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You can never be too dead for resurrection

I: Auferstehung des Fleisches?

„Ich glaube an die Auferstehung der Toten.“ So bekennt es die christliche Gemeinde sonntags im Gottesdienst. Doch die ursprüngliche Formulierung war nicht: „Auferstehung der Toten,“ sondern „Auferstehung des Fleisches.“ – Auferstehung des Fleisches, ganz handfest, ganz wörtlich, ganz körperlich. Auferstehung des Fleisches, daran zu glauben, ist nicht einfach. Viele Fragen türmen sich auf: Wie soll das funktionieren, dass ein im Grab verwester Körper wieder zum Leben erweckt werden kann? Setzen sich die verstreuten Atome dann einfach wieder zusammen? Oder, um es noch anschaulicher auszudrücken: Was passiert beispielsweise, wenn ein Beinamputierter beerdigt wurde? Aufersteht er mit oder ohne sein Bein? Und so weiter, die Liste der Fragen ließe sich fast beliebig verlängern.

In Deutschland haben evangelische und katholische Kirche erst in den 1970er Jahren gemeinsam beschlossen, die Formulierung des Glaubensbekenntnis abzuändern. Man wollte wohl die Anstößigkeit abmildern, die der alte Text hervorgerufen hatte. Und jetzt heißt es in den Gottesdiensten statt „Auferstehung des Fleisches“ jetzt „Auferstehung der Toten.“

Doch viele Fragen bleiben. Immer wieder hat es Diskussionen darüber gegeben, wie denn die Auferstehung zu verstehen sei. In der Mitte des letzten Jahrhunderts standen die Namen zweier Theologen exemplarisch für verschiedene Antwortmöglichkeiten. Sehr vereinfacht gesagt: Auf der einen Seite Karl Barth (1886-1968). Er bekannte sich zur Tradition, sagte ja zur Vorstellung von der Auferstehung des Fleisches. Auf der anderen Seite Rudolf Bultmann (1884-1976). Er hielt es für unmöglich, im 20. Jahrhundert noch so von der Auferstehung zu sprechen, wie es die Menschen zur Zeit der Entstehung des apostolischen Glaubensbekenntnisses taten, also gut 1400 Jahre zuvor. Das meiste, was über Auferstehung ausgesagt worden war, hielt er für mythische Sprachformen. Und er meinte, man müsse sich vom Mythos trennen, wenn man zum eigentlichen Kern der christlichen Botschaft vorstoßen wolle.
Wovon hier die Rede ist, zeigt ein Cartoon:

Christopher Frey, Vorlesung: Einführung in die Theologie Karl Barths. Sommersemester 1986. Ruhr-Universität Bochum, Bochum 1986

Er ist vielleicht etwas überspitzt, aber das verdeutlicht nur, worum es geht. Hier geht es um zwei Positionen, die sich anscheinend unüberbrückbar gegenüberstehen. Auf den Ruf der himmlischen Posaune hin bricht Karl Barth, erkennbar an seiner Brille und seiner Pfeife, so wie er gelebt hat, aus dem Grab hervor. Rudolf Bultmann bleibt liegen.

Dahinter steht die Frage nach der Auferstehung des Fleisches. Sie ist eine der umstrittensten im Zusammenhang der Rede von der Auferstehung der Toten. Wie kann man sich das vorstellen?

II: Leib-seelische Auferstehung in der Bibel

Nicht immer ist in der Bibel die Vorstellung einer Auferstehung der Toten selbstverständlich gewesen. In frühen Texten des Alten Testaments wie beispielsweise Psalm 88 kommt deutlich zum Ausdruck, dass man damit rechnete, mit dem Tode sei alles aus. Alles, sogar die Beziehung zu Gott. Erst langsam kommt die Überzeugung zum Durchbruch, dass die Macht und die Liebe Gottes auch mit dem menschlichen Tod nicht aus seien. Diese Überzeugung widerspricht zunächst aller Erfahrung und so ist sie überaus schwer mit Mitteln der Sprache auszudrücken. Spätere biblische Texte versuchen das in Bildern zu sagen, zum Beispiel durch das Bild des Aufstehens vom Schlaf. Aufstehen, oder – im Deutschen noch etwas intensiver – auferstehen, mit dieser Metapher versuchten die alten Israeliten das zu sagen, was eigentlich unsagbar ist: Es gibt ein Leben nach dem Tod. Das zwölfte Kapitel im Buch des Propheten Daniel ist ein Text, der diese Hoffnung benennt. Dabei ist im alttestamentlichen Denken eines klar: Der Mensch ist ein ganzheitliches Wesen. Der Mensch lässt sich nicht aufteilen in einerseits Seele und andererseits Körper. Der Mensch ist eine leib-seelische Einheit.

Im Neuen Testament spielt die Auferstehung eine zentrale Rolle. Vor allem die Auferstehung Jesu Christi. Er stirbt am Kreuz – und wird dann von Gott auferweckt. Sein Grab ist leer, und als die Jünger und Jüngerinnen sich darüber noch wundern, erscheint er ihnen. Sie sehen ihn. So kommt es zum Grundbekenntnis der ersten Christen: „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden.“ Eine neutrale Bezeugung der Auferweckung Jesu Christi von den Toten gibt es nicht. Jeder, der ihn nach seinem Tod und seiner Auferstehung gesehen hat, gehörte zur christlichen Gemeinde. Entweder gehörte er schon vorher zu den Jüngern und Jüngerinnen Jesu, wie zum Beispiel Petrus und Maria Magdalena. Oder er kam zur Gemeinde hinzu, wie zum Beispiel Paulus. Aber die Wirkung war für alle gleich. Diese eine Auferstehung hat eine ungeheure Bedeutung: Sie zeigt, dass Gott mächtiger ist als der Tod. Mit dem Tod ist eben nicht alles aus. Im Grunde kommen alle theologischen Aussagen des Neuen Testaments von dieser Überzeugung her: Das Vertrauen auf Gott, das Leben in der christlichen Gemeinschaft, aber auch die Rechtfertigung allein aus Glauben. Paulus, der hier einen besonderen Schwerpunkt setzt, schreibt in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth: „Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden“ (1. Kor. 15, 17).
Die Situation war noch sehr verworren im jungen Christentum. Augenscheinlich gab es in der christlichen Gemeinde in Korinth Menschen, die meinten, sie könnten Christen sein, ohne an die Auferstehung zu glauben. Dahinter stand das philosophische Menschenbild, das in Griechenland vorherrschte: Hier war es üblich, Körper und Seele voneinander getrennt zu betrachten. Und die Seele war das, was wirklich zählte. Der Körper dagegen war nur eine Art zeitweiliger Aufenthaltsort für die Seele. Und so war nach ihrer Auffassung klar: Der Körper ist es nicht wert, aufzuerstehen. Das kommt nur der Seele zu. Folglich konnte auch Christus nicht so auferstanden sein, wie es seine Jünger erzählt hatten. Und die Korinther hatten noch weitere Anfragen: Wie soll das denn funktionieren bei der Auferstehung aller Toten? Welcher Leib soll denn da auferstehen?
Paulus sagt demgegenüber ein Doppeltes: Zum einen: Christus ist auferstanden. Das habe ich euch gepredigt, das ist Zeugnis aller Jünger, angefangen von Petrus, der ihn gesehen hat. Das ist Zentrum unserer Botschaft. Das kann man nicht einfach so umdeuten oder weginterpretieren. Denn es ist wichtig für unsere Zukunft: Christus ist der „Erstling unter denen, die entschlafen sind“ (1. Kor 15,20). Die Johannes-Offenbarung nennt das ähnlich: „Der Erstgeborene von den Toten“ (Offb 1,5). Also in beiden Fällen: Hier hat etwas angefangen, was für alle Menschen Bedeutung hat. Gott hat diesen einen Menschen auferweckt – und damit den Tod überwunden. Das ist der Anfang vom Ende – für den Tod. Und gleichzeitig der Anfang für die Auferstehung aller Toten, der Anfang vom neuen Leben. Oder in Kurzform: „You can never be too dead for resurrection“ (so ein schottisches Graffiti, nach: Ingolf U. Dalferth, Volles Grab, leerer Glaube? Zum Streit um die Auferweckung des Gekreuzigten, in: ZThK 95/1998, S. 379-409).
Aber zurück zu Paulus. Er sagt den Korinthern noch ein Zweites: Natürlich wird es eine ganzheitliche Auferstehung der Toten geben. Nicht nur die Seele, auch der Körper wird auferstehen. Aber: Dabei findet eine Verwandlung statt. Der neue, geistliche Leib ist nicht exakt derselbe wie der alte, natürliche Leib. Und weil er wieder an die Grenzen dessen kommt, was man mit Sprache überhaupt noch ausdrücken kann, greift Paulus auf ein Bild, eine Metapher zurück: Es ist, sagt er, wie beim Säen. Das Samenkorn, das gesät wird, verwandelt sich, muss sich verwandeln. Erst dann kann eine neue Pflanze entstehen. Ohne das Samenkorn keine Pflanze – aber beide sind nicht ein und dasselbe. „So auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich“ (1. Kor 15,42).
Das Modell das Paulus hat sich durchgesetzt in der Urchristenheit. Es gab immer wieder Theologen, die so stark von der griechischen Philosophie beeinflusst waren, dass sie das leib-seelische, ganzheitliche Menschenbild ablehnten. Aber sie blieben in der Minderheit. Die „Auferstehung des Fleisches“ wurde in das christliche Glaubensbekenntnis aufgenommen. Auch die Reformatoren haben diese Vorstellung übernommen.

III: Verwandlung und Neuschöpfung

Aber das heißt nun nicht, dass wir das auch so denken müssen. Wir können uns selbst eine Meinung bilden. Die biblischen Texte sind vor zwei- bis dreitausend Jahren verfasst worden, und selbst die Reformatoren haben fast ein halbes Jahrtausend vor uns gelebt. Sie hatten nicht unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse oder technischen Fähigkeiten zur Verfügung. Sie mussten für ihren Glauben Worte und Bilder finden, die aus ihrer Zeit stammten. Sind mit dieser Zeit auch die Worte und Bilder vergangen, ja, ist vielleicht mit dieser Zeit auch der Glaube veraltet? Diese Frage zu stellen, darf nicht verboten sein. Im Gegenteil: Sie ist sehr wichtig. Denn es kommt darauf an, dass der Glaube immer wieder neu seine Aktualität beweist. Wenn der Glaube nicht ausgedrückt werden kann in der Sprache der jeweiligen Zeit, dann verliert er seine Bedeutung.

Deshalb müssen Fragen gestellt werden. Zum Beispiel solche, wie ich sie am Anfang erwähnt habe: Was passiert, wenn ein Beinamputierter beerdigt wurde? Aufersteht er mit oder ohne sein Bein? Die erste Möglichkeit, darauf zu antworten, ist ehrlich und richtig, aber sie befriedigt vielleicht nicht völlig. Sie lautet: Wir wissen es nicht. Wir können es auch gar nicht wissen, weil man über die Zukunft nichts wissen kann. Wir können es erst dann wissen, wenn es soweit ist. Wie gesagt, diese Antwort ist richtig. Aber sie hinterlässt einen etwas schalen Nachgeschmack, weil sie im Grunde der Frage ausweicht. Deshalb versuche ich eine zweite Möglichkeit, auf die Frage zu antworten: Ich halte daran fest, dass der Körper auferstehen wird – und damit grenze ich mich gegen die Meinung ab, wie sie auf dem Cartoon vorhin Rudolf Bultmann zugeschrieben wurde. Ich halte es aber im Rahmen meines Weltbilds nicht für möglich, dass sich alle Atome wieder so zusammensetzen, wie sie im Moment des Todes waren. Zwar haben die Quantenphysik und die Chaosforschung bereits im 20. Jahrhundert erwiesen, dass viel mehr möglich ist, als es das rein mechanistische Weltbild des 19. Jahrhunderts zulassen konnte. Dennoch: Das heißt nicht, dass wir wieder das Weltbild der Antike übernehmen müssen. Deshalb kann ich mir Auferstehung auch nicht buchstäblich so vorstellen, wie der Cartoon es bei Karl Barth dargestellt hat. Es wird eine Verwandlung geben, hat Paulus im 1. Korintherbrief geschrieben. Das Alte wird nicht einfach so aus diesem Leben in das neue Leben hinübertransportiert werden. Sonst würde im Grunde alles beim Alten bleiben. Und damit wäre auch der Tod in seiner ganzen Ernsthaftigkeit, in seiner ganzen schrecklichen Tiefe nicht ernstgenommen. Aber es gilt auch: Wenn das Alte sozusagen neu-geschaffen wird, muss nicht etwas völlig Neues geschaffen werden. Unsere menschliche Identität hängt nicht an den Einzelheiten unseres Körperbaus, sondern daran, dass Gott uns als seine geliebten Geschöpfe identifiziert. Unsere menschliche Identität wird deshalb den Tod überdauern, weil Gott uns geschaffen hat und er uns auch von der Neuschöpfung nicht ausschließen wird. In der Johannes-Offenbarung heißt es im 21. Kapitel: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein“ (Offb. 21,4). Auch das ist ein Bild, eine Metapher, und keine Tatsachenbeschreibung, wie sie ein Fernsehreporter aufzeichnen könnte. Aber dieses Bild ist aus zwei Gründen wichtig; es hilft bei der Beantwortung der Frage, wie man sich das denn nun vorzustellen habe mit dem amputierten Bein. Zum einen: Es ist eine sehr leibliche Metapher. Auch die Auferstandenen haben Augen, von denen Gott die Tränen wegwischt. Zum anderen: Mit dem Tod ist auch das Leid überwunden, sind Geschrei und Schmerz verschwunden. Und dann wird es auch keine Beeinträchtigungen des Lebens mehr geben, keine Einschränkungen durch fehlende Gliedmaßen oder ähnliches. Ob ich mir das so vorstellen muss, dass der Beinamputierte dann wieder zwei Beine hat, oder ob es eine andere Lösung geben wird, ob der neugeschaffene Körper Beine haben wird oder nicht, das übersteigt meine Vorstellungskraft. Das ist Spekulation. Nicht Spekulation ist die Zusage Gottes, der – übrigens im selben Kapitel der Johannes-Offenbarung (Offb. 21,5) – versprochen hat: „Siehe, ich mache alles neu!“

Meine Hoffnung richtet sich darauf, dass Gott alles neu machen wird, das Gott alles gut machen wird. Wie wenig kann ich endgültige Antworten geben. Wie unzureichend können meine Worte das ohne Widersprüche darstellen, auf was ich hoffe. Aber auch Paulus war kein Theologe, der ein für allemal und völlig widerspruchsfrei das aufgeschrieben hat, was er geglaubt hat. In den Jahren seines Wirkens hat sich auch manches in seiner Vorstellungswelt verändert. Manches hat er in verschiedenen Briefen auch ganz bewusst anders ausgedrückt, weil es an andere Empfänger gerichtet war. Und das gilt auch über Paulus hinaus für die ganze Vielfalt neutestamentlicher Autoren, ja biblischer Texte überhaupt. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn es auf manche Fragen keine einheitliche Antwort gibt, keine, die sozusagen ein für allemal alles klar stellt.

IV: Der Zeitpunkt der Auferstehung

Eine weitere dieser Fragen ist die nach dem Zeitpunkt der Auferstehung: Wann werden die Toten auferstehen? Oder persönlicher formuliert: Wann werden wir auferstehen? Eine Antwort steht im zweiten Kapitel des Epheserbriefs. Dort heißt es, dass Christen im Moment ihrer Bekehrung bereits auferweckt sind. Die Auferstehung ist also schon geschehen. Das andere Extrem ist der sogenannte Jüngste Tag am Ende der Zeiten. So steht es im vierten Kapitel des ersten Thessalonicherbriefs. Bis zu diesem Ende der Zeiten – so die entsprechende Vorstellung – schlafen die Toten. Erst dann werden sie alle gleichzeitig auferweckt. Die dritte Möglichkeit ist im ersten Kapitel des Philipperbriefs angedeutet: Im Moment des Todes geschieht die Auferstehung. Diese Ansicht liegt auch dem Wort aus dem Lukas-Evangelium zugrunde, das Jesus am Kreuz zu dem Verbrecher an seiner Seite sagte: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43).
Diese drei unterschiedlichen Terminvorstellungen kann man kaum in Übereinstimmung miteinander bringen. Das liegt daran, dass hier etwas geschieht, was mit menschlichen Zeitbegriffen nicht zu fassen ist. Nach göttlichen Maßstäben wird dies anders sein. Gottes Zeitbegriffe sind anders als unsere. In Psalm 90,4 heißt es: „Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist“. Wer tot ist, ist nicht mehr menschlichen Zeitmaßstäben unterworfen, sondern ist in Gottes Zeit, Gottes ewiger Gegenwart. Von hier aus hat jemand einmal gesagt: Auf die Frage, wie lange es denn sei von dem biologischen Tod eines Menschen bis zur endzeitlichen Auferweckung aller Toten – auf diese Frage gebe es im Grunde nur eine Antwort: Genau einen Augenblick!

V: Gottesbild und Auferstehungsvorstellung

Für Paulus und andere neutestamentliche Autoren hängt die ganze Theologie, das ganze Gottesbild, an der Rede von der Auferstehung. Die Gedichte des Berner Pfarrers Kurt Marti (1921-2017) sind ein Beispiel dafür. Eines heißt „auferstehung“ (Kurt Marti, Leichenreden, Frankfurt a.M. 1976, S. 25):

ihr fragt wie ist die auferstehung der toten?
ich weiß es nicht
ihr fragt wann ist die auferstehung der toten?
ich weiß es nicht
ihr fragt gibt‘s eine auferstehung der toten?
ich weiß es nicht
ich weiß nur
wonach ihr nicht fragt:
die auferstehung derer die leben
ich weiß nur wozu Er uns ruft:
zur auferstehung heute und jetzt

All‘ die genannten Fragen lässt Kurt Marti sein Gegenüber auch stellen. Auferstehung der Toten: „Wie? Wann? Ja oder nein?“ Und Marti antwortet viermal: „ich weiß es nicht.“ Das ist richtig. Wir alle wissen es nicht. Aber diese stereotype „ich weiß es nicht“ bleibt unbefriedigend. Auch Kurt Marti weiß, dass man mehr sagen muss als „ich weiß es nicht.“ Und er sagt mehr. Denn nachdem die ersten vier Strophen mit dem Nicht-Wissen geendet haben, beginnen die letzten beiden Strophen mit dem Wissen: „ich weiß.“ Und was wird da gewußt? „die auferstehung derer, die leben“ – so heißt es in der vorletzten Strophe. Also nicht die Auferstehung der Toten, sondern die Auferstehung der Lebenden. Etwa im Sinne des Sponti-Spruches „Gibt es ein Leben vor dem Tod?“ Oder, wie es die letzte Strophe noch genauer ausdrückt: „auferstehung heute und jetzt.“ Das verlagert die Fragestellung – und, wie ich meine, das weicht der eigentlichen Fragestellung aus. Selbstverständlich müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie das Leben vor dem Tod aussieht. Christen dürfen nicht immer nur auf das Jenseits vertrösten, sondern müssen auch im Diesseits leben. Aber: Sollen wir uns wirklich nur noch mit der „Auferstehung heute und jetzt“ beschäftigen? Reicht uns das aus? Gibt uns das Kraft? Spendet uns das Trost, wenn wir trauern?
„Ich weiß nur, wozu Er uns ruft…“ – Wer so formuliert, macht Auferstehung zu einer Aufgabe. Einer Aufgabe, zu der Gott uns ruft, einer Aufgabe, die wir selbst erledigen müssen. Dann müssen wir Auferstehung „machen.“ Mich überfordert das. Ich kann Auferstehung nicht „machen.“ Ich kann mir Auferstehung nur schenken lassen. Das ist das, was in dem Begriff „auferweckt werden“ steckt. Jesus Christus ist auferweckt worden. Ich hoffe darauf, auferweckt zu werden. Gott ist der, der das macht – nicht ich. Gott wird mich auferwecken – nicht ich mich selbst.

Bei Paulus hängt das ganze Gottesbild an der Auferstehung der Toten. Auch bei Kurt Marti. Das Gottesbild, das hinter seinem Gedicht steht, ist bestimmt durch eine Forderung, durch den Ruf zur Aktivität. Ein fordernder Gott, kein gebender Gott. Wichtig ist die Aufgabe, nicht die Gabe. Das ist allerdings wichtig. Der göttliche Anspruch gehört auch zum Verständnis vom Glauben, zum Gottesbild. Aber der Anspruch darf nicht ohne den Zuspruch bleiben. Sicherlich dürfen Christen und Christinnen nicht die Hände in den Schoß legen, frei nach dem Motto: Wir können ja doch nichts ändern. Aber Christen und Christinnen sollten auch nicht meinen, sie könnten alles selbst in die Hand nehmen. Vor allem, wenn es um die Überwindung des Todes geht. Das kann nur Gottes Sache sein. Denn nur Gott ist mächtiger als der Tod. Zu meinem persönlichen Gottesbild gehört eben nicht nur die Ohnmacht des mit-leidenden Gottes, sondern auch die Macht des alles überwindenden Gottes. Nicht nur das eine, sondern auch das andere. Kurt Marti hat die eine Seite ganz stark betont. Er hat sicherlich seine guten Gründe dafür gehabt. Aber die andere Seite soll nicht vergessen werden.

VI: Reinkarnation – eine christliche Vorstellung?

„Ich glaube an … die Auferstehung der Toten.“- Kein einfacher Teil des Glaubensbekenntnisses. Auch wenn man darauf hofft, von Gott auferweckt zu werden, stellen sich viele Fragen. Einige habe ich genannt: Wie ist das mit der leiblichen Auferstehung zu verstehen? Wann wird die Auferstehung stattfinden? Wie hängt das eigene Gottesbild mit der Vorstellung der Totenauferstehung zusammen? Aber man kann noch viel grundsätzlicher fragen: Wird es überhaupt eine Auferstehung geben, so wie sie im Glaubensbekenntnis ausgesagt wird? Viele Menschen glauben das nicht mehr, auch viele Christen nicht. In einer Umfrage haben 1992 nur 22% aller Christen angegeben, dass sie an eine Auferweckung durch Gott glauben. Immerhin die Hälfte davon, also 11%, glaubten statt dessen an eine Wiedergeburt. Bei Nichtchristen war der Anteil derer, die an Wiedergeburt glauben, noch viel höher. Reinkarnation heißt das Zauberwort, das vielen Menschen attraktiver erscheint als die Auferstehung. Reinkarnation, das heißt für viele: Mein Körper mag sterben, aber meine Seele wird weiterleben. Ein neues Leben in einem neuen Körper, einer neuen Existenz. Im fernöstlichen Buddhismus wird dieser ewige Zirkel der Wiederkehr als Strafe verstanden, eine Strafe, der man erst entkommt, wenn man würdig ist für das Nirwana, das ewige Nichts. Hierzulande wird Reinkarnation dagegen oft nicht als Strafe, sondern als Chance verstanden. Man darf es noch einmal versuchen und bekommt neue Möglichkeiten, ein gelungenes Leben zu leben. Das passiert quasi automatisch, man muss nichts weiter dafür tun. Und einen Gott braucht man dafür auch nicht. Vielleicht hat ein Gott irgendwann einmal den ganzen Prozess in Gang gebracht, aber jetzt spielt er keine Rolle mehr.

Ganz gewiss kann man Gott nicht beweisen und insofern ist dies kein unwiderlegbares Argument gegen die Lehre von der Seelenwanderung. Aber es macht deutlich, dass die Reinkarnationsvorstellung mit dem christlichen Glauben nicht zu vereinbaren ist. Hier gibt es ein Entweder – Oder. Dieser Gegensatz wird noch verstärkt durch weitere Widersprüche, von denen ich drei hier kurz nennen möchte. Erstens: Wo ein personaler Gott durch ein vorgegebenes Schema ersetzt wird, da wird die Erlösung zu einer Aufgabe, die man selbst bewältigen muss. Diese Selbsterlösung widerspricht aber dem, was Christen von ihrem Gott glauben: Dass er der Erlöser ist, weil wir Menschen uns selbst gar nicht erlösen können. Das befreit uns Menschen von dem Zwang, immer alles selbst leisten zu müssen und somit ständig unter Erfolgsdruck zu stehen. Zweitens: Hinter der biblischen Auferstehungshoffnung steht ein völlig anderes Zeitverständnis als bei der Reinkarnationsvorstellung: Bei der Seelenwanderung ist im Grunde ein zirkuläres Zeitverständnis vorausgesetzt: Alles dreht sich im Kreis, alles ist schon einmal dagewesen, die ewige Wiederkehr des Immer-Gleichen. Das biblische Verständnis aber hat einen Anfang und ein Ende, ist also linear. Auf dieser Zeitlinie ist nichts schon einmal dagewesen, alles ist neu und hat seine eigene Würde. Das bringt mich zu dem dritten und letzten Punkt. Nach der Reinkarnationslehre bin ich, der ich hier vor Ihnen stehe, nur die x-te Ausprägung, in der eine unsterbliche Seele wiedergeboren wurde. Im Grunde ist es egal, in welchem Körper sie wiedergeboren wird, im Grunde ist die Form egal. Nach dem biblischen Verständnis, das hinter der Lehre von der Auferstehung steht, ist dies komplett anders. Ich bin einmalig, weil ich nur einmal auf der Zeitlinie vorkomme. Gott hat jeden und jede von Ihnen einmalig geschaffen. Diese Identität kann Ihnen niemand nehmen. Diese Identität wird der Gott, der jeden und jede von uns geschaffen hat, auch über unseren Tod hinaus bewahren.

VII: Zum Schluss: Die Hoffnung

Wie das genau passieren wird, darüber weiß ich nichts. Ich bin aber gespannt darauf, es zu erfahren. Hier bleibt uns nichts übrig, als zu hoffen. Hoffen, dass sich als wahr erweisen wird, was im Glaubensbekenntnis ausgesagt wird: dass der Tod überwunden ist und die Toten auferstehen werden. Hoffen, dass wirklich wird, was Gott uns versprochen hat: dass er uns auferwecken wird und wir für immer bei ihm sein werden.

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Evangelisch sein

EINE (ALLZU) KURZE ÜBERSICHT

Von guten Mächten ….

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, / erwarten wir getrost, was kommen mag. / Gott ist bei uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Dieser beeindruckende Vers bildet den Abschluss eines Gedichts, das der evangelische Theologie Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) schrieb, als er wegen seines Widerstands gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime im Gefängnis saß. Wenige Monate später wurde er hingerichtet. Er gehört zu den bedeutendsten evangelischen Märtyrern des 20. Jahrhunderts, zu den „Zeugen einer besseren Welt“, die uns Vorbild im Glauben sind. Auch deshalb ist seine Dichtung heute immer noch beliebt und wird viel gelesen, auch gesungen: Sie bildet die Textgrundlage für das Lied „Von guten Mächten…“, das im Evangelischen Gesangbuch in allen evangelischen Kirchen in Deutschland zu finden ist (EG Nr. 65).

„Wunderbar geborgen“ konnte Bonhoeffer „getrost erwarten, was kommen mag.“ Auch das, was ihn im Gefängnis und auf dem Weg zur Hinrichtung erwartete? Auch das! Der Grund für Bonhoeffers mutige Taten und für seine Zuversicht auch in dunkelster Zeit war sein Gottvertrauen. Bonhoeffer konnte so handeln und so reden, weil er darauf vertraute, dass Gott „an jedem neuen Tag bei uns“ ist.

Bonhoeffers Lebensthema, auch in seiner Theologie, war die Kirche.

Die Kirche als Leib Christi

Wie in fast allen Religionen ist auch im Christentum die Gemeinschaft besonders wichtig. Hier finden die Begegnungen untereinander und mit Gott statt. Die Kirchengemeinde ist der Ort, an dem Christen diese Gemeinschaft erleben, an dem sie gemeinsam singen, beten, Gottes Wort hören und feiern. In der Gemeinde begegnet uns die Kirche jeweils an einem konkreten Ort. Denn gemäß dem evangelischen Augsburger Bekenntnis von 1530 ist die Kirche überall dort, wo das Evangelium – also die Botschaft von der Gottes Zuwendung zu den Menschen – verkündet wird und die Sakramente der Taufe und des Abendmahls miteinander gefeiert werden. In der Gemeinschaft, die sich um Wort und Sakrament versammelt, glauben wir zugleich die Kirche als den Leib Christi (vgl. 1. Korintherbrief, Kapitel 12). Das Bild des Leibes besagt, dass die Kirche eine Einheit ist, deren Glieder in gleicher Weise bedeutsam sind. Jeder und jede hat ein eigenes Charisma, eine eigene Gabe, die in das gemeinsame Leben der Kirche eingebracht werden kann; und alle sind auf Christus als den gemeinsamen Herrn bezogen.

Es gibt nur eine christliche Kirche. Sie ist der eine Leib Jesu Christi. In ihrer institutionellen Verfasstheit ist diese eine Kirche jedoch auf die verschiedensten Einrichtungen aufgeteilt; in Deutschland hat sich ein Nebeneinander von v.a. katholischer und evangelischer Kirche herausgebildet. Die institutionelle Gestalt ist nicht ohne Belang, jedoch gehört sie aus evangelischer Sicht zu den nicht heilsrelevanten „Mitteldingen“. Nach evangelischer Überzeugung gibt es die Kirche, inspiriert durch Jesus Christus, seit dem Kommen des Heiligen Geistes zu den Menschen, das wir in jedem Jahr zu Pfingsten feiern. Die evangelische Kirche versteht sich dabei als den Teil der Kirche, der durch die Reformation gegangen ist. Im Jahr 2017 haben wir anlässlich des 500jährigen Jubiläums an den Beginn der Reformation gedacht: Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte der Mönch Martin Luther seine 95 Thesen gegen die römisch-katholische Ablasspraxis – und dies führte in der Folgezeit dazu, dass sich die evangelische Gestalt von Theologie und Kirche ausformte.

Evangelisch: Solus Christus, sola fide, sola gratia und sola scriptura

Dabei wird der Begriff evangelisch mit dem Begriff protestantisch oft deckungsgleich gebraucht. Der Akzent des Begriffs „evangelisch“ liegt darauf, dass der Glaube auf dem Evangelium beruht. Dies wurde lateinisch in dem Begriff „sola scriptura“ formuliert: Allein die Schrift, die Bibel sollte der Maßstab sein. Das Evangelium, übersetzt als Frohe Botschaft; ist das Fundament unseres Glaubens an Jesus Christus, über den die Bibel berichtet.

Der Begriff „protestantisch“ hat zunächst eine historische Herkunft: 1529 fand die „protestatio“ (der Protest) der evangelischen Stände beim Reichstag zu Speyer statt. Auch heute ist es manchmal wichtig, dass der Protestantismus „protestiert“ – aber dies nicht nur als reine Anti-Haltung, sondern mit konstruktiven Engagement. Zu dem Ruf „sola scriptura“ treten die Worte „sola fide“ (Allein der Glaube) und „sola gratia“ (Allein die Gnade) hinzu. Die Rechtfertigung ergibt sich ohne Werke allein aufgrund des Glaubens der Menschen und der Gnade Gottes.

Die Rechtfertigung ist nach unserer Überzeugung notwendig wegen der Sünde. Sünde ist Orientierungslosigkeit und Gottferne. Sie markiert eine Position des Unglaubens und der Gottlosigkeit. Diese Sünde hat man nicht dadurch erfasst, dass man einzelne sündige Taten aufzählt. Worum es in dieser Orientierungslosigkeit geht, lässt sich sehr gut im Spiegel der drei „theologischen Tugenden“ Glaube, Liebe und Hoffnung verdeutlichen: Sünde ist ein Leben ohne Glauben, also ohne Beziehung zu Gott als der alles bestimmenden Wirklichkeit. Sünde ist ein Leben ohne Hoffnung, also ohne ein Vertrauen auf die Zukunft, das über die eigene Lebenserwartung und Bestimmungsmacht hinausreicht. Sünde ist ein Leben ohne Liebe, also ohne das innere Vermögen, den anderen Menschen um seiner selbst willen für mein Leben als wichtig anzuerkennen. Der Beginn jeder Gottesbeziehung liegt in der Befreiung aus dem Gefängnis dieser Orientierungslosigkeit. Diese Freiheit von Sünde schenkt Gott in Jesus Christus. Sie ermöglicht die Freiheit zu einem Leben, das sich an den göttlichen Geboten orientiert, wie sie zum Beispiel in den „Zehn Geboten“ des Alten Testaments überliefert sind.

Im allgemeinen Sprachgebrauch meint Erlösung die Rettung aus einer Notlage. In jedem Menschen steckt die Sehnsucht nach einem solchen Gerettet-Werden. Alles, was mein Leben belastet und bedroht, möchte ich loswerden. Religionen nehmen diese Sehnsucht auf und bieten unterschiedliche Erlösungswege. Aus christlicher Perspektive versteht man darunter die Befreiung des Menschen von der Macht der Sünde, von allen inneren und äußeren Zwängen. Der christliche Glaube stellt Jesus als den Erlöser in den Mittelpunkt; er bekennt: „Christus ist mein Leben.“ Durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferweckung hat er alle Menschen erlöst („solus Christus“). Diese Erlösung wird durch Gottes Gnade geschenkt und im Glauben angenommen, sie kann dagegen nicht durch eigene Aktivität erreicht werden. Im Heidelberger Katechismus (1563) wurden dafür folgende Worte gefunden: Der Glaube daran, dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben meinem Erlöser Jesus Christus angehöre, ist mein „einziger Trost im Leben und im Sterben.“ Dies ist der Kern der christlichen frohen Botschaft, der guten Nachricht des Evangeliums.

Die evangelische Kirche hat den Auftrag, den christlichen Glauben in der modernen Welt zu bewahren und zu stärken. Hierbei stellt sich die Frage, wie Modernität und Glauben verbunden werden kann, was immer wieder Spannungen erzeugt. Diese Spannungen oder widerstreitenden Ansprüche sind dann zu gestalten. Eine Ausprägung dieser Spannungen sind die unterschiedlichen Konfessionen, die innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland gemeinschaftlich zusammen leben.

Evangelische Konfessionen und die Evangelische Kirche in Deutschland

Diese Konfessionen, also wiederum Untergruppen des Begriffs „protestantisch“ oder „evangelisch“, sind die folgenden:

Lutherisch: Dies sind evangelische Christen, die vor allem von dem wohl bedeutendsten Reformator Martin Luther (1483-1546) inspiriert wurden. Zu ihnen gehörte auch Dietrich Bonhoeffer. Lutherische Landeskirchen sind z.B. die von Hannover, Nordelbien oder Bayern.

Reformiert (auch: calvinistisch): Dies sind evangelische Christen, die von v.a. Ulrich Zwingli (1484-1531) und Johannes Calvin (1509-1564) beeinflusst wurden. Der Name meint „die nach Gottes Wort reformierte Kirche“. Reformierte Landeskirchen sind z.B. die Lippische und die Evangelisch-Reformierte Kirche.

Uniert: Dieser Begriff leitet sich her von dem Wort Union, das die Vereinigung zwischen v.a. Lutheranern und Reformierten meint. Die Unierten nehmen sozusagen eine Mittelposition zwischen Lutheranern und Reformierten ein. Es gibt verschiedene Ausformungen: die Konsensusunion, z.B. in der badischen Landeskirche, und die Verwaltungsunion, z.B. in den ehemaligen preußischen Landeskirchen (Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, Westfalen u.a.). Bonhoeffer gehörte als Berliner einer solchen unierten Kirche an.

Die Evangelische Kirche in Deutschland“ (EKD) schließlich besteht seit 1945, als am 31. August die Kirchenkonferenz von Treysa die vorläufige Ordnung der EKD beschloss und einen Rat einsetzte. Sie ist die „Gemeinschaft ihrer lutherischen, reformierten und unierten Gliedkirchen. Sie versteht sich als ein Teil der einen Kirche Jesu Christi“, wie es in der Grundordnung der EKD heißt. In der Präambel definiert sie sich selbst so: „Grundlage der Evangelischen Kirche in Deutschland ist das Evangelium von Jesus Christus, wie es uns in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments gegeben ist. Indem sie diese Grundlage anerkennt, bekennt sich die Evangelische Kirche in Deutschland zu dem Einen Herrn der einen heiligen allgemeinen und apostolischen Kirche. Gemeinsam mit der alten Kirche steht die Evangelische Kirche in Deutschland auf dem Boden der altkirchlichen Bekenntnisse. Für das Verständnis der Heiligen Schrift wie auch der altkirchlichen Bekenntnisse sind in den lutherischen, reformierten und unierten Gliedkirchen und Gemeinden die für sie geltenden Bekenntnisse der Reformation maßgebend.

Sie vereinigt die zur Zeit 20 evangelischen Landeskirchen Insgesamt gehören ca. 20,7 Millionen Menschen in 13.500 Kirchengemeinden zur evangelischen Kirche in Deutschland. Die EKD hat nach ihrer Grundordnung drei Leitungsorgane: die Synode, die Kirchenkonferenz und den Rat.

Unverzichtbar zur evangelischen Kirche gehört auch ihre soziale Arbeit. Die Diakonie Deutschland hilft Menschen in eigenen Wohn- und Pflegeheimen, Beratungsstellen, Kindertagesstätten und Krankenhäusern durch Sozialarbeit, Pflegedienste, Telefonseelsorge, Bahnhofsmission und Beratungsstellen mit rund 600.000 hauptamtlichen und ebenso vielen ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Sie leistet auch einen großen Beitrag zur Sozialstaatlichkeit des Grundgesetzes, indem sie die Interessen der Menschen, für die sie tätig ist, gegenüber den politischen Organen vertritt.

In der heutigen Situation ist es von wachsender Bedeutung, dass evangelische Christen „Rechenschaft“ (1. Petrusbrief Kapitel 3, 15) geben können über das, was sie trägt und bewegt. Die Sprachfähigkeit in Glaubensdingen ist gleichzeitig eine zentrale Grundlage und eine wichtige Aufgabe für evangelisches Christsein. Zur Rechenschaft, die von uns gefordert ist, gehört, dass wir wissen, warum wir evangelisch sind. Vor mehreren Jahren hat die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau ein Kommunikationskonzept vorgestellt, um auskunftsfähig zu sein über die guten Gründe für das Evangelischsein. Die Aktion steht unter dem Titel: „Evangelisch aus gutem Grund“. Wir haben guten Grund dazu, evangelisch zu sein, heißt das. Wir können auch gute Gründe dafür nennen. Und, um das Motto etwas abzuwandeln, wir sind auch „evangelisch auf gutem Grund“ – der Grund für unser Evangelischsein ist nicht nur die Kirche als Leib Christi, sondern das gute Heilshandeln des dreieinigen Gottes.

Eine ehrliche selbstkritische Bestandsaufnahme gebietet es, die Kluft nicht zu verschweigen, die sich zwischen Anspruch und Wirklichkeit auftut. Die Wirklichkeit evangelischer Kirche und evangelischen Christseins ist ‑ Gott sei’s geklagt ‑ immer wieder eine kritische Rückfrage an die Botschaft, die uns zusammen mit der ganzen Kirche aufgetragen ist, und der Markenzeichen, die uns durch die Reformation aufgeprägt wurden. Diese Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit erinnert daran, dass die ganze Kirche ‑ nicht weniger als die einzelnen Glaubenden ‑ den „Schatz“ des Evangeliums „in irdenen Gefäßen“ hat, „damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns“ (2. Korintherbrief Kapitel 4, 7).

Europa und die Welt

Auch auf europäischer und weltweiter Ebene wird an der Einheit der Christen gearbeitet – das Miteinander von Kirchen in Europa und der Welt wird als „Ökumene“ bezeichnet. So gibt es die „Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa“ (GEKE), die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft von über 100 lutherischen, reformierten und unierten Kirchen in Europa herstellen konnte. Weltweit versuchen viele christliche Kirchen, ihrer Gemeinschaft im „Ökumenischen Rat der Kirchen“ (ÖRK) Ausdruck und Gestalt verleihen. Das Motto des ÖRK ist aus dem Johannes-Evangelium (Kapitel 17, Vers 21) entnommen: Jesus bittet Gott für seine Jünger, „damit sie alle eins seien“. Trotz aller immer wieder auftretenden Probleme ist dies grundsätzlich ein richtiger Schritt hin auf eine Verwirklichung der inneren Einheit der Kirche Jesu Christi.

Wer bin ich?

Dietrich Bonhoeffer war Zeit seines Lebens ökumenisch engagiert. Und so wie zu Beginn dieser kurzen Darstellung ein Zitat von ihm stand, so soll dieser Text auch mit einem (anderen) Zitat von ihm abgeschlossen werden, das er ebenfalls während seiner Zeit im Gefängnis Ende 1944 verfasst hat. Selbstkritisch fragte er nach seiner eigenen Rolle, nach dem, was er als Person in seiner besonderen Situation wirklich war. Er fand keine abschließende Antwort, wohl aber den guten Grund, auf dem er mit seiner Frage Ruhe finden konnte.

„Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß. […]
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe […]?
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
[…] Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

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Wissenschaftliches

Lehrwerk Praktische Theologie

Isolde Karle, Praktische Theologie (Lehrwerk Evangelische Theologie 7), Leipzig 2020, XVII und 718 S., gebunden, 58€, ISBN 978-3-374-05488-6

In Band 7 des „Lehrwerks Evangelische Theologie“ vermittelt die Bochumer Praktische Theologin Isolde Karle Studierenden „gegenwartsbezogenes theologisches Grundwissen“ und verbindet dies mit einer „praxisorientierten Ausrichtung auf das künftige Berufsfeld“ im Pfarr- und Lehramt (S. V).

Nach einer Beantwortung der für diese Disziplin besonders notwendigen Frage „Was ist Praktische Theologie?“ folgen drei grundlegende Kapitel zu Religion, Kirche und Pfarrberuf in der Moderne. Danach werden die klassischen Felder der Praktischen Theologie behandelt: Homiletik, Liturgik, Poimenik und Kasualien, darüber hinaus die Diakonie und die Medienkommunikation. Ein fast 90-seitiger Serviceapparat mit Literaturangaben und Registern verhilft zur Weiterarbeit.

Der Aufbau jedes Kapitels ist lehrbuchtypisch vergleichbar strukturiert, sodass zunächst biblisch-historische Perspektiven skizziert, bevor aktuelle Debatten luzide dargestellt und präzise diskutiert werden. Regelmäßig fassen optisch hervorgehobene Merksätze die zentralen Erkenntnisse didaktisch hilfreich zusammen.

Die im Vorwort (S. XV-XVII) transparent benannten Grundprinzipien prägen das gesamte Buch: Eine realistische Wahrnehmung der „Ambivalenzen modernen Lebens“ und der „Theologiebezug der Praktischen Theologie“ ergänzen die generellen Lehrwerkperspektiven Interdisziplinarität und Gegenwartsrelevanz. Der Gewährsmann Karles für all dies ist Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Von hier aus versucht Karle, „möglichst objektiv die Pluralität praktisch-theologischer Konzeptionen und Diskurse zu beschreiben“. Die in den beiden Worten „möglichst objektiv“ liegende Spannung lässt sich durchgängig beobachten. Sichtbar ist Karle bestrebt, die angestrebte Objektivität durch Darstellung der unterschiedlichen Positionen zu den verschiedenen Themen durchzuhalten. Aber weil sie zu allen diesen Themen bereits eigene Positionen entwickelt und publiziert hat (vgl. die beeindruckende Zahl ihrer Literaturtitel S. 654-657), ist es unvermeidlich, dass Objektivität nie ungebrochen erreicht wird. So ist, um ein besonders deutliches Beispiel zu erwähnen, das pastoraltheologische Kapitel „Der Pfarrberuf als Profession“ durch Karles gleichnamige Habilitationsschrift geprägt (vgl. bes. S. 141-148). In den abschließenden Ausführungen zur Medienkommunikation führt Karle den historischen Zentralsatz „Das Christentum hat sich immer schon der Medien bedient“ (S. 610) auf die Gegenwart aus, indem sie quasi nebenher die soziologischen Entwürfe von Niklas Luhmann, Armin Nassehi und Dirk Baecker skizziert, die evangelischen Medienpioniere August Hinderer, Robert Geisendörfer und Johanna Haberer ins Spiel bringt und sich dann unter Bezug auf aktuelle Forschung von Kristin Merle, Günther Thomas und Wilhelm Gräb kritisch den gegenwärtigen Massenmedien zuwendet. Vor allem die Social Media bergen für die auch auf Facebook aktive Autorin eher Probleme als Chancen. Über die Frage, ob hier für die gegenwärtige Kommunikation des Evangeliums nicht doch mehr Potenzial vorhanden ist, ließe sich trefflich diskutieren. Ist es im Internet wirklich „nicht möglich, Abendmahl zu feiern und authentische Begegnungen face to face zu haben“ (S. 624), und sind Begegnungsräume im Internet wirklich nicht „real“, „authentisch“ und „interaktiv“ (S. 625)?

Solche Fragen müssen gestellt werden (und sie können anders beantwortet werden), sie dürfen aber nicht davon ablenken, dass Isolde Karle mit diesem Lehrwerk zur Praktischen Theologie ein „Standardwerk“ (R. Kunz in der ThLZ) vorgelegt hat, das Studierende nicht nur bestens auf die theologischen Examina, sondern auch auf den Pfarr- und Lehrberuf vorbereiten wird. Und für alle diejenigen, die bereits in diesen Berufen tätig sind, lohnt sich die Lektüre ebenfalls, weil „sich die Leitung und Gestaltung kirchlicher Praxis nicht von selbst verstehen“ (S. 7f.), sondern der Theologie bedürfen.

(Kirchliches Amtsblatt der Ev. Kirche von Westfalen, Ausgabe 4/2021, S. 35)

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Kirchliches Wissenschaftliches

Künstliche Intelligenz

Die Evangelische Forschungsakademie (EFA) traf sich Anfang Januar 2021 nicht wie gewohnt in der Berliner Stadtmission zur traditionsreichen Januartagung. Die 145. Tagung fand erstmals digital statt; die meisten der Vorträge sind aufgezeichnet worden und stehen als Video weiterhin zur Verfügung..

Die sieben Vorträge standen unter dem Motto „Künstliche Intelligenz. Macht der Maschinen und Algorithmen zwischen Utopie und Realität“.

Die Einführung in die Tagung übernahm Prof. Dr. Thomas von Woedtke, Plasma-Mediziner aus Greifswald und Mitglied des EFA-Kuratoriums.
Seiner Einführung lagen folgenden Überlegungen zugrunde:
Das Thema „Künstliche Intelligenz“ wird derzeit in sehr verschiedenen Formaten und Veranstaltungen intensiv diskutiert und reflektiert. Die EFA-Januartagung 2021 wird diese aktuelle Thematik unter dem Gesichtspunkt behandeln, den vor allem in der (medialen) Öffentlichkeit diskutierten positiven wie negativen technischen Visionen den Versuch einer realistischen Einschätzung der tatsächlichen Möglichkeiten und Grenzen von KI gegenüberzustellen. Dabei kommen auch christlich motivierte Standpunkte von Wünschenswertem und Notwendigem in der Gestaltung der menschlichen Lebenswelt zur Sprache kommen.
An der Einführung und Prägung des Begriffes „künstliche Intelligenz (KI)“ (artificial intelligence – AI), der im Jahr 1956 erstmals gebraucht wurde, war Marvin Minsky (1927-2016) maßgeblich beteiligt, der KI 1966 so definierte: „Künstliche Intelligenz liegt dann vor, wenn Maschinen Dinge tun, für deren Ausführung man beim Menschen Intelligenz unterstellt.“ Damit ist mit dieser Begriffsdefinition die assoziative Verbindung maschineller (Computer-)Systeme und Prozesse mit biologischen und menschlichen Eigenschaften, Fähigkeiten und Prozessen von vornherein angelegt. Weitere Begrifflichkeiten aus diesem Zusammenhang wie Elektronengehirn, maschinelles Lernen, neuronale Netze etc. unterstreichen die Fortdauer dieser anscheinend weitgehend unreflektierten Praxis bis in die Gegenwart. Diese „Biologisierung“ oder „Humanisierung“ menschengemachter und von Menschen nutzbarer technischer Systeme ist vom Ursprung her sicherlich einem seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anhaltenden und in den 1950er und 1960er Jahren noch weitgehend ungebrochenen Technik- und Zukunftsoptimismus geschuldet, der nahezu alles für machbar erachtete und bis heute tatsächlich zu erheblichen, als Fortschritt zu bezeichnenden Forschungs- und Entwicklungsleistungen geführt hat. Nichtsdestotrotz birgt die mit dieser Übernahme von Begrifflichkeiten verbundene Grenzüberschreitung auch erhebliche Probleme. Dies betrifft insbesondere die assoziative Zuschreibung von umfassenden menschlichen Möglichkeiten an technische Systeme, die zu extremen Erwartungshaltungen im Hinblick auf deren zumindest potentielle Leistungsfähigkeit und daraus resultierende Machbarkeitsvisionen führt, die sowohl in höchst optimistischen wie auch apokalyptischen Zukunftsszenarien resultieren. Es scheint bei diesen Visionen und Gedankenspielen oft so zu sein, dass sie weit entfernt von der technischen Realität und tatsächlichen Machbarkeit agieren und oft vor allem auf assoziativen Analogieschlüssen basieren, die vor allem aus den verwendeten Begrifflichkeiten zu resultieren scheinen. Ein Ziel der Januartagung 2021 ist es, solchen Assoziationen entgegenzuwirken, die einer genauen Betrachtung nicht standhalten. Dennoch sollte man nicht verschweigen, dass künstliche Intelligenz (oder wie man diese Maschinenintelligenz immer nennen mag) noch zu sehr viel mehr in der Lage sein wird, als wir im Moment realistischerweise annehmen.
Bei der Betrachtung praktischer Konsequenzen wäre neben unzweifelhaft vorhandenen positiven und hilfreichen Möglichkeiten, die KI-basierte Systeme bieten, ist hier auch das hohe Missbrauchspotential anzusprechen. Darüber hinaus darf der mit der Verfügbarkeit solcher Systeme und der zugrundeliegenden Daten verbundene Machtaspekt nicht außer Acht gelassen werden. Daher versucht die EFA-Januartagung 2021, eine Ordnung und Bewertung dieser Begrifflichkeiten mit einer zumindest orientierenden Einschätzung des Potentials und der Leistungsfähigkeit von unter dem Dachbegriff KI zusammengefassten technischen Systemen und Prozessen zu verbinden.

Was ist Intelligenz? Künstliche Intelligenz aus psychologischer Sicht
Prof. Dr. Dr. h.c. Joachim Funke (Jg. 1953), Studium der Psychologie, Philosophie und Germanistik, 1984 Promotion, 1991 Habilitation, 1997-2019 Lehrstuhl für Allgemeine und Theoretische Psychologie Heidelberg, Ehrenpromotion Szeged 2015.

Der Vortrag von Joachim Funke stand unter dem Motto: „Menschen handeln – Maschinen führen aus“.
Intelligenz ist ein zentrales Konstrukt der modernen Psychologie, um Unterschiede in der kognitiven Leistungsfähigkeit von Menschen zu beschreiben. Etwas breitere Konzeptionen sehen die Anpassung des Menschen an seine Umwelt und die Gestaltung der Umwelt zu unserem Vorteil als zentrales Element intelligenten Handelns. Im Vortrag wird ein Überblick über verschiedene Konzeptionen von Intelligenz gegeben. Auch die »dunkle Seite« der Intelligenz (das zerstörerische Potential) wird angesprochen.


Neurobiologische Korrelate der Entscheidungsfindung
Prof. Dr. Ingo Bernd Vernaleken, Studium der Humanmedizin, 2000 Promotion, 2005 Oberarzt für Psychiatrie und Psychotherapie, 2009 Professor an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der RWTH Aachen.

Ein starkes Zitat des Vortrags von Ingo Vernaleken war: „Wir haben so viel Intelligenz, wie wir brauchen.“


Vom Golem über Asimovs Robotern bis zu Markow-Ketten: Künstlerische Auseinandersetzungen mit künstlicher Intelligenz
Prof. Franz Danksagmüller (Jg. 1969), Studium der Kirchenmusik, Komposition und elektronischen Musik, Organist und Lehrbeauftragter in Wien, Linz und St. Pölten, seit 2005 Professor für Orgel und Improvisation an der Musikhochschule Lübeck.

Franz Danksagmüller stellte seinen Vortrag unter ein Zitat von Arthur C. Clarke: „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“
Über künstliche Wesen wurde schon in der Antike berichtet. Das Spektrum reicht von singenden Vögeln, automatischen Tempeltüren bis zu sprechenden Statuen und intelligenten Dienern.
Automaten, wie »der Schreiber«, die mechanische Ente oder »der Schachtürke« aus dem 18. Jahrhundert waren Höhepunkte einer langen Entwicklung. Sie zeugen von höchster Handwerkskunst – und Betrug.
Maschinen wie diese erschienen manchen Zeitgenossen als ein Produkt schwarzer Magie und als beseelte, eigenständige Wesen.
Neben den komplizierten Automaten entstanden eine Vielzahl an Sagen und Mythen von übernatürlichen, künstlichen Wesen: der Golem, Olympia, Frankenstein sowie die künstliche Maria aus »Metropolis« sind nur einige von ihnen. Aus heutiger Sicht wirken viele dieser Legenden naiv, die Maschinen der vergangenen Zeiten zwar faszinierend aber auch leicht zu durchschauen.
Doch wie begegnen wir den künstlichen Wesen unserer Zeit? Künstliche Intelligenz erscheint uns als Bereicherung und Bedrohung zugleich. Filme wie »A.I.«, »Ex Machina«, »her« usw. erfreuen sich großer Beliebtheit, Assistenten wie Siri und Alexa sind in vielen Haushalten ein festes Familienmitglied, chatbots beeinflussen unsere Meinung und unser Wahlverhalten.
Längst haben wir die Grenzen nachvollziehbarer Mechanik überschritten. Man spricht von künstlicher Intelligenz wie von einem mysteriösen Wesen, das oft unberechenbar agiert, eigene Wege geht und dem Menschen in vielerlei Hinsicht überlegen ist. Wir fragen Chatbots um Rat und kommunizieren mit digitalen Kopien verstorbener Menschen.
Auch im Bereich der Kunst sind künstliche Intelligenzen inzwischen tätig. Sie schaffen sowohl Kompositionen im Stil verstorbener Komponisten als auch neue, scheinbar eigenständige Werke.
Der Algorithmus »min G max D Ex[log(D(x))]+Ez[log(1-D(G(z)))]« schuf ein Bild, das bei Christie´s um 400.000 € versteigert wurde.
Doch welche Mechanismen stecken hinter diesen künstlichen Künstlern? Sind diese Algorithmen ernsthafte Partner bzw. Konkurrenten? Bereits heute treten sich in Musiktheatern und anderen Aufführungen künstliche und menschliche Wesen gegenüber…

Was ist und was kann Künstliche Intelligenz?
Einführung in Grundbegriffe, Methoden und Perspektiven der Künstlichen Intelligenz

Prof. Dr. Sebastian Rudolph (Jg. 1976), Lehramtsstudium Mathematik, Physik und Informatik, 2006 Promotion, 2011 Habilitation, 2013 Professor für Computational Logican der TU Dresden, seit 2020 geschäftsführender Direktor des Instituts für Künstliche Intelligenz.

„Fehlertoleranz als Voraussetzung für die Anwendung von KI“ war ein Fazit des Vortrags von Sebastian Rudolph.
Künstliche Intelligenz (KI) ist in aller Munde und erobert viele alltägliche Lebensbereiche, während gleichzeitig auch prominente mahnende Stimmen laut werden. Sein Vortrag beleuchtet die Ursprünge, und die bewegte Geschichte dieser Disziplin, geprägt von sich abwechselnden Phasen von hohen Erwartungen und Ernüchterung. Er stellt die zwei zentralen Paradigmen des Gebietes vor – subsymbolische KI einerseits (insbesondere maschinelles Lernen) und symbolische KI andererseits (beispielsweise Wissensrepräsentation und automatisches Schließen) – und diskutiert deren zentrale Methoden sowie Vor- und Nachteile. Der Vortrag schließt mit einem vorsichtigen Ausblick auf absehbare zukünftigen Entwicklungen und geht kurz auf die damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen ein.


Künstliche Intelligenz in der modernen Welt – Was nutzen wir schon und was erwartet uns demnächst?
Prof. Dr.-Ing. Peter Liggesmeyer (Jg. 1963), Studium der Elektrotechnik, 1992 Promotion, 2000 Habilitation und Lehrstuhl für Softwaretechnik und Qualitätsmanagement in Potsdam, seit 2004 Lehrstuhl für Software Engineering: Dependability an der TU und Institutsleiter am Fraunhofer Institut für Experimentelles Software Engineering in Kaiserslautern.

Aus dem Vortrag von Peter Liggesmeyer blieb u.a. das Zitat „Keine Erklärung, wie das Ergebnis zustande gekommen ist.“ hängen.
Künstliche Intelligenz (KI) ist eine alte Idee, die aktuell eine markante Renaissance erlebt. Erste, wenn auch einfache, funktionierende künstliche neuronale Netze gab es bereits in den 1950er Jahren. Spezielle KI-Programmiersprachen entstanden wenig später, z.B. im Jahr 1958 LISP und 1973 PROLOG. Heute wird KI als eine wichtige Zukunftstechnologie diskutiert, wobei sich das Interesse aktuell auf den Teilbereich des Maschinellen Lernens (ML) konzentriert. ML mit KI gleichzusetzen ist aber falsch.
Die vereinfachte Grundidee des Maschinellen Lernens ist, ein System anhand von Beispielen zu trainieren, mit dem Ziel, dass das ML-System nach Vorlage vieler Beispiele in der Lage sein soll, das darin enthaltene Verhalten zu reproduzieren. ML-Systeme erkennen Muster. Sie extrahieren aber keine Regeln.
Man darf Muster (Korrelationen) nicht mit Kausalitäten (Regeln) verwechseln. Maschinelle Lernverfahren sind nicht im eigentlichen Sinne intelligent. Sie extrahieren Muster und wenden diese an. Diese vermeintliche Schwäche kann aber auch zu einer Stärke werden und zwar dort, wo die Angabe von Regeln schwierig ist. Beispiele dafür sind die Bereiche Sprach- und Bildverstehen, zwei Anwendungsbereiche in denen ML-Verfahren ausgezeichnete Erfolge verbuchen und ihr gelegentliches Versagen meistens toleriert werden kann. Selbstverständlich gibt es auch hier Regeln, aber Kinder lernen ihre Muttersprache nicht durch Vorgabe von Regeln, sondern durch das Nachsprechen von vorgesprochenen Beispielen. Das Gleiche gilt für das Verstehen von Bildinhalten. Wenn ein Kind oft genug Bilder von Autos gesehen hat, so erkennt es Autos auf Bildern wieder. Und maschinelles Lernen kann das meistens auch leisten, aber eben keine diesbezüglichen Garantien abgeben.
Im Grunde handelt es sich beim Maschinellen Lernen um eine spezielle Form der statistischen Datenanalyse, die deren charakteristische Vor- und Nachteile besitzt und natürlich nur Effekte erzeugen kann, die aus den zugrunde liegenden Daten abgeleitet werden können. Hier von Intelligenz zu sprechen, erscheint unangebracht.
Maschinelles Lernen allein wird für viele Anwendungsbereiche – insbesondere für jene, in denen Garantien erforderlich sind, wie autonomes Fahren – nicht ausreichen. Aber natürlich haben maschinelle Lernverfahren auch klar benennbare Vorteile. Die beschriebenen Nachteile sind den Forschern bekannt, und es wird daran gearbeitet, diese zu beseitigen. Die KI enthält mehr Lösungen, als nur das Maschinelle Lernen, und natürlich gibt es auch funktionierende Lösungen außerhalb der KI, auf die zurückgegriffen werden kann. Es ist abzusehen, dass ein Zusammenspiel der unterschiedlichen Bausteine eine Lösung sein wird.
Derzeit muss man sich vor der »Künstlichen Intelligenz« nicht wirklich fürchten. Bedrohlicher ist die – mit Verlaub – verbliebene Dummheit der existierenden Lösungen, deren Beseitigung ein aktuelles, wichtiges Ziel der Forschung ist.


Maschinenethik: Können Maschinen moralisch sein?
Prof. Dr. Catrin Misselhorn (Jg. 1970), Studium der Philosophie, 2003 Promotion, 2010 Habilitation, 2012 Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie in Stuttgart, seit 2019 Professorin für Philosophie in Göttingen.

Catrin Misselhorns Vortrag gipfelte in der These „Moralische Maschinen sind Menschen moralisch überlegen.“
Durch die Fortschritte der Künstlichen Intelligenz (KI) und Robotik werden Maschinen in Zukunft mehr und mehr moralische Entscheidungen fällen, die unser Leben betreffen. Deshalb soll analog zur »Artificial Intelligence« eine »Artificial Morality« entwickelt werden. Doch können Maschinen überhaupt moralisch handeln – und dürfen sie es? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Maschinenethik, deren Grundlagen in diesem Vortrag anhand von Beispielen wie autonomen Waffensystemen, Pflegerobotern und selbstfahrenden Autos diskutiert werden.

Gottebenbildlichkeit und Künstliche Intelligenz
Prof. Dr. Dirk Evers (Jg. 1962), Studium der Theologie, 1999 Promotion (ESSSAT-Preis 2002), 2005 Habilitation, 2008 Lehrauftrag an der Universität Zürich, seit 2010 Professor für Systematische Theologie an der Universität Halle-Wittenberg.

Dirk Evers forderte in seinem Vortrag: „Es geht nicht darum, vor KI zu warnen, sondern den Umgang mit ihr zu gestalten.“
Aus christlich-theologischer Perspektive ist der Mensch als der Gott entsprechende Menschen zu bestimmen. Als Gott entsprechender Mensch ist der Mensch Selbstzweck und Person. Als Personen verstehen Menschen nicht nur etwas, sie verstehen dabei immer auch sich selbst. Und sie verstehen sich nicht nur auf das Erreichen von Zwecken (technische Imperative), sie verstehen sich auch auf das Verstehen in seinen unterschiedlichen Dimensionen. Menschen orientieren sich deshalb in der Wirklichkeit in Perspektiven der 3., 1. und 2. Person. Das Leben in durch Medien vermittelten Beziehungen macht sie so zu Personen, und dadurch sind sie immer schon bezogen auf Gott. Insofern das Bilderverbot in Bezug auf Gott gilt, gilt es entsprechend auch in Bezug auf den Menschen: Über Menschen kann man nie vollständig im Bilde sein. Auch alles Selbstverstehen ist letztlich begrenzt.
Künstliche Intelligenz ist Mittel zum Zweck. Die Gefahr ist nicht, dass Künstliche Intelligenz menschlich oder gar mehr als menschlich wird, sondern dass Menschen sich zu sehr Künstlicher Intelligenz anvertrauen. Sie verspricht unter anderem Entlastung von dem Entscheidungsdruck und den Effizienzanforderungen, unter denen Menschen in der Moderne existieren. Sie ist zudem eine Projektionsfläche für problematische Gottes- und Menschenbilder. Das liegt nicht primär an der Raffinesse der Maschinen, sondern vor allem am Wesen des Menschen, der im geschilderten Sinne ein mediales Wesen ist. Hier kann die Kategorie der Gottebenbildlichkeit Perspektiven bereitstellen.


Die Generalaussprache wurde geleitet von Prof. Dr. Oliver Holtemöller, Wirtschaftswissenschafter aus Halle (Saale) und Kuratoriumsmitglied der EFA.
Er begann mit drei Thesen:
1. These: Künstliche Intelligenz hat nicht viel mit Intelligenz zu tun.
2. These: KI ist als wissenschafliche Methode für mich uninteressant (Verstehen/Verhalten).
3. These: Die Gesellschaft sollte die Methoden besser verstehen (Digital Literacy)
.

Das EFA-Kuratoriumsmitglied Prof. Dr. Martin Schnittler, Botaniker und Landschaftsökologie aus Greifswald, steuerte vier Thesen zum Unterschied zwischen menschlicher (natürlicher) und künstlicher Intelligenz aus biologischer Sicht bei:
1. These: Der Mensch kann sich Ziele setzen und hat Antriebe – der KI müssen diese vom Menschen gesetzt werden.
2. These: Das menschliche Hirn hat ein Belohnungssystem – wir setzen oft kurzfristigen Nutzen vor langfristigen. Impulsives Handeln ist ein möglicher Ausweg bei extrem komplexen Problemen.
3. These: Das menschliche Hirn schließt stochastische Prozesse ein – gleicher Input generiert nicht identische Lösungen.
4. These: Menschliche Intelligenz kann nur irreversibel ausgeschaltet werden (Suizid) – KI kann reversibel ausgeschaltet werden. Maschinen haben keine Menschenwürde.

Andacht
Dr. Rainer Rausch / Tim Reiter


Bericht zur kirchlichen Lage / Gottesdienst
Pröpstin Dr. Christina-Maria Bammel (Jg. 1973), Studium der Theologie, 2003 Promotion (HU Berlin), Pfarrerin in Berlin, seit 2019 Pröpstin und theologische Leiterin des Konsistoriums der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Die Tagung wurde mit einem Bericht zur kirchlichen Lage und einem Gottesdienst beendet, die Christina-Maria Bammel verantwortete. Sie zitierte ein Kyrie der ökumenischen Band patchwork aus Brandenburg a.d.H.:
Manchmal ist es wenig was mich über Wasser hält
Dünne Schicht der Dinge wenn sie kippelt, doch nicht fällt
Viele gute Gründe und kein Ziel
Alles dreht sich weiter…manchmal ist es viel
Manchmal ist es wenig, was uns zueinander treibt
Augenblick der ewig dauern kann und doch nicht bleibt
Alles was mir ernst ist, ist das Spiel,
manchmal ist es wenig und manchmal viel zu viel,
machmal ist der Weg zu weit und manchmal fehlt das Ziel,
manchmal ist alles zu ende und es fehlt nur ein Schritt,
manchmal geht man vor die Hunde und keiner geht mit,
manchmal ist alles fraglich und keine Antwort zu sehn.

Manche der Vortragenden waren nur zu Ihrem Beitrag zugeschaltet. Andere beteiligten sich auch in den Aussprachen und an den abendlichen Breakout-Sessions. Prof. Dr. Joachim Funke fasste seine Eindrücke in einem spontanen Blog zusammen. Sein Fazit fand ich als Theologe amüsant und hoch erfreulich:
„Ich wusste gar nicht, wie politisch Theologen sein können! Danke an die Referenten und die Referentin für die vielen Anregungen, danke für das “food for thought”, das in meine Handschuhsheimer Dachstube gelangen durfte! Ein Weiterbildungs-Wochenende der besonderen Art!“

Informationen zur Evangelischen Forschungsakademie:
Die Evangelische Forschungsakademie (EFA) ist ist eine unselbständige Einrichtung der Union Evangelischer Kirchen (UEK). Sie vereinigt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Künstlerinnen und Künstler christlichen Glaubens. Die Mitglieder der EFA sind durch die ihnen gemeinsamen Fragen von christlichem Lebensverständnis und wissenschaftlichem Arbeiten verbunden. Mitglieder der Evangelischen Forschungsakademie können akademisch oder in der Praxis tätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden, die in ihren Fachgebieten selbständige Forschungsarbeit betreiben, sich dementsprechend ausgewiesen haben und bereit sind, sich in das interdisziplinäre Gespräch einzubringen.
Mit ihrer Gründung 1948 in Ilsenburg (Sachsen-Anhalt), unweit der innerdeutschen Grenze, setzte sich die Evangelische Forschungsakademie (EFA) das Ziel, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen zusammenzuführen. Gemeinsam war es ihre Absicht, die neuesten Erkenntnisse und Entwicklungen in Wissenschaft und Gesellschaft zu diskutieren. Die Erkenntnisfunktion des Glaubens und die ethische Verantwortung in Forschung und Lehre sind dabei bis heute das besondere Anliegen. Unter dem Motto „Glaubend erkennen – erkennend glauben – verantwortlich handelnd“ stellt sich die EFA den Herausforderungen unserer Zeit zur zukunftsfähigen Gestaltung von Lehre, Bildung und Forschung in christlich-ethischer Verantwortung. Dazu veranstaltet sie in der Regel zwei Tagungen pro Jahr: Die Januartagung in Berlin dient der interdisziplinären Behandlung eines Generalthemas durch Vorträge und ausführliche Diskussionen. Die Pfingsttagung im Evangelischen Zentrum Drübeck ist der Vorstellung und Diskussion von Forschungsarbeiten der Mitglieder sowie anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vorbehalten.

Direktor ist der Astrophysiker Prof. Dr. Alfred Krabbe. Ich selbst gehöre zum Kuratorium, das die Akademie leitet und die Tagungen vorbereitet.

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Allgemeines

Wider die Impfgegner!

Denjenigen, die aus (vermeintlich) christlichen Gründen zu den prinzipiellen Impfgegnern gehören, kann man mit Martin Luthers Schrift „Ob man vor dem Sterben fliehen möge“ von 1527 antworten.
Luther plädiert dort durchgängig für den Gebrauch der von Gott geschenkten Vernunft im Kampf gegen die Pest, um unvernünftiges Verhalten zu verhindern. Zu diesem unvernünftigen Verhalten gehört für ihn auch, unter der Berufung auf das Gottvertrauen unverantwortlich zu handeln.

Einen Abschnitt aus Luther Schrift könnte man heute mit „Wider die Impfgegner“ überschreiben:

„Sie verachten es, Arznei zu nehmen und meiden die Stätten und Personen nicht, die die Pest gehabt haben und von ihr genesen sind. sondern zechen und spielen mit ihnen, wollen damit ihre Kühnheit beweisen. […]

Solches heißt nicht Gott vertrauen, sondern Gott versuchen. Denn Gott hat die Arznei geschaffen und die Vernunft gegeben, dem Leib vorzustehen und ihn zu pflegen, daß er gesund sei und lebe. [….]

Nicht so, meine lieben Freunde, das ist nicht fein getan. Sondern gebrauche die Arznei, nimm zu dir, was dir helfen kann, räuchere Haus, Hof und Gasse, meide auch Personen und Stätten, wo dein Nächster dich nicht braucht.“

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Wissenschaftliches

Theologie der reformatorischen Bekenntnisschriften

Notger Slenczka, Theologie der reformatorischen Bekenntnisschriften. Einheit und Anspruch, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2020, 736 S., gebunden, 68€, ISBN 978-3-374-06531-8

Wenn ein Autor von sich aus einräumt, dass sein Buch „zu lang“ (92) ist, und wenn dieser Autor schon beim Schreiben weiß, dass ihm das „den Ruf der Bekenntnisorthodoxie“ (686) einbringen wird, dann kann ein Rezensent zugestehen, dass der Autor schlichtweg Recht hat.

Das Buch des Berliner Systematischen Theologen Notger Slenczka über die Theologie der reformatorischen Bekenntnisschriften liest sich nicht nebenbei, sondern will erarbeitet sein. Aber wer sich an diese Arbeit macht, wird vieles über die Bekenntnisse der Reformationszeit lernen – und vieles über den heutigen Umgang damit. Es lohnt sich also, Slenczkas Buch zu lesen, es lohnt sich aber auch – das sei hinzugefügt – ihm zu widersprechen.

Für Studierende der Theologie (und diejenigen, die ihre Studienkenntnisse auffrischen wollen) ist es ein präzises Lehrbuch über die historischen Hintergründe und vor allem die theologischen Aussagen der Bekenntnisschriften des 16. Jahrhunderts. Sorgfältig mit Literatur belegt (vgl. z.B. 621. 630), didaktisch mit Zusammenfassungen versehen, hilfreich mit Registern ergänzt.

Für manche Lutheraner mag es eine Anfechtung sein, dass die Theologie der reformierten Bekenntnisschriften nicht nur „hochinteressant“ (509) ist, sondern dass Slenczka (den der Vorwurf der lutherischen Bekenntnisorthodoxie hier verfehlt) das Wahrheitsmoment reformierter Theologie und damit einen normativen Anspruch auch der reformierten Bekenntnisse anerkennt. Das gilt ebenso für sein (gewandeltes) Verhältnis zur Barmer Theologischen Erklärung. Anders als die traditionelle lutherische Theologie und Kirchlichkeit kommt Slenczka zu dem Schluss, es sei „sinnvoll und wohlgetan, die Entscheidung von Barmen als Bekenntnisgrundlage auch für die lutherischen Kirchen zu übernehmen“ (639). Das alles ist für den Unierten höchst erfreulich.

Für alle diejenigen, die damit ringen, welche Bedeutung 500 Jahre alte Texte für den heutigen Glauben und die heutige Kirche haben, ist das Buch eine Hilfe zum Verstehen. Slenczka erkennt an, dass der normative Anspruch der reformatorischen Bekenntnisschriften gegenwärtig „faktisch fiktiv“ (76) ist. Allen Kirchenordnungsaussagen (auch in Westfalen) und allen theologischen Formeln („norma normata“) zum Trotz. Slenczka weicht dem nicht aus – weder zu einem trotzigen Festhalten an traditionellen Lehrformeln noch zu einem resignierten Verzicht auf die Bekenntnisse. Seine Lösung ist eine neuprotestantische Klärung des Bekenntnisverständnisses, das eben „keine Glaubensnorm“ (257) für den einzelnen Christenmenschen und keine Auflistung christlicher Lehraussagen sei, die man Wort für Wort als Realität zu glauben habe. Der Mensch benötige dringend den „Zuspruch der Freiheit von der Macht des Teufels“ (608) in Gestalt von Gesetz und Evangelium, denn Slenczka hält persönlich „in der Tat die Anfechtungserfahrung Luthers für das mit der menschlichen Existenz gestellte Grundproblem“ (712). Dass für ihn an anderer Stelle „die Anerkennung der schlechthinnigen Abhängigkeit des Menschen das Zentrum darstellt“ (91), zeigt sein Selbstverständnis als „ein Lutheraner, der zu viel Schleiermacher gelesen hat“ (33).

Die Bekenntnisschriften helfen, die „Mitte der Schrift“ (257) im Evangelium von der Person Jesu Christi im Vertrauen auf sein Heilswerk und im Verzicht auf das eigene (Glaubens-)Werk zu erkennen. Insofern sind die Bekenntnisse „als präzisierende Lesehilfe“ (706) der Bibel methodisch sogar vorgeordnet, obwohl sie ihr natürlich inhaltlich nachgeordnet sind. Die methodische Vorordnung – so Slenczka bekenntnisorthodox im Anschluss an Werner Elert – gelte dabei nicht für die einzelnen Christenmenschen, sondern vor allem und so gut wie ausschließlich für die ordinierten Amtsträger. Die Bekenntnisse seien Norm für die Verkündigung der Pfarrerinnen und Pfarrer – nicht für den individuellen Glauben der Gemeindeglieder oder für das liturgische Nachsprechen im Gottesdienst. Das entlastet von der empfundenen Verpflichtung, alle Bekenntnisaussagen lehrhaft für sich übernehmen zu müssen, auch wenn der eigene Glaube beispielsweise mit der Jungfrauengeburt so seine Schwierigkeiten hat.

Zu dieser Lösung kommt Slenczka aber nur, indem er aus den Bekenntnisschriften einige besonders hervorhebt und andere vernachlässigt. Im Zentrum stehen für ihn das Augsburger Bekenntnis, dessen Apologie und die Konkordienformel. Kaum in den Blick nimmt er die drei altkirchlichen Bekenntnisse (die ja explizit in den Kanon lutherischer Bekenntnisschriften gehören und von denen zumindest das Apostolikum regelmäßig im Gottesdienst gesprochen wird). Auch die Katechismen Luthers und den Heidelberger Katechismus behandelt er zwar auf immerhin 50 Seiten, lässt sie aber (möglicherweise gerade wegen ihrer Bedeutung für die Glaubenspraxis der Gemeindeglieder) bewusst als Bekenntnisschriften sui generis aus seiner Deutung heraus.

Von hier aus würde eine kirchenordnende Regelung wie in Westfalen unmöglich, in der der Bekenntnisstand der Gemeinde vorgeordnet ist gegenüber der Bekenntniszuordnung, auf die sich Pfarrerinnen und Pfarrer ordinieren lassen. Die von Schleiermacher und seinem Unionsverständnis geprägte rheinisch-westfälische Kirchenordnung und ihre Theologie haben sich mit guten Gründen, unter Beachtung der Frömmigkeitsprägung und nicht ohne geschichtliche Wirkung, für ein anderes Verhältnis von Gemeinde und Amt, von Schrift und Bekenntnis sowie von Bekenntnisschriften und aktuellem Bekennen entschieden. Dies zeigt auf, dass der Sinn und Gehalt des normativen Anspruchs der Bekenntnisse der reformatorischen Kirchen auch anders bestimmt werden kann, als Slenczka es tut.  Dass der Autor dies sichtlich weiß, nötigt dem Rezensenten Respekt ab. Und dieser Respekt gilt trotz allem (Teil-)Widerspruch auch dem Reichtum des dargebotenen Materials und der Konsequenz der theologischen Argumente.

(Kirchliches Amtsblatt der Evangelischen Kirche von Westfalen Nr. 1/2021)

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Kirchliches Persönliches

„Herr von Bülow, was gehört für Sie zu einem guten Gottesdienst?“

„Herr von Bülow, was gehört für Sie zu einem guten Gottesdienst?“ – um diese Frage ging es im Podcast „Lebenszeichen“, in dem ich am 6. Dezember 2020 zu Gast war (Lebenszeichen #19, 06.12.2020)

„Lebenszeichen“ ist der Titel des Podcasts der evangelischen Marienkirchengemeinde Stiftberg Herford. Aike Schäfer und Simon Hillebrecht besprechen mit wechselnden Gästen buchstäblich Gott und die Welt – samt allem dazwischen. Musikalisch untermalt wird jede Folge von den (großartigen!) Künstlerinnen und Künstlern der Marienkirchengemeinde.

In der 19. Folge fahren wir nach Bielefeld und besuchen im Landeskirchenamt den Landeskirchenrat Dr. Vicco von Bülow – Dezernent für Kirchliches Leben, Gottesdienst, Theologie und Kirchenmusik. Mit ihm sprechen wir über Gottesdienstzeiten, Trauungen und die Ehe für Alle – und gehen der Frage nach, was zu einem wirklich guten Gottesdienst gehört.

Moderation: Simon Hillebrecht und Aike Schäfer
Intro/Outro: Dariia Lytvishko

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Kirchliches Wissenschaftliches

Theologie at it’s best

Theologie at it’s best“ – so hat der Zeitzeichen-Chefredakteur Reinhard Mawick die theologische Diskussion auf der Vollversammlung der Union Evangelischer Kirchen (UEK) bezeichnet, in der es am 9. November 2020 um das Votum des Theologischen Ausschusses der UEK zu „Gottes Handeln in der Erfahrung des Glaubens“ ging.

Mawick fasste zusammen, wie der Ausschussvorsitzende Prof. Dr. Michael Beintker das Votum einführte:

Fünf Jahre habe sich der Ausschuss damit beschäftigt, so Beintker in seiner Einbringungsrede und gleich zu Anfang betonte er: „Die Frage nach dem Handeln Gottes hat für den Glauben allergrößtes Gewicht, sie berührt gleichsam seine Schlagader.“

Auf der anderen Seite skizzierte Beintker die Alternative: „Was wäre von einem Gott zu halten, zu dessen höchster Vollkommenheit es gehört, selbstversunken ausschließlich um sich selbst zu kreisen oder irgendwo ein weltentzogenes Dasein am menschlichen Ideenhimmel zu fristen?“

Dass dies für ihn, Beintker, keine Alternative sei, wurde in der folgenden Viertelstunde deutlich, etwas für theologische Feinschmecker, ja, aber, und das ist die große Stärker Beintkers, etwas für theologische Feinschmeckerinnen und Feinschmecker aller Fachbereiche, denn Beintker verfügt über die Gabe, umfassende Dinge komprimiert, aber dabei eben nicht zu komplex zu formulieren, sondern in wunderbarer Weise elementar zu bleiben. Zum Beispiel, wenn er fragt: „Was ist eigentlich Handeln? Um dann fortzufahren: „Schon im Blick auf das menschliche Handeln ist diese Frage nicht leicht zu beantworten. Ist jedes Wirken ein Handeln? Ist jedes Verhalten ein Handeln? Was unterscheidet das Verhalten vom Handeln? Und lässt sich unter Umständen auch das Nicht-Handeln als Handeln auffassen? Was schon im Blick auf das menschliche Handeln nur scheinbar leicht zu beantworten ist, wird im Blick auf Gottes Handeln zu einer hochkomplexen Herausforderung für das Nachdenken.“

Dann kommt das Thema Corona. Für Beintker ist klar: „Die Corona-Krise ist nicht die erste Zumutung für die Rede vom Handeln Gottes und sie wird auch nicht die letzte Zumutung dieser Art bleiben.“ Er erinnert daran, dass es kürzlich eine öffentliche Kontroverse gegeben habe, „ob zwischen der Corona-Pandemie und dem Gericht Gottes ein Zusammenhang bestehe“. Beintkers Antwort: „Man müsste ein Prophet sein, um bei der Antwort auf diese Frage in der einen oder anderen Richtung das Richtige zu treffen.“ Aber es würde seiner Ansicht nach doch sehr weiterhelfen, wenn man sich klarmachte, dass zwischen der „Allmacht Gottes“ und der Vorstellung  von „einer alles und jedes unmittelbar bewirkenden Allwirksamkeit erhebliche Unterschiede bestehen.“

Deshalb dürften „Allmacht und Allwirksamkeit … auf keinen Fall gleichgesetzt werden“. Gott könne eben nicht auf das „moderne ,Aktitivitätsparadigma‘“ festgelegt werden, „demzufolge nur als wirklich gilt, was wirksam ist und Wirkung entfaltet“. Beintker: „Der allmächtige Gott hat ein Recht auf Passivität“. Der Respekt davor, so der Theologe weiter, lindere zwar nicht „unsere Anfechtung“,  aber könne vor dem „Missverständnis“ bewahren, die Corona-Pandemie sei ein „der Wirklichkeit Gottes entzogenes Aktionsfeld.“

Als stellvertretender Vorsitzender des theologischen Ausschusses habe ich gerne an der Erstellung dieses Votums mitgewirkt. Das Zusammenspiel von Theologie und Kirche liegt mir am Herzen; wenn es glückt, bin ich froh darüber.

(Das Votum wird – samt dem Einführungsvortrag – demnächst in der UEK-Reihe „Evangelische Impulse“ als Buch veröffentlicht.)

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Kirchliches

„Ein feste Burg“ in Zeiten von Corona

Reformationsandacht des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche von Westfalen am 3. November 2020 in der Alstädter Nicolaikirche Bielefeld

„trotzdem tröstlich“ – so hatte der Evangelische Kirchenkreis Hagen im Herbst 2020 auf Bannern die protestantische Botschaft in Zeiten von Corona plakatiert.
#keinebange – mit dieser Message ging die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste der EKD zur gleichen Zeit ins Netz.
Und unter diesem Motto las ich die ausgezeichnete Predigt von Doris Gräb zum Reformationstag 2017. Und konnte vieles davon mir mit Dank leicht überabeitet, gekürzt und aktualisiert zu eigen machen. Aber es hat sich gezeigt: Auch in der aktuellen Krise kann die ganz alte Botschaft der Reformation sehr tröstlich sein.

Liebe LKA-Gemeinde!

„Ein feste Burg ist unser Gott“. – Dieses Lied gehört schon immer zum Reformationstag. Es gehört zum Reformationstag – und, noch mehr sogar, es gehört zu unserer evangelischen Identität. Wahrscheinlich mehr noch als die 95 Thesen, die Luther vor 502 Jahren an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angebracht hat.

Ich bin evangelisch. Wir sind evangelisch. Und so das ist unser Lied, seit damals – bis heute.

Damals, Luther hat dieses Lied 1527 geschrieben, – da war nach dem Thesenanschlag im Jahr 1517 ein ganzes Jahrzehnt ins Land gegangen. Viel war geschehen, was Martin Luther so nicht vorausgesehen hatte: Der Kampf gegen Rom; die Standhaftigkeit vor dem Kaiser und den Fürsten. Die Flucht auf die Wartburg. Der Streit ums Abendmahl. Schon wieder der Streit um die rechte Lehre, jetzt unter seinen Schülern.

Und dann wütet zu all dem auch noch die Pest in Wittenberg. Familie Luther öffnet ihr Haus für Freunde und Schüler, pflegt Kranke, muss Frauen und Kinder zu Grabe tragen.

In seiner Schrift „Ob man vorm Sterben fliegen möge“ begründet Luther, warum er das tut. Hören Sie genau zu, das klingt erstaunlich modern: „Wenn Gott tödliche Seuchen schickt, will ich Gott bitten, gnädig zu sein und der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen, Ort meiden, wo man mich nicht braucht damit ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werden.
Wenn mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und Gott nicht versucht.“

Da ist alles drin, woran wir heute denken, wenn der Corona-Virus unsere Gegenwart bestimmt: Viel Lüften. Vernünftiges Verhalten. Abstand halten. Homeoffice. Intensivstationen. Seelsorge in Altenheimen. Erstaunlich modern, dieser Reformator.

Aber Luther ist eben nicht nur der Glaubensheld, von dem wir heute einfach nur zu lernen brauchen. In einem Brief an seinen Freund Nikolaus von Amsdorf schreibt er am 1. November 1527, dass ihm ganz und gar nicht heldenhaft zumute ist: „Draußen sind Kämpfe, inwendig Schrecken, und zwar herbe; auswendig Streit – inwendig Furcht.“

Auch das kennen wir heute: Den Streit zwischen den „Covidioten“, also den Coronaleugnern, und den „Schlafschafen“, also denen, die Corona ernst nehmen.

Und da sehe ich Luther in seiner Studierstube sitzen, von all dem unmittelbar erlebten Leid, von grundlegenden Zweifeln und Depressionen durchgeschüttelt und angefochten. Und er fragt sich: was kann mir jetzt noch helfen? Wo finde ich Hoffnung und Zuversicht? Wo ist ein Ort, zu dem ich fliehen kann?

Er liest in den Psalmen, liest den 46. Psalm, wo es heißt:
„Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken“.

Und er erinnert sich an die Wartburg. Dort, hinter den trutzigen Mauern, hatte er 1521 Schutz gefunden, vor dem Zugriff des Kaisers. Große Hilfe in äußerster Gefahr.

Dem 46. Psalm gibt er diese Überschrift „Ein feste Burg ist unser Gott“ – Und dann schreibt er das Lied, sein Lied, sein Bekenntnis.

„Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen“. Und dazu auch die Melodie, die gar nicht depressiv und schwer, sondern eher leicht und bewegt daher kommt, wenn auch keinesfalls jubelnd oder gar triumphal. Schade, dass wir sie nicht singen können.

Ein feste Burg ist unser Gott – ja, aber eben doch ganz anders als die trutzigen, meterdicken Mauern der Wartburg mit ihren Zinnen und Türmen.

Nein, da schreibt doch einer, der von Ängsten gequält, von Zweifeln übermannt ist, von Depressionen geschüttelt. Eher leise, und nicht triumphierend dringt es an unser Ohr:

Dennoch, trotz allem, trotzdem tröstlich, keine Bange: „Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr…..“ Auch dann noch: Gott wie eine Burg. Wie eine letzte Zuflucht, wenn alles ins Wanken gerät. Dennoch brauchst du dich nicht zu fürchten!

Ein Trostlied, auch für uns heute, im zweiten Corona-Lockdown, auch wenn es „nur“ ein Lockdown light ist. In all den ambivalenten, widersprüchlichen Erfahrungen des Lebens, auch  noch in abgrundtiefer Angst und bitterer Not kann ich dessen gewiss sein: da ist einer, der mich hält, der mich nicht ins Bodenlose sinken lässt, der mich mit seinem Schutz umgibt: Ein feste Burg ist mein, ist unser Gott. Darauf kann ich vertrauen, im Leben und im Sterben.

Aus Gottes Gnade und durch seine Liebe bin ich, Martin Luther, bin ich, Vicco von Bülow, ein freier Mensch – befreit zu einem Leben, das sich, was auch immer geschehen mag, in Gott, der festen Burg, gegründet und geborgen weiß.

Ich, Martin Luther, ich, Vicco von Bülow, ich armer, elender, sündiger Mensch, ich verdanke mein Leben der Gnade und Liebe Gottes. Getragen von dieser Liebe bin ich in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes entlassen – und darf mein Leben in dieser Freiheit selbstbestimmt und selbstbewusst führen.

Natürlich: Martin Luther selbst ist das beste Beispiel dafür, dass ein Leben in Freiheit nicht nur immer leicht und gradlinig verläuft. Freiheit führt in Konflikte und auch in Streit, weil sie doch die Vielfalt der Meinungen und Positionen zur Folge hat. Und auch heute sehen wir die Vielfalt der Meinungen, wie wir uns als Kirche und als Gesellschaft richtig in dieser Krise verhalten sollen. Manchmal erschrecke ich richtig, wenn ich sehe, wie hart da die Gegensätze sind.

„Draußen sind Kämpfe, inwendig Schrecken und zwar herbe, auswendig Streit – inwendig Furcht“ – ja, immer noch, gerade in einem zur Freiheit befreiten Gotteskind.

Das Leben mit all seinen unterschiedlichsten Erfahrungen bleibt ambivalent; die im Glauben an Gott gegründete Existenz angefochten und alles andere als siegesgewiss. Dass Gott allein in unserem widersprüchlichen Leben unsere feste Burg ist, dessen müssen wir uns immer wieder neu vergewissern.

Das müssen wir immer neu glauben lernen. Aber das können wir auch glauben. Glauben heißt eben nicht „nicht wissen“. Sondern Glauben heißt vertrauen. Gerade in dieser Zeit können wir auf Gott vertrauen. Und das ist trotzdem tröstlich. Keine Bange.

Amen.

Ein feste Burg ist unser Gott (Text: Martin Luther)

Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.

Der alt böse Feind mit Ernst er’s jetzt meint,
groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.

Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren;
es streit’ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott,
das Feld muss er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt, wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen.


Das Wort sie sollen lassen stahn und kein’ Dank dazu haben;
er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib:
lass fahren dahin, sie haben’s kein’ Gewinn,
das Reich muss uns doch bleiben.

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Kirchliches Musikalisches

The Martin Luther Suite

the martin luther suite – a jazz reformation
NDR Bigband unter der Leitung von Stefan Pfeifer-Galilea
Arrangements: Lucas M. Schmid    –    Komp.: Diverse
Aufführung am 30.10.2014 in der Auferstehungskirche Bad Oeynhausen
im Rahmen von KuK! – Kirche und Kultur des Evangelischen Kirchenkreises Vlotho
Moderation: Vicco von Bülow

Am Anfang war … Blitz und Donner.
Als Martin Luther im Jahr 1505 auf dem Weg nach Erfurt den Ort Stotternheim passierte, brach ein gewaltiges Gewitter los. Die Geschichte erzählt, dass ein Blitz dicht neben Luther einschlug. In Todesangst soll er gerufen haben: „Hilf heilige Anna, ich will ein Mönch werden.“
Die Reformation ist eine Geschichte der Befreiung aus der Angst. Ein Schritt auf dem Weg in die Freiheit.
Luther selbst hat von sich als „Madensack“ gesprochen.
Aber: Wenn man die Wirkung betrachtet, steht Martin Luther im Mittelpunkt der Reformation.
Deshalb ist eine Martin Luther-Suite mehr als angebracht.
Lucas Schmid hat sie komponiert, seinerzeit noch Musiker bei der NDR-Bigband.                                          .

Martin Luther hat einmal gesagt: „Die Musica ist eine schöne und herrliche Gabe Gottes.“ Jazz kannte er nicht. Aber wir werden heute hören, wie a jazz reformation klingt und ich werde ein paar Gedanken zur Verbindung von Musik, von Jazz und von Reformation mit Ihnen teilen.
Auch der Komponist des heutigen Abends hat sich Gedanken zu dieser Verbindung gemacht. Lucas Schmid sagt:
Eine Brücke zu schlagen und die reformatorische Musik in das schöpferische, junge Idiom des Jazz zu transportieren, empfand ich als aufregendes Unterfangen. Wie viele Musikgattun­gen, so ist auch der Jazz aus einem „Schmelztiegelprozeß“ entstanden. Eine der Schmelztiegelbestandteile ist der Gospel, ein Kirchenlied.
Eine andere die Improvisa­tion, in der Kirchenmusik von Organisten über mehrere Jahrhunderte prakti­ziert. Wohl in höchster Vollendung beherrschte Johann Sebastian Bach die Improvisa­tion, seine Bearbeitungen der Luther Choräle für Orgel sind allgemeines Kulturgut.
Den raumfüllenden Klangeindruck einer Orgel auf eine Bigband zu übertragen, lag auf der Hand. Dieses große Ensemble verfügt ebenfalls über eine Fülle von Klangfarben, zudem ist es mit wunderbaren Improvisatoren besetzt. Die Musik von Luther läßt bei der Bearbeitung viel Ausdrucksfreiheit zu. Diese findet man im Jazz wieder, erweitert durch die Soloimprovisation.
Als Musiker der NDR Bigband war mir die Möglichkeit gegeben, die auf Partitur ge­schriebene – stumme – Musik in Klang umzusetzen. Das aufregende Unterfangen kulminiert mit der aufregenden Erfahrung der Aufführung.

1.       STOTTERNHEIM 1505              
Komp./Arr. : Lucas M. Schmid

„Hilf heilige Anna, ich will ein Mönch werden.“ Dieser Satz bestimmt das erste Motiv. Die Zielnote, also die höchste Note, erklingt bei „Mönch“. Luther hielt Wort, er wurde Mönch und nicht Rechtsgelehrter, trotz der Empörung seines Vaters und der Familie.  Am Ende von „Stotternheim 1505“ hört man einen langen tiefen Ton, der das Einstimmen der Mönche beim Chorsingen und damit den Eintritt ins Augustinerkloster andeutet.

Dass Luther in einen Orden in der Tradition des spätantiken Kirchenvaters Augustinus eintrat, hat die weitere theologische Entwicklung mitbestimmt. Martin Luther hat sein Leben als Teil einer religiösen Leistungsgesellschaft gedeutet. Durch eine besondere Intensität religiöser Leistung sollte das Anrecht auf ein gnädiges göttliches Urteil im Endgericht verstärkt werden. Wir wissen, dass Luther als Mönch in Erfurt so viele Sunden bei sich aufzuspüren suchte und beichtete, dass es seinem Beichtvater  Johann von Staupitz zur Last wurde. Ja, er zweifelte, ob es sich wirklich um Sünden handele. Solche Erfahrungen machen heute nur noch Menschen in bestimmten religiösen Milieus, sie sind kein für heutige Mehrheitsfrömmigkeit charakteristisches Verhalten. Uns ist auch das übersteigerte spätmittelalterliche und frühreformatorische Bild von Gott als einem Gerichtsherrn, der wie ein absolutistischer Monarch unumschränkt herrscht, tief problematisch geworden. Es entspricht in seiner Einseitigkeit weder dem, was Jesus von Nazareth über seinen Vater lehrt, noch dem, was viele Passagen des Alten Testaments über den Gott Israels verkünden.
Bedeutsam bis heute ist aber, dass Martin Luther sehr selbstkritisch im Blick auf seinen eigenen Lebensweg formuliert hat, dass sein Ringen um das Heil letzten Endes von purem Egoismus geprägt war. Er erkannte nämlich, dass es ihm insbesondere beim Beichten nicht um Gott, sondern um ihn selbst und seine persönliche Rettung ging. Mit seiner Vorstellung, eine vor Gottes Richterstuhl akzeptable religiöse Leistung erbringen zu können, stellte er sich selbst Gott als eine gleichwertige Größe gegenüber. Gerade eben so, als ob vor einem imaginären Dritten zwei auf derselben Stufe stehende Parteien über ihre Anspruche gegeneinander verhandeln wurden. Als Mönch in der Tradition Augustins wusste Luther aber, dass der Mensch lieber selbst Gott sein will, als zu erkennen, wie wenig perfekt er durch sein Leben stolpert. 
Das Bemühen um die Vergebung der Sünden nennt die christliche Tradition „Buße“.
Am 31.10.1517 (also vor fast 497 Jahren) veröffentliche Martin Luther seine berühmt gewordenen 95 Thesen gegen den Ablass. In der ersten beschreibt er sein Verständnis von Buße: Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht „Tut Buße“ u.s.w. (Matth. 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.
Ein weiterer zentraler Punkt in der Frühgeschichte der Reformation war Luthers Auftritt vor Kaiser und Reich beim Reichstag in Worms am 18. April 1521.
Lange war die Erinnerung daran  durch die Überlieferung geprägt, dass der Reformator seine Rede mit den Worten schloss: „Ich kan nicht anderst, hie stehe ich, Gott helff mir. Amen.“ Damit gab der Reformator vor allem in den nationalen Erinnerungskulturen ein Beispiel für protestantische Standhaftigkeit gegen autoritäre Zumutung. Inzwischen hat sich durchaus die Einsicht im kulturellen Gedächtnis verbreitet, dass Luther seine Wormser Rede höchstwahrscheinlich anders geschlossen hat. Die Erinnerung an diesen authentischen Schluss im Zusammenhang des Jubiläums 2017 ist keine bloße historische Besserwisserei. Sie zeigt vielmehr, dass Luther 1521 erstmals an prominenter Stelle das für die europäische Neuzeit so überaus bedeutsame Thema der Gewissensfreiheit eines Einzelnen gegenüber institutionellen Zwängen prominent zur Geltung brachte. Luther sagte damals: „derhalben ich nicht mag noch will widerrufen, weil wider das gewissen zu handeln, beschwerlich, unheilsam und (ge)ferlich ist. Gott helf mir! Amen.“
Luthers Rede von 1521 war keine feierliche Erklärung der Gewissensfreiheit im modernen Sinne eines allgemeinen Menschenrechts. Er wusste sein Gewissen, wie er selbst kurz vor dem zitierten Schluss seiner Rede sagte, „durch die Worte Gottes gefangen“. Aber er drückte mit seinen Worten seine feste Überzeugung aus, dass weltliche Macht ihre Grenzen an eben diesem Gewissen findet, durch das er selbst sich unmittelbar vor Gott gestellt sah.

2.       NU FREUD‘ EUCH LIEBE CHRISTEN GMEIN                  
Komp.: Martin Luther                         
Arr.: Lucas M. Schmid

Luthers erstes Gemeindelied aus dem Jahre 1523.

Wurde im ersten evangelischen Liederbuch, dem Achtliederbuch veröffenlticht. Steht heute noch im Evangelischen Gesangbuch.

Nun freut euch, lieben Christen g’mein,
und lasst uns fröhlich springen,
dass wir getrost und all in ein
mit Lust und Liebe singen,
was Gott an uns gewendet hat
und seine süße Wundertat;
gar teu’r hat er’s erworben.
(EG 341,1)

Der Einstimmton erklingt wieder. Die Solotrompete spielt den Choral an und das Orchester – die Gemeinde – antwortet. Der Charakter dieses Stückes tendiert zum „Latin feel“ oder besser gesagt „Salsa“; im übertragenen Sinn einer Form, in der die verschiedensten (Musik-) Strömungen frei von Vorurteilen angenommen und verarbeitet werden.

3.       LOBGESANG: NU BITTEN WIR DEN HEILIGEN GEIST
Komp.: Alte deutsche Weise                             
Arr.: Lucas M. Schmid

1. Nun bitten wir den heiligen Geist
Um den rechten glauben allermeist,
Daß er uns behüte an unserm ende,
Wenn wir heimfahren aus diesem elende.
Kyrieleis!

Der Heilige Geist, für uns oft nur schwer greifbar, wurde von Luther in diesem Lied mit verschiedensten Worten angeredet:
2. Du werthes licht!
3. Du süße lieb‘!
4. Du höchster tröster in aller noth!
(EG 124)

Der Heilige Geist ist in biblischer Perspektive schon bei der Entstehung des Lebens wirksam – er schwebte über den Wassern -, er bewirkt neue Lebensaufbrüche und überschreitet das Vorgegebene in seiner Regelhaftigkeit. Gott haucht seinen Geist allem Leben ein, erfüllt es so mit seiner heilsamen Präsenz und bleibt zugleich Subjekt alles Lebendigen. Die dynamische Präsenz des Geistes zeigt sich in der Pfingstgeschichte, wenn vorgegebene Sprache in ihrer verbindenden Gestalt, aber auch ihrer Begrenztheit gegenüber anderem überschritten wird und im Hören, aber auch im Sprechen neue, ungeahnte Verständigung ermöglicht wird.

Als Luther die Kirche in Rom angriff, rief er: „Nun helfe uns Gott und gebe uns der Posaunen eine, mit der die Mauern Jerichos wurden umgeblasen, damit auch wir diese strohernen und papiernen Mauern (Widerstand der Römischen Kirche) umblasen…“ Diesem Ausruf folgend, steht die Posaune im Mittelpunkt des Arrangements.
Das von der Gospelmusik inspirierte Stück steht  im 5/4 Takt.

4.       PATREM             
Komp.: Nikolaus von Kosel   
Arr.: Lucas M. Schmid

Die Melodie stammt aus dem 15. Jahrhundert. Sie steht zuerst über einem Credo in einer Handschrift von 1417 in Breslau und weist als Autor Nikolaus von Kosel aus. Nikolaus von Kosel (1390-1423) war ein schlesischer Franziskaner-Minorit. Er gilt als der früheste deutsche Schriftsteller Oberschlesiens und war geprägt durch eine Marien- und Heiligenfrömmigkeit. Luther übernahm seine Melodie und versah sie mit einem neuen, christuszentrierten Text. So wandt er sich gegen das Anbeten der Heiligen.

Vgl Art. 21 der Confessio Augustana von 1530: „Vom Dienst der Heiligen“:
„Vom Heiligendienst wird von den Unseren so gelehrt, daß man der Heiligen gedenken soll, damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist; außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen, ein jeder in seinem Beruf.* Aus der Hl. Schrift kann man aber nicht beweisen, daß man die Heiligen anrufen oder Hilfe bei ihnen suchen soll. […]“

Das Altsaxophon übernimmt in diesem Stück den Solopart. Das Orchester setzt in den Fermaten ein und verleiht dem Credo verschiedene Stimmungen als Synonym für Zustand, Entwicklungen, Phasen. Die Soloimprovisation des Altsaxophons zerrt diese Stimmungen in die Extreme.

5.       VOM HIMMEL HOCH – EIN KINDERLIED               Komp.: vermutlich aus dem Niederdeutschen         
Arr.: Lucas M. Schmid

Vom Himmel hoch, da komm ich her.
Ich bring’ euch gute neue Mär,
Der guten Mär bring ich so viel,
Davon ich singn und sagen will.
(EG 24,1)

Hier heißt es von der gute Mär, also von der frohen Botschaft, vom Evangelium „Davon ich singen und sagen will…“ Davon ich singen und sagen will – in der Reihenfolge: Musik als erstes Medium der Verkündigung!
Davon ich singen und sagen will: Also, erst das Singen, dann das Sagen – erst die Performance, dann das kognitive Verstehen – oder wenn Sie es auf den Glauben übertragen wollen: Glaube ist zuallererst Vertrauen, kindliches Zutrauen, und dann erst Wissen und Verstehen. Dieser Vorgang ist für den christlichen Glauben grundlegend.
Der Ausruf des Orchesters „Susanine!“ spielt auf die 14. Strophe von Luthers Text an und bezeichnet  ein veraltetes Wort für ein Wiegenlied, das heute nur noch hier vorkommt.:
Davon ich allzeit fröhlich sei,
Zu springen, singen immer frei
Das rechte Susaninne schon,
Mit Herzenslust den süßen Ton.
(EG 24,14)

6.       KATHARINA VON BORA / AMOUR FOU                Komp./Arr.: Lucas M. Schmid

Am 13. Juni 1525 heiratete Luther Katharina von Bora. Diese Jazz-Ballade spielt darauf an, dass beide es sich zu Beginn nicht leicht gemacht haben. Zunächst hielt Luther die Tochter aus verarmtem Rittergeschlecht für hochnäsig. Dennoch nahm er sie aus Vernunftgründen zur Frau: Sie war eine ehemalige Nonne, die aus ihrem Kloster entflohen war. Die Hochzeit eines ehemaligen Mönchs mit einer ehemaligen Nonne war ein kräftiges Symbol gegen die von Luther abgelehnte Verpflichtung zum Zölibat.
Dass aber dann auch die Emotionen erwachten, ist eine wunderbare Weiterentwicklung der Geschichte.  Ja, sie lernten sich nicht nur kennen, sondern auch lieben. Und das offene Haus, das sie führten und das unter Katharinas Leitung stand, wurde zum Modell für das evangelische Pfarrhaus der letzten fünf Jahrhunderte. Katharina von Bora wurde zu der „Lutherin“ (Eva Zeller). Und sie erinnert uns heute stellvertretend an die Frauen, die im 16. Jahrhundert die Reformation vorangetrieben haben. Und in deren Erbe die Frauen stehen, die seit 40 Jahren in unserer Landeskirche als Pfarrerinnen ordiniert wurden. Frauen, die dann auch als Superintendentin oder als Präses Leitungsverantwortung in unserer Kirche übernommen haben.
Martin Luther hat in seiner großen Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ formuliert: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“
Es geht nicht darum, über Freiheit nur zu reden, sondern darum, die Freiheit zu leben.

Musikalisch baut sich anfangs eine Spannung auf , die sich dann in einen liegenden Ton, nämlich D, auflöst. Dieser Vorgang findet mehrmals im Stück statt und deutet auf die Spannung, die sich in einer anfänglichen Liebesbeziehung aufbaut, ein Stau der Gefühle, sozusagen ein Kribbeln im Bauch, und dann kommt der erlösende , entspannende Moment , der diese positive Spannung wohltuend auflöst. Die Entspannung kann das Erwidern der Gefühle sein , ein verzückter Blick, oder ein Lächeln, ein Erwidern der Gefühle.

7.       GOTT DER VATER WON UNS BEY 
Komp.: deutsche Litanei aus dem 15. Jhr. von Luther bearbeitet              Arr.: Lucas M. Schmid

1. Gott der Vater wohn uns bei
und lass uns nicht verderben,
Mach uns aller Sünden frei
und hilf uns selig sterben,
für dem Teufel uns bewahr,
halt uns bei festem Glauben […]
Amen, Amen, das sei war,
so singen wir Halleluia.
2. Jesus Christus wohn uns bei etc.
3. Heilig Geist der wohn uns bei etc.

Der trinitarische Aufbau des Liedes (das als eines der wenigen Luther-Lieder nicht im EG abgedruckt wurde) inspiriert zu einer trinitarischen Deutung der Musik,
Gott der Vater wohn uns bei: Musik ist eine Gabe des Schöpfers, die von seiner Weisheit und Phantasie kündet. Sie ist eine freie Kunst, die uns Menschen zur Gestaltung anvertraut ist. Musik stiftet Beziehung. Sie kann Ausführende und Zuhörer mit Freude erfüllen, ja sogar den Schöpfer verherrlichen.
Jesus Christus wohn uns bei: Das Evangelium ist kein papiernes Lesewort, die frohe Botschaft von Jesus Christus ist ein sinnliches Klangereignis. Deshalb nimmt die christliche Kirche die Musik als Gabe Gottes an und lässt sich durch sie bewegen und anreden. Als klingendes Wort Christi lädt die Kirchenmusik Menschen zum Glauben ein, tröstet und vergewissert. Klagend und lobend, flehend und dankend gibt sie dem dreieinigen Gott die Ehre,
Heilig Geist der wohn uns bei: Gottes Geist ist „Poet und Kantor.“ Er macht die natürliche Gabe der Musik zu einem Instrument, das Gott die Ehre gibt und Glauben schafft, Gemeinschaft stiftet und tröstet, aber auch provoziert und anregt. Kirchenmusik bietet einen vielfältigen Beitrag zur Gegenwartskultur, sie schafft auch ein Stück „Gegenkultur zum Zeitgeist“. Sie geht aber auch nicht gänzlich an den Hörgewohnheiten und Erwartungen der Menschen vorbei.

Lucas Schmid hat die Anmerkung „…von Luther bearbeitet…“ zum Anlass genommen, die Bearbeitung dieses Stückes fortzusetzen.
Um dem vorgegebenen alla breve gerecht zu werden, finden Wechsel zwischen einem schnellen 3/4 Takt und einem medium Swing 4/4 Takt statt. Wer den Text zur Melodie kennt, wird bemerken, das der Textabschnitt „Gott der Vater won uns bey…“ in einer strahlenden Dur Farbe erscheint und dass einige Takte später im Abschnitt „…für dem Teufel uns bewar…“ die Melodie in Moll ertönt.

8.       HYMNUS / NU KOMM DER HEIDEN HEILAND               Komp.: Altlateinisches Lied, Text Luther nach nach dem Hymnus veni redemptor gentium des Ambrosius von Mailand um 386
Arr.: Lucas M. Schmid

Luther durchlebte auch die Einsamkeit, den quälenden Selbstzweifel, die fast selbstzerstörerische Askese und äußerst labile Gemütszustände.

Seinen Trost fand er im Blick auf Jesus Christus. Er war Luther das Licht im Dunkel der Seelennacht. Von der Geburt Jesu, also von der Menschwerdung Gottes, erzählt dieses Lied:
Nun komm, der Heiden Heiland, 
der Jungfrauen Kind erkannt,
dass sich wunder alle Welt,
Gott solch Geburt ihm bestellt.
(EG 4,1)

In reformatorischer Perspektive ist das ganz zentral: In Jesus Christus hat Gott sich so auf die Menschen eingelassen, dass er alles, was die Menschen von ihm trennte, hinweggenommen hat. In Christus hat Gott zum Heil der Menschen gehandelt, er hat die Sünde und den Tod als von Gott Trennendes ein für alle Mal weggenommen. Weil in Jesus Christus Gott umfassend und für alle Menschen gehandelt hat, betont Luther: Jesus Christus allein ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt. Mit der Formel „Christus allein“ – lateinisch solus Christus – erinnern die Reformatoren an diese besondere Bedeutung und Exklusivität Jesu Christi.

Das Arrangement ist gefärbt vom expressiven Tango Nuevo.

9.       JOANNES HUSSEN LIED  / JESUS CHRISTUS UNSER HEILAND                      
Komp.: Johann Hus, Luther
Arr.: Lucas M. Schmid

Jesus Christus, unser Heiland,
Der von uns den Gotteszorn wandt,
Durch das bitter Leiden sein –
Half er uns aus der Höllen Pein.
(nicht im EG)

Sola gratia etc. – aber nicht Solo Luthero.
Luther befand sich in guter Gesellschaft: Philipp Melanchthon hat für die Entwicklung der Bildungsinstitutionen nicht nur im deutschen Raum eine entscheidende Bedeutung. Ulrich Zwingli hat die Verbindung von Reformation und Freiheit in der Züricher Bürgerschaft Gestalt werden lassen. Johannes Calvin begründete die Internationalität der Reformation durch seine Einbindung von französischen und anderen europäischen Traditionen. Die reformatorische Bewegung aber hätte sich nicht so rasant entwickelt, wenn nicht Landesfürsten wie Friedrich der Weise von Sachsen oder Philipp von Hessen sie gefördert hätten und die Bürgerschaften von Städten wie Zürich, Hamburg und Genf.
Es waren aber nicht nur diese Herrscher und Theologen, sondern ganze Netzwerke verbundener Männer und Frauen, die das reformatorische Zeitalter möglich machten und prägten. Im größten Reformationsdenkmal der Welt, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Worms erbaut wurde, kommt das dadurch bildlich zum Ausdruck, dass dort neben den klassischen Reformatoren und den genannten Landesfürsten auch sogenannte Vorreformatoren wie Johannes Hus (1369-1415) abgebildet sind. 
Von ihm stammt das nächste Lied.

Die Melodie dieses Liedes ist in der Urform klar strukturiert. Obwohl auf dem Notensystem keine Taktstriche eingezeichnet sind, läßt sich die Melodie in eine gerade Taktart, in diesem Falle in einen 6/4 Takt und in zwei Dreiergruppen, einteilen. Grundlage für das einfache Muster des Rhythmus war die klare Aussage von Luthers Text. Gegensätze wie „hell“ und „dunkel“ im Text werden musikalisch mit forte und piano sowie durch die verschiedenen Soloimprovisationen umgesetzt.

10.     L. DER REBELL                                         
Komp./Arr.: Lucas M. Schmid

Dieses Musikstück hat Lucas Schmid Martin Luther gewidmet, einem Menschen, der Stärke und Schwäche extrem auslebte, und es verstand Visionen zu verwirklichen.

Aber wie ist das nun mit Luther und Jazz, ja mit Gott und Jazz.
Gott kann kein Jazz“ – so hieß eine Rezension der Platte „Wynton Marsalis and Eric Clapton play the blues“, die 2011 erschien. Ich meine: Das stimmt so nicht.
Von der Jazz-Sängerin Sarah Kaiser habe ich den Satz gehört: „Jesus ist Pop“. Pop, die Kurzform von Populär, kommt vom lateinischen Wort „populus“. Und das heißt: „das Volk, die Leute, die Menschen“. Zu Weihnachten feiern wir Jesu Geburt. Gott wurde Mensch. Wurde populus, wurde populär.
Alles begann ja mit der Schöpfung. Gott schuf den Menschen und sah ihn an und „siehe, alles war sehr gut“. Doch dann kam mit dem Sündenfall alles ganz anders als geplant. Gott musste reagieren. Musste improvisieren. Und tat das, indem er Mensch wurde. Wenn es in einer Musikart um das Improvisieren, wenn es in einer der vielen Formen der Gottesgabe Musik um die Improvisation geht, dann im Jazz.
Was ist denn Improvisation? Wenn ich es recht verstehe, ist Improvisation der  kreative, spontane und subjektbestimmte Umgang mit dem, was vorgegeben ist. Ist Gott nicht kreativ,  ist der Schöpfer nicht schöpferisch? Und ist nicht Gott der Inbegriff der Einheit von Form und Freiheit, Komposition und Inspiration? Ist Gott nicht Grund allen Lebens, und Leben nicht immer auch Improvisation?
Gott kann kein Jazz? Er kann es wohl!
Die kreative, spontane und individuelle Verarbeitung der Tradition lässt sich auch bei Martin Luther finden. Die Reformation kann man ja unter vielen verschiedenen Blickwinkeln sehen. Ich deute sie als ein religiöses Ereignis. Denn in ihrem Zentrum steht die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zu Gott. Luther war wie die anderen Reformatoren davon überzeugt, dass Gott selbst den rechten Glauben wecken und so das Verhältnis zu Gott erneuern werde.
Im Mittelpunkt seines Denkens steht der Begriff der Rechtfertigung. Ein Wort, das sich heutzutage nicht von selbst versteht. Was es bedeutet, können wir vielleicht noch anhand der Redewendung „Gnade vor Recht“ verstehen. Ein Mensch, der nach Recht und Gesetz zu verurteilen ist, darf doch auf Gnade oder auch Begnadigung hoffen. Solche Formen der Vergebung „allein aus Gnaden ohne des Gesetzes Werke“ (Röm 3,28) kennen wir auch heute, selbst wenn sie in unserem Rechtssystem anachronistisch wirken.
Der Mensch wird nicht bemessen nach dem, was er nach außen darstellt oder auch wie er persönlich dasteht, sondern er wird von Gott geliebt, anerkannt, gewürdigt, ganz unabhängig von seinem Bildungsstand, Einkommen, sozialen Hintergrund und gesellschaftlichen Ansehen. Diese Anerkennung oder Würdigung macht den Menschen wahrhaft frei. Schuld belastet ihn nicht mehr, ist aber auch nicht einfach vergessen, sondern ist als bekannte Schuld vergeben und dadurch überwunden.
Genug der Predigt. Wir merken, wie unsere Worte nur um das kreisen können, was Gott für uns ist. Wir können ihn nicht festlegen mit unseren Gedanken, können ihn nicht definieren mit dem, was wir sagen.
Das letzte Wort hat deshalb die Musik.