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Kirchliches Musikalisches

Gott ist groß

Predigt zum 125+1. Jubiläum des Chorverbands in der Evangelischen Kirche von Westfalen,
St. Reinoldi-Kirche Dortmund, 25.09.2021

(hier geht’s zum Video des Festgottesdienstes, die Predigt gibt’s ab 33:40)

Liebe Gemeinde, hier und heute in der Dortmunder Reinoldi-Kirche oder später an den Bildschirmen!

„Gott ist groß! Kein Mensch kann ihn so sehn! Gott ist groß! Ihn als Ganzes verstehn? Denn Gott ist groß, denn Gott ist groß! Größer als jeder Geist das wohl jemals begreift!“

So haben wir den Text von Benedikt Preiß in der Vertonung von Matthias Nagel gerade gehört. Eine ganz frische Verbindung von Theologie und Kirchenmusik. Aber keine völlig neue Erfahrung. „Gott ist groß! Kein Mensch kann ihn so sehn!“ –  das ist eine Erfahrung, die schon viele Menschen vorher gemacht haben. Eine dieser Erfahrungen ist in der Bibel, im Alten Testament niedergeschrieben.

Die Mose-Geschichten erzählen von einem Mann mit einer besonderen Beziehung zu Gott. Im 2. Buch Mose steht, dass Gott sich mit ihm unterhalten hat, wie wenn ein Mann sich mit einem Freund unterhält. Und wohl deshalb hat Mose dann eine ganz unerhörte Bitte an Gott gehabt:
18 „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ 19Und Gott sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des Herrn vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. 20Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. 21Und der Herr sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. 22Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

Liebe Chorverbandsjubiläumsgemeinde,

Mose wollte Gottes Herrlichkeit sehen – wollen Sie das auch? Will ich das auch? Manchmal wünsche ich mir, Gott nicht nur zu sehen, sondern auch vorzeigen zu können. Seit Jahren treten immer mehr Menschen aus der Kirche aus, als in die Kirche ein. Und wenn wir den Studien Glauben schenken können, wird das auch weiter so bleiben. Manchmal wünsche ich mir dann, Gott sehen zu können. Und ihn auch anderen zeigen zu können, ihn und seine Herrlichkeit. Manchmal wünsche ich mir, die Überzeugungsarbeit für die Kirche, die ich ja doch leisten müsste, auf einen beweisbaren und vorzeigbaren Gott abschieben zu können. Wenn ich mich nicht groß genug fühle, dann würde ich gerne den großen Gott mit all seiner Herrlichkeit sichtbar an meiner Seite wissen.

Und doch bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich Gottes Herrlichkeit sehen wollte. Schon ein direkter Blick in die Sonne blendet und schädigt die Augen. Nicht umsonst gibt es selbst für Sonnenfinsternisse diese kleidsamen Sofi-Brillen.

Wieviel mehr müsste ein direkter Blick in Gottes Herrlichkeit blenden und die Augen schädigen! Schon die unmittelbare Konfrontation mit der Wahrheit ist oft kaum auszuhalten. Wieviel mehr die unmittelbare Konfrontation mit Gottes Größe! Und dafür gibt es keine Sofi-Brille.

In der Erzählung der Begegnung von Mose und Gott hat Gott in andere Weise Rücksicht genommen auf den Zusammenhang ihrer Beziehung. Eben ohne Sofi-Brille.

Zunächst einmal: Gott weist Mose einen Ort zu. Erst das macht ihre Begegnung möglich. Kein besonderer, heiliger Ort, sondern ein ganz normaler Fels. Gott begegnet dem Menschen nicht nur im Tempel oder in der Kirche. Dort auch – und besonders, wenn es eine so wunderbare Kirche wie St. Reinoldi ist. Aber vor allem begegnet Gott dem Menschen an ganz normalen Orten. Und zu ganz normalen Zeiten. So kann auch der Alltag unserer normalen Beschäftigungen zum Ort der Gottesbegegnung werden.

Und dann ist da noch eine zweite Art und Weise, wie Gott den Zusammenhang seiner Beziehung zu Mose beachtet.
Mose bekommt Gott nicht von vorn zu sehen. Da hält Gott seine schützende Hand davor. Mose bekommt Gott nur von hinten zu sehen. Selbst Mose, selbst diesem Menschen mit der so intensiven Gottesbeziehung, ist eine direkte Gotteserkenntnis nicht möglich. Erst im Hinterherblicken erkennt er Gott.

Vielleicht ist es Ihnen schon mal ähnlich ergangen: Erst in der Rückschau wurde deutlich: Hier ist Gott gewesen. In dem Moment, in dem ich im Auto gerade noch an einem Unfall vorbeigekommen bin, denke ich an vieles, wohl kaum aber an Gott. Erst später wird klar, wessen schützende Hand hier im Spiel war. Wie oft erkenne ich Gottes Präsenz nicht im Präsens, sondern in der Vergangenheit.

Wo haben Sie hier ähnliche Erfahrungen gemacht? Wo haben Sie die Spuren von Gottes Gegenwart rückblickend im eigenen Leben erkannt?

Auch die Geschichte des Chorverbands in der Evangelischen Kirche von Westfalen kann so eine Möglichkeit sein, Gottes Spuren rückblickend zu erkennen. Auch wenn böse Zungen behaupten „Westfalia non cantat“ – Westfalen singe nicht –, gibt es hier natürlich schon lange Musik und auch Kirchenmusik. Von der Reformation bis heute war und ist evangelischer Glaube ohne Gesang nicht denkbar.

Martin Luther hat einmal gesagt: „Die Musica ist eine schöne und herrliche Gabe Gottes.“ Und in seinem Weihnachtslied „Vom Himmel hoch“ heißt es: „Davon ich singen und sagen will…“ Davon ich singen und sagen will – in der Reihenfolge: Musik als erstes Medium der Verkündigung! Schon in der Reformation wurde fleißig zum Lobe Gottes gesungen.

Etwa seit dem 17. Jahrhundert gibt es Chöre im heutigen Sinne. Und 1895 fand die Gründungsversammlung des westfälischen Chorverbands statt. Ganz im Sinne dessen, was die neutestamentlichen „Einsetzungsworte der Kirchenmusik“ in Kolosser 3,16 uns aufgetragen haben: „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in eurem Herzen“.

Und so können wir heute dankbar auf 125 Jahre +1 Chorgeschichte, Chorverbandsgeschichte in Westfalen zurückblicken. Und in diesen 125+1 Jahren Gottes Spuren suchen und finden. Ein Grund, Gott dankbar in unseren Herzen singen!

„Denn Gott ist groß, denn Gott ist groß! Größer als jeder Geist das wohl jemals begreift!“ Sie merken: Ich bin nach dem Umweg über die Kirchengeschichte wieder in der Gegenwart angekommen, beim heute uraufgeführten Gloria:

„Gott ist groß! Kein Mensch kann ihn so sehn! Gott ist groß! Ihn als Ganzes verstehn?“ Diese Frage müssen wir wohl weiterhin aushalten. Das gilt nämlich nicht nur für Mose und die Menschen des Alten Testaments. Das gilt auch für Christinnen und Christen: „Niemand hat Gott je gesehen“, heißt es zu Beginn des Johannes-Evangeliums. Die Gemeinde des Neuen Bundes ist hier kaum weiter als die Gemeinde des Alten Bundes. Im 13. Kapitel des 1. Korintherbriefs schreibt Paulus: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“

Auf dieses „dann aber“ warten Christen wie Juden weiterhin. Sie warten darauf, wir warten darauf, dass Gott diese Welt und ihre Erkenntnis zu ihrem Ziel, nein, zu seinem Ziel führen wird. Wir warten auf den Tag, an dem wir alle Gott von Angesicht zu Angesicht sehen können. Bis dahin müssen wir akzeptieren, dass wir Gott nicht direkt sehen können, dass wir ihn nicht sichern, nicht vereinnahmen können. Dazu ist er zu groß.

Aber bis dahin können wir Gott loben mit allen Stimmen, die wir haben, mit allen Instrumenten, die wir spielen können, mit allen Taten der Liebe, die wir tun können. Bis dahin haben wir Gottes Zusage, sein Versprechen in seinem Namen: „Ich bin gnädig, wem ich gnädig bin, und ich erbarme mich, wessen ich mich erbarme.“ Auf diese Gnade, auf dieses Erbarmen hoffe ich.

Amen.

Predigtlied: „Wind kannst Du nicht sehen“ (Text: Markus Jenny, Melodie Erhard Wikfeldt;  EG 568, 1-5)

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Allgemeines Kirchliches

Das Ü-Ei und das Senfkorn

Predigt am 12.09.2021 zur Wiedereröffnung des Gemeindezentrums Auferstehungskirche in Arnsberg

Liebe Gemeinde,

oh happy day – was für ein toller Tag!

Wie lange haben Sie Ihre Auferstehungskirche während des Umbaus nicht nutzen können. Das war schon eine Durststrecke. Aber immer mit dem Ziel vor Augen: Wenn die Kirche fertig ist und die Gemeinderäume mit im Haus sind, ja dann… Und dann, als sie fertig war und die ganzen Mühen vorbei waren, konnten Sie das nicht mal richtig feiern – Corona.

Aber jetzt: Oh happy day!
Ich bin heute aus Bielefeld zu Ihnen nach Arnsberg gekommen, um diesen happy day mit Ihnen zu feiern. Und ich habe Ihnen etwas mitgebracht. Erkennen Sie es? Das Innere eines Ü-Eis. Das eigentlich Besondere an dieser Süßigkeit.

Nun können Sie ja fragen: Warum kommt der von Bülow aus dem Bielefelder Landeskirchenamt hierher? Wegen so eines kleinen gelben Dings?

Ich will Ihnen erzählen warum. Das hängt mit dem zusammen, was in dem kleinen gelben Dings drin ist. Ein Zettel. Darauf steht: „Wenn Gott nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.“ Psalm 127,1. Wir haben das vorhin gemeinsam gebetet. Der Psalm des heutigen 15. Sonntags nach Trinitatis. Was könnte passender sein für diesen Happy Sunday?

Es gibt übrigens einen Zwilling für dieses Ü-Ei mit dem Psalm-Spruch. Das liegt im Fundament des Hauses meiner Familie in Bielefeld. Während der Bauzeit haben mir meine Eltern einen Zettel mit diesem Vers mitgebracht und weil wir gerade nichts anderes da hatten, haben wir Psalm 127,1 mit einer gelben Ü-Ei-Hülle im Fundament versenkt. Seit 10 Jahren wohnen wir also auf diesem Fundament und es sollen noch viele Jahre werden. Das kleine gelbe Dings symbolisiert meinen Wunsch, dass auch Ihr Haus, diese Kirche nämlich, ein gutes Fundament hat und sie sich viele, viele Jahre darauf verlassen können.

Das Ü-Ei steht aber auch symbolisch für ein noch kleineres gelbes Dings. Im für heute vorgeschlagenen Predigttext aus Lukas 17 (5f.) kommt es in einem ganz kurzen Dialog zwischen Jesus und seinen Jüngern vor:

5Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! 6Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein.

Senfkörner sind sehr klein. Wir kennen sie alle aus den Gläsern mit Essiggurken. Die kleinen gelben Punkte, die da herumschwimmen, sind Senfkörner.

Maulbeerbäume sind in unseren Breiten nicht ganz so bekannt. Sie sind auf jeden Fall Bäume – so habe ich nachgelesen – die sehr tiefe Wurzeln treiben und auch noch voller Dornen sind. Sechs bis fünfzehn Meter werden sie hoch. Ein äußert unangenehmes Gewächs, um es auszureißen – zur damaligen Zeit galt dies sogar als unmöglich.

In anderen Fassungen dieses Jesus-Worts versetzt der senfkorngroße Glaube keine Maulbeerbäume, sondern Berge. Aber egal ob Baum oder Berg – eigentlich geht es ja um den Glauben.

Wie stark ist eigentlich Ihr Glaube? Können Sie das sagen? Beispielsweise auf einer Skala von 1-10? Wo würden Sie sich einordnen?
Im unteren Bereich? 1-3, na das wäre ziemlich schwach, ein bisschen mehr würde ich Ihnen zutrauen.
Sagen, wir im mittleren Bereich, da sollten wir eigentlich hinkommen, oder? Mindestens so 4-6; mit ein wenig Frömmigkeit schafft man das.
Vielleicht geht noch mehr? 7,8,9 oder gar 10? Ein bisschen Luft nach oben muss ja bleiben. Und überhaupt: wenn wir schon 8 oder 9 hätten, wo stünde dann Martin Luther, oder Dietrich Bonhoeffer, oder Mutter Theresa…?
Als Landeskirchenrat sollte ich doch mindestens auf eine 7 kommen, oder?

Ehrlich gesagt, wenn ich mich an diesem Spruch messe, dann muss ich ehrlich sagen: Ich habe gar keinen Glauben. Null. Nicht mal so groß wie ein Senfkorn. Niemals hat sich bei mir ein Berg auch nur einen Zentimeter bewegt. Ich habe auch nie versucht, zu einem Maulbeerbaum zu sagen: „Reiß dich aus und versetze dich ins Meer.“ Echt jetzt, Jesus? Ich glaube einfach nicht daran, dass der Baum mir gehorchen würde. Und wenn ich mich tatsächlich vor einen Baum stellen und zu ihm so sprechen würde – mit dem ehrlichen Glauben, dass er tut, was ich ihm befehle – , dann wäre ich wohl ein Fall für die Psychiatrie.

Und dann hätte ich auch die Bibel nicht genau genug verstanden.
Schließlich wird mehrfach im Alten Testament, zum Beispiel beim Propheten Jesaja (Jes 40,3-5. 49,11. 54,10) davon gesprochen, dass das Bewegen der Berge allein Gottes Sache ist. Am Ende der Zeiten.
Und der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth (1. Kor 13,2), dass selbst ein Berge versetzender Glaube nichtig ist, wenn die Liebe fehlt. Das gilt dann auch für den Glauben, der Maulbeerbäume versetzen soll.

Irgendwie klingt die Antwort Jesu so übertrieben, ja falsch. Vielleicht liegt das daran, dass schon die Frage der Jünger irgendwie falsch ist. Vielleicht kann man die Stärke des Glaubens gar nicht an einer Skala von 1 bis 10 ablesen. Glauben ist nicht skalierbar. Ein „stärkerer“ Glaube wäre wie: Mehr Urlaubstage für einen Mann, der am Sinn seiner Arbeit zweifelt. Naheliegend, irgendwie wünschenswert und doch nur eine Ausflucht. Weil die Dosis nicht zählt. Weil solche Erfahrungen die Vorstellung von gradueller Steigerung ad absurdum führen. Es gibt nicht ein bisschen tot.  Versuchsweise retten. Im Ansatz gewiss. Ein Stück weit sicher. Alles nicht möglich.

Der Soziologe Armin Nassehi versteht den Glauben als Umgang mit dem Unbestimmten. Und er sagt: Dieser Umgang mit dem Unbestimmten ist nicht organisierbar. Die Kirche macht einen Fehler, wenn sie das versucht. Vielleicht hat er Jesus ganz gut verstanden. Mit seiner absurden Antwort vom Maulbeerbaum, der ins Meer fliegt, macht er deutlich, wie absurd es ist, die Stärkung des Glaubens organisieren zu wollen.

Vorhin habe ich gesagt, dass auf der Glaubensskala von 1 bis 10 Martin Luther wohl zu denen gehören würde, die ganz oben stehen. Aber wenn man genauer hinsieht, ist Luther eben nicht der Glaubensheld, von dem wir heute einfach nur zu lernen brauchen, wie man Maulbeerbäume ausreißt. In einem Brief an einen Freund (Nikolaus von Amsdorf) schreibt er am 1. November 1527, dass ihm ganz und gar nicht heldenhaft zumute ist: „Draußen sind Kämpfe, inwendig Schrecken, und zwar herbe; auswendig Streit – inwendig Furcht.“ Das war die Zeit, in der in Wittenberg die Pest wütete. Familie Luther öffnete ihr Haus für Freunde und Schüler, pflegte Kranke, musste Frauen und Kinder zu Grabe tragen.

In seiner Schrift „Ob man vorm Sterben fliehen möge“ hat Luther begründet, warum er das getan hat. Hören Sie genau zu, das ist zwar von 1527, klingt aber erstaunlich modern: „Wenn Gott tödliche Seuchen schickt, will ich Gott bitten, gnädig zu sein und der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen, Ort meiden, wo man mich nicht braucht damit ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werden. Wenn mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und Gott nicht versucht.“

Da ist alles drin, woran wir heute denken, wenn die Pest unserer Tage, das Corona-Virus, unsere Gegenwart bestimmt: Viel Lüften. Abstand halten. Homeoffice. Seelsorge in Altenheimen. Impfen, ja Impfen – denn, so Luther: „Gott hat die Arznei geschaffen und die Vernunft gegeben, dem Leib vorzustehen und ihn zu pflegen, daß er gesund sei und lebe. Impfen also aus lutherischer Sicht ein vernünftiges Verhalten, ein vernünftiger Gottesdienst. Erstaunlich modern, dieser Reformator.

„Ein gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und Gott nicht versucht“  – könnte das ein senfkorngroßer Glauben sein? Der zwar nicht Maulbeerbäume entwurzelt oder Berge versetzt, der aber Stück für Stück in Liebe zu den Menschen dazu beiträgt, dass unsere Gesellschaft nicht mehr in den Corona-Lockdown zurückmuss.

Ein Glaube, der Gott nicht versucht, sondern Gott vertraut – ein solcher Glaube, der versetzt zwar vielleicht keine Berge, aber er ist ein Glaube in Liebe. Und damit ist er doch nicht so nichtig, doch keine Null. Immerhin. Ein Senfkorn.

Wenn Sie denken, es wird alles zu schwierig, unser Glauben ist zu klein, unsere Gemeinde wird zu klein,– dann denken Sie an das kleine Senfkorn. Immerhin.

Und in Ihrem besonderen Senfkorn steht der Verweis auf Ps 127,1. Gott hat das Haus gebaut, Gott hat dieses Haus gebaut. Es ist nicht umsonst, dass Menschen daran gebaut haben. Und wenn sie auch keine Maulbeerbäume oder Berge versetzt haben, so doch zumindest einiges an Baumaterial. Sie hier in Arnsberg haben ja seit der Erbauung irgendwie ständig an Ihrer Kirche herumgebaut. Wenn ich es richtig verstanden habe, war etwa alle 50 Jahre ein Umbau daran (Bau 1822-24, Umbauten 1891, 1951/52, 2001, 2019-21). Sie werden weiter daran bauen. Das kann ich mir eigentlich gar nicht anders vorstellen. Und zwar nicht nur äußerlich. Sondern auch innerlich. Sie werden hier in diesem Gebäude Gemeinde er-bauen, auf-bauen, auf-er-bauen. Gemeindeaufbau mit dem gleichen Senfkorn-Glauben wie beim Kirchenumbau. Wenn der Herr nicht die Gemeinde baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Weil der Herr aber diese Gemeinde baut, so wird die Arbeit derer, die daran arbeiten, nicht umsonst sein. Das ist die Verheißung dieses Tages.

Oh happy day!

Amen.

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Humoriges Persönliches

Zum zehnten Todestag von Loriot

Es funktioniert immer. Garantiert. Immer, wenn ich einen Vortrag halte an einem Ort, wo ich vorher noch nicht war. Ich beginne mit dem Satz:
„Vielen Dank, dass Sie mich eingeladen haben. Mein Name ist Vicco von Bülow.“
Und dann:
„Und um die erste Frage zu beantworten…“
Pause. Verblüffte Gesichter: Welche Frage denn? Weiter im Text:
„Ja, aber nur entfernt.“
Gelächter im Publikum.

Es funktioniert immer. Auch 10 Jahre nach Loriots Tod am 22. August 2011. Aber auch heute ist er noch im Bewusstsein vieler Menschen präsent. Erst jüngst hat die Literaturfachzeitschrift „text und kritik“ ihm ein Sonderheft[1] gewidmet. Und die Süddeutsche Zeitung hat gleich ein SZ-extra[2] daraus gemacht. Denn Loriot sei „unvergesslich“. Und tatsächlich: Noch 2018 kannten 92 Prozent der deutschen Bevölkerung Loriot, und zwar sowohl in West wie in Ost.[3]

„Sind Sie mit Loriot verwandt?“[4] Diese Frage kenne nicht nur ich, sondern jede(r), der den Nachnamen von Bülow trägt. Bei mir kommt noch der gleiche Vorname hinzu: „Vicco“ kommt vom skandinavischen „Viggo“ (der Krieger), nicht vom lateinischen Viktor (der Sieger). Aber ich bin nicht nach ihm benannt worden, der Name ist seit dem 15. Jahrhundert in unserer Familie heimisch. Die erste Erwähnung der Bülowschen Familie datiert auf das Jahr 1229,[5] die letzten gemeinsamen Vorfahren von Loriot und mir haben um 1400 gelebt – kirchengeschichtlich gesehen also vorreformatorisch, was eine eher weitläufige Verwandtschaft ergibt. Aber wir haben uns, wie alle Mitglieder unserer weitläufigen Familie, miteinander verwandt gefühlt. Und auf einigen der alle zwei Jahre stattfindenden Familientage haben wir uns persönlich getroffen. Unter den bis zu 200 Bülows war dann auch er, ein netter, freundlicher älterer Herr, offen und gesprächsbereit, völlig unprätentiös und überhaupt nicht eitel.

Auf einem dieser Familientage hat er mir er als Theologen ein besonderes Geschenk gemacht: ein Knollennasenmännchen mit Beffchen und Heiligenschein. Ein Unikat. Ein ganz besonderes Andenken, das ich aber aus Urheberrechtsgründen nicht öffentlich zeigen kann. Seine Knollennasenmännchen waren und sind unverwechselbar. Seine TV-Sketche sind Klassiker schon zu Lebzeiten gewesen, die beiden Herren in der Badewanne, Weihnachten mit Hoppenstedts oder der Lottogewinner Erwin Lindemann (dessen Tochter mit dem Papst eine Herrenboutique in Wuppertal eröffnen wollte). Seine Filme „Ödipussi“ und „Pappa ante portas“ haben gezeigt, dass er auch das große Format „konnte“. Er beherrschte diese verschiedenen Formate meisterlich. Aber seine eigentliche Stärke war die Beobachtung. Sein scharfer Blick für menschliche Charakterzüge verband sich mit einem milden Tadel für diese Schwächen. Zumindest war die Milde sein Mittel, damit seine kritischen Anmerkungen zu der Gesellschaft seiner Zeit von möglichst vielen Mitgliedern dieser Gesellschaft auch wahrgenommen wurde.[6]

Wie so viele in Deutschland und auch in der evangelischen Kirche habe ich seine Sketche, Zeichnungen, Filme, Inszenierungen mit großem Vergnügen gesehen; viele Formulierungen haben sich auch bei mir in den alltäglichen Sprachgebrauch eingeschlichen, zum Beispiel das schlichte „Ach, was?!“. Sein feiner Sinn für die menschlichen Stärken und Schwächen hat vermutlich nicht nur mich dabei immer wieder wie in einen Spiegel schauen lassen.[7] Dass er – anders als so manche(r) andere Comedian – schlechte Witze über Gott und die Kirche unterlassen hat, verstärkt aus meiner Sicht nur das Niveau seines Humors, der nicht nur seiner familiären Herkunft wegen vornehm genannt werden kann. Andere haben seine Grundhaltung auch zutreffend als „gelassen, heiter, verzweifelt“[8] bezeichnet. Von seinen Kollegen wurde er als „Komikklassiker“ (Robert Gernhardt)[9] oder als „beliebtester deutscher Komiker“ (Otto Waalkes)[10] bezeichnet.

Mit 87 Jahren ist er 2011 in einem biblischen Alter gestorben. In Psalm 90,10 heißt es „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre.“ In seinen letzten Lebensjahren hatte er sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und trat nicht mehr aktiv als Humorist in Erscheinung. Zwei Jahre nach seinem Tod wurden über 400 unveröffentlichte Zeichnungen von Loriot in einer großen „Spätlese“ veröffentlicht. Die als „Nachtschattengewächse“ im Schlussteil des Werks bezeichneten Bilder entstanden in schlaflosen Nächten und sind anders als der Rest, nämlich kubistisch, dadaistisch, verquer und weniger offensichtlich komisch.

Fünf Jahre vor seinem Tod wurde er in einem Streiflicht der „Süddeutschen Zeitung“ dahingehend zitiert, dass er ab und an mit Frau und Freunden über Friedhöfe marschiere und nach einer geeigneten letzten Ruhestätte Ausschau halte. Solches abschiedliche Leben war keineswegs makaber, sondern zeigte die fröhliche Gelassenheit, mit der er dem Tod ins Auge blickte. „Ich glaube“, hat Loriot damals gesagt, „dass der liebe Gott lachen kann“.[11] Auch wenn wir darüber trauern, dass wir nicht mehr mit dem lebenden Loriot lachen können, so können wir uns doch darüber freuen, dass er mit dem lebendigen Gott lachen kann.


[1] Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur IV/21, Nr. 230: Loriot.
[2] SZ-extra „Kultur und Zeitvertreib“ vom 12. Mai 2021.
[3] Vgl. Max Wellinghaus, Loriot. Kleine Anekdoten aus dem Leben eines großen Humoristen, München 2. Aufl. 2018, S. 7.
[4] „‘Sind Sie mit Loriot verwandt?‘ – diesen Satz kennt jede(r) Bülow hierzulande. Die Frage kann immer mit gutem Gewissen bejaht werden.“ Angelika v. Bülow, „Alle Diemirs sind verwandt“, in: Daniel Keel (Hg.), Loriot und die Künste. Eine Chronik unerhörter Begebenheiten aus dem Leben des Vicco von Bülow zu seinem 80. Geburtstag, Zürich 2003, S. 28-30, Zitat S. 28.
[5] Vgl. Daniel Faustmann, unter Mitarbeit von Henning und Detlev Werner von Bülow, Vierzehn Kugeln auf blauem Schild. Die Bülows in der Geschichte, hg. durch den von Bülow’schen Familienverband. Schwerin 2014.
[6] „Das geladene Publikum lacht. Die Ehrengäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur lachen. Jeder einzelne glaubt von sich, nicht gemeint zu sein. Wenn sie sich da mal nicht irren.“ Eckhardt Pabst, „Das Bild hängt schief!“ Loriots TV-Sketche als Modernisierungskritik, in: text und kritik (Anm. 1), S. 34-52, Zitat S. 50.
[7] „Er hält unserem Gesprächsverhalten auf komische, überzogene, ja groteske, niemals pädagogisierende Weise den Spiegel vor und zeigt uns das Absurde daran.“ Ulla Fix, Was ist das „Loriot’sche“ an Loriot? Eine Betrachtung seiner „Ehe-Szenen“ aus der Perspektive der kommunikativen Ethik, in: text und kritik (Anm. 1), S. 86-95, Zitat S. 95.
[8] Reinhard Baumgart, Gelassen, heiter, verzweifelt, in: text und kritik (Anm. 1), S. 59-69.
[9] Robert Gernhardt, Klassiker!, in: Daniel Keel (Anm. 4), S. 52-54, Zitat S. 53.
[10] Otto Waalkes, Zum Quietschen schön. Interview mit Susanne Hermannski, in: SZ-extra (Anm. 2).
[11] Vgl. Loriots Antwort im Interview mit Franziska Sperr / Jan Weiler, „Altern ist eine Zumutung“. Ein Gespräch, in: Daniel Keel (Anm. 4), S. 154-177, Zitat S. 172: „Was kommt nach dem Tod? Der Himmel, hoffe ich. Ich habe mir meinen Kinderglauben an den lieben Gott bewahrt. – Wissen Sie, was auf Ihrem Grabstein stehen soll? Zweckmäßig wäre es, wenn der Name darauf stünde.

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Kirchliches

Vielfalt trotz Lockdown

Am Donnerstag, den 11. August 2021, veröffentlichte die Evangelische Kirche von Westfalen die Ergebnisse einer Umfrage zu den Gottesdiensten an den Weihnachtstagen 2020 mit dem Titel „Vielfalt trotz Lockdown“.

In meinem Vorwort (vom 2. Juli 2021) dazu habe ich den Kontext der Umfrage erläutert:

„Die Risikobewertung des RKI wurde angepasst. Das RKI schätzt nunmehr die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland insgesamt als sehr hoch ein.“ (täglicher Lagebericht des RKI zur Coronavirus-Krankheit 2019 (COVID-19), 15. Dezember 2020 -aktualisierter Stand für Deutschland)
So fasste das Robert-Koch-Institut die aktuelle Lage am 15. Dezember 2020 in der Corona-Pandemie zusammen und präzisierte: „Aktuell ist weiterhin eine hohe Anzahl an Übertragungen in der Bevölkerung in Deutschland zu beobachten. Daher wird dringend appelliert, dass sich die gesamte Bevölkerung noch stärker als bisher für den Infektionsschutz engagiert. Seit dem 4. Dezember 2020 ist ein starker Anstieg der Fallzahlen zu beobachten. Die Inzidenz der letzten 7 Tage liegt deutschlandweit bei 174 Fällen pro 100.000 Einwohner.“ In Nordrhein-Westfalen betrug die 7-Tage-Inzidenz für an das RKI übermittelte COVID-19-Fälle 172.
In dieser Situation veröffentlichte die Evangelische Kirche von Westfalen „schweren Herzens“ ein Corona-Update, in dem eine von landeskirchlichem Corona-Stab und der Konferenz der Superintendentinnen und Superintendenten ausführlich diskutierte „dringende Empfehlung“ veröffentlicht wurde. Im Kern enthielt das Update diese beiden Punkte:
„Die Evangelische Kirche von Westfalen hält es angesichts der gegenwärtigen und deutlich veränderten Lage – trotz der bisher bewährten Schutzkonzepte – für ein Gebot der Vernunft, auf Versammlungen von Menschen möglichst zu verzichten, um Menschen nicht zu gefährden. Darin erkennen wir – im Respekt vor den Entscheidungen anderer Landeskirchen und Bistümer – zu diesem Weihnachtsfest unseren Auftrag, der Liebe Gottes zu den Menschen zu entsprechen. Deshalb empfehlen wir den Kirchengemeinden in der EKvW dringend, ab sofort und über die Weihnachtsfeiertage – voraussichtlich – bis zum 10. Januar 2021 auf alle Präsenzgottesdienste und andere kirchliche Versammlungen (in Gebäuden
und unter freiem Himmel) zu verzichten.“
Dies wurde gleichzeitig auch von Präses Dr. h. c. Annette Kurschus im WDR-Regionalfernsehen bekannt gegeben und erläutert.

Diese Empfehlung erregte naturgemäß einiges Aufsehen. Viele Rückmeldungen aus den westfälischen Kirchengemeinden zeigten: Die weitaus meisten Gemeinden verstanden die Empfehlung als konstruktive Hilfestellung in einer schwierigen Entscheidungssituation. Der Paderborner Theologieprofessor Harald Schroeter-Wittke äußerte öffentlich: „Ich bin stolz auf meine westfälische Kirche! Das ist nicht nur gesellschaftlich, sondern auch theologisch weitsichtig!“ (zitiert nach: Reinhard Mawick, „Stolz auf meine westfälische Kirche!“ Notizen um das Pro und Contra von Präsenzgottesdiensten am 24. Dezember, in: zeitzeichen vom 22. Dezember 2020).
Aber es gab auch Kritik an diesem Vorgehen, sowohl innerhalb wie außerhalb der EKvW. Mancher vermisste die Abstimmung der Landeskirche mit den eigenen Gemeinden oder mit anderen Kirchen, manche sah die eigenen, bisher bewährten Schutzkonzepte als ausreichend zur Infektionsvermeidung an.

Zweifellos handelte es sich um einen umstrittenen Entschluss. Denn es war klar, dass sich viele Menschen gerade in diesem Pandemie-Jahr besonders nach den Weihnachtsgottesdiensten und nach Gemeinschaft sehnten. Die Botschaft vom rettenden Kommen Gottes in unsere Welt blieb gerade dann wichtig. Deshalb wurde zum Beispiel bis zuletzt diskutiert, ob zumindest Freiluft-Gottesdienste empfohlen werden könnten. Die Entscheidung dagegen und somit ein vollständiges Umdenken und Umplanen war durch die Dynamik des Pandemiegeschehens motiviert. Der RKI-Appell lautete, Kontakte soweit wie möglich zu reduzieren oder ganz zu vermeiden. In dieser Situation das genaue Gegenteil zu tun und Menschen zu versammeln, schien der Evangelischen Kirche von Westfalen nicht angemessen. Das schloss die schmerzhafte Empfehlung ein, auf physische Versammlungen zum Gottesdienst zu verzichten.
Gleichzeitig war klar: Weil das Feiern von Gottesdiensten aufgrund der Religionsfreiheit in Deutschland nicht untersagt worden war, bestand weiterhin die Möglichkeit dazu. Landeskirchliche Verbote sieht das westfälische Kirchenrecht zu Präsenzgottesdiensten im Blick auf die diesbezügliche Eigenverantwortung der Kirchengemeinden nicht vor. Deshalb stand es Gemeinden frei, in der Weihnachtszeit 2020 verantwortlich zu einem Präsenzgottesdienst einzuladen.
Die Kirchengemeinden wurden ausdrücklich dazu ermuntert, statt der traditionellen Präsenzgottesdienste kreative andere Verkündigungsformate zu nutzen: digital übertragene Gottesdienste, Verteilmaterial für Weihnachtsandachten im häuslichen Kontext (ein dazu geplantes Magazin ließ sich leider landeskirchlich nicht realisieren), offene Kirchen als Orte der Stille und des Gebets sowie manches mehr. Die evangelische Kirche hat nicht geschwiegen, sie hat andere Formen der Kommunikation des Evangeliums praktiziert. Gottesdienste wurden nicht abgesagt, sie wurden anders gefeiert.
Wie genau diese Feier anders war, das wollte der Corona-Stab der EKvW Anfang 2021 wissen und befragte deshalb die evangelischen Kirchengemeinden in Westfalen mit einementsprechenden Fragebogen. Dieser Fragebogen wurde von Dr. Peter Jacobebbinghaus ausgewertet. Die im Fragebogen enthaltenen Antworten auf offene Fragen hat Pfarrer Carsten Haeske interpretiert. Beiden sei herzlich dafür gedankt

Wir hoffen, dass diese Broschüre dazu beitragen kann, zum besseren Verstehen der kirchlichen Lage beizutragen und so etwas Licht in „das Dunkel des gelebten Augenblicks“ (Ernst Bloch) zu bringen.
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der ausgewerteten Umfrage liegt die 7-Tage-Inzidenz in Nordrhein-Westfalen bei 5,6. Angesichts steigender Impfquoten und bei weiterer Einhaltung von notwendigen Vorsichtsmaßnahmen erscheint die Hoffnung auf einen guten Sommer mit Präsenzgottesdiensten und Gemeindegesang als begründet. Aber ob angesichts von hoch ansteckenden Virus-Mutationen und in der kälteren Jahreszeit Weihnachtsgottesdienste 2021 anders als im Vorjahr wirklich wieder ohne Bedenken präsentisch gefeiert werden können, ist derzeit nicht mit Sicherheit zu sagen. Dass die Gemeinden, die positive Erfahrungen mit digitalen Gottesdiensten gemacht haben, dies auch zukünftig fortsetzen werden, ist dagegen nicht nur zu erwarten, sondern auch zu erhoffen. Denn die digitalen Gottesdienste gehören spätestens seit Weihnachten 2020 zur erfreulich selbstverständlichen Vielfalt von Gottesdienstformaten nicht nur in der Evangelischen Kirche von Westfalen.“

Die Broschüre kann auf der Download-Seite der EKvW als pdf-Datei heruntergeladen und in Papierform kostenlos im Kirchenshop Westfalen bestellt werden.

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Kirchliches

You can never be too dead for resurrection

I: Auferstehung des Fleisches?

„Ich glaube an die Auferstehung der Toten.“ So bekennt es die christliche Gemeinde sonntags im Gottesdienst. Doch die ursprüngliche Formulierung war nicht: „Auferstehung der Toten,“ sondern „Auferstehung des Fleisches.“ – Auferstehung des Fleisches, ganz handfest, ganz wörtlich, ganz körperlich. Auferstehung des Fleisches, daran zu glauben, ist nicht einfach. Viele Fragen türmen sich auf: Wie soll das funktionieren, dass ein im Grab verwester Körper wieder zum Leben erweckt werden kann? Setzen sich die verstreuten Atome dann einfach wieder zusammen? Oder, um es noch anschaulicher auszudrücken: Was passiert beispielsweise, wenn ein Beinamputierter beerdigt wurde? Aufersteht er mit oder ohne sein Bein? Und so weiter, die Liste der Fragen ließe sich fast beliebig verlängern.

In Deutschland haben evangelische und katholische Kirche erst in den 1970er Jahren gemeinsam beschlossen, die Formulierung des Glaubensbekenntnis abzuändern. Man wollte wohl die Anstößigkeit abmildern, die der alte Text hervorgerufen hatte. Und jetzt heißt es in den Gottesdiensten statt „Auferstehung des Fleisches“ jetzt „Auferstehung der Toten.“

Doch viele Fragen bleiben. Immer wieder hat es Diskussionen darüber gegeben, wie denn die Auferstehung zu verstehen sei. In der Mitte des letzten Jahrhunderts standen die Namen zweier Theologen exemplarisch für verschiedene Antwortmöglichkeiten. Sehr vereinfacht gesagt: Auf der einen Seite Karl Barth (1886-1968). Er bekannte sich zur Tradition, sagte ja zur Vorstellung von der Auferstehung des Fleisches. Auf der anderen Seite Rudolf Bultmann (1884-1976). Er hielt es für unmöglich, im 20. Jahrhundert noch so von der Auferstehung zu sprechen, wie es die Menschen zur Zeit der Entstehung des apostolischen Glaubensbekenntnisses taten, also gut 1400 Jahre zuvor. Das meiste, was über Auferstehung ausgesagt worden war, hielt er für mythische Sprachformen. Und er meinte, man müsse sich vom Mythos trennen, wenn man zum eigentlichen Kern der christlichen Botschaft vorstoßen wolle.
Wovon hier die Rede ist, zeigt ein Cartoon:

Christopher Frey, Vorlesung: Einführung in die Theologie Karl Barths. Sommersemester 1986. Ruhr-Universität Bochum, Bochum 1986

Er ist vielleicht etwas überspitzt, aber das verdeutlicht nur, worum es geht. Hier geht es um zwei Positionen, die sich anscheinend unüberbrückbar gegenüberstehen. Auf den Ruf der himmlischen Posaune hin bricht Karl Barth, erkennbar an seiner Brille und seiner Pfeife, so wie er gelebt hat, aus dem Grab hervor. Rudolf Bultmann bleibt liegen.

Dahinter steht die Frage nach der Auferstehung des Fleisches. Sie ist eine der umstrittensten im Zusammenhang der Rede von der Auferstehung der Toten. Wie kann man sich das vorstellen?

II: Leib-seelische Auferstehung in der Bibel

Nicht immer ist in der Bibel die Vorstellung einer Auferstehung der Toten selbstverständlich gewesen. In frühen Texten des Alten Testaments wie beispielsweise Psalm 88 kommt deutlich zum Ausdruck, dass man damit rechnete, mit dem Tode sei alles aus. Alles, sogar die Beziehung zu Gott. Erst langsam kommt die Überzeugung zum Durchbruch, dass die Macht und die Liebe Gottes auch mit dem menschlichen Tod nicht aus seien. Diese Überzeugung widerspricht zunächst aller Erfahrung und so ist sie überaus schwer mit Mitteln der Sprache auszudrücken. Spätere biblische Texte versuchen das in Bildern zu sagen, zum Beispiel durch das Bild des Aufstehens vom Schlaf. Aufstehen, oder – im Deutschen noch etwas intensiver – auferstehen, mit dieser Metapher versuchten die alten Israeliten das zu sagen, was eigentlich unsagbar ist: Es gibt ein Leben nach dem Tod. Das zwölfte Kapitel im Buch des Propheten Daniel ist ein Text, der diese Hoffnung benennt. Dabei ist im alttestamentlichen Denken eines klar: Der Mensch ist ein ganzheitliches Wesen. Der Mensch lässt sich nicht aufteilen in einerseits Seele und andererseits Körper. Der Mensch ist eine leib-seelische Einheit.

Im Neuen Testament spielt die Auferstehung eine zentrale Rolle. Vor allem die Auferstehung Jesu Christi. Er stirbt am Kreuz – und wird dann von Gott auferweckt. Sein Grab ist leer, und als die Jünger und Jüngerinnen sich darüber noch wundern, erscheint er ihnen. Sie sehen ihn. So kommt es zum Grundbekenntnis der ersten Christen: „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden.“ Eine neutrale Bezeugung der Auferweckung Jesu Christi von den Toten gibt es nicht. Jeder, der ihn nach seinem Tod und seiner Auferstehung gesehen hat, gehörte zur christlichen Gemeinde. Entweder gehörte er schon vorher zu den Jüngern und Jüngerinnen Jesu, wie zum Beispiel Petrus und Maria Magdalena. Oder er kam zur Gemeinde hinzu, wie zum Beispiel Paulus. Aber die Wirkung war für alle gleich. Diese eine Auferstehung hat eine ungeheure Bedeutung: Sie zeigt, dass Gott mächtiger ist als der Tod. Mit dem Tod ist eben nicht alles aus. Im Grunde kommen alle theologischen Aussagen des Neuen Testaments von dieser Überzeugung her: Das Vertrauen auf Gott, das Leben in der christlichen Gemeinschaft, aber auch die Rechtfertigung allein aus Glauben. Paulus, der hier einen besonderen Schwerpunkt setzt, schreibt in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth: „Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden“ (1. Kor. 15, 17).
Die Situation war noch sehr verworren im jungen Christentum. Augenscheinlich gab es in der christlichen Gemeinde in Korinth Menschen, die meinten, sie könnten Christen sein, ohne an die Auferstehung zu glauben. Dahinter stand das philosophische Menschenbild, das in Griechenland vorherrschte: Hier war es üblich, Körper und Seele voneinander getrennt zu betrachten. Und die Seele war das, was wirklich zählte. Der Körper dagegen war nur eine Art zeitweiliger Aufenthaltsort für die Seele. Und so war nach ihrer Auffassung klar: Der Körper ist es nicht wert, aufzuerstehen. Das kommt nur der Seele zu. Folglich konnte auch Christus nicht so auferstanden sein, wie es seine Jünger erzählt hatten. Und die Korinther hatten noch weitere Anfragen: Wie soll das denn funktionieren bei der Auferstehung aller Toten? Welcher Leib soll denn da auferstehen?
Paulus sagt demgegenüber ein Doppeltes: Zum einen: Christus ist auferstanden. Das habe ich euch gepredigt, das ist Zeugnis aller Jünger, angefangen von Petrus, der ihn gesehen hat. Das ist Zentrum unserer Botschaft. Das kann man nicht einfach so umdeuten oder weginterpretieren. Denn es ist wichtig für unsere Zukunft: Christus ist der „Erstling unter denen, die entschlafen sind“ (1. Kor 15,20). Die Johannes-Offenbarung nennt das ähnlich: „Der Erstgeborene von den Toten“ (Offb 1,5). Also in beiden Fällen: Hier hat etwas angefangen, was für alle Menschen Bedeutung hat. Gott hat diesen einen Menschen auferweckt – und damit den Tod überwunden. Das ist der Anfang vom Ende – für den Tod. Und gleichzeitig der Anfang für die Auferstehung aller Toten, der Anfang vom neuen Leben. Oder in Kurzform: „You can never be too dead for resurrection“ (so ein schottisches Graffiti, nach: Ingolf U. Dalferth, Volles Grab, leerer Glaube? Zum Streit um die Auferweckung des Gekreuzigten, in: ZThK 95/1998, S. 379-409).
Aber zurück zu Paulus. Er sagt den Korinthern noch ein Zweites: Natürlich wird es eine ganzheitliche Auferstehung der Toten geben. Nicht nur die Seele, auch der Körper wird auferstehen. Aber: Dabei findet eine Verwandlung statt. Der neue, geistliche Leib ist nicht exakt derselbe wie der alte, natürliche Leib. Und weil er wieder an die Grenzen dessen kommt, was man mit Sprache überhaupt noch ausdrücken kann, greift Paulus auf ein Bild, eine Metapher zurück: Es ist, sagt er, wie beim Säen. Das Samenkorn, das gesät wird, verwandelt sich, muss sich verwandeln. Erst dann kann eine neue Pflanze entstehen. Ohne das Samenkorn keine Pflanze – aber beide sind nicht ein und dasselbe. „So auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich“ (1. Kor 15,42).
Das Modell das Paulus hat sich durchgesetzt in der Urchristenheit. Es gab immer wieder Theologen, die so stark von der griechischen Philosophie beeinflusst waren, dass sie das leib-seelische, ganzheitliche Menschenbild ablehnten. Aber sie blieben in der Minderheit. Die „Auferstehung des Fleisches“ wurde in das christliche Glaubensbekenntnis aufgenommen. Auch die Reformatoren haben diese Vorstellung übernommen.

III: Verwandlung und Neuschöpfung

Aber das heißt nun nicht, dass wir das auch so denken müssen. Wir können uns selbst eine Meinung bilden. Die biblischen Texte sind vor zwei- bis dreitausend Jahren verfasst worden, und selbst die Reformatoren haben fast ein halbes Jahrtausend vor uns gelebt. Sie hatten nicht unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse oder technischen Fähigkeiten zur Verfügung. Sie mussten für ihren Glauben Worte und Bilder finden, die aus ihrer Zeit stammten. Sind mit dieser Zeit auch die Worte und Bilder vergangen, ja, ist vielleicht mit dieser Zeit auch der Glaube veraltet? Diese Frage zu stellen, darf nicht verboten sein. Im Gegenteil: Sie ist sehr wichtig. Denn es kommt darauf an, dass der Glaube immer wieder neu seine Aktualität beweist. Wenn der Glaube nicht ausgedrückt werden kann in der Sprache der jeweiligen Zeit, dann verliert er seine Bedeutung.

Deshalb müssen Fragen gestellt werden. Zum Beispiel solche, wie ich sie am Anfang erwähnt habe: Was passiert, wenn ein Beinamputierter beerdigt wurde? Aufersteht er mit oder ohne sein Bein? Die erste Möglichkeit, darauf zu antworten, ist ehrlich und richtig, aber sie befriedigt vielleicht nicht völlig. Sie lautet: Wir wissen es nicht. Wir können es auch gar nicht wissen, weil man über die Zukunft nichts wissen kann. Wir können es erst dann wissen, wenn es soweit ist. Wie gesagt, diese Antwort ist richtig. Aber sie hinterlässt einen etwas schalen Nachgeschmack, weil sie im Grunde der Frage ausweicht. Deshalb versuche ich eine zweite Möglichkeit, auf die Frage zu antworten: Ich halte daran fest, dass der Körper auferstehen wird – und damit grenze ich mich gegen die Meinung ab, wie sie auf dem Cartoon vorhin Rudolf Bultmann zugeschrieben wurde. Ich halte es aber im Rahmen meines Weltbilds nicht für möglich, dass sich alle Atome wieder so zusammensetzen, wie sie im Moment des Todes waren. Zwar haben die Quantenphysik und die Chaosforschung bereits im 20. Jahrhundert erwiesen, dass viel mehr möglich ist, als es das rein mechanistische Weltbild des 19. Jahrhunderts zulassen konnte. Dennoch: Das heißt nicht, dass wir wieder das Weltbild der Antike übernehmen müssen. Deshalb kann ich mir Auferstehung auch nicht buchstäblich so vorstellen, wie der Cartoon es bei Karl Barth dargestellt hat. Es wird eine Verwandlung geben, hat Paulus im 1. Korintherbrief geschrieben. Das Alte wird nicht einfach so aus diesem Leben in das neue Leben hinübertransportiert werden. Sonst würde im Grunde alles beim Alten bleiben. Und damit wäre auch der Tod in seiner ganzen Ernsthaftigkeit, in seiner ganzen schrecklichen Tiefe nicht ernstgenommen. Aber es gilt auch: Wenn das Alte sozusagen neu-geschaffen wird, muss nicht etwas völlig Neues geschaffen werden. Unsere menschliche Identität hängt nicht an den Einzelheiten unseres Körperbaus, sondern daran, dass Gott uns als seine geliebten Geschöpfe identifiziert. Unsere menschliche Identität wird deshalb den Tod überdauern, weil Gott uns geschaffen hat und er uns auch von der Neuschöpfung nicht ausschließen wird. In der Johannes-Offenbarung heißt es im 21. Kapitel: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein“ (Offb. 21,4). Auch das ist ein Bild, eine Metapher, und keine Tatsachenbeschreibung, wie sie ein Fernsehreporter aufzeichnen könnte. Aber dieses Bild ist aus zwei Gründen wichtig; es hilft bei der Beantwortung der Frage, wie man sich das denn nun vorzustellen habe mit dem amputierten Bein. Zum einen: Es ist eine sehr leibliche Metapher. Auch die Auferstandenen haben Augen, von denen Gott die Tränen wegwischt. Zum anderen: Mit dem Tod ist auch das Leid überwunden, sind Geschrei und Schmerz verschwunden. Und dann wird es auch keine Beeinträchtigungen des Lebens mehr geben, keine Einschränkungen durch fehlende Gliedmaßen oder ähnliches. Ob ich mir das so vorstellen muss, dass der Beinamputierte dann wieder zwei Beine hat, oder ob es eine andere Lösung geben wird, ob der neugeschaffene Körper Beine haben wird oder nicht, das übersteigt meine Vorstellungskraft. Das ist Spekulation. Nicht Spekulation ist die Zusage Gottes, der – übrigens im selben Kapitel der Johannes-Offenbarung (Offb. 21,5) – versprochen hat: „Siehe, ich mache alles neu!“

Meine Hoffnung richtet sich darauf, dass Gott alles neu machen wird, das Gott alles gut machen wird. Wie wenig kann ich endgültige Antworten geben. Wie unzureichend können meine Worte das ohne Widersprüche darstellen, auf was ich hoffe. Aber auch Paulus war kein Theologe, der ein für allemal und völlig widerspruchsfrei das aufgeschrieben hat, was er geglaubt hat. In den Jahren seines Wirkens hat sich auch manches in seiner Vorstellungswelt verändert. Manches hat er in verschiedenen Briefen auch ganz bewusst anders ausgedrückt, weil es an andere Empfänger gerichtet war. Und das gilt auch über Paulus hinaus für die ganze Vielfalt neutestamentlicher Autoren, ja biblischer Texte überhaupt. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn es auf manche Fragen keine einheitliche Antwort gibt, keine, die sozusagen ein für allemal alles klar stellt.

IV: Der Zeitpunkt der Auferstehung

Eine weitere dieser Fragen ist die nach dem Zeitpunkt der Auferstehung: Wann werden die Toten auferstehen? Oder persönlicher formuliert: Wann werden wir auferstehen? Eine Antwort steht im zweiten Kapitel des Epheserbriefs. Dort heißt es, dass Christen im Moment ihrer Bekehrung bereits auferweckt sind. Die Auferstehung ist also schon geschehen. Das andere Extrem ist der sogenannte Jüngste Tag am Ende der Zeiten. So steht es im vierten Kapitel des ersten Thessalonicherbriefs. Bis zu diesem Ende der Zeiten – so die entsprechende Vorstellung – schlafen die Toten. Erst dann werden sie alle gleichzeitig auferweckt. Die dritte Möglichkeit ist im ersten Kapitel des Philipperbriefs angedeutet: Im Moment des Todes geschieht die Auferstehung. Diese Ansicht liegt auch dem Wort aus dem Lukas-Evangelium zugrunde, das Jesus am Kreuz zu dem Verbrecher an seiner Seite sagte: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43).
Diese drei unterschiedlichen Terminvorstellungen kann man kaum in Übereinstimmung miteinander bringen. Das liegt daran, dass hier etwas geschieht, was mit menschlichen Zeitbegriffen nicht zu fassen ist. Nach göttlichen Maßstäben wird dies anders sein. Gottes Zeitbegriffe sind anders als unsere. In Psalm 90,4 heißt es: „Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist“. Wer tot ist, ist nicht mehr menschlichen Zeitmaßstäben unterworfen, sondern ist in Gottes Zeit, Gottes ewiger Gegenwart. Von hier aus hat jemand einmal gesagt: Auf die Frage, wie lange es denn sei von dem biologischen Tod eines Menschen bis zur endzeitlichen Auferweckung aller Toten – auf diese Frage gebe es im Grunde nur eine Antwort: Genau einen Augenblick!

V: Gottesbild und Auferstehungsvorstellung

Für Paulus und andere neutestamentliche Autoren hängt die ganze Theologie, das ganze Gottesbild, an der Rede von der Auferstehung. Die Gedichte des Berner Pfarrers Kurt Marti (1921-2017) sind ein Beispiel dafür. Eines heißt „auferstehung“ (Kurt Marti, Leichenreden, Frankfurt a.M. 1976, S. 25):

ihr fragt wie ist die auferstehung der toten?
ich weiß es nicht
ihr fragt wann ist die auferstehung der toten?
ich weiß es nicht
ihr fragt gibt‘s eine auferstehung der toten?
ich weiß es nicht
ich weiß nur
wonach ihr nicht fragt:
die auferstehung derer die leben
ich weiß nur wozu Er uns ruft:
zur auferstehung heute und jetzt

All‘ die genannten Fragen lässt Kurt Marti sein Gegenüber auch stellen. Auferstehung der Toten: „Wie? Wann? Ja oder nein?“ Und Marti antwortet viermal: „ich weiß es nicht.“ Das ist richtig. Wir alle wissen es nicht. Aber diese stereotype „ich weiß es nicht“ bleibt unbefriedigend. Auch Kurt Marti weiß, dass man mehr sagen muss als „ich weiß es nicht.“ Und er sagt mehr. Denn nachdem die ersten vier Strophen mit dem Nicht-Wissen geendet haben, beginnen die letzten beiden Strophen mit dem Wissen: „ich weiß.“ Und was wird da gewußt? „die auferstehung derer, die leben“ – so heißt es in der vorletzten Strophe. Also nicht die Auferstehung der Toten, sondern die Auferstehung der Lebenden. Etwa im Sinne des Sponti-Spruches „Gibt es ein Leben vor dem Tod?“ Oder, wie es die letzte Strophe noch genauer ausdrückt: „auferstehung heute und jetzt.“ Das verlagert die Fragestellung – und, wie ich meine, das weicht der eigentlichen Fragestellung aus. Selbstverständlich müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie das Leben vor dem Tod aussieht. Christen dürfen nicht immer nur auf das Jenseits vertrösten, sondern müssen auch im Diesseits leben. Aber: Sollen wir uns wirklich nur noch mit der „Auferstehung heute und jetzt“ beschäftigen? Reicht uns das aus? Gibt uns das Kraft? Spendet uns das Trost, wenn wir trauern?
„Ich weiß nur, wozu Er uns ruft…“ – Wer so formuliert, macht Auferstehung zu einer Aufgabe. Einer Aufgabe, zu der Gott uns ruft, einer Aufgabe, die wir selbst erledigen müssen. Dann müssen wir Auferstehung „machen.“ Mich überfordert das. Ich kann Auferstehung nicht „machen.“ Ich kann mir Auferstehung nur schenken lassen. Das ist das, was in dem Begriff „auferweckt werden“ steckt. Jesus Christus ist auferweckt worden. Ich hoffe darauf, auferweckt zu werden. Gott ist der, der das macht – nicht ich. Gott wird mich auferwecken – nicht ich mich selbst.

Bei Paulus hängt das ganze Gottesbild an der Auferstehung der Toten. Auch bei Kurt Marti. Das Gottesbild, das hinter seinem Gedicht steht, ist bestimmt durch eine Forderung, durch den Ruf zur Aktivität. Ein fordernder Gott, kein gebender Gott. Wichtig ist die Aufgabe, nicht die Gabe. Das ist allerdings wichtig. Der göttliche Anspruch gehört auch zum Verständnis vom Glauben, zum Gottesbild. Aber der Anspruch darf nicht ohne den Zuspruch bleiben. Sicherlich dürfen Christen und Christinnen nicht die Hände in den Schoß legen, frei nach dem Motto: Wir können ja doch nichts ändern. Aber Christen und Christinnen sollten auch nicht meinen, sie könnten alles selbst in die Hand nehmen. Vor allem, wenn es um die Überwindung des Todes geht. Das kann nur Gottes Sache sein. Denn nur Gott ist mächtiger als der Tod. Zu meinem persönlichen Gottesbild gehört eben nicht nur die Ohnmacht des mit-leidenden Gottes, sondern auch die Macht des alles überwindenden Gottes. Nicht nur das eine, sondern auch das andere. Kurt Marti hat die eine Seite ganz stark betont. Er hat sicherlich seine guten Gründe dafür gehabt. Aber die andere Seite soll nicht vergessen werden.

VI: Reinkarnation – eine christliche Vorstellung?

„Ich glaube an … die Auferstehung der Toten.“- Kein einfacher Teil des Glaubensbekenntnisses. Auch wenn man darauf hofft, von Gott auferweckt zu werden, stellen sich viele Fragen. Einige habe ich genannt: Wie ist das mit der leiblichen Auferstehung zu verstehen? Wann wird die Auferstehung stattfinden? Wie hängt das eigene Gottesbild mit der Vorstellung der Totenauferstehung zusammen? Aber man kann noch viel grundsätzlicher fragen: Wird es überhaupt eine Auferstehung geben, so wie sie im Glaubensbekenntnis ausgesagt wird? Viele Menschen glauben das nicht mehr, auch viele Christen nicht. In einer Umfrage haben 1992 nur 22% aller Christen angegeben, dass sie an eine Auferweckung durch Gott glauben. Immerhin die Hälfte davon, also 11%, glaubten statt dessen an eine Wiedergeburt. Bei Nichtchristen war der Anteil derer, die an Wiedergeburt glauben, noch viel höher. Reinkarnation heißt das Zauberwort, das vielen Menschen attraktiver erscheint als die Auferstehung. Reinkarnation, das heißt für viele: Mein Körper mag sterben, aber meine Seele wird weiterleben. Ein neues Leben in einem neuen Körper, einer neuen Existenz. Im fernöstlichen Buddhismus wird dieser ewige Zirkel der Wiederkehr als Strafe verstanden, eine Strafe, der man erst entkommt, wenn man würdig ist für das Nirwana, das ewige Nichts. Hierzulande wird Reinkarnation dagegen oft nicht als Strafe, sondern als Chance verstanden. Man darf es noch einmal versuchen und bekommt neue Möglichkeiten, ein gelungenes Leben zu leben. Das passiert quasi automatisch, man muss nichts weiter dafür tun. Und einen Gott braucht man dafür auch nicht. Vielleicht hat ein Gott irgendwann einmal den ganzen Prozess in Gang gebracht, aber jetzt spielt er keine Rolle mehr.

Ganz gewiss kann man Gott nicht beweisen und insofern ist dies kein unwiderlegbares Argument gegen die Lehre von der Seelenwanderung. Aber es macht deutlich, dass die Reinkarnationsvorstellung mit dem christlichen Glauben nicht zu vereinbaren ist. Hier gibt es ein Entweder – Oder. Dieser Gegensatz wird noch verstärkt durch weitere Widersprüche, von denen ich drei hier kurz nennen möchte. Erstens: Wo ein personaler Gott durch ein vorgegebenes Schema ersetzt wird, da wird die Erlösung zu einer Aufgabe, die man selbst bewältigen muss. Diese Selbsterlösung widerspricht aber dem, was Christen von ihrem Gott glauben: Dass er der Erlöser ist, weil wir Menschen uns selbst gar nicht erlösen können. Das befreit uns Menschen von dem Zwang, immer alles selbst leisten zu müssen und somit ständig unter Erfolgsdruck zu stehen. Zweitens: Hinter der biblischen Auferstehungshoffnung steht ein völlig anderes Zeitverständnis als bei der Reinkarnationsvorstellung: Bei der Seelenwanderung ist im Grunde ein zirkuläres Zeitverständnis vorausgesetzt: Alles dreht sich im Kreis, alles ist schon einmal dagewesen, die ewige Wiederkehr des Immer-Gleichen. Das biblische Verständnis aber hat einen Anfang und ein Ende, ist also linear. Auf dieser Zeitlinie ist nichts schon einmal dagewesen, alles ist neu und hat seine eigene Würde. Das bringt mich zu dem dritten und letzten Punkt. Nach der Reinkarnationslehre bin ich, der ich hier vor Ihnen stehe, nur die x-te Ausprägung, in der eine unsterbliche Seele wiedergeboren wurde. Im Grunde ist es egal, in welchem Körper sie wiedergeboren wird, im Grunde ist die Form egal. Nach dem biblischen Verständnis, das hinter der Lehre von der Auferstehung steht, ist dies komplett anders. Ich bin einmalig, weil ich nur einmal auf der Zeitlinie vorkomme. Gott hat jeden und jede von Ihnen einmalig geschaffen. Diese Identität kann Ihnen niemand nehmen. Diese Identität wird der Gott, der jeden und jede von uns geschaffen hat, auch über unseren Tod hinaus bewahren.

VII: Zum Schluss: Die Hoffnung

Wie das genau passieren wird, darüber weiß ich nichts. Ich bin aber gespannt darauf, es zu erfahren. Hier bleibt uns nichts übrig, als zu hoffen. Hoffen, dass sich als wahr erweisen wird, was im Glaubensbekenntnis ausgesagt wird: dass der Tod überwunden ist und die Toten auferstehen werden. Hoffen, dass wirklich wird, was Gott uns versprochen hat: dass er uns auferwecken wird und wir für immer bei ihm sein werden.

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Evangelisch sein

EINE (ALLZU) KURZE ÜBERSICHT

Von guten Mächten ….

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, / erwarten wir getrost, was kommen mag. / Gott ist bei uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Dieser beeindruckende Vers bildet den Abschluss eines Gedichts, das der evangelische Theologie Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) schrieb, als er wegen seines Widerstands gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime im Gefängnis saß. Wenige Monate später wurde er hingerichtet. Er gehört zu den bedeutendsten evangelischen Märtyrern des 20. Jahrhunderts, zu den „Zeugen einer besseren Welt“, die uns Vorbild im Glauben sind. Auch deshalb ist seine Dichtung heute immer noch beliebt und wird viel gelesen, auch gesungen: Sie bildet die Textgrundlage für das Lied „Von guten Mächten…“, das im Evangelischen Gesangbuch in allen evangelischen Kirchen in Deutschland zu finden ist (EG Nr. 65).

„Wunderbar geborgen“ konnte Bonhoeffer „getrost erwarten, was kommen mag.“ Auch das, was ihn im Gefängnis und auf dem Weg zur Hinrichtung erwartete? Auch das! Der Grund für Bonhoeffers mutige Taten und für seine Zuversicht auch in dunkelster Zeit war sein Gottvertrauen. Bonhoeffer konnte so handeln und so reden, weil er darauf vertraute, dass Gott „an jedem neuen Tag bei uns“ ist.

Bonhoeffers Lebensthema, auch in seiner Theologie, war die Kirche.

Die Kirche als Leib Christi

Wie in fast allen Religionen ist auch im Christentum die Gemeinschaft besonders wichtig. Hier finden die Begegnungen untereinander und mit Gott statt. Die Kirchengemeinde ist der Ort, an dem Christen diese Gemeinschaft erleben, an dem sie gemeinsam singen, beten, Gottes Wort hören und feiern. In der Gemeinde begegnet uns die Kirche jeweils an einem konkreten Ort. Denn gemäß dem evangelischen Augsburger Bekenntnis von 1530 ist die Kirche überall dort, wo das Evangelium – also die Botschaft von der Gottes Zuwendung zu den Menschen – verkündet wird und die Sakramente der Taufe und des Abendmahls miteinander gefeiert werden. In der Gemeinschaft, die sich um Wort und Sakrament versammelt, glauben wir zugleich die Kirche als den Leib Christi (vgl. 1. Korintherbrief, Kapitel 12). Das Bild des Leibes besagt, dass die Kirche eine Einheit ist, deren Glieder in gleicher Weise bedeutsam sind. Jeder und jede hat ein eigenes Charisma, eine eigene Gabe, die in das gemeinsame Leben der Kirche eingebracht werden kann; und alle sind auf Christus als den gemeinsamen Herrn bezogen.

Es gibt nur eine christliche Kirche. Sie ist der eine Leib Jesu Christi. In ihrer institutionellen Verfasstheit ist diese eine Kirche jedoch auf die verschiedensten Einrichtungen aufgeteilt; in Deutschland hat sich ein Nebeneinander von v.a. katholischer und evangelischer Kirche herausgebildet. Die institutionelle Gestalt ist nicht ohne Belang, jedoch gehört sie aus evangelischer Sicht zu den nicht heilsrelevanten „Mitteldingen“. Nach evangelischer Überzeugung gibt es die Kirche, inspiriert durch Jesus Christus, seit dem Kommen des Heiligen Geistes zu den Menschen, das wir in jedem Jahr zu Pfingsten feiern. Die evangelische Kirche versteht sich dabei als den Teil der Kirche, der durch die Reformation gegangen ist. Im Jahr 2017 haben wir anlässlich des 500jährigen Jubiläums an den Beginn der Reformation gedacht: Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte der Mönch Martin Luther seine 95 Thesen gegen die römisch-katholische Ablasspraxis – und dies führte in der Folgezeit dazu, dass sich die evangelische Gestalt von Theologie und Kirche ausformte.

Evangelisch: Solus Christus, sola fide, sola gratia und sola scriptura

Dabei wird der Begriff evangelisch mit dem Begriff protestantisch oft deckungsgleich gebraucht. Der Akzent des Begriffs „evangelisch“ liegt darauf, dass der Glaube auf dem Evangelium beruht. Dies wurde lateinisch in dem Begriff „sola scriptura“ formuliert: Allein die Schrift, die Bibel sollte der Maßstab sein. Das Evangelium, übersetzt als Frohe Botschaft; ist das Fundament unseres Glaubens an Jesus Christus, über den die Bibel berichtet.

Der Begriff „protestantisch“ hat zunächst eine historische Herkunft: 1529 fand die „protestatio“ (der Protest) der evangelischen Stände beim Reichstag zu Speyer statt. Auch heute ist es manchmal wichtig, dass der Protestantismus „protestiert“ – aber dies nicht nur als reine Anti-Haltung, sondern mit konstruktiven Engagement. Zu dem Ruf „sola scriptura“ treten die Worte „sola fide“ (Allein der Glaube) und „sola gratia“ (Allein die Gnade) hinzu. Die Rechtfertigung ergibt sich ohne Werke allein aufgrund des Glaubens der Menschen und der Gnade Gottes.

Die Rechtfertigung ist nach unserer Überzeugung notwendig wegen der Sünde. Sünde ist Orientierungslosigkeit und Gottferne. Sie markiert eine Position des Unglaubens und der Gottlosigkeit. Diese Sünde hat man nicht dadurch erfasst, dass man einzelne sündige Taten aufzählt. Worum es in dieser Orientierungslosigkeit geht, lässt sich sehr gut im Spiegel der drei „theologischen Tugenden“ Glaube, Liebe und Hoffnung verdeutlichen: Sünde ist ein Leben ohne Glauben, also ohne Beziehung zu Gott als der alles bestimmenden Wirklichkeit. Sünde ist ein Leben ohne Hoffnung, also ohne ein Vertrauen auf die Zukunft, das über die eigene Lebenserwartung und Bestimmungsmacht hinausreicht. Sünde ist ein Leben ohne Liebe, also ohne das innere Vermögen, den anderen Menschen um seiner selbst willen für mein Leben als wichtig anzuerkennen. Der Beginn jeder Gottesbeziehung liegt in der Befreiung aus dem Gefängnis dieser Orientierungslosigkeit. Diese Freiheit von Sünde schenkt Gott in Jesus Christus. Sie ermöglicht die Freiheit zu einem Leben, das sich an den göttlichen Geboten orientiert, wie sie zum Beispiel in den „Zehn Geboten“ des Alten Testaments überliefert sind.

Im allgemeinen Sprachgebrauch meint Erlösung die Rettung aus einer Notlage. In jedem Menschen steckt die Sehnsucht nach einem solchen Gerettet-Werden. Alles, was mein Leben belastet und bedroht, möchte ich loswerden. Religionen nehmen diese Sehnsucht auf und bieten unterschiedliche Erlösungswege. Aus christlicher Perspektive versteht man darunter die Befreiung des Menschen von der Macht der Sünde, von allen inneren und äußeren Zwängen. Der christliche Glaube stellt Jesus als den Erlöser in den Mittelpunkt; er bekennt: „Christus ist mein Leben.“ Durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferweckung hat er alle Menschen erlöst („solus Christus“). Diese Erlösung wird durch Gottes Gnade geschenkt und im Glauben angenommen, sie kann dagegen nicht durch eigene Aktivität erreicht werden. Im Heidelberger Katechismus (1563) wurden dafür folgende Worte gefunden: Der Glaube daran, dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben meinem Erlöser Jesus Christus angehöre, ist mein „einziger Trost im Leben und im Sterben.“ Dies ist der Kern der christlichen frohen Botschaft, der guten Nachricht des Evangeliums.

Die evangelische Kirche hat den Auftrag, den christlichen Glauben in der modernen Welt zu bewahren und zu stärken. Hierbei stellt sich die Frage, wie Modernität und Glauben verbunden werden kann, was immer wieder Spannungen erzeugt. Diese Spannungen oder widerstreitenden Ansprüche sind dann zu gestalten. Eine Ausprägung dieser Spannungen sind die unterschiedlichen Konfessionen, die innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland gemeinschaftlich zusammen leben.

Evangelische Konfessionen und die Evangelische Kirche in Deutschland

Diese Konfessionen, also wiederum Untergruppen des Begriffs „protestantisch“ oder „evangelisch“, sind die folgenden:

Lutherisch: Dies sind evangelische Christen, die vor allem von dem wohl bedeutendsten Reformator Martin Luther (1483-1546) inspiriert wurden. Zu ihnen gehörte auch Dietrich Bonhoeffer. Lutherische Landeskirchen sind z.B. die von Hannover, Nordelbien oder Bayern.

Reformiert (auch: calvinistisch): Dies sind evangelische Christen, die von v.a. Ulrich Zwingli (1484-1531) und Johannes Calvin (1509-1564) beeinflusst wurden. Der Name meint „die nach Gottes Wort reformierte Kirche“. Reformierte Landeskirchen sind z.B. die Lippische und die Evangelisch-Reformierte Kirche.

Uniert: Dieser Begriff leitet sich her von dem Wort Union, das die Vereinigung zwischen v.a. Lutheranern und Reformierten meint. Die Unierten nehmen sozusagen eine Mittelposition zwischen Lutheranern und Reformierten ein. Es gibt verschiedene Ausformungen: die Konsensusunion, z.B. in der badischen Landeskirche, und die Verwaltungsunion, z.B. in den ehemaligen preußischen Landeskirchen (Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, Westfalen u.a.). Bonhoeffer gehörte als Berliner einer solchen unierten Kirche an.

Die Evangelische Kirche in Deutschland“ (EKD) schließlich besteht seit 1945, als am 31. August die Kirchenkonferenz von Treysa die vorläufige Ordnung der EKD beschloss und einen Rat einsetzte. Sie ist die „Gemeinschaft ihrer lutherischen, reformierten und unierten Gliedkirchen. Sie versteht sich als ein Teil der einen Kirche Jesu Christi“, wie es in der Grundordnung der EKD heißt. In der Präambel definiert sie sich selbst so: „Grundlage der Evangelischen Kirche in Deutschland ist das Evangelium von Jesus Christus, wie es uns in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments gegeben ist. Indem sie diese Grundlage anerkennt, bekennt sich die Evangelische Kirche in Deutschland zu dem Einen Herrn der einen heiligen allgemeinen und apostolischen Kirche. Gemeinsam mit der alten Kirche steht die Evangelische Kirche in Deutschland auf dem Boden der altkirchlichen Bekenntnisse. Für das Verständnis der Heiligen Schrift wie auch der altkirchlichen Bekenntnisse sind in den lutherischen, reformierten und unierten Gliedkirchen und Gemeinden die für sie geltenden Bekenntnisse der Reformation maßgebend.

Sie vereinigt die zur Zeit 20 evangelischen Landeskirchen Insgesamt gehören ca. 20,7 Millionen Menschen in 13.500 Kirchengemeinden zur evangelischen Kirche in Deutschland. Die EKD hat nach ihrer Grundordnung drei Leitungsorgane: die Synode, die Kirchenkonferenz und den Rat.

Unverzichtbar zur evangelischen Kirche gehört auch ihre soziale Arbeit. Die Diakonie Deutschland hilft Menschen in eigenen Wohn- und Pflegeheimen, Beratungsstellen, Kindertagesstätten und Krankenhäusern durch Sozialarbeit, Pflegedienste, Telefonseelsorge, Bahnhofsmission und Beratungsstellen mit rund 600.000 hauptamtlichen und ebenso vielen ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Sie leistet auch einen großen Beitrag zur Sozialstaatlichkeit des Grundgesetzes, indem sie die Interessen der Menschen, für die sie tätig ist, gegenüber den politischen Organen vertritt.

In der heutigen Situation ist es von wachsender Bedeutung, dass evangelische Christen „Rechenschaft“ (1. Petrusbrief Kapitel 3, 15) geben können über das, was sie trägt und bewegt. Die Sprachfähigkeit in Glaubensdingen ist gleichzeitig eine zentrale Grundlage und eine wichtige Aufgabe für evangelisches Christsein. Zur Rechenschaft, die von uns gefordert ist, gehört, dass wir wissen, warum wir evangelisch sind. Vor mehreren Jahren hat die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau ein Kommunikationskonzept vorgestellt, um auskunftsfähig zu sein über die guten Gründe für das Evangelischsein. Die Aktion steht unter dem Titel: „Evangelisch aus gutem Grund“. Wir haben guten Grund dazu, evangelisch zu sein, heißt das. Wir können auch gute Gründe dafür nennen. Und, um das Motto etwas abzuwandeln, wir sind auch „evangelisch auf gutem Grund“ – der Grund für unser Evangelischsein ist nicht nur die Kirche als Leib Christi, sondern das gute Heilshandeln des dreieinigen Gottes.

Eine ehrliche selbstkritische Bestandsaufnahme gebietet es, die Kluft nicht zu verschweigen, die sich zwischen Anspruch und Wirklichkeit auftut. Die Wirklichkeit evangelischer Kirche und evangelischen Christseins ist ‑ Gott sei’s geklagt ‑ immer wieder eine kritische Rückfrage an die Botschaft, die uns zusammen mit der ganzen Kirche aufgetragen ist, und der Markenzeichen, die uns durch die Reformation aufgeprägt wurden. Diese Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit erinnert daran, dass die ganze Kirche ‑ nicht weniger als die einzelnen Glaubenden ‑ den „Schatz“ des Evangeliums „in irdenen Gefäßen“ hat, „damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns“ (2. Korintherbrief Kapitel 4, 7).

Europa und die Welt

Auch auf europäischer und weltweiter Ebene wird an der Einheit der Christen gearbeitet – das Miteinander von Kirchen in Europa und der Welt wird als „Ökumene“ bezeichnet. So gibt es die „Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa“ (GEKE), die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft von über 100 lutherischen, reformierten und unierten Kirchen in Europa herstellen konnte. Weltweit versuchen viele christliche Kirchen, ihrer Gemeinschaft im „Ökumenischen Rat der Kirchen“ (ÖRK) Ausdruck und Gestalt verleihen. Das Motto des ÖRK ist aus dem Johannes-Evangelium (Kapitel 17, Vers 21) entnommen: Jesus bittet Gott für seine Jünger, „damit sie alle eins seien“. Trotz aller immer wieder auftretenden Probleme ist dies grundsätzlich ein richtiger Schritt hin auf eine Verwirklichung der inneren Einheit der Kirche Jesu Christi.

Wer bin ich?

Dietrich Bonhoeffer war Zeit seines Lebens ökumenisch engagiert. Und so wie zu Beginn dieser kurzen Darstellung ein Zitat von ihm stand, so soll dieser Text auch mit einem (anderen) Zitat von ihm abgeschlossen werden, das er ebenfalls während seiner Zeit im Gefängnis Ende 1944 verfasst hat. Selbstkritisch fragte er nach seiner eigenen Rolle, nach dem, was er als Person in seiner besonderen Situation wirklich war. Er fand keine abschließende Antwort, wohl aber den guten Grund, auf dem er mit seiner Frage Ruhe finden konnte.

„Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß. […]
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe […]?
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
[…] Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

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Wissenschaftliches

Lehrwerk Praktische Theologie

Isolde Karle, Praktische Theologie (Lehrwerk Evangelische Theologie 7), Leipzig 2020, XVII und 718 S., gebunden, 58€, ISBN 978-3-374-05488-6

In Band 7 des „Lehrwerks Evangelische Theologie“ vermittelt die Bochumer Praktische Theologin Isolde Karle Studierenden „gegenwartsbezogenes theologisches Grundwissen“ und verbindet dies mit einer „praxisorientierten Ausrichtung auf das künftige Berufsfeld“ im Pfarr- und Lehramt (S. V).

Nach einer Beantwortung der für diese Disziplin besonders notwendigen Frage „Was ist Praktische Theologie?“ folgen drei grundlegende Kapitel zu Religion, Kirche und Pfarrberuf in der Moderne. Danach werden die klassischen Felder der Praktischen Theologie behandelt: Homiletik, Liturgik, Poimenik und Kasualien, darüber hinaus die Diakonie und die Medienkommunikation. Ein fast 90-seitiger Serviceapparat mit Literaturangaben und Registern verhilft zur Weiterarbeit.

Der Aufbau jedes Kapitels ist lehrbuchtypisch vergleichbar strukturiert, sodass zunächst biblisch-historische Perspektiven skizziert, bevor aktuelle Debatten luzide dargestellt und präzise diskutiert werden. Regelmäßig fassen optisch hervorgehobene Merksätze die zentralen Erkenntnisse didaktisch hilfreich zusammen.

Die im Vorwort (S. XV-XVII) transparent benannten Grundprinzipien prägen das gesamte Buch: Eine realistische Wahrnehmung der „Ambivalenzen modernen Lebens“ und der „Theologiebezug der Praktischen Theologie“ ergänzen die generellen Lehrwerkperspektiven Interdisziplinarität und Gegenwartsrelevanz. Der Gewährsmann Karles für all dies ist Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Von hier aus versucht Karle, „möglichst objektiv die Pluralität praktisch-theologischer Konzeptionen und Diskurse zu beschreiben“. Die in den beiden Worten „möglichst objektiv“ liegende Spannung lässt sich durchgängig beobachten. Sichtbar ist Karle bestrebt, die angestrebte Objektivität durch Darstellung der unterschiedlichen Positionen zu den verschiedenen Themen durchzuhalten. Aber weil sie zu allen diesen Themen bereits eigene Positionen entwickelt und publiziert hat (vgl. die beeindruckende Zahl ihrer Literaturtitel S. 654-657), ist es unvermeidlich, dass Objektivität nie ungebrochen erreicht wird. So ist, um ein besonders deutliches Beispiel zu erwähnen, das pastoraltheologische Kapitel „Der Pfarrberuf als Profession“ durch Karles gleichnamige Habilitationsschrift geprägt (vgl. bes. S. 141-148). In den abschließenden Ausführungen zur Medienkommunikation führt Karle den historischen Zentralsatz „Das Christentum hat sich immer schon der Medien bedient“ (S. 610) auf die Gegenwart aus, indem sie quasi nebenher die soziologischen Entwürfe von Niklas Luhmann, Armin Nassehi und Dirk Baecker skizziert, die evangelischen Medienpioniere August Hinderer, Robert Geisendörfer und Johanna Haberer ins Spiel bringt und sich dann unter Bezug auf aktuelle Forschung von Kristin Merle, Günther Thomas und Wilhelm Gräb kritisch den gegenwärtigen Massenmedien zuwendet. Vor allem die Social Media bergen für die auch auf Facebook aktive Autorin eher Probleme als Chancen. Über die Frage, ob hier für die gegenwärtige Kommunikation des Evangeliums nicht doch mehr Potenzial vorhanden ist, ließe sich trefflich diskutieren. Ist es im Internet wirklich „nicht möglich, Abendmahl zu feiern und authentische Begegnungen face to face zu haben“ (S. 624), und sind Begegnungsräume im Internet wirklich nicht „real“, „authentisch“ und „interaktiv“ (S. 625)?

Solche Fragen müssen gestellt werden (und sie können anders beantwortet werden), sie dürfen aber nicht davon ablenken, dass Isolde Karle mit diesem Lehrwerk zur Praktischen Theologie ein „Standardwerk“ (R. Kunz in der ThLZ) vorgelegt hat, das Studierende nicht nur bestens auf die theologischen Examina, sondern auch auf den Pfarr- und Lehrberuf vorbereiten wird. Und für alle diejenigen, die bereits in diesen Berufen tätig sind, lohnt sich die Lektüre ebenfalls, weil „sich die Leitung und Gestaltung kirchlicher Praxis nicht von selbst verstehen“ (S. 7f.), sondern der Theologie bedürfen.

(Kirchliches Amtsblatt der Ev. Kirche von Westfalen, Ausgabe 4/2021, S. 35)

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Kirchliches Wissenschaftliches

Künstliche Intelligenz

Die Evangelische Forschungsakademie (EFA) traf sich Anfang Januar 2021 nicht wie gewohnt in der Berliner Stadtmission zur traditionsreichen Januartagung. Die 145. Tagung fand erstmals digital statt; die meisten der Vorträge sind aufgezeichnet worden und stehen als Video weiterhin zur Verfügung..

Die sieben Vorträge standen unter dem Motto „Künstliche Intelligenz. Macht der Maschinen und Algorithmen zwischen Utopie und Realität“.

Die Einführung in die Tagung übernahm Prof. Dr. Thomas von Woedtke, Plasma-Mediziner aus Greifswald und Mitglied des EFA-Kuratoriums.
Seiner Einführung lagen folgenden Überlegungen zugrunde:
Das Thema „Künstliche Intelligenz“ wird derzeit in sehr verschiedenen Formaten und Veranstaltungen intensiv diskutiert und reflektiert. Die EFA-Januartagung 2021 wird diese aktuelle Thematik unter dem Gesichtspunkt behandeln, den vor allem in der (medialen) Öffentlichkeit diskutierten positiven wie negativen technischen Visionen den Versuch einer realistischen Einschätzung der tatsächlichen Möglichkeiten und Grenzen von KI gegenüberzustellen. Dabei kommen auch christlich motivierte Standpunkte von Wünschenswertem und Notwendigem in der Gestaltung der menschlichen Lebenswelt zur Sprache kommen.
An der Einführung und Prägung des Begriffes „künstliche Intelligenz (KI)“ (artificial intelligence – AI), der im Jahr 1956 erstmals gebraucht wurde, war Marvin Minsky (1927-2016) maßgeblich beteiligt, der KI 1966 so definierte: „Künstliche Intelligenz liegt dann vor, wenn Maschinen Dinge tun, für deren Ausführung man beim Menschen Intelligenz unterstellt.“ Damit ist mit dieser Begriffsdefinition die assoziative Verbindung maschineller (Computer-)Systeme und Prozesse mit biologischen und menschlichen Eigenschaften, Fähigkeiten und Prozessen von vornherein angelegt. Weitere Begrifflichkeiten aus diesem Zusammenhang wie Elektronengehirn, maschinelles Lernen, neuronale Netze etc. unterstreichen die Fortdauer dieser anscheinend weitgehend unreflektierten Praxis bis in die Gegenwart. Diese „Biologisierung“ oder „Humanisierung“ menschengemachter und von Menschen nutzbarer technischer Systeme ist vom Ursprung her sicherlich einem seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anhaltenden und in den 1950er und 1960er Jahren noch weitgehend ungebrochenen Technik- und Zukunftsoptimismus geschuldet, der nahezu alles für machbar erachtete und bis heute tatsächlich zu erheblichen, als Fortschritt zu bezeichnenden Forschungs- und Entwicklungsleistungen geführt hat. Nichtsdestotrotz birgt die mit dieser Übernahme von Begrifflichkeiten verbundene Grenzüberschreitung auch erhebliche Probleme. Dies betrifft insbesondere die assoziative Zuschreibung von umfassenden menschlichen Möglichkeiten an technische Systeme, die zu extremen Erwartungshaltungen im Hinblick auf deren zumindest potentielle Leistungsfähigkeit und daraus resultierende Machbarkeitsvisionen führt, die sowohl in höchst optimistischen wie auch apokalyptischen Zukunftsszenarien resultieren. Es scheint bei diesen Visionen und Gedankenspielen oft so zu sein, dass sie weit entfernt von der technischen Realität und tatsächlichen Machbarkeit agieren und oft vor allem auf assoziativen Analogieschlüssen basieren, die vor allem aus den verwendeten Begrifflichkeiten zu resultieren scheinen. Ein Ziel der Januartagung 2021 ist es, solchen Assoziationen entgegenzuwirken, die einer genauen Betrachtung nicht standhalten. Dennoch sollte man nicht verschweigen, dass künstliche Intelligenz (oder wie man diese Maschinenintelligenz immer nennen mag) noch zu sehr viel mehr in der Lage sein wird, als wir im Moment realistischerweise annehmen.
Bei der Betrachtung praktischer Konsequenzen wäre neben unzweifelhaft vorhandenen positiven und hilfreichen Möglichkeiten, die KI-basierte Systeme bieten, ist hier auch das hohe Missbrauchspotential anzusprechen. Darüber hinaus darf der mit der Verfügbarkeit solcher Systeme und der zugrundeliegenden Daten verbundene Machtaspekt nicht außer Acht gelassen werden. Daher versucht die EFA-Januartagung 2021, eine Ordnung und Bewertung dieser Begrifflichkeiten mit einer zumindest orientierenden Einschätzung des Potentials und der Leistungsfähigkeit von unter dem Dachbegriff KI zusammengefassten technischen Systemen und Prozessen zu verbinden.

Was ist Intelligenz? Künstliche Intelligenz aus psychologischer Sicht
Prof. Dr. Dr. h.c. Joachim Funke (Jg. 1953), Studium der Psychologie, Philosophie und Germanistik, 1984 Promotion, 1991 Habilitation, 1997-2019 Lehrstuhl für Allgemeine und Theoretische Psychologie Heidelberg, Ehrenpromotion Szeged 2015.

Der Vortrag von Joachim Funke stand unter dem Motto: „Menschen handeln – Maschinen führen aus“.
Intelligenz ist ein zentrales Konstrukt der modernen Psychologie, um Unterschiede in der kognitiven Leistungsfähigkeit von Menschen zu beschreiben. Etwas breitere Konzeptionen sehen die Anpassung des Menschen an seine Umwelt und die Gestaltung der Umwelt zu unserem Vorteil als zentrales Element intelligenten Handelns. Im Vortrag wird ein Überblick über verschiedene Konzeptionen von Intelligenz gegeben. Auch die »dunkle Seite« der Intelligenz (das zerstörerische Potential) wird angesprochen.


Neurobiologische Korrelate der Entscheidungsfindung
Prof. Dr. Ingo Bernd Vernaleken, Studium der Humanmedizin, 2000 Promotion, 2005 Oberarzt für Psychiatrie und Psychotherapie, 2009 Professor an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der RWTH Aachen.

Ein starkes Zitat des Vortrags von Ingo Vernaleken war: „Wir haben so viel Intelligenz, wie wir brauchen.“


Vom Golem über Asimovs Robotern bis zu Markow-Ketten: Künstlerische Auseinandersetzungen mit künstlicher Intelligenz
Prof. Franz Danksagmüller (Jg. 1969), Studium der Kirchenmusik, Komposition und elektronischen Musik, Organist und Lehrbeauftragter in Wien, Linz und St. Pölten, seit 2005 Professor für Orgel und Improvisation an der Musikhochschule Lübeck.

Franz Danksagmüller stellte seinen Vortrag unter ein Zitat von Arthur C. Clarke: „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“
Über künstliche Wesen wurde schon in der Antike berichtet. Das Spektrum reicht von singenden Vögeln, automatischen Tempeltüren bis zu sprechenden Statuen und intelligenten Dienern.
Automaten, wie »der Schreiber«, die mechanische Ente oder »der Schachtürke« aus dem 18. Jahrhundert waren Höhepunkte einer langen Entwicklung. Sie zeugen von höchster Handwerkskunst – und Betrug.
Maschinen wie diese erschienen manchen Zeitgenossen als ein Produkt schwarzer Magie und als beseelte, eigenständige Wesen.
Neben den komplizierten Automaten entstanden eine Vielzahl an Sagen und Mythen von übernatürlichen, künstlichen Wesen: der Golem, Olympia, Frankenstein sowie die künstliche Maria aus »Metropolis« sind nur einige von ihnen. Aus heutiger Sicht wirken viele dieser Legenden naiv, die Maschinen der vergangenen Zeiten zwar faszinierend aber auch leicht zu durchschauen.
Doch wie begegnen wir den künstlichen Wesen unserer Zeit? Künstliche Intelligenz erscheint uns als Bereicherung und Bedrohung zugleich. Filme wie »A.I.«, »Ex Machina«, »her« usw. erfreuen sich großer Beliebtheit, Assistenten wie Siri und Alexa sind in vielen Haushalten ein festes Familienmitglied, chatbots beeinflussen unsere Meinung und unser Wahlverhalten.
Längst haben wir die Grenzen nachvollziehbarer Mechanik überschritten. Man spricht von künstlicher Intelligenz wie von einem mysteriösen Wesen, das oft unberechenbar agiert, eigene Wege geht und dem Menschen in vielerlei Hinsicht überlegen ist. Wir fragen Chatbots um Rat und kommunizieren mit digitalen Kopien verstorbener Menschen.
Auch im Bereich der Kunst sind künstliche Intelligenzen inzwischen tätig. Sie schaffen sowohl Kompositionen im Stil verstorbener Komponisten als auch neue, scheinbar eigenständige Werke.
Der Algorithmus »min G max D Ex[log(D(x))]+Ez[log(1-D(G(z)))]« schuf ein Bild, das bei Christie´s um 400.000 € versteigert wurde.
Doch welche Mechanismen stecken hinter diesen künstlichen Künstlern? Sind diese Algorithmen ernsthafte Partner bzw. Konkurrenten? Bereits heute treten sich in Musiktheatern und anderen Aufführungen künstliche und menschliche Wesen gegenüber…

Was ist und was kann Künstliche Intelligenz?
Einführung in Grundbegriffe, Methoden und Perspektiven der Künstlichen Intelligenz

Prof. Dr. Sebastian Rudolph (Jg. 1976), Lehramtsstudium Mathematik, Physik und Informatik, 2006 Promotion, 2011 Habilitation, 2013 Professor für Computational Logican der TU Dresden, seit 2020 geschäftsführender Direktor des Instituts für Künstliche Intelligenz.

„Fehlertoleranz als Voraussetzung für die Anwendung von KI“ war ein Fazit des Vortrags von Sebastian Rudolph.
Künstliche Intelligenz (KI) ist in aller Munde und erobert viele alltägliche Lebensbereiche, während gleichzeitig auch prominente mahnende Stimmen laut werden. Sein Vortrag beleuchtet die Ursprünge, und die bewegte Geschichte dieser Disziplin, geprägt von sich abwechselnden Phasen von hohen Erwartungen und Ernüchterung. Er stellt die zwei zentralen Paradigmen des Gebietes vor – subsymbolische KI einerseits (insbesondere maschinelles Lernen) und symbolische KI andererseits (beispielsweise Wissensrepräsentation und automatisches Schließen) – und diskutiert deren zentrale Methoden sowie Vor- und Nachteile. Der Vortrag schließt mit einem vorsichtigen Ausblick auf absehbare zukünftigen Entwicklungen und geht kurz auf die damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen ein.


Künstliche Intelligenz in der modernen Welt – Was nutzen wir schon und was erwartet uns demnächst?
Prof. Dr.-Ing. Peter Liggesmeyer (Jg. 1963), Studium der Elektrotechnik, 1992 Promotion, 2000 Habilitation und Lehrstuhl für Softwaretechnik und Qualitätsmanagement in Potsdam, seit 2004 Lehrstuhl für Software Engineering: Dependability an der TU und Institutsleiter am Fraunhofer Institut für Experimentelles Software Engineering in Kaiserslautern.

Aus dem Vortrag von Peter Liggesmeyer blieb u.a. das Zitat „Keine Erklärung, wie das Ergebnis zustande gekommen ist.“ hängen.
Künstliche Intelligenz (KI) ist eine alte Idee, die aktuell eine markante Renaissance erlebt. Erste, wenn auch einfache, funktionierende künstliche neuronale Netze gab es bereits in den 1950er Jahren. Spezielle KI-Programmiersprachen entstanden wenig später, z.B. im Jahr 1958 LISP und 1973 PROLOG. Heute wird KI als eine wichtige Zukunftstechnologie diskutiert, wobei sich das Interesse aktuell auf den Teilbereich des Maschinellen Lernens (ML) konzentriert. ML mit KI gleichzusetzen ist aber falsch.
Die vereinfachte Grundidee des Maschinellen Lernens ist, ein System anhand von Beispielen zu trainieren, mit dem Ziel, dass das ML-System nach Vorlage vieler Beispiele in der Lage sein soll, das darin enthaltene Verhalten zu reproduzieren. ML-Systeme erkennen Muster. Sie extrahieren aber keine Regeln.
Man darf Muster (Korrelationen) nicht mit Kausalitäten (Regeln) verwechseln. Maschinelle Lernverfahren sind nicht im eigentlichen Sinne intelligent. Sie extrahieren Muster und wenden diese an. Diese vermeintliche Schwäche kann aber auch zu einer Stärke werden und zwar dort, wo die Angabe von Regeln schwierig ist. Beispiele dafür sind die Bereiche Sprach- und Bildverstehen, zwei Anwendungsbereiche in denen ML-Verfahren ausgezeichnete Erfolge verbuchen und ihr gelegentliches Versagen meistens toleriert werden kann. Selbstverständlich gibt es auch hier Regeln, aber Kinder lernen ihre Muttersprache nicht durch Vorgabe von Regeln, sondern durch das Nachsprechen von vorgesprochenen Beispielen. Das Gleiche gilt für das Verstehen von Bildinhalten. Wenn ein Kind oft genug Bilder von Autos gesehen hat, so erkennt es Autos auf Bildern wieder. Und maschinelles Lernen kann das meistens auch leisten, aber eben keine diesbezüglichen Garantien abgeben.
Im Grunde handelt es sich beim Maschinellen Lernen um eine spezielle Form der statistischen Datenanalyse, die deren charakteristische Vor- und Nachteile besitzt und natürlich nur Effekte erzeugen kann, die aus den zugrunde liegenden Daten abgeleitet werden können. Hier von Intelligenz zu sprechen, erscheint unangebracht.
Maschinelles Lernen allein wird für viele Anwendungsbereiche – insbesondere für jene, in denen Garantien erforderlich sind, wie autonomes Fahren – nicht ausreichen. Aber natürlich haben maschinelle Lernverfahren auch klar benennbare Vorteile. Die beschriebenen Nachteile sind den Forschern bekannt, und es wird daran gearbeitet, diese zu beseitigen. Die KI enthält mehr Lösungen, als nur das Maschinelle Lernen, und natürlich gibt es auch funktionierende Lösungen außerhalb der KI, auf die zurückgegriffen werden kann. Es ist abzusehen, dass ein Zusammenspiel der unterschiedlichen Bausteine eine Lösung sein wird.
Derzeit muss man sich vor der »Künstlichen Intelligenz« nicht wirklich fürchten. Bedrohlicher ist die – mit Verlaub – verbliebene Dummheit der existierenden Lösungen, deren Beseitigung ein aktuelles, wichtiges Ziel der Forschung ist.


Maschinenethik: Können Maschinen moralisch sein?
Prof. Dr. Catrin Misselhorn (Jg. 1970), Studium der Philosophie, 2003 Promotion, 2010 Habilitation, 2012 Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie in Stuttgart, seit 2019 Professorin für Philosophie in Göttingen.

Catrin Misselhorns Vortrag gipfelte in der These „Moralische Maschinen sind Menschen moralisch überlegen.“
Durch die Fortschritte der Künstlichen Intelligenz (KI) und Robotik werden Maschinen in Zukunft mehr und mehr moralische Entscheidungen fällen, die unser Leben betreffen. Deshalb soll analog zur »Artificial Intelligence« eine »Artificial Morality« entwickelt werden. Doch können Maschinen überhaupt moralisch handeln – und dürfen sie es? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Maschinenethik, deren Grundlagen in diesem Vortrag anhand von Beispielen wie autonomen Waffensystemen, Pflegerobotern und selbstfahrenden Autos diskutiert werden.

Gottebenbildlichkeit und Künstliche Intelligenz
Prof. Dr. Dirk Evers (Jg. 1962), Studium der Theologie, 1999 Promotion (ESSSAT-Preis 2002), 2005 Habilitation, 2008 Lehrauftrag an der Universität Zürich, seit 2010 Professor für Systematische Theologie an der Universität Halle-Wittenberg.

Dirk Evers forderte in seinem Vortrag: „Es geht nicht darum, vor KI zu warnen, sondern den Umgang mit ihr zu gestalten.“
Aus christlich-theologischer Perspektive ist der Mensch als der Gott entsprechende Menschen zu bestimmen. Als Gott entsprechender Mensch ist der Mensch Selbstzweck und Person. Als Personen verstehen Menschen nicht nur etwas, sie verstehen dabei immer auch sich selbst. Und sie verstehen sich nicht nur auf das Erreichen von Zwecken (technische Imperative), sie verstehen sich auch auf das Verstehen in seinen unterschiedlichen Dimensionen. Menschen orientieren sich deshalb in der Wirklichkeit in Perspektiven der 3., 1. und 2. Person. Das Leben in durch Medien vermittelten Beziehungen macht sie so zu Personen, und dadurch sind sie immer schon bezogen auf Gott. Insofern das Bilderverbot in Bezug auf Gott gilt, gilt es entsprechend auch in Bezug auf den Menschen: Über Menschen kann man nie vollständig im Bilde sein. Auch alles Selbstverstehen ist letztlich begrenzt.
Künstliche Intelligenz ist Mittel zum Zweck. Die Gefahr ist nicht, dass Künstliche Intelligenz menschlich oder gar mehr als menschlich wird, sondern dass Menschen sich zu sehr Künstlicher Intelligenz anvertrauen. Sie verspricht unter anderem Entlastung von dem Entscheidungsdruck und den Effizienzanforderungen, unter denen Menschen in der Moderne existieren. Sie ist zudem eine Projektionsfläche für problematische Gottes- und Menschenbilder. Das liegt nicht primär an der Raffinesse der Maschinen, sondern vor allem am Wesen des Menschen, der im geschilderten Sinne ein mediales Wesen ist. Hier kann die Kategorie der Gottebenbildlichkeit Perspektiven bereitstellen.


Die Generalaussprache wurde geleitet von Prof. Dr. Oliver Holtemöller, Wirtschaftswissenschafter aus Halle (Saale) und Kuratoriumsmitglied der EFA.
Er begann mit drei Thesen:
1. These: Künstliche Intelligenz hat nicht viel mit Intelligenz zu tun.
2. These: KI ist als wissenschafliche Methode für mich uninteressant (Verstehen/Verhalten).
3. These: Die Gesellschaft sollte die Methoden besser verstehen (Digital Literacy)
.

Das EFA-Kuratoriumsmitglied Prof. Dr. Martin Schnittler, Botaniker und Landschaftsökologie aus Greifswald, steuerte vier Thesen zum Unterschied zwischen menschlicher (natürlicher) und künstlicher Intelligenz aus biologischer Sicht bei:
1. These: Der Mensch kann sich Ziele setzen und hat Antriebe – der KI müssen diese vom Menschen gesetzt werden.
2. These: Das menschliche Hirn hat ein Belohnungssystem – wir setzen oft kurzfristigen Nutzen vor langfristigen. Impulsives Handeln ist ein möglicher Ausweg bei extrem komplexen Problemen.
3. These: Das menschliche Hirn schließt stochastische Prozesse ein – gleicher Input generiert nicht identische Lösungen.
4. These: Menschliche Intelligenz kann nur irreversibel ausgeschaltet werden (Suizid) – KI kann reversibel ausgeschaltet werden. Maschinen haben keine Menschenwürde.

Andacht
Dr. Rainer Rausch / Tim Reiter


Bericht zur kirchlichen Lage / Gottesdienst
Pröpstin Dr. Christina-Maria Bammel (Jg. 1973), Studium der Theologie, 2003 Promotion (HU Berlin), Pfarrerin in Berlin, seit 2019 Pröpstin und theologische Leiterin des Konsistoriums der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Die Tagung wurde mit einem Bericht zur kirchlichen Lage und einem Gottesdienst beendet, die Christina-Maria Bammel verantwortete. Sie zitierte ein Kyrie der ökumenischen Band patchwork aus Brandenburg a.d.H.:
Manchmal ist es wenig was mich über Wasser hält
Dünne Schicht der Dinge wenn sie kippelt, doch nicht fällt
Viele gute Gründe und kein Ziel
Alles dreht sich weiter…manchmal ist es viel
Manchmal ist es wenig, was uns zueinander treibt
Augenblick der ewig dauern kann und doch nicht bleibt
Alles was mir ernst ist, ist das Spiel,
manchmal ist es wenig und manchmal viel zu viel,
machmal ist der Weg zu weit und manchmal fehlt das Ziel,
manchmal ist alles zu ende und es fehlt nur ein Schritt,
manchmal geht man vor die Hunde und keiner geht mit,
manchmal ist alles fraglich und keine Antwort zu sehn.

Manche der Vortragenden waren nur zu Ihrem Beitrag zugeschaltet. Andere beteiligten sich auch in den Aussprachen und an den abendlichen Breakout-Sessions. Prof. Dr. Joachim Funke fasste seine Eindrücke in einem spontanen Blog zusammen. Sein Fazit fand ich als Theologe amüsant und hoch erfreulich:
„Ich wusste gar nicht, wie politisch Theologen sein können! Danke an die Referenten und die Referentin für die vielen Anregungen, danke für das “food for thought”, das in meine Handschuhsheimer Dachstube gelangen durfte! Ein Weiterbildungs-Wochenende der besonderen Art!“

Informationen zur Evangelischen Forschungsakademie:
Die Evangelische Forschungsakademie (EFA) ist ist eine unselbständige Einrichtung der Union Evangelischer Kirchen (UEK). Sie vereinigt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Künstlerinnen und Künstler christlichen Glaubens. Die Mitglieder der EFA sind durch die ihnen gemeinsamen Fragen von christlichem Lebensverständnis und wissenschaftlichem Arbeiten verbunden. Mitglieder der Evangelischen Forschungsakademie können akademisch oder in der Praxis tätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden, die in ihren Fachgebieten selbständige Forschungsarbeit betreiben, sich dementsprechend ausgewiesen haben und bereit sind, sich in das interdisziplinäre Gespräch einzubringen.
Mit ihrer Gründung 1948 in Ilsenburg (Sachsen-Anhalt), unweit der innerdeutschen Grenze, setzte sich die Evangelische Forschungsakademie (EFA) das Ziel, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen zusammenzuführen. Gemeinsam war es ihre Absicht, die neuesten Erkenntnisse und Entwicklungen in Wissenschaft und Gesellschaft zu diskutieren. Die Erkenntnisfunktion des Glaubens und die ethische Verantwortung in Forschung und Lehre sind dabei bis heute das besondere Anliegen. Unter dem Motto „Glaubend erkennen – erkennend glauben – verantwortlich handelnd“ stellt sich die EFA den Herausforderungen unserer Zeit zur zukunftsfähigen Gestaltung von Lehre, Bildung und Forschung in christlich-ethischer Verantwortung. Dazu veranstaltet sie in der Regel zwei Tagungen pro Jahr: Die Januartagung in Berlin dient der interdisziplinären Behandlung eines Generalthemas durch Vorträge und ausführliche Diskussionen. Die Pfingsttagung im Evangelischen Zentrum Drübeck ist der Vorstellung und Diskussion von Forschungsarbeiten der Mitglieder sowie anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vorbehalten.

Direktor ist der Astrophysiker Prof. Dr. Alfred Krabbe. Ich selbst gehöre zum Kuratorium, das die Akademie leitet und die Tagungen vorbereitet.

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Allgemeines

Wider die Impfgegner!

Denjenigen, die aus (vermeintlich) christlichen Gründen zu den prinzipiellen Impfgegnern gehören, kann man mit Martin Luthers Schrift „Ob man vor dem Sterben fliehen möge“ von 1527 antworten.
Luther plädiert dort durchgängig für den Gebrauch der von Gott geschenkten Vernunft im Kampf gegen die Pest, um unvernünftiges Verhalten zu verhindern. Zu diesem unvernünftigen Verhalten gehört für ihn auch, unter der Berufung auf das Gottvertrauen unverantwortlich zu handeln.

Einen Abschnitt aus Luther Schrift könnte man heute mit „Wider die Impfgegner“ überschreiben:

„Sie verachten es, Arznei zu nehmen und meiden die Stätten und Personen nicht, die die Pest gehabt haben und von ihr genesen sind. sondern zechen und spielen mit ihnen, wollen damit ihre Kühnheit beweisen. […]

Solches heißt nicht Gott vertrauen, sondern Gott versuchen. Denn Gott hat die Arznei geschaffen und die Vernunft gegeben, dem Leib vorzustehen und ihn zu pflegen, daß er gesund sei und lebe. [….]

Nicht so, meine lieben Freunde, das ist nicht fein getan. Sondern gebrauche die Arznei, nimm zu dir, was dir helfen kann, räuchere Haus, Hof und Gasse, meide auch Personen und Stätten, wo dein Nächster dich nicht braucht.“

(Martin Luther, Ob man vor dem Sterben fliegen möge (1527), in: Martin Luther. Ausgewählte Schriften, hg. v. Karin Bornkamm u. Gerhard Ebeling, Bd. 2: Erneuerung von Frömmigkeit und Theologie, Insel-Verlag Frankfurt 1982, S.225-250, Zitate: S. 241.) 

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Wissenschaftliches

Theologie der reformatorischen Bekenntnisschriften

Notger Slenczka, Theologie der reformatorischen Bekenntnisschriften. Einheit und Anspruch, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2020, 736 S., gebunden, 68€, ISBN 978-3-374-06531-8

Wenn ein Autor von sich aus einräumt, dass sein Buch „zu lang“ (92) ist, und wenn dieser Autor schon beim Schreiben weiß, dass ihm das „den Ruf der Bekenntnisorthodoxie“ (686) einbringen wird, dann kann ein Rezensent zugestehen, dass der Autor schlichtweg Recht hat.

Das Buch des Berliner Systematischen Theologen Notger Slenczka über die Theologie der reformatorischen Bekenntnisschriften liest sich nicht nebenbei, sondern will erarbeitet sein. Aber wer sich an diese Arbeit macht, wird vieles über die Bekenntnisse der Reformationszeit lernen – und vieles über den heutigen Umgang damit. Es lohnt sich also, Slenczkas Buch zu lesen, es lohnt sich aber auch – das sei hinzugefügt – ihm zu widersprechen.

Für Studierende der Theologie (und diejenigen, die ihre Studienkenntnisse auffrischen wollen) ist es ein präzises Lehrbuch über die historischen Hintergründe und vor allem die theologischen Aussagen der Bekenntnisschriften des 16. Jahrhunderts. Sorgfältig mit Literatur belegt (vgl. z.B. 621. 630), didaktisch mit Zusammenfassungen versehen, hilfreich mit Registern ergänzt.

Für manche Lutheraner mag es eine Anfechtung sein, dass die Theologie der reformierten Bekenntnisschriften nicht nur „hochinteressant“ (509) ist, sondern dass Slenczka (den der Vorwurf der lutherischen Bekenntnisorthodoxie hier verfehlt) das Wahrheitsmoment reformierter Theologie und damit einen normativen Anspruch auch der reformierten Bekenntnisse anerkennt. Das gilt ebenso für sein (gewandeltes) Verhältnis zur Barmer Theologischen Erklärung. Anders als die traditionelle lutherische Theologie und Kirchlichkeit kommt Slenczka zu dem Schluss, es sei „sinnvoll und wohlgetan, die Entscheidung von Barmen als Bekenntnisgrundlage auch für die lutherischen Kirchen zu übernehmen“ (639). Das alles ist für den Unierten höchst erfreulich.

Für alle diejenigen, die damit ringen, welche Bedeutung 500 Jahre alte Texte für den heutigen Glauben und die heutige Kirche haben, ist das Buch eine Hilfe zum Verstehen. Slenczka erkennt an, dass der normative Anspruch der reformatorischen Bekenntnisschriften gegenwärtig „faktisch fiktiv“ (76) ist. Allen Kirchenordnungsaussagen (auch in Westfalen) und allen theologischen Formeln („norma normata“) zum Trotz. Slenczka weicht dem nicht aus – weder zu einem trotzigen Festhalten an traditionellen Lehrformeln noch zu einem resignierten Verzicht auf die Bekenntnisse. Seine Lösung ist eine neuprotestantische Klärung des Bekenntnisverständnisses, das eben „keine Glaubensnorm“ (257) für den einzelnen Christenmenschen und keine Auflistung christlicher Lehraussagen sei, die man Wort für Wort als Realität zu glauben habe. Der Mensch benötige dringend den „Zuspruch der Freiheit von der Macht des Teufels“ (608) in Gestalt von Gesetz und Evangelium, denn Slenczka hält persönlich „in der Tat die Anfechtungserfahrung Luthers für das mit der menschlichen Existenz gestellte Grundproblem“ (712). Dass für ihn an anderer Stelle „die Anerkennung der schlechthinnigen Abhängigkeit des Menschen das Zentrum darstellt“ (91), zeigt sein Selbstverständnis als „ein Lutheraner, der zu viel Schleiermacher gelesen hat“ (33).

Die Bekenntnisschriften helfen, die „Mitte der Schrift“ (257) im Evangelium von der Person Jesu Christi im Vertrauen auf sein Heilswerk und im Verzicht auf das eigene (Glaubens-)Werk zu erkennen. Insofern sind die Bekenntnisse „als präzisierende Lesehilfe“ (706) der Bibel methodisch sogar vorgeordnet, obwohl sie ihr natürlich inhaltlich nachgeordnet sind. Die methodische Vorordnung – so Slenczka bekenntnisorthodox im Anschluss an Werner Elert – gelte dabei nicht für die einzelnen Christenmenschen, sondern vor allem und so gut wie ausschließlich für die ordinierten Amtsträger. Die Bekenntnisse seien Norm für die Verkündigung der Pfarrerinnen und Pfarrer – nicht für den individuellen Glauben der Gemeindeglieder oder für das liturgische Nachsprechen im Gottesdienst. Das entlastet von der empfundenen Verpflichtung, alle Bekenntnisaussagen lehrhaft für sich übernehmen zu müssen, auch wenn der eigene Glaube beispielsweise mit der Jungfrauengeburt so seine Schwierigkeiten hat.

Zu dieser Lösung kommt Slenczka aber nur, indem er aus den Bekenntnisschriften einige besonders hervorhebt und andere vernachlässigt. Im Zentrum stehen für ihn das Augsburger Bekenntnis, dessen Apologie und die Konkordienformel. Kaum in den Blick nimmt er die drei altkirchlichen Bekenntnisse (die ja explizit in den Kanon lutherischer Bekenntnisschriften gehören und von denen zumindest das Apostolikum regelmäßig im Gottesdienst gesprochen wird). Auch die Katechismen Luthers und den Heidelberger Katechismus behandelt er zwar auf immerhin 50 Seiten, lässt sie aber (möglicherweise gerade wegen ihrer Bedeutung für die Glaubenspraxis der Gemeindeglieder) bewusst als Bekenntnisschriften sui generis aus seiner Deutung heraus.

Von hier aus würde eine kirchenordnende Regelung wie in Westfalen unmöglich, in der der Bekenntnisstand der Gemeinde vorgeordnet ist gegenüber der Bekenntniszuordnung, auf die sich Pfarrerinnen und Pfarrer ordinieren lassen. Die von Schleiermacher und seinem Unionsverständnis geprägte rheinisch-westfälische Kirchenordnung und ihre Theologie haben sich mit guten Gründen, unter Beachtung der Frömmigkeitsprägung und nicht ohne geschichtliche Wirkung, für ein anderes Verhältnis von Gemeinde und Amt, von Schrift und Bekenntnis sowie von Bekenntnisschriften und aktuellem Bekennen entschieden. Dies zeigt auf, dass der Sinn und Gehalt des normativen Anspruchs der Bekenntnisse der reformatorischen Kirchen auch anders bestimmt werden kann, als Slenczka es tut.  Dass der Autor dies sichtlich weiß, nötigt dem Rezensenten Respekt ab. Und dieser Respekt gilt trotz allem (Teil-)Widerspruch auch dem Reichtum des dargebotenen Materials und der Konsequenz der theologischen Argumente.

(Kirchliches Amtsblatt der Evangelischen Kirche von Westfalen Nr. 1/2021)