sie tröstet, wer sich für bessere Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie einsetzt, der lobt Gott auf eine ganz besondere Weise. Gesellschaftliches Handeln von Christen kann Gotteslob sein, ihm zur Ehre dienen.
Gotteslob nimmt die Wirklichkeit dieser Welt zur Kenntnis. Auch wenn diese Wirklichkeit ihre Schattenseiten hat.
Und trotzdem! Elie Wiesel hat einmal gesagt: „Um Gott zu loben, muss man leben, und um zu leben, muss man das Leben lieben – trotz allem.“ Trotz allem das Leben zu lieben, trotz allem zu leben, trotz allem Gott zu loben.
Und dann kann uns das neue Leben erreichen. Dann müssen wir nicht alles selbst tragen, sondern dann können wir uns tragen lassen. Dabei gemeinsam Gott loben. Mit dem sanften Joch erneuerter Freiheit. Ruhe finden in Gott. Danach sehne ich mich.

Amen.