Kategorien
Kirchliches Musikalisches

Alles nur nach Gottes Willen!

Predigt im Kantatengottesdienst
in Siegen-Weidenau
am 02.02.2020

„Alles, alles nur nach Gottes Willen!“ Das ist nicht nur der Titel, sondern auch die Kernaussage der großartigen Bachkantate, die heute im Mittelpunkt dieses Gottesdienstes steht. Einiges ist dazu in der Einführung schon gesagt worden. Und auch die Predigt wird sich mit dieser Kernaussage beschäftigen: „Alles nur nach Gottes Willen!“

In meiner Textfassung hat die Kantate 72 insgesamt 50 Zeilen. 21mal kommt Gottes Wille darin vor, fulminant gleich am Anfang, der ja im Grunde ein Lobpreis, ein Gloria ist – diesen Chor hat Bach ja später zum Gloria in seiner Messe in g-Moll weiterverarbeitet (BWV 235). Am häufigsten kommt der Wille Gottes im Rezitativ vor, das wir schon gehört haben: „Herr, so du willst“ ist das leitende Motiv hier. 9mal erklingt dieser Satz. Wenn man will, kann man hier in die Bachsche Zahlenmystik einsteigen. Was bedeuten diese Zahlen? Denn wir können davon ausgehen, dass Bach als Komponist und Salomo Franck als Texter das „Herr, so du willst“ nicht zufällig so häufig wiederholt haben.

Aber ich will dieser Spur nicht folgen, sondern mich mit Ihnen zusammen eher auf den Weg machen, dem Willen Gottes und seiner Bedeutung zu folgen. Denn auch in den Teilen der Kantate, die nach der Predigt folgen werden, spielt der Wille Gottes die zentrale Rolle. Allerdings wird hier zunächst die zweite Person der Dreifaltigkeit in das Zentrum des göttlichen Willens gestellt: der Heiland Jesus Christus will etwas tun, heißt es im zweiten Rezitativ und in der folgenden Arie. Der Schlusschoral, dessen Text Bach von Markgraf Albrecht von Preußen übernommen hat, nimmt dann beides auf, bis es in der letzten Zeile heißt, dass Gott den Gläubigen nicht verlassen will.

Wie gesagt, 21mal kommt in der Kantate der Wille Gottes vor. Und der Wille des Menschen? 1mal. Und selbst diese Erwähnung des menschlichen Willens ist sofort auf Gott bezogen: Gerade eben in der Alt-Arie hieß es: „Mit allem, was ich hab und bin, will ich mich Jesu überlassen“.

Der Wille des Menschen ist sein Himmelreich, heißt es im Sprichwort. Bei Bach hören wir, dass das Himmelreich mit dem Willen des Menschen nichts zu tun hat, sondern dass hier der Wille Gottes 100%ig entscheidend ist. Wirklich zu 100%. „Alles“ war das erste Wort des Chores zu Beginn. „Mit allem, was ich hab und bin“, soll ich mich Jesus überlassen, ermahnt mich die Arie. Und im Schlusschoral geschehe Gottes Wille „allezeit„.

Bach und Franck zeigen sich hier als gute evangelische Theologen, weil sie sich auf zentrale Aussagen des neuen Testaments beziehen.

Die vorgeschriebene Bibellesung für den Sonntag der Uraufführung am 27. Januar 1726 stand im 8. Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Es ist die Geschichte zweier Heilungen. Zunächst kommt ein Aussätziger zu Jesu, „betete ihn an und sprach: Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen. Und Jesus streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich will’s tun; sei rein! Und sogleich ward er von seinem Aussatz rein.“ Nachdem der Heiland auf diese Weise seine Gnadenhand ausgestreckt hat, tritt der berühmte Hauptmann von Kapernaum auf und sagt: „Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen.“ Und indem er es will, ist das Wichtigste schon geschehen.

Überhaupt spielt der Wille Gottes im Evangelium nach Matthäus immer wieder eine zentrale Rolle: „Dein Wille geschehe!“, so lehrt Jesus im Vaterunser beten (Mt 6,10). Und ein Kapitel weiter lesen wir in der Bergpredigt: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, ins Himmelreich kommen, sondern die den Willen meines Vaters im Himmel tun“ (Mt 7,20-21). Dass der Wille Gottes geschieht, ist demnach zwar unsere Aufgabe, aber zunächst etwas, worum wir Gott bitten sollen. Im Vaterunser geht die Bitte ja weiter „…wie im Himmel, so auf Erden.“ Ob Gottes Wille im Himmel befolgt, davon können wir zwar ausgehen, aber wir wissen es nicht. Was wir wissen: Hier auf der Erde geschieht dies erst andeutungsweise und sehr bruchstückhaft.

Jesus geht uns dabei als Beispiel voran bis zum Letzten, wenn er kurz vor seinem Tod bittet: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst“ (Mt 26,39).

So weit, so klar. Aber was heißt das nun konkret, wenn wir Christen darum bitten, dass Gottes Wille allezeit geschehe? Was ist denn der Wille Gottes genau? Das ist ja nicht immer so einfach zu erkennen.

Ich nehme Sie für ein Beispiel mit auf eine kurze Reise in die Vergangenheit. Nicht ins Jahr 1726 nach Leipzig, als die Kantate uraufgeführt wurde, sondern ins Jahr 1095. Wir reisen nach Clermont in Frankreich, wo – wie der Zufall es will – gerade ein Konzil stattfindet. Eine lateinische Bischofssynode ist zusammengekommen und Papst Urban II. ist ihr Vorsitzender. Man ist mit Problemen des innerkirchlichen Alltags beschäftigt, zum Beispiel mit dem Zölibat. Das war also schon damals ein Thema, nicht nur heute auf dem synodalen Weg der katholischen Kirche. Aber nicht deshalb ist die Synode bekannt geworden, sondern durch den Aufruf des Papstes, die heiligen Stätten im heiligen Land zu befreien. Von den muslimischen Seldschuken, die Israel und Jerusalem besetzt hatten. Papst Urban II. ruft dagegen zum ersten Kreuzzug auf. Und die Synodalen, die 14 Erzbischöfe, 225 Bischöfe und mehr als 400 Äbte reagieren mit einem berühmt gewordenen Ruf: „Deus lo vult! Gott will es!“

Gott will es! Davon waren die Synodalen 1095 voll überzeugt. Wir heute sind das nicht mehr. Ganz im Gegenteil: Wir halten die Kreuzzüge für eines der dunkelsten Kapitel der Kirchengeschichte. Wir glauben nicht, dass sie Gottes Willen entsprochen haben: „Deus non vult! Gott will es nicht!“ Fazit: Nur weil irgendjemand, sei es ein Papst, ein Erzbischof oder auch nur ein Landeskirchenrat behauptet: „Dies ist Gottes Willen“, muss es noch lange nicht auch wirklich Gottes Willen sein.

Wie können wir erkennen, was Gottes Willen ist?

Dietrich Bonhoeffer hat sich in seiner Ethik (DBW Bd. 6, S. 322ff.) dazu einige Gedanken gemacht, die mir hier weitergeholfen haben:

„Der Wille Gottes kann sehr tief verborgen liegen unter vielen sich anbietenden Möglichkeiten. Weil er auch kein von vornherein festliegendes System von Regeln ist, sondern in den verschiedenen Lebenslagen ein jeweils neuer und verschiedener ist, darum muss immer wieder geprüft werden, was der Wille Gottes sei. Herz, Verstand, Beobachtung, Erfahrung müssen bei dieser Prüfung miteinanderwirken.“

Aber wir müssen aufpassen, dass Herz, Verstand, Beobachtung und Erfahrung nicht mit dem Willen Gottes verwechselt werden. Und vor allem sollen wir nicht so tun, als wüssten wir ein für allemal, was Gottes Willen ist.

Erneut Bonhoeffer: „Weil ja das Wissen um Jesus Christus, weil … die Erneuerung, die Liebe, und wie man es immer ausdrücken mag, etwas lebendiges ist und nicht etwas ein für allemal Gegebenes, Feststehendes, Inbesitzgenommenes, darum entsteht mit jedem neuen Tag die Frage, wie ich heute und hier und in dieser Situation in diesem neuen Leben mit Gott, mit Jesus Christus bleibe und bewahrt werde.“

Wenn wir Gottes Willen erkennen wollen, müssen wir also jeden Tag neu danach fragen. Und seien wir misstrauisch gegenüber denen, die allzu vollmundig behaupten, sie wüssten ein für allemal den Willen Gottes. Und damit unterstellen, dass die anderen das nicht wüssten. Vielleicht haben sie nur die Eingebungen ihres Herzens oder die Überzeugungen ihres Verstandes für Gottes Willen gehalten. Vielleicht haben sie die Lebendigkeit und Menschenfreundlichkeit des Gottes unterschätzt, mit dessen angeblichem Willen sie ihre eigenen Überzeugungen untermauern wollten.

Es geht weniger darum, vollmundig zu behaupten, den Willen Gottes zu kennen. Es geht eher darum, den Willen Gottes zu tun. In seinem Leben zeigt Jesus auf, was die Orientierung an Gottes Willen bedeutet. Er zeigt das, wenn er Menschen das Leben rettet. Er zeigt das, wenn er sie gesund macht. Er zeigt das, wenn er Ausgestoßene in die Gemeinschaft aufnimmt und mit ihnen isst und trinkt. Er zeigt das, wenn er lebensfeindliche Regeln aufhebt, damit Menschen frei werden und leben können.

All‘ das heißt, sich an Gottes Willen zu orientieren – und das sind lauter gute Dinge, die die Welt schöner machen und den Menschen zu einem besseren Leben helfen. In der Nachfolge Jesu die Welt schöner machen und den Menschen zu einem besseren Leben helfen, das ist aber kein Heile-Welt-Idylle, sondern das kann sich auch handfest äußern: In unserem Einsatz für den Schutz der Umwelt und gegen den Klimawandel. In unserer Abwehr jeglicher Diskriminierung von Menschen nach ihrer sexuellen Orientierung. In unserem Beharren darauf, dass man keine Menschen im Mittelmeer ertrinken lässt. Punkt.

Und in all‘ diesen Formen unserer Nachfolge können wir darauf hoffen, dass Gott sein Versprechen hält, das in den letzten Zeilen der heutigen Bachkantate so formuliert wird:

„Wer Gott vertraut, wer auf ihn baut, / den will er nicht verlassen.“

Dann können wir sie mit ganzem Herzen hören, mit ganzer Seele in uns aufnehmen und mit ganzem Gemüt mitsingen.

Amen.

BWV 72 Alles nur nach Gottes Willen
Text 1-5: Salomo Franck 1715; 6: Markgraf Albrecht von Preußen 1547 Uraufführung 27. Januar 1726, Leipzig

1. Coro

Alles nur nach Gottes Willen,
So bei Lust als Traurigkeit,
So bei gut als böser Zeit.
Gottes Wille soll mich stillen
Bei Gewölk und Sonnenschein.
Alles nur nach Gottes Willen!
Dies soll meine Losung sein.
2. Recitativo e Arioso A

O selger Christ, der allzeit seinen Willen
In Gottes Willen senkt, es gehe wie es gehe,
Bei Wohl und Wehe.
Herr, so du willt, so muss sich alles fügen!
Herr, so du willt, so kannst du mich vergnügen!
Herr, so du willt, verschwindet meine Pein!
Herr, so du willt, werd ich gesund und rein!
Herr, so du willt, wird Traurigkeit zur Freude!
Herr, so du willt, und ich auf Dornen Weide!
Herr, so du willt, werd ich einst selig sein!
Herr, so du willt, – lass mich dies Wort im Glauben fassen
Und meine Seele stillen! –
Herr, so du willt, so sterb ich nicht,
Ob Leib und Leben mich verlassen,
Wenn mir dein Geist dies Wort ins Herze spricht!
3. Aria A

Mit allem, was ich hab und bin,
Will ich mich Jesu lassen,
Kann gleich mein schwacher Geist und Sinn
Des Höchsten Rat nicht fassen; Er führe mich nur immer hin
Auf Dorn- und Rosenstraßen!
4. Recitativo B

So glaube nun!
Dein Heiland saget: Ich wills tun!
Er pflegt die Gnadenhand
Noch willigst auszustrecken,
Wenn Kreuz und Leiden dich erschrecken,
Er kennet deine Not und löst dein Kreuzesband.
Er stärkt, was schwach,
Und will das niedre Dach
Der armen Herzen nicht verschmähen,
Darunter gnädig einzugehen.
5. Aria S

Mein Jesus will es tun, er will dein Kreuz versüßen.
Obgleich dein Herze liegt in viel Bekümmernissen,
Soll es doch sanft und still in seinen Armen ruhn,
Wenn ihn der Glaube fasst; mein Jesus will es tun!
6. Choral

Was mein Gott will, das g’scheh allzeit,
Sein Will, der ist der beste,
Zu helfen den’n er ist bereit,
Die an ihn glauben feste.
Er hilft aus Not, der fromme Gott,
Und züchtiget mit Maßen.Wer Gott vertraut, fest auf ihn baut,
Den will er nicht verlassen.

A performance by the Bach Society of Minnesota, Paul Boehnke conducting.

Kategorien
Musikalisches

Liederkarussell „Praise’n’Worship, NGL & Co.“

Albert Frey, Matthias Nagel, Fritz Baltruweit und Timo Böcking auf einer Bühne.

Ein Video von Bernd Becker (Unsere Kirche).


Zum Hintergrund:

Fachtagung „Praise’n’Worship, NGL & Co.“ über die Kirchenmusik der Zukunft

„Die Gemeinde braucht singbare Lieder“

Die Kirchenmusik muss breiter aufgestellt werden. Das ist das Ergebnis einer Fachtagung der Evangelischen Kirche von Westfalen. Moderne Formen wie Neues Geistliches Lied, Gospel und Worship haben im Gemeindealltag längst ihren Platz erobert. Die Ausbildung von Kirchenmusikerinnen und -musikern muss diesen Bereich neben der traditionellen klassischen Musik sehr viel stärker berücksichtigen.

„Es ist an der Zeit, das Schubladendenken aufzugeben“, sagte der Leiter des Instituts für Aus-, Fort- und Weiterbildung der westfälischen Kirche, Peter Böhlemann, am Donnerstag in Witten. „Nur wenn sie gemeinsam auftritt, hat die Kirchenmusik eine Zukunft“, betonte auch der in der Landeskirche zuständige Dezernent, Landeskirchenrat Vicco von Bülow. Die Evangelische Kirche von Westfalen sieht er dabei auf einem guten Ergebnis: Mit der Evangelischen Popakademie Witten und der Ausbildung von Popkantorinnen und -kantoren habe man die Weichen in die richtige Richtung gestellt.

Mehr als 100 Pfarrerinnen und Pfarrer, Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker sowie interessierte Gemeindemitglieder diskutierten im Lukaszentrum Witten unter dem Titel „Praise’n’Worship, NGL & Co.“ die Frage: „Welche Popularmusik braucht die Gemeinde?“. Die Antwort war eindeutig: Die Gemeinde braucht singbare Lieder, es macht dabei keinen Unterschied, aus welcher Zeit oder Kategorie sie stammen. 

Referenten und Teilnehmer berichteten, wie sehr Richtungskämpfe und Abgrenzungen die Entwicklung von Gottesdiensten und Gemeinden blockieren können. Neben dem Streit, ob der klassische Orgelchoral oder moderne Bandmusik geeigneter sei, kämen auch Auseinandersetzungen um neuere Formen der Musik hinzu. So sehe sich die Worshipmusik, die an vielen Stellen für volle Kirchen sorgt, oft innerkirchlicher Kritik ausgesetzt. „Die Lobpreisszene verengt das biblische Gottesbild auf den Vater und König, und sie hat die Tendenz, den christlichen Glauben ganz auf das individuelle Wohlgefühl im Moment der Anbetung zu reduzieren“, bemängelte etwa der Publizist Andreas Malessa. Vielen Kirchenmusikern und Pfarrerinnen sei sie auch musikalisch zu simpel in Aufbau und Textform. „Da wird ein Vers dreimal wiederholt und nur ein Wort dabei ersetzt“, so Malessa.

Neues geistliche Lieder stammt aus den 60ern

Allerdings seien auch andere, vermeintlich moderne Formen der Kirchenmusik für weite Teile der Bevölkerung längst veraltet. „Das sogenannte neue geistliche Lied stammt aus den 60ern, die Musik, die wir im Radio oder Internet hören, ist längst weitergegangen“, erklärte Experte Malessa. Notwendig sei es aber nicht, derartige Ansätze wie Worship, Gospel oder NGL aufzugeben, sondern sie weiterzuentwickeln. Außerdem werde es immer wichtiger, Musik nicht nur vorzutragen, sondern die Gemeinde anzusprechen, ihre Emotionen zu wecken und sie zum Mitsingen zu bringen, so Malessa. 

An dieser Stelle betonten etliche der anwesenden Kirchenmusikerinnen und – musiker, dass ihre Ausbildung sie auf derartige Aufgaben nicht vorbereite. Ansätze wie der Evangelischen Kirche von Westfalen, inzwischen auch Pop-Kantoren auszubilden, seien ein Schritt in die richtige Richtung. Notwendig sei aber, nicht nur Teilzeitstellen, sondern ausreichend 100-Prozentstellen einzurichten. Wo das einer Gemeinde alleine nicht möglich sei, solle man über Kooperationen  mit Nachbargemeinden nachdenken. Dabei dürfe auch die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche kein Tabu sein. (Gerd-Matthias Hoeffchen)


Auf dem Podium diskutierten (v.l.): Andreas Malessa, Kirchenmusikerin Vera Hotten, Prof. Hartmut Naumann, Stefan Glaser (Beauftragter des Bistums Essen), Landeskirchenrat Vicco von Bülow und Musikerlegende Albert Frey. Foto: gmh

Kategorien
Kirchliches

Prädikanten sind wichtig

und deshalb habe ich sehr gerne Pfarrerin Elke Rudloff als Dozentin für Prädikantenarbeit der Evangelischen Kirche von Westfalen eingeführt.

Hier ein Bericht dazu.

Kategorien
Musikalisches

Schweizer Worship Kollektiv

Aus Gründen habe ich mir in den letzten Tagen eine Reihe von Musikvideos aus dem Worship-Bereich angeschaut und angehört. Nicht alle so ganz mein Geschmack. Aber das hier fetzt richtig – das „Schweizer Worship Kollektiv“. Mir vorher unbekannt, aber guuuut.

Schweizer Worship Kollektiv
Ich säge’s zu mir sälber
(feat. Céline Bührer)

Und das Ganze auf Hochdeutsch:

Vers
Ich sag’ es meiner Seele
Der Herr ist gut, er lässt mich nie im Stich
Ich sag es meiner Zukunft
Der Herr ist treu,
er hält, was er verspricht
PreChorus 1
Den Gefühlen mach’ ich klar
dass ich im Glauben vorwärts geh’        
Dem Verstand rufe ich zu:
Gott, der Herr wird zu mir stehn
Chorus
Lob’ den Herrn – in deinen Zweifeln
Ehre ihn – im Treubleiben
Schau auf ihn – wenn du nicht weitersiehst
Preise ihn – in deinen Kämpfen
Dank Ihm laut – trotz den Dämpfern
Lob’ den Herrn, meine Seele – jetzt!
PreChorus 2
Meine Angst weis’ ich zurück
Weil Gottes Hand mich sicher lenkt
Meinen Sorgen mach’ ich klar
Dass mein Versorger an mich denkt

Kategorien
Kirchliches

Warum heißt der Sonntag „Sonntag“?

Warum heißt der Sonntag „Sonntag“?

Das deutsche Wort „Sonntag“ bedeutet wörtlich genommen „Tag der Sonne“. Dies geht zurück auf die alten Germanen, die die griechisch-römisch Benennung der Wochentage nach den Planetengöttern übernahmen und umwandelten. Neben der Sonne (-> Sonntag) waren dies der Mond (->Montag), Thingus (->Dienstag), Wotan (->engl. Wednesday – das deutsche Mittwoch bedeutet „Mitte der Woche“), Donar (->Donnerstag), Freia (->Freitag), Saturn (->engl. Saturday). Das deutsche Wort „Samstag“ kommt vom jüdischen Sabbat. Viele der Traditionen, die dem Sonntag zugeordnet werden, haben ihre Wurzeln im Sabbat.

Woher stammt der Sabbat?

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ – so heißt es im ersten Vers der Bibel (1. Mose 1,1). Das Ende des Schöpfungswerks am siebten Tag ist der Sabbat, zu dem es in 1. Mose 2,2 heißt: Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. 3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.“

Von der Schöpfung und ihrem Abschluss im Sabbat ergab sich die Aufforderung an den Menschen, den Sabbat als Ruhetag Gottes dadurch zu heiligen, dass sie ihn ebenfalls als Ruhetag begehen. So heißt es in den Zehn Geboten, wie sie im 2. Buch Mose festgehalten sind (2. Mose 20,8-11): „Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.“

Eine andere Begründung erfuhr das Sabbatgebot im 5. Buch Mose. In der dort festgehaltenen Fassung der Zehn Gebote wurde auf den Auszug aus Ägypten zurückgeblickt und damit dem Sabbat eine soziale Dimension zugewiesen (5. Mose 5,12-15): „Den Sabbattag sollst du halten, dass du ihn heiligest, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Rind, dein Esel, all dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt, auf dass dein Knecht und deine Magd ruhen gleichwie du. Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der HERR, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm. Darum hat dir der HERR, dein Gott, geboten, dass du den Sabbattag halten sollst.“

Wie verhielt sich Jesus zum Sabbat?

In der Bergpredigt hat Jesus deutlich gemacht, dass er nicht gekommen sei, um das alttestamentliche Gesetz Gottes oder die Propheten aufzulösen, und gesagt: „Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen“ (Matthäus 5,17).  Viele Berichte in den Evangelien zeigen jedoch auf, dass es bei der Auslegung und Befolgung der Gebote zu Konflikten zwischen Jesus und den „Schriftgelehrten und Pharisäern“ kam. Ein Beispiel ist die Geschichte über das Ährenraufen am Sabbat (Markus 2,23-28): Und es begab sich, dass er am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.“ Damit wurde die Sabbatheiligung in besonderer Weise in den Dienst des Menschen gestellt.

Wie wurde aus dem Sabbat der Sonntag?

Die ersten Christen und Christinnen stammten aus dem Judentum und begingen deshalb zunächst den Sabbat. Als das Christentum sich über die ganze Welt ausbreitete, kamen jedoch mehr und mehr Christen nicht aus dieser Tradition. Dagegen wurde der auf den Sabbat folgende Tag, der Sonntag, zum wichtigsten Tag der christlichen Woche. Nach dem Zeugnis der Evangelien galt er als Tag der Auferstehung Jesu Christi (vgl. Markus 16,2). Die Christen versammelten sich an diesem ersten Tag der Woche zu abendlichen Mahlfeiern, um der Auferstehung ihres Herrn zu gedenken (vgl. Lukas 24,30-43; Johannes 20.1). Im 2. Jahrhundert finden sich dann weitere eindeutige Belege für einen christlichen Sonntagsgottesdienst. Unter Kaiser Konstantin wurde im Jahr 321 die Feier des Gottesdienstes mit dem arbeitsfreien Ruhetag am Sonntag verbunden; in der Folge dessen war gegen Ende des 4. Jahrhunderts der Sonntag als christlicher Ruhetag etabliert. Im Mittelalter galt der sonntägliche Gottesdienstbesuch als Kirchengebot.

Wie verhielt sich die Reformation zum Sonntag?

Die evangelischen Kirchen kannten keine Pflicht zum sonntäglichen Gottesdienstbesuch, sondern betonten die Freiheit, die den Menschen am Sonntag das Hören des Wortes Gottes und für Mensch und Vieh eine Ruhepause ermögliche. Für Luther spielten dabei auch sozialethische Überlegungen eine wichtige Rolle. In seinem Kleinen Katechismus (1529) formulierte er in seiner Auslegung des Feiertagsgebots: „Du sollst den Feiertag heiligen. – Was ist das? – Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören und lernen.“ Der Heidelberger Katechismus, der für den reformierten Protestantismus in Deutschland steht, formulierte als Antwort auf die Frage „Was will Gott im vierten Gebot?“: „Gott will zum einen, dass das Predigtamt und die christliche Unterweisung erhalten bleiben und dass ich besonders am Feiertag, zu der Gemeinde Gottes fleißig komme. Dort soll ich Gottes Wort lernen, die heiligen Sakramente gebrauchen, den Herrn öffentlich anrufen und in christlicher Nächstenliebe für Bedürftige spenden. Zum anderen soll ich an allen Tagen meines Lebens von meinen bösen Werken feiern [=ablassen] und den Herrn durch seinen Geist in mir wirken lassen. So fange ich den ewigen Sabbat schon in diesem Leben an“ (Heidelberger Katechismus, Frage 103).

Welche Entwicklung nahm der Sonntag in der Neuzeit?

Durch die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts wurden die Arbeitszeiten auch auf den bisher arbeitsfreien Sonntag ausgedehnt. Erst 1891 wurde Sonntagsarbeit wieder verboten. Die Weimarer Reichsverfassung 1919 schützte den Sonntag als „Tag der Arbeitsruhe und er seelischen Erhebung“; diese Bestimmung wurde auch in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen. Nachdem der Sonntag alter Tradition gemäß als erster Tag der Woche angesehen wurde, beginnt seit 1976 in Deutschland die Woche mit dem Montag, so dass der Sonntag als Teil des Wochenendes die Woche abschließt.

Zwar ist die Sonntagsruhe heute gesetzlich geschützt, doch ist er als arbeitsfreier Tag zunehmend gefährdet. Immer mehr Ausnahmen werden genehmigt. Immer häufiger wird gefordert, dass die Menschen auch am Sonntag die Möglichkeit haben sollen einzukaufen. Neben wirtschaftlichen Interessen haben veränderte Freizeit- und Konsumgewohnheiten zur Folge, dass die bisherigen Strukturen des Sonntags als Tag des christlichen Gottesdienstes wie auch als gemeinsamer Tag der Erholung für alle Menschen sich massiv wandeln.

Kategorien
Kirchliches

Widerspruch gegen die Widerspruchslösung!

In der nächsten Woche stehen im Deutschen Bundestag zwei Gesetzentwürfe über die Organspende zur Abstimmung: von Jens Spahn/Karl Lauterbach und von Annalena Baerbock. Ich halte die Spahn/Lauterbachsche sogenannte „Widerspruchslösung“ für höchst problematisch.

Die Argumente für und gegen die sog. „Widerspruchslösung“ sind auf einer Seite des Deutschen Ethikrates dokumentiert.

Die Argumente für die sog. „Widerspruchslösung“ überzeugen mich nicht. Denn “ ich finde es nicht richtig, dass ein Mensch widersprechen muss, um sich das Recht auf körperliche Unversehrtheit zu erhalten.“ (Heribert Prantl)

Der Theologe Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, hat die Hauptkritikpunkte hier gut zusammengefasst.

Ich hoffe, dass sich möglichst viele Menschen innerhalb und außerhalb des Deutschen Bundestages davon überzeugen lassen. Denn „es handelt sich um eine große Gewissensentscheidung. Die Frage lautet: Wem gehört der Mensch? Er gehört nicht dem Staat, er gehört nicht der Gesellschaft. Er gehört sich selbst.“ (Heribert Prantl) Und deshalb widerspreche ich der „Widerspruchslösung“.

AKTUALISIERUNG:

Der Deutsche Bundestag hat sich gegen die sogenannte „Widerspruchslösung“ ausgesprochen.

Kategorien
Kirchliches

Hauptsache gesund?

Einige Gedanken zum Verhältnis von Heilung und Heil

Heil und Heilung hängen nicht nur vom Wortstamm her zusammen. Die körperliche Heilung ist im Christentum wie in anderen Religionen oft im Zusammenhang mit dem geistlichen Heil gesehen worden. Im Sinne eines ganzheitlichen Menschenbildes spricht auch manches dafür.

Aber hier gilt es, vorsichtig zu sein. Man darf diesen Zusammenhang nicht überdehnen. Denn Krankheit ist nicht einfach ein Zeichen für Un­heil. Es ist eben nicht so, dass man die simple Gleichung aufstellen kann:
gesund = gläubig, also von Gott geliebt,
krank oder gehandicapt = ungläubig, also von Gott verworfen.

Der Theologe Ulrich Bach hat diese Gleichung als „theologischen Sozialrassismus“ bezeichnet. Und er hat recht damit. Theologisch muss festgehalten werden: Jeder Mensch ist ein von Gott geliebter Mensch, ob nun mit oder ohne Handicap. Jeder Mensch ist als von Gott geliebtes Geschöpf ein vollwertige Person. Da fehlt nichts, da muss nichts hinzuoperiert oder genetisch mani­puliert werden.

Im Dritten Reich wurde zwischen lebens­wertem und lebensunwertem Leben unterschieden – mit mörderischen Konsequenzen. Und gegenwärtig wird im Zusammenhang mit den Möglichkeiten der modernen Biowissenschaften eine Debatte geführt, bei der einige der Beteiligten anscheinend von dem Wunsch getrieben werden, per Gentechnik den besseren Mensch zu züchten. Der Wiener Systematiker Ulrich Körtner hat dazu klar gesagt: „Der alte Mensch im biblischen Sinne ist nicht verbesserungs-, sondern vergebungsbedürftig.“
Recht hat er. Ich kann als Christ kein Welt- und Menschenbild über­nehmen, das unkritisch medizinische Heilung mit göttlichem Heil gleichsetzt und umgekehrt.

Nicht jeder, der von seiner Krankheit geheilt wurde, hat das Heil, die Seligkeit Gottes erreicht. Und nicht jede, die die Seligkeit Gottes erreicht hat, ist medizinisch gesehen geheilt. Ulrich Bach hat es so formuliert: „Christus ist nicht das Ende der Behinderung, sondern das Ende der Behinderung als Unwert.“
Unser Heil ist nicht von unserer Gesundheit abhängig. Unser Heil ist von Gott abhängig.

Das ist die Hauptsache. Eben nicht: Hauptsache gesund. So gerne ich selbst gesund bin und bleibe. So sehr ich allen Gesundheit wünsche, nicht nur im neuen Jahr.

Kategorien
Kirchliches

Ich glaube; hilf meinem Unglauben

Die Jahreslosung für 2020 steht im Markus-Evangelium, im 9. Kapitel, in Vers 24: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben.“

Wie passt das zusammen? Glauben und Unglauben in einem Satz? In einer Person? Kann man zugleich glauben und nicht-glauben? Ich nähere mich diesem Paradox, indem ich den Zusammenhang der Jahreslosung ansehe, nämlich die Verse 17 bis 27:

Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist.
Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn zu Boden; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten’s nicht.
Er antwortete ihnen aber und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!
Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn hin und her. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund.
Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist’s, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf.
Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!
Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.
Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!
Als nun Jesus sah, dass die Menge zusammenlief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!
Da schrie er und riss ihn heftig hin und her und fuhr aus. Und er lag da wie tot, sodass alle sagten: Er ist tot.
Jesus aber ergriff seine Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.

In meiner theologischen Ausbildung und meiner kirchlichen Praxis habe ich viel erfahren, viel gelernt. Und doch fühle ich mich oft wie die Jünger, von denen am Anfang der Geschichte berichtet wird: „aber sie konnten‘s nicht.“ Da ist es zumindest ein kleiner Trost für mich, wenn ich sehe, dass es den Jüngern, also den Menschen, die täglich mit Jesus zusammen waren, dass es diesen Jüngern ganz ähnlich ging: „sie konnten‘s nicht.“ –

Was konnten sie nicht? Ein Vater bringt seinen Sohn zu ihnen, damit sie den bösen Geist austreiben, der den Sohn befallen hatte. Die Jünger waren nicht unerfahren darin, wie es einige Kapitel vorher im Markus-Evangelium erzählt wird: „Und sie zogen aus und predigten, man solle Buße tun, und trieben viele böse Geister aus und salbten viele Kranke mit Öl und machten sie gesund.“ Sie hatten es also schon gemacht, sie konnten es – grundsätzlich ja. Aber hier: „sie konnten‘s nicht.“ Der Geist, der den Jungen befallen hat, bleibt in ihm.

Nach allem, was man von dem Krankheitsbild erkennen kann, hat der Junge unter dem gelitten, was wir heute Epilepsie nennen würden. – Haben Sie schon einmal einen epileptischen Anfall mitbekommen? Manche dieser Anfälle sind klein, kaum merkbar. Andere zeigen Symptome wie die des Jungen in der biblischen Geschichte: Krampfanfälle, Zuckungen, Schaum vor dem Mund. In der medizinischen Fachsprache heißen solche großen Anfälle „Grand mal.“ Ich habe zu Beginn meines Theologiestudiums einige Monate in einer Wohngruppe für Menschen mit Handicaps gearbeitet. In „meiner“ Wohngruppe lebte auch Sabine, ein Mädchen, das häufig unter Grand mal-Anfällen litt. Alles, was ich als Betreuer in einer solchen Situation tun konnte, war, aufzupassen, dass Sabine ihren Kopf nicht auf den Boden oder gegen Möbel schlug und sich so verletzte. Ansonsten konnte ich nur abwarten, bis der Anfall vorbei war. Mehr nicht.

Als ich mich während der Vorbereitung auf diese Andacht an Sabine erinnert habe, konnte ich den Vater verstehen, wie er seinen Sohn zu den Jüngern bringt, von ihnen auch keine Hilfe erfährt und schließlich vor Jesus steht. Sicherlich enttäuscht: „Andere haben sie heilen können, meinen Sohn nicht!“ Und das macht ihn auch skeptisch gegenüber Jesus. Wenn seine Jünger da nichts tun können, kann Jesus selbst wahrscheinlich auch nichts tun. Es klingt sehr misstrauisch, was der Vater laut dem Bericht im Markus-Evangelium sagt: „Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ Wenn. Jesus nimmt das auf. Der Ausdruck, mit dem er das tut, lautet in der Lutherbibel: „Du sagst: Wenn du kannst…“ Ich verstehe das so: „Was heißt hier: Wenn du kannst…?“

Und dann folgt ein steiler Ausspruch, einer von denen, die in der Lutherbibel immer fettgedruckt sind: „Alle Dinge sind möglich, dem, der da glaubt.“ Puh. Und schon wieder komme ich mir vor, wie jemand, der überhaupt nichts kann. „Aber sie konnten‘s nicht.“

Wenn wirklich alle Dinge möglich sind für den, der glaubt, dann kann es ja mit meinem Glauben nicht so weit her sein. Wenn ich nicht einmal viele der einfachen Sachen kann, geschweige denn die wirklich komplizierten, was ist dann mit meinem Glauben?

Der Vater des epileptischen Sohnes wird ähnlich gedacht haben. Ihm war die Heilung seines Sohnes unendlich wichtig, für den Sohn, aber auch für sich selbst. So sagt er ja auch: „Erbarme dich unser und hilf uns!“

Weil mit der Krankheit ein ungeheurer sozialer Druck verbunden war, ein Druck auf die ganze Familie, auch deshalb war es ihm so drängend, dass sein Sohn geheilt würde. Und in dieser Situation sagt Jesus ihm: „Was heißt hier: Wenn du kannst? Alle Dinge sind möglich, dem, der da glaubt.“ Und was der Vater antwortet, das ist in der Lutherbibel zum Glück auch fettgedruckt: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Das kann ich gut verstehen, was der Vater hier sagt. Denn so einfach ist es ja nicht: Entweder Glaube – oder Unglaube.

Das kann ich nachvollziehen, dass es da ein Ineinander von Glaube und Unglaube gibt. „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Ganz und gar ungläubig ist er nicht, der Vater. Sonst hätte er ja seinen Sohn nicht hergebracht, sonst hätte er seinen Fall ja nicht trotz des Versagens der Jünger noch Jesus vorgelegt. Andererseits: Ganz und gar gläubig ist der Vater auch nicht. Sonst hätte er seinen Sohn ja auch selbst heilen können: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Diesen Zwiespalt spürt der Vater. Und er bringt ihn zum Ausdruck, ja, er schreit ihn heraus. Schreit: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Und Jesus hilft. Er treibt den bösen Geist aus. Der Junge wird noch ein letztes Mal hin und her gezerrt, dann liegt er still am Boden. Wie tot. Doch Jesus ergreift ihn bei der Hand und er steht auf. Er steht auf – aufstehen – auferstehen. Ein kleines Osterfest, was hier geschieht: Leiden an der Krankheit – wie totAuferstehung. Eine Ostererfahrung. Eine Ermutigung auch für uns: Ostererfahrungen gibt es nicht nur an Ostern. Es gab sie vorher und es gibt sie nachher.

Auch wir, die wir vielleicht ähnlich wie der Vater zwischen Glauben und Unglauben hin und her pendeln, zwischen Vertrauen und Misstrauen, zwischen Furcht und Zuversicht, auch wir können solche Erfahrungen machen. Natürlich gilt auch für uns, dass wir dafür Hilfe benötigen. In einem der „Ich-bin-Worte“ im Johannesevangelium sagt Jesus von sich selbst: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ – Ohne ihn können wir nichts tun. Im Zusammenhang mit der Frage von Glauben oder Unglauben finde ich das entlastend. Es kommt eben doch nicht auf meinen kleinen Glauben, auf meinen Kleinglauben an. Weder kann ich mir – im positiven Sinne – Dinge selbst anrechnen. Noch muss ich – im negativen Sinne – mich selbst belasten, muss mich wegen meines fehlenden Glaubens anklagen, wenn etwas nicht geklappt hat, wenn mir nicht „alle Dinge möglich“ waren.

Wenn Martin Luther sich mit aller Energie gegen die Auffassung gewandt hat, gute Werke führten zum Heil, dann war damit auch gemeint, dass der Glaube nicht zum Heil führt, wenn er als Werk verstanden wird, als etwas, was wir „machen“ können. Glauben ist nichts, was wir „machen“ können, nichts automatisch Vorhandenes, was wir nur noch sozusagen aktivieren müssten, kein Zauberstab, den wir quasi nur noch aus der Schublade holen müssten. Glauben ist und bleibt ein Geschenk. Das ist ein Trost für mich, gerade in den Phasen, in denen ich mich meinem Unglauben näher fühle als meinem Glauben.

Eine Jahreslosung als Trost. Als Zuspruch. Das ist schon mal ein guter Anfang für 2020.

Kategorien
Humoriges

Die R(o)ute

„Sie haben die kürzeste R(o)ute gewählt“ – wenn digitale Verkehrstechnik und traditionelle Verkehrsformen aufeinandertreffen, kann das komisch sein:

Kategorien
Kirchliches

Wer bin ich? (D. Bonhoeffer)

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

(Dietrich Bonhoeffer)