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Evangelisch sein

EINE (ALLZU) KURZE ÜBERSICHT

Von guten Mächten ….

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, / erwarten wir getrost, was kommen mag. / Gott ist bei uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Dieser beeindruckende Vers bildet den Abschluss eines Gedichts, das der evangelische Theologie Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) schrieb, als er wegen seines Widerstands gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime im Gefängnis saß. Wenige Monate später wurde er hingerichtet. Er gehört zu den bedeutendsten evangelischen Märtyrern des 20. Jahrhunderts, zu den „Zeugen einer besseren Welt“, die uns Vorbild im Glauben sind. Auch deshalb ist seine Dichtung heute immer noch beliebt und wird viel gelesen, auch gesungen: Sie bildet die Textgrundlage für das Lied „Von guten Mächten…“, das im Evangelischen Gesangbuch in allen evangelischen Kirchen in Deutschland zu finden ist (EG Nr. 65).

„Wunderbar geborgen“ konnte Bonhoeffer „getrost erwarten, was kommen mag.“ Auch das, was ihn im Gefängnis und auf dem Weg zur Hinrichtung erwartete? Auch das! Der Grund für Bonhoeffers mutige Taten und für seine Zuversicht auch in dunkelster Zeit war sein Gottvertrauen. Bonhoeffer konnte so handeln und so reden, weil er darauf vertraute, dass Gott „an jedem neuen Tag bei uns“ ist.

Bonhoeffers Lebensthema, auch in seiner Theologie, war die Kirche.

Die Kirche als Leib Christi

Wie in fast allen Religionen ist auch im Christentum die Gemeinschaft besonders wichtig. Hier finden die Begegnungen untereinander und mit Gott statt. Die Kirchengemeinde ist der Ort, an dem Christen diese Gemeinschaft erleben, an dem sie gemeinsam singen, beten, Gottes Wort hören und feiern. In der Gemeinde begegnet uns die Kirche jeweils an einem konkreten Ort. Denn gemäß dem evangelischen Augsburger Bekenntnis von 1530 ist die Kirche überall dort, wo das Evangelium – also die Botschaft von der Gottes Zuwendung zu den Menschen – verkündet wird und die Sakramente der Taufe und des Abendmahls miteinander gefeiert werden. In der Gemeinschaft, die sich um Wort und Sakrament versammelt, glauben wir zugleich die Kirche als den Leib Christi (vgl. 1. Korintherbrief, Kapitel 12). Das Bild des Leibes besagt, dass die Kirche eine Einheit ist, deren Glieder in gleicher Weise bedeutsam sind. Jeder und jede hat ein eigenes Charisma, eine eigene Gabe, die in das gemeinsame Leben der Kirche eingebracht werden kann; und alle sind auf Christus als den gemeinsamen Herrn bezogen.

Es gibt nur eine christliche Kirche. Sie ist der eine Leib Jesu Christi. In ihrer institutionellen Verfasstheit ist diese eine Kirche jedoch auf die verschiedensten Einrichtungen aufgeteilt; in Deutschland hat sich ein Nebeneinander von v.a. katholischer und evangelischer Kirche herausgebildet. Die institutionelle Gestalt ist nicht ohne Belang, jedoch gehört sie aus evangelischer Sicht zu den nicht heilsrelevanten „Mitteldingen“. Nach evangelischer Überzeugung gibt es die Kirche, inspiriert durch Jesus Christus, seit dem Kommen des Heiligen Geistes zu den Menschen, das wir in jedem Jahr zu Pfingsten feiern. Die evangelische Kirche versteht sich dabei als den Teil der Kirche, der durch die Reformation gegangen ist. Im Jahr 2017 haben wir anlässlich des 500jährigen Jubiläums an den Beginn der Reformation gedacht: Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte der Mönch Martin Luther seine 95 Thesen gegen die römisch-katholische Ablasspraxis – und dies führte in der Folgezeit dazu, dass sich die evangelische Gestalt von Theologie und Kirche ausformte.

Evangelisch: Solus Christus, sola fide, sola gratia und sola scriptura

Dabei wird der Begriff evangelisch mit dem Begriff protestantisch oft deckungsgleich gebraucht. Der Akzent des Begriffs „evangelisch“ liegt darauf, dass der Glaube auf dem Evangelium beruht. Dies wurde lateinisch in dem Begriff „sola scriptura“ formuliert: Allein die Schrift, die Bibel sollte der Maßstab sein. Das Evangelium, übersetzt als Frohe Botschaft; ist das Fundament unseres Glaubens an Jesus Christus, über den die Bibel berichtet.

Der Begriff „protestantisch“ hat zunächst eine historische Herkunft: 1529 fand die „protestatio“ (der Protest) der evangelischen Stände beim Reichstag zu Speyer statt. Auch heute ist es manchmal wichtig, dass der Protestantismus „protestiert“ – aber dies nicht nur als reine Anti-Haltung, sondern mit konstruktiven Engagement. Zu dem Ruf „sola scriptura“ treten die Worte „sola fide“ (Allein der Glaube) und „sola gratia“ (Allein die Gnade) hinzu. Die Rechtfertigung ergibt sich ohne Werke allein aufgrund des Glaubens der Menschen und der Gnade Gottes.

Die Rechtfertigung ist nach unserer Überzeugung notwendig wegen der Sünde. Sünde ist Orientierungslosigkeit und Gottferne. Sie markiert eine Position des Unglaubens und der Gottlosigkeit. Diese Sünde hat man nicht dadurch erfasst, dass man einzelne sündige Taten aufzählt. Worum es in dieser Orientierungslosigkeit geht, lässt sich sehr gut im Spiegel der drei „theologischen Tugenden“ Glaube, Liebe und Hoffnung verdeutlichen: Sünde ist ein Leben ohne Glauben, also ohne Beziehung zu Gott als der alles bestimmenden Wirklichkeit. Sünde ist ein Leben ohne Hoffnung, also ohne ein Vertrauen auf die Zukunft, das über die eigene Lebenserwartung und Bestimmungsmacht hinausreicht. Sünde ist ein Leben ohne Liebe, also ohne das innere Vermögen, den anderen Menschen um seiner selbst willen für mein Leben als wichtig anzuerkennen. Der Beginn jeder Gottesbeziehung liegt in der Befreiung aus dem Gefängnis dieser Orientierungslosigkeit. Diese Freiheit von Sünde schenkt Gott in Jesus Christus. Sie ermöglicht die Freiheit zu einem Leben, das sich an den göttlichen Geboten orientiert, wie sie zum Beispiel in den „Zehn Geboten“ des Alten Testaments überliefert sind.

Im allgemeinen Sprachgebrauch meint Erlösung die Rettung aus einer Notlage. In jedem Menschen steckt die Sehnsucht nach einem solchen Gerettet-Werden. Alles, was mein Leben belastet und bedroht, möchte ich loswerden. Religionen nehmen diese Sehnsucht auf und bieten unterschiedliche Erlösungswege. Aus christlicher Perspektive versteht man darunter die Befreiung des Menschen von der Macht der Sünde, von allen inneren und äußeren Zwängen. Der christliche Glaube stellt Jesus als den Erlöser in den Mittelpunkt; er bekennt: „Christus ist mein Leben.“ Durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferweckung hat er alle Menschen erlöst („solus Christus“). Diese Erlösung wird durch Gottes Gnade geschenkt und im Glauben angenommen, sie kann dagegen nicht durch eigene Aktivität erreicht werden. Im Heidelberger Katechismus (1563) wurden dafür folgende Worte gefunden: Der Glaube daran, dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben meinem Erlöser Jesus Christus angehöre, ist mein „einziger Trost im Leben und im Sterben.“ Dies ist der Kern der christlichen frohen Botschaft, der guten Nachricht des Evangeliums.

Die evangelische Kirche hat den Auftrag, den christlichen Glauben in der modernen Welt zu bewahren und zu stärken. Hierbei stellt sich die Frage, wie Modernität und Glauben verbunden werden kann, was immer wieder Spannungen erzeugt. Diese Spannungen oder widerstreitenden Ansprüche sind dann zu gestalten. Eine Ausprägung dieser Spannungen sind die unterschiedlichen Konfessionen, die innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland gemeinschaftlich zusammen leben.

Evangelische Konfessionen und die Evangelische Kirche in Deutschland

Diese Konfessionen, also wiederum Untergruppen des Begriffs „protestantisch“ oder „evangelisch“, sind die folgenden:

Lutherisch: Dies sind evangelische Christen, die vor allem von dem wohl bedeutendsten Reformator Martin Luther (1483-1546) inspiriert wurden. Zu ihnen gehörte auch Dietrich Bonhoeffer. Lutherische Landeskirchen sind z.B. die von Hannover, Nordelbien oder Bayern.

Reformiert (auch: calvinistisch): Dies sind evangelische Christen, die von v.a. Ulrich Zwingli (1484-1531) und Johannes Calvin (1509-1564) beeinflusst wurden. Der Name meint „die nach Gottes Wort reformierte Kirche“. Reformierte Landeskirchen sind z.B. die Lippische und die Evangelisch-Reformierte Kirche.

Uniert: Dieser Begriff leitet sich her von dem Wort Union, das die Vereinigung zwischen v.a. Lutheranern und Reformierten meint. Die Unierten nehmen sozusagen eine Mittelposition zwischen Lutheranern und Reformierten ein. Es gibt verschiedene Ausformungen: die Konsensusunion, z.B. in der badischen Landeskirche, und die Verwaltungsunion, z.B. in den ehemaligen preußischen Landeskirchen (Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, Westfalen u.a.). Bonhoeffer gehörte als Berliner einer solchen unierten Kirche an.

Die Evangelische Kirche in Deutschland“ (EKD) schließlich besteht seit 1945, als am 31. August die Kirchenkonferenz von Treysa die vorläufige Ordnung der EKD beschloss und einen Rat einsetzte. Sie ist die „Gemeinschaft ihrer lutherischen, reformierten und unierten Gliedkirchen. Sie versteht sich als ein Teil der einen Kirche Jesu Christi“, wie es in der Grundordnung der EKD heißt. In der Präambel definiert sie sich selbst so: „Grundlage der Evangelischen Kirche in Deutschland ist das Evangelium von Jesus Christus, wie es uns in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments gegeben ist. Indem sie diese Grundlage anerkennt, bekennt sich die Evangelische Kirche in Deutschland zu dem Einen Herrn der einen heiligen allgemeinen und apostolischen Kirche. Gemeinsam mit der alten Kirche steht die Evangelische Kirche in Deutschland auf dem Boden der altkirchlichen Bekenntnisse. Für das Verständnis der Heiligen Schrift wie auch der altkirchlichen Bekenntnisse sind in den lutherischen, reformierten und unierten Gliedkirchen und Gemeinden die für sie geltenden Bekenntnisse der Reformation maßgebend.

Sie vereinigt die zur Zeit 20 evangelischen Landeskirchen Insgesamt gehören ca. 20,7 Millionen Menschen in 13.500 Kirchengemeinden zur evangelischen Kirche in Deutschland. Die EKD hat nach ihrer Grundordnung drei Leitungsorgane: die Synode, die Kirchenkonferenz und den Rat.

Unverzichtbar zur evangelischen Kirche gehört auch ihre soziale Arbeit. Die Diakonie Deutschland hilft Menschen in eigenen Wohn- und Pflegeheimen, Beratungsstellen, Kindertagesstätten und Krankenhäusern durch Sozialarbeit, Pflegedienste, Telefonseelsorge, Bahnhofsmission und Beratungsstellen mit rund 600.000 hauptamtlichen und ebenso vielen ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Sie leistet auch einen großen Beitrag zur Sozialstaatlichkeit des Grundgesetzes, indem sie die Interessen der Menschen, für die sie tätig ist, gegenüber den politischen Organen vertritt.

In der heutigen Situation ist es von wachsender Bedeutung, dass evangelische Christen „Rechenschaft“ (1. Petrusbrief Kapitel 3, 15) geben können über das, was sie trägt und bewegt. Die Sprachfähigkeit in Glaubensdingen ist gleichzeitig eine zentrale Grundlage und eine wichtige Aufgabe für evangelisches Christsein. Zur Rechenschaft, die von uns gefordert ist, gehört, dass wir wissen, warum wir evangelisch sind. Vor mehreren Jahren hat die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau ein Kommunikationskonzept vorgestellt, um auskunftsfähig zu sein über die guten Gründe für das Evangelischsein. Die Aktion steht unter dem Titel: „Evangelisch aus gutem Grund“. Wir haben guten Grund dazu, evangelisch zu sein, heißt das. Wir können auch gute Gründe dafür nennen. Und, um das Motto etwas abzuwandeln, wir sind auch „evangelisch auf gutem Grund“ – der Grund für unser Evangelischsein ist nicht nur die Kirche als Leib Christi, sondern das gute Heilshandeln des dreieinigen Gottes.

Eine ehrliche selbstkritische Bestandsaufnahme gebietet es, die Kluft nicht zu verschweigen, die sich zwischen Anspruch und Wirklichkeit auftut. Die Wirklichkeit evangelischer Kirche und evangelischen Christseins ist ‑ Gott sei’s geklagt ‑ immer wieder eine kritische Rückfrage an die Botschaft, die uns zusammen mit der ganzen Kirche aufgetragen ist, und der Markenzeichen, die uns durch die Reformation aufgeprägt wurden. Diese Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit erinnert daran, dass die ganze Kirche ‑ nicht weniger als die einzelnen Glaubenden ‑ den „Schatz“ des Evangeliums „in irdenen Gefäßen“ hat, „damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns“ (2. Korintherbrief Kapitel 4, 7).

Europa und die Welt

Auch auf europäischer und weltweiter Ebene wird an der Einheit der Christen gearbeitet – das Miteinander von Kirchen in Europa und der Welt wird als „Ökumene“ bezeichnet. So gibt es die „Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa“ (GEKE), die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft von über 100 lutherischen, reformierten und unierten Kirchen in Europa herstellen konnte. Weltweit versuchen viele christliche Kirchen, ihrer Gemeinschaft im „Ökumenischen Rat der Kirchen“ (ÖRK) Ausdruck und Gestalt verleihen. Das Motto des ÖRK ist aus dem Johannes-Evangelium (Kapitel 17, Vers 21) entnommen: Jesus bittet Gott für seine Jünger, „damit sie alle eins seien“. Trotz aller immer wieder auftretenden Probleme ist dies grundsätzlich ein richtiger Schritt hin auf eine Verwirklichung der inneren Einheit der Kirche Jesu Christi.

Wer bin ich?

Dietrich Bonhoeffer war Zeit seines Lebens ökumenisch engagiert. Und so wie zu Beginn dieser kurzen Darstellung ein Zitat von ihm stand, so soll dieser Text auch mit einem (anderen) Zitat von ihm abgeschlossen werden, das er ebenfalls während seiner Zeit im Gefängnis Ende 1944 verfasst hat. Selbstkritisch fragte er nach seiner eigenen Rolle, nach dem, was er als Person in seiner besonderen Situation wirklich war. Er fand keine abschließende Antwort, wohl aber den guten Grund, auf dem er mit seiner Frage Ruhe finden konnte.

„Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß. […]
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe […]?
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
[…] Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

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Lehrwerk Praktische Theologie

Isolde Karle, Praktische Theologie (Lehrwerk Evangelische Theologie 7), Leipzig 2020, XVII und 718 S., gebunden, 58€, ISBN 978-3-374-05488-6

In Band 7 des „Lehrwerks Evangelische Theologie“ vermittelt die Bochumer Praktische Theologin Isolde Karle Studierenden „gegenwartsbezogenes theologisches Grundwissen“ und verbindet dies mit einer „praxisorientierten Ausrichtung auf das künftige Berufsfeld“ im Pfarr- und Lehramt (S. V).

Nach einer Beantwortung der für diese Disziplin besonders notwendigen Frage „Was ist Praktische Theologie?“ folgen drei grundlegende Kapitel zu Religion, Kirche und Pfarrberuf in der Moderne. Danach werden die klassischen Felder der Praktischen Theologie behandelt: Homiletik, Liturgik, Poimenik und Kasualien, darüber hinaus die Diakonie und die Medienkommunikation. Ein fast 90-seitiger Serviceapparat mit Literaturangaben und Registern verhilft zur Weiterarbeit.

Der Aufbau jedes Kapitels ist lehrbuchtypisch vergleichbar strukturiert, sodass zunächst biblisch-historische Perspektiven skizziert, bevor aktuelle Debatten luzide dargestellt und präzise diskutiert werden. Regelmäßig fassen optisch hervorgehobene Merksätze die zentralen Erkenntnisse didaktisch hilfreich zusammen.

Die im Vorwort (S. XV-XVII) transparent benannten Grundprinzipien prägen das gesamte Buch: Eine realistische Wahrnehmung der „Ambivalenzen modernen Lebens“ und der „Theologiebezug der Praktischen Theologie“ ergänzen die generellen Lehrwerkperspektiven Interdisziplinarität und Gegenwartsrelevanz. Der Gewährsmann Karles für all dies ist Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Von hier aus versucht Karle, „möglichst objektiv die Pluralität praktisch-theologischer Konzeptionen und Diskurse zu beschreiben“. Die in den beiden Worten „möglichst objektiv“ liegende Spannung lässt sich durchgängig beobachten. Sichtbar ist Karle bestrebt, die angestrebte Objektivität durch Darstellung der unterschiedlichen Positionen zu den verschiedenen Themen durchzuhalten. Aber weil sie zu allen diesen Themen bereits eigene Positionen entwickelt und publiziert hat (vgl. die beeindruckende Zahl ihrer Literaturtitel S. 654-657), ist es unvermeidlich, dass Objektivität nie ungebrochen erreicht wird. So ist, um ein besonders deutliches Beispiel zu erwähnen, das pastoraltheologische Kapitel „Der Pfarrberuf als Profession“ durch Karles gleichnamige Habilitationsschrift geprägt (vgl. bes. S. 141-148). In den abschließenden Ausführungen zur Medienkommunikation führt Karle den historischen Zentralsatz „Das Christentum hat sich immer schon der Medien bedient“ (S. 610) auf die Gegenwart aus, indem sie quasi nebenher die soziologischen Entwürfe von Niklas Luhmann, Armin Nassehi und Dirk Baecker skizziert, die evangelischen Medienpioniere August Hinderer, Robert Geisendörfer und Johanna Haberer ins Spiel bringt und sich dann unter Bezug auf aktuelle Forschung von Kristin Merle, Günther Thomas und Wilhelm Gräb kritisch den gegenwärtigen Massenmedien zuwendet. Vor allem die Social Media bergen für die auch auf Facebook aktive Autorin eher Probleme als Chancen. Über die Frage, ob hier für die gegenwärtige Kommunikation des Evangeliums nicht doch mehr Potenzial vorhanden ist, ließe sich trefflich diskutieren. Ist es im Internet wirklich „nicht möglich, Abendmahl zu feiern und authentische Begegnungen face to face zu haben“ (S. 624), und sind Begegnungsräume im Internet wirklich nicht „real“, „authentisch“ und „interaktiv“ (S. 625)?

Solche Fragen müssen gestellt werden (und sie können anders beantwortet werden), sie dürfen aber nicht davon ablenken, dass Isolde Karle mit diesem Lehrwerk zur Praktischen Theologie ein „Standardwerk“ (R. Kunz in der ThLZ) vorgelegt hat, das Studierende nicht nur bestens auf die theologischen Examina, sondern auch auf den Pfarr- und Lehrberuf vorbereiten wird. Und für alle diejenigen, die bereits in diesen Berufen tätig sind, lohnt sich die Lektüre ebenfalls, weil „sich die Leitung und Gestaltung kirchlicher Praxis nicht von selbst verstehen“ (S. 7f.), sondern der Theologie bedürfen.

(Kirchliches Amtsblatt der Ev. Kirche von Westfalen, Ausgabe 4/2021, S. 35)

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Künstliche Intelligenz

Die Evangelische Forschungsakademie (EFA) traf sich Anfang Januar 2021 nicht wie gewohnt in der Berliner Stadtmission zur traditionsreichen Januartagung. Die 145. Tagung fand erstmals digital statt; die meisten der Vorträge sind aufgezeichnet worden und stehen als Video weiterhin zur Verfügung..

Die sieben Vorträge standen unter dem Motto „Künstliche Intelligenz. Macht der Maschinen und Algorithmen zwischen Utopie und Realität“.

Die Einführung in die Tagung übernahm Prof. Dr. Thomas von Woedtke, Plasma-Mediziner aus Greifswald und Mitglied des EFA-Kuratoriums.
Seiner Einführung lagen folgenden Überlegungen zugrunde:
Das Thema „Künstliche Intelligenz“ wird derzeit in sehr verschiedenen Formaten und Veranstaltungen intensiv diskutiert und reflektiert. Die EFA-Januartagung 2021 wird diese aktuelle Thematik unter dem Gesichtspunkt behandeln, den vor allem in der (medialen) Öffentlichkeit diskutierten positiven wie negativen technischen Visionen den Versuch einer realistischen Einschätzung der tatsächlichen Möglichkeiten und Grenzen von KI gegenüberzustellen. Dabei kommen auch christlich motivierte Standpunkte von Wünschenswertem und Notwendigem in der Gestaltung der menschlichen Lebenswelt zur Sprache kommen.
An der Einführung und Prägung des Begriffes „künstliche Intelligenz (KI)“ (artificial intelligence – AI), der im Jahr 1956 erstmals gebraucht wurde, war Marvin Minsky (1927-2016) maßgeblich beteiligt, der KI 1966 so definierte: „Künstliche Intelligenz liegt dann vor, wenn Maschinen Dinge tun, für deren Ausführung man beim Menschen Intelligenz unterstellt.“ Damit ist mit dieser Begriffsdefinition die assoziative Verbindung maschineller (Computer-)Systeme und Prozesse mit biologischen und menschlichen Eigenschaften, Fähigkeiten und Prozessen von vornherein angelegt. Weitere Begrifflichkeiten aus diesem Zusammenhang wie Elektronengehirn, maschinelles Lernen, neuronale Netze etc. unterstreichen die Fortdauer dieser anscheinend weitgehend unreflektierten Praxis bis in die Gegenwart. Diese „Biologisierung“ oder „Humanisierung“ menschengemachter und von Menschen nutzbarer technischer Systeme ist vom Ursprung her sicherlich einem seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anhaltenden und in den 1950er und 1960er Jahren noch weitgehend ungebrochenen Technik- und Zukunftsoptimismus geschuldet, der nahezu alles für machbar erachtete und bis heute tatsächlich zu erheblichen, als Fortschritt zu bezeichnenden Forschungs- und Entwicklungsleistungen geführt hat. Nichtsdestotrotz birgt die mit dieser Übernahme von Begrifflichkeiten verbundene Grenzüberschreitung auch erhebliche Probleme. Dies betrifft insbesondere die assoziative Zuschreibung von umfassenden menschlichen Möglichkeiten an technische Systeme, die zu extremen Erwartungshaltungen im Hinblick auf deren zumindest potentielle Leistungsfähigkeit und daraus resultierende Machbarkeitsvisionen führt, die sowohl in höchst optimistischen wie auch apokalyptischen Zukunftsszenarien resultieren. Es scheint bei diesen Visionen und Gedankenspielen oft so zu sein, dass sie weit entfernt von der technischen Realität und tatsächlichen Machbarkeit agieren und oft vor allem auf assoziativen Analogieschlüssen basieren, die vor allem aus den verwendeten Begrifflichkeiten zu resultieren scheinen. Ein Ziel der Januartagung 2021 ist es, solchen Assoziationen entgegenzuwirken, die einer genauen Betrachtung nicht standhalten. Dennoch sollte man nicht verschweigen, dass künstliche Intelligenz (oder wie man diese Maschinenintelligenz immer nennen mag) noch zu sehr viel mehr in der Lage sein wird, als wir im Moment realistischerweise annehmen.
Bei der Betrachtung praktischer Konsequenzen wäre neben unzweifelhaft vorhandenen positiven und hilfreichen Möglichkeiten, die KI-basierte Systeme bieten, ist hier auch das hohe Missbrauchspotential anzusprechen. Darüber hinaus darf der mit der Verfügbarkeit solcher Systeme und der zugrundeliegenden Daten verbundene Machtaspekt nicht außer Acht gelassen werden. Daher versucht die EFA-Januartagung 2021, eine Ordnung und Bewertung dieser Begrifflichkeiten mit einer zumindest orientierenden Einschätzung des Potentials und der Leistungsfähigkeit von unter dem Dachbegriff KI zusammengefassten technischen Systemen und Prozessen zu verbinden.

Was ist Intelligenz? Künstliche Intelligenz aus psychologischer Sicht
Prof. Dr. Dr. h.c. Joachim Funke (Jg. 1953), Studium der Psychologie, Philosophie und Germanistik, 1984 Promotion, 1991 Habilitation, 1997-2019 Lehrstuhl für Allgemeine und Theoretische Psychologie Heidelberg, Ehrenpromotion Szeged 2015.

Der Vortrag von Joachim Funke stand unter dem Motto: „Menschen handeln – Maschinen führen aus“.
Intelligenz ist ein zentrales Konstrukt der modernen Psychologie, um Unterschiede in der kognitiven Leistungsfähigkeit von Menschen zu beschreiben. Etwas breitere Konzeptionen sehen die Anpassung des Menschen an seine Umwelt und die Gestaltung der Umwelt zu unserem Vorteil als zentrales Element intelligenten Handelns. Im Vortrag wird ein Überblick über verschiedene Konzeptionen von Intelligenz gegeben. Auch die »dunkle Seite« der Intelligenz (das zerstörerische Potential) wird angesprochen.


Neurobiologische Korrelate der Entscheidungsfindung
Prof. Dr. Ingo Bernd Vernaleken, Studium der Humanmedizin, 2000 Promotion, 2005 Oberarzt für Psychiatrie und Psychotherapie, 2009 Professor an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der RWTH Aachen.

Ein starkes Zitat des Vortrags von Ingo Vernaleken war: „Wir haben so viel Intelligenz, wie wir brauchen.“


Vom Golem über Asimovs Robotern bis zu Markow-Ketten: Künstlerische Auseinandersetzungen mit künstlicher Intelligenz
Prof. Franz Danksagmüller (Jg. 1969), Studium der Kirchenmusik, Komposition und elektronischen Musik, Organist und Lehrbeauftragter in Wien, Linz und St. Pölten, seit 2005 Professor für Orgel und Improvisation an der Musikhochschule Lübeck.

Franz Danksagmüller stellte seinen Vortrag unter ein Zitat von Arthur C. Clarke: „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“
Über künstliche Wesen wurde schon in der Antike berichtet. Das Spektrum reicht von singenden Vögeln, automatischen Tempeltüren bis zu sprechenden Statuen und intelligenten Dienern.
Automaten, wie »der Schreiber«, die mechanische Ente oder »der Schachtürke« aus dem 18. Jahrhundert waren Höhepunkte einer langen Entwicklung. Sie zeugen von höchster Handwerkskunst – und Betrug.
Maschinen wie diese erschienen manchen Zeitgenossen als ein Produkt schwarzer Magie und als beseelte, eigenständige Wesen.
Neben den komplizierten Automaten entstanden eine Vielzahl an Sagen und Mythen von übernatürlichen, künstlichen Wesen: der Golem, Olympia, Frankenstein sowie die künstliche Maria aus »Metropolis« sind nur einige von ihnen. Aus heutiger Sicht wirken viele dieser Legenden naiv, die Maschinen der vergangenen Zeiten zwar faszinierend aber auch leicht zu durchschauen.
Doch wie begegnen wir den künstlichen Wesen unserer Zeit? Künstliche Intelligenz erscheint uns als Bereicherung und Bedrohung zugleich. Filme wie »A.I.«, »Ex Machina«, »her« usw. erfreuen sich großer Beliebtheit, Assistenten wie Siri und Alexa sind in vielen Haushalten ein festes Familienmitglied, chatbots beeinflussen unsere Meinung und unser Wahlverhalten.
Längst haben wir die Grenzen nachvollziehbarer Mechanik überschritten. Man spricht von künstlicher Intelligenz wie von einem mysteriösen Wesen, das oft unberechenbar agiert, eigene Wege geht und dem Menschen in vielerlei Hinsicht überlegen ist. Wir fragen Chatbots um Rat und kommunizieren mit digitalen Kopien verstorbener Menschen.
Auch im Bereich der Kunst sind künstliche Intelligenzen inzwischen tätig. Sie schaffen sowohl Kompositionen im Stil verstorbener Komponisten als auch neue, scheinbar eigenständige Werke.
Der Algorithmus »min G max D Ex[log(D(x))]+Ez[log(1-D(G(z)))]« schuf ein Bild, das bei Christie´s um 400.000 € versteigert wurde.
Doch welche Mechanismen stecken hinter diesen künstlichen Künstlern? Sind diese Algorithmen ernsthafte Partner bzw. Konkurrenten? Bereits heute treten sich in Musiktheatern und anderen Aufführungen künstliche und menschliche Wesen gegenüber…

Was ist und was kann Künstliche Intelligenz?
Einführung in Grundbegriffe, Methoden und Perspektiven der Künstlichen Intelligenz

Prof. Dr. Sebastian Rudolph (Jg. 1976), Lehramtsstudium Mathematik, Physik und Informatik, 2006 Promotion, 2011 Habilitation, 2013 Professor für Computational Logican der TU Dresden, seit 2020 geschäftsführender Direktor des Instituts für Künstliche Intelligenz.

„Fehlertoleranz als Voraussetzung für die Anwendung von KI“ war ein Fazit des Vortrags von Sebastian Rudolph.
Künstliche Intelligenz (KI) ist in aller Munde und erobert viele alltägliche Lebensbereiche, während gleichzeitig auch prominente mahnende Stimmen laut werden. Sein Vortrag beleuchtet die Ursprünge, und die bewegte Geschichte dieser Disziplin, geprägt von sich abwechselnden Phasen von hohen Erwartungen und Ernüchterung. Er stellt die zwei zentralen Paradigmen des Gebietes vor – subsymbolische KI einerseits (insbesondere maschinelles Lernen) und symbolische KI andererseits (beispielsweise Wissensrepräsentation und automatisches Schließen) – und diskutiert deren zentrale Methoden sowie Vor- und Nachteile. Der Vortrag schließt mit einem vorsichtigen Ausblick auf absehbare zukünftigen Entwicklungen und geht kurz auf die damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen ein.


Künstliche Intelligenz in der modernen Welt – Was nutzen wir schon und was erwartet uns demnächst?
Prof. Dr.-Ing. Peter Liggesmeyer (Jg. 1963), Studium der Elektrotechnik, 1992 Promotion, 2000 Habilitation und Lehrstuhl für Softwaretechnik und Qualitätsmanagement in Potsdam, seit 2004 Lehrstuhl für Software Engineering: Dependability an der TU und Institutsleiter am Fraunhofer Institut für Experimentelles Software Engineering in Kaiserslautern.

Aus dem Vortrag von Peter Liggesmeyer blieb u.a. das Zitat „Keine Erklärung, wie das Ergebnis zustande gekommen ist.“ hängen.
Künstliche Intelligenz (KI) ist eine alte Idee, die aktuell eine markante Renaissance erlebt. Erste, wenn auch einfache, funktionierende künstliche neuronale Netze gab es bereits in den 1950er Jahren. Spezielle KI-Programmiersprachen entstanden wenig später, z.B. im Jahr 1958 LISP und 1973 PROLOG. Heute wird KI als eine wichtige Zukunftstechnologie diskutiert, wobei sich das Interesse aktuell auf den Teilbereich des Maschinellen Lernens (ML) konzentriert. ML mit KI gleichzusetzen ist aber falsch.
Die vereinfachte Grundidee des Maschinellen Lernens ist, ein System anhand von Beispielen zu trainieren, mit dem Ziel, dass das ML-System nach Vorlage vieler Beispiele in der Lage sein soll, das darin enthaltene Verhalten zu reproduzieren. ML-Systeme erkennen Muster. Sie extrahieren aber keine Regeln.
Man darf Muster (Korrelationen) nicht mit Kausalitäten (Regeln) verwechseln. Maschinelle Lernverfahren sind nicht im eigentlichen Sinne intelligent. Sie extrahieren Muster und wenden diese an. Diese vermeintliche Schwäche kann aber auch zu einer Stärke werden und zwar dort, wo die Angabe von Regeln schwierig ist. Beispiele dafür sind die Bereiche Sprach- und Bildverstehen, zwei Anwendungsbereiche in denen ML-Verfahren ausgezeichnete Erfolge verbuchen und ihr gelegentliches Versagen meistens toleriert werden kann. Selbstverständlich gibt es auch hier Regeln, aber Kinder lernen ihre Muttersprache nicht durch Vorgabe von Regeln, sondern durch das Nachsprechen von vorgesprochenen Beispielen. Das Gleiche gilt für das Verstehen von Bildinhalten. Wenn ein Kind oft genug Bilder von Autos gesehen hat, so erkennt es Autos auf Bildern wieder. Und maschinelles Lernen kann das meistens auch leisten, aber eben keine diesbezüglichen Garantien abgeben.
Im Grunde handelt es sich beim Maschinellen Lernen um eine spezielle Form der statistischen Datenanalyse, die deren charakteristische Vor- und Nachteile besitzt und natürlich nur Effekte erzeugen kann, die aus den zugrunde liegenden Daten abgeleitet werden können. Hier von Intelligenz zu sprechen, erscheint unangebracht.
Maschinelles Lernen allein wird für viele Anwendungsbereiche – insbesondere für jene, in denen Garantien erforderlich sind, wie autonomes Fahren – nicht ausreichen. Aber natürlich haben maschinelle Lernverfahren auch klar benennbare Vorteile. Die beschriebenen Nachteile sind den Forschern bekannt, und es wird daran gearbeitet, diese zu beseitigen. Die KI enthält mehr Lösungen, als nur das Maschinelle Lernen, und natürlich gibt es auch funktionierende Lösungen außerhalb der KI, auf die zurückgegriffen werden kann. Es ist abzusehen, dass ein Zusammenspiel der unterschiedlichen Bausteine eine Lösung sein wird.
Derzeit muss man sich vor der »Künstlichen Intelligenz« nicht wirklich fürchten. Bedrohlicher ist die – mit Verlaub – verbliebene Dummheit der existierenden Lösungen, deren Beseitigung ein aktuelles, wichtiges Ziel der Forschung ist.


Maschinenethik: Können Maschinen moralisch sein?
Prof. Dr. Catrin Misselhorn (Jg. 1970), Studium der Philosophie, 2003 Promotion, 2010 Habilitation, 2012 Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie in Stuttgart, seit 2019 Professorin für Philosophie in Göttingen.

Catrin Misselhorns Vortrag gipfelte in der These „Moralische Maschinen sind Menschen moralisch überlegen.“
Durch die Fortschritte der Künstlichen Intelligenz (KI) und Robotik werden Maschinen in Zukunft mehr und mehr moralische Entscheidungen fällen, die unser Leben betreffen. Deshalb soll analog zur »Artificial Intelligence« eine »Artificial Morality« entwickelt werden. Doch können Maschinen überhaupt moralisch handeln – und dürfen sie es? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Maschinenethik, deren Grundlagen in diesem Vortrag anhand von Beispielen wie autonomen Waffensystemen, Pflegerobotern und selbstfahrenden Autos diskutiert werden.

Gottebenbildlichkeit und Künstliche Intelligenz
Prof. Dr. Dirk Evers (Jg. 1962), Studium der Theologie, 1999 Promotion (ESSSAT-Preis 2002), 2005 Habilitation, 2008 Lehrauftrag an der Universität Zürich, seit 2010 Professor für Systematische Theologie an der Universität Halle-Wittenberg.

Dirk Evers forderte in seinem Vortrag: „Es geht nicht darum, vor KI zu warnen, sondern den Umgang mit ihr zu gestalten.“
Aus christlich-theologischer Perspektive ist der Mensch als der Gott entsprechende Menschen zu bestimmen. Als Gott entsprechender Mensch ist der Mensch Selbstzweck und Person. Als Personen verstehen Menschen nicht nur etwas, sie verstehen dabei immer auch sich selbst. Und sie verstehen sich nicht nur auf das Erreichen von Zwecken (technische Imperative), sie verstehen sich auch auf das Verstehen in seinen unterschiedlichen Dimensionen. Menschen orientieren sich deshalb in der Wirklichkeit in Perspektiven der 3., 1. und 2. Person. Das Leben in durch Medien vermittelten Beziehungen macht sie so zu Personen, und dadurch sind sie immer schon bezogen auf Gott. Insofern das Bilderverbot in Bezug auf Gott gilt, gilt es entsprechend auch in Bezug auf den Menschen: Über Menschen kann man nie vollständig im Bilde sein. Auch alles Selbstverstehen ist letztlich begrenzt.
Künstliche Intelligenz ist Mittel zum Zweck. Die Gefahr ist nicht, dass Künstliche Intelligenz menschlich oder gar mehr als menschlich wird, sondern dass Menschen sich zu sehr Künstlicher Intelligenz anvertrauen. Sie verspricht unter anderem Entlastung von dem Entscheidungsdruck und den Effizienzanforderungen, unter denen Menschen in der Moderne existieren. Sie ist zudem eine Projektionsfläche für problematische Gottes- und Menschenbilder. Das liegt nicht primär an der Raffinesse der Maschinen, sondern vor allem am Wesen des Menschen, der im geschilderten Sinne ein mediales Wesen ist. Hier kann die Kategorie der Gottebenbildlichkeit Perspektiven bereitstellen.


Die Generalaussprache wurde geleitet von Prof. Dr. Oliver Holtemöller, Wirtschaftswissenschafter aus Halle (Saale) und Kuratoriumsmitglied der EFA.
Er begann mit drei Thesen:
1. These: Künstliche Intelligenz hat nicht viel mit Intelligenz zu tun.
2. These: KI ist als wissenschafliche Methode für mich uninteressant (Verstehen/Verhalten).
3. These: Die Gesellschaft sollte die Methoden besser verstehen (Digital Literacy)
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Das EFA-Kuratoriumsmitglied Prof. Dr. Martin Schnittler, Botaniker und Landschaftsökologie aus Greifswald, steuerte vier Thesen zum Unterschied zwischen menschlicher (natürlicher) und künstlicher Intelligenz aus biologischer Sicht bei:
1. These: Der Mensch kann sich Ziele setzen und hat Antriebe – der KI müssen diese vom Menschen gesetzt werden.
2. These: Das menschliche Hirn hat ein Belohnungssystem – wir setzen oft kurzfristigen Nutzen vor langfristigen. Impulsives Handeln ist ein möglicher Ausweg bei extrem komplexen Problemen.
3. These: Das menschliche Hirn schließt stochastische Prozesse ein – gleicher Input generiert nicht identische Lösungen.
4. These: Menschliche Intelligenz kann nur irreversibel ausgeschaltet werden (Suizid) – KI kann reversibel ausgeschaltet werden. Maschinen haben keine Menschenwürde.

Andacht
Dr. Rainer Rausch / Tim Reiter


Bericht zur kirchlichen Lage / Gottesdienst
Pröpstin Dr. Christina-Maria Bammel (Jg. 1973), Studium der Theologie, 2003 Promotion (HU Berlin), Pfarrerin in Berlin, seit 2019 Pröpstin und theologische Leiterin des Konsistoriums der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Die Tagung wurde mit einem Bericht zur kirchlichen Lage und einem Gottesdienst beendet, die Christina-Maria Bammel verantwortete. Sie zitierte ein Kyrie der ökumenischen Band patchwork aus Brandenburg a.d.H.:
Manchmal ist es wenig was mich über Wasser hält
Dünne Schicht der Dinge wenn sie kippelt, doch nicht fällt
Viele gute Gründe und kein Ziel
Alles dreht sich weiter…manchmal ist es viel
Manchmal ist es wenig, was uns zueinander treibt
Augenblick der ewig dauern kann und doch nicht bleibt
Alles was mir ernst ist, ist das Spiel,
manchmal ist es wenig und manchmal viel zu viel,
machmal ist der Weg zu weit und manchmal fehlt das Ziel,
manchmal ist alles zu ende und es fehlt nur ein Schritt,
manchmal geht man vor die Hunde und keiner geht mit,
manchmal ist alles fraglich und keine Antwort zu sehn.

Manche der Vortragenden waren nur zu Ihrem Beitrag zugeschaltet. Andere beteiligten sich auch in den Aussprachen und an den abendlichen Breakout-Sessions. Prof. Dr. Joachim Funke fasste seine Eindrücke in einem spontanen Blog zusammen. Sein Fazit fand ich als Theologe amüsant und hoch erfreulich:
„Ich wusste gar nicht, wie politisch Theologen sein können! Danke an die Referenten und die Referentin für die vielen Anregungen, danke für das “food for thought”, das in meine Handschuhsheimer Dachstube gelangen durfte! Ein Weiterbildungs-Wochenende der besonderen Art!“

Informationen zur Evangelischen Forschungsakademie:
Die Evangelische Forschungsakademie (EFA) ist ist eine unselbständige Einrichtung der Union Evangelischer Kirchen (UEK). Sie vereinigt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Künstlerinnen und Künstler christlichen Glaubens. Die Mitglieder der EFA sind durch die ihnen gemeinsamen Fragen von christlichem Lebensverständnis und wissenschaftlichem Arbeiten verbunden. Mitglieder der Evangelischen Forschungsakademie können akademisch oder in der Praxis tätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden, die in ihren Fachgebieten selbständige Forschungsarbeit betreiben, sich dementsprechend ausgewiesen haben und bereit sind, sich in das interdisziplinäre Gespräch einzubringen.
Mit ihrer Gründung 1948 in Ilsenburg (Sachsen-Anhalt), unweit der innerdeutschen Grenze, setzte sich die Evangelische Forschungsakademie (EFA) das Ziel, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen zusammenzuführen. Gemeinsam war es ihre Absicht, die neuesten Erkenntnisse und Entwicklungen in Wissenschaft und Gesellschaft zu diskutieren. Die Erkenntnisfunktion des Glaubens und die ethische Verantwortung in Forschung und Lehre sind dabei bis heute das besondere Anliegen. Unter dem Motto „Glaubend erkennen – erkennend glauben – verantwortlich handelnd“ stellt sich die EFA den Herausforderungen unserer Zeit zur zukunftsfähigen Gestaltung von Lehre, Bildung und Forschung in christlich-ethischer Verantwortung. Dazu veranstaltet sie in der Regel zwei Tagungen pro Jahr: Die Januartagung in Berlin dient der interdisziplinären Behandlung eines Generalthemas durch Vorträge und ausführliche Diskussionen. Die Pfingsttagung im Evangelischen Zentrum Drübeck ist der Vorstellung und Diskussion von Forschungsarbeiten der Mitglieder sowie anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vorbehalten.

Direktor ist der Astrophysiker Prof. Dr. Alfred Krabbe. Ich selbst gehöre zum Kuratorium, das die Akademie leitet und die Tagungen vorbereitet.

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Allgemeines

Wider die Impfgegner!

Denjenigen, die aus (vermeintlich) christlichen Gründen zu den prinzipiellen Impfgegnern gehören, kann man mit Martin Luthers Schrift „Ob man vor dem Sterben fliehen möge“ von 1527 antworten.
Luther plädiert dort durchgängig für den Gebrauch der von Gott geschenkten Vernunft im Kampf gegen die Pest, um unvernünftiges Verhalten zu verhindern. Zu diesem unvernünftigen Verhalten gehört für ihn auch, unter der Berufung auf das Gottvertrauen unverantwortlich zu handeln.

Einen Abschnitt aus Luther Schrift könnte man heute mit „Wider die Impfgegner“ überschreiben:

„Sie verachten es, Arznei zu nehmen und meiden die Stätten und Personen nicht, die die Pest gehabt haben und von ihr genesen sind. sondern zechen und spielen mit ihnen, wollen damit ihre Kühnheit beweisen. […]

Solches heißt nicht Gott vertrauen, sondern Gott versuchen. Denn Gott hat die Arznei geschaffen und die Vernunft gegeben, dem Leib vorzustehen und ihn zu pflegen, daß er gesund sei und lebe. [….]

Nicht so, meine lieben Freunde, das ist nicht fein getan. Sondern gebrauche die Arznei, nimm zu dir, was dir helfen kann, räuchere Haus, Hof und Gasse, meide auch Personen und Stätten, wo dein Nächster dich nicht braucht.“

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Wissenschaftliches

Theologie der reformatorischen Bekenntnisschriften

Notger Slenczka, Theologie der reformatorischen Bekenntnisschriften. Einheit und Anspruch, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2020, 736 S., gebunden, 68€, ISBN 978-3-374-06531-8

Wenn ein Autor von sich aus einräumt, dass sein Buch „zu lang“ (92) ist, und wenn dieser Autor schon beim Schreiben weiß, dass ihm das „den Ruf der Bekenntnisorthodoxie“ (686) einbringen wird, dann kann ein Rezensent zugestehen, dass der Autor schlichtweg Recht hat.

Das Buch des Berliner Systematischen Theologen Notger Slenczka über die Theologie der reformatorischen Bekenntnisschriften liest sich nicht nebenbei, sondern will erarbeitet sein. Aber wer sich an diese Arbeit macht, wird vieles über die Bekenntnisse der Reformationszeit lernen – und vieles über den heutigen Umgang damit. Es lohnt sich also, Slenczkas Buch zu lesen, es lohnt sich aber auch – das sei hinzugefügt – ihm zu widersprechen.

Für Studierende der Theologie (und diejenigen, die ihre Studienkenntnisse auffrischen wollen) ist es ein präzises Lehrbuch über die historischen Hintergründe und vor allem die theologischen Aussagen der Bekenntnisschriften des 16. Jahrhunderts. Sorgfältig mit Literatur belegt (vgl. z.B. 621. 630), didaktisch mit Zusammenfassungen versehen, hilfreich mit Registern ergänzt.

Für manche Lutheraner mag es eine Anfechtung sein, dass die Theologie der reformierten Bekenntnisschriften nicht nur „hochinteressant“ (509) ist, sondern dass Slenczka (den der Vorwurf der lutherischen Bekenntnisorthodoxie hier verfehlt) das Wahrheitsmoment reformierter Theologie und damit einen normativen Anspruch auch der reformierten Bekenntnisse anerkennt. Das gilt ebenso für sein (gewandeltes) Verhältnis zur Barmer Theologischen Erklärung. Anders als die traditionelle lutherische Theologie und Kirchlichkeit kommt Slenczka zu dem Schluss, es sei „sinnvoll und wohlgetan, die Entscheidung von Barmen als Bekenntnisgrundlage auch für die lutherischen Kirchen zu übernehmen“ (639). Das alles ist für den Unierten höchst erfreulich.

Für alle diejenigen, die damit ringen, welche Bedeutung 500 Jahre alte Texte für den heutigen Glauben und die heutige Kirche haben, ist das Buch eine Hilfe zum Verstehen. Slenczka erkennt an, dass der normative Anspruch der reformatorischen Bekenntnisschriften gegenwärtig „faktisch fiktiv“ (76) ist. Allen Kirchenordnungsaussagen (auch in Westfalen) und allen theologischen Formeln („norma normata“) zum Trotz. Slenczka weicht dem nicht aus – weder zu einem trotzigen Festhalten an traditionellen Lehrformeln noch zu einem resignierten Verzicht auf die Bekenntnisse. Seine Lösung ist eine neuprotestantische Klärung des Bekenntnisverständnisses, das eben „keine Glaubensnorm“ (257) für den einzelnen Christenmenschen und keine Auflistung christlicher Lehraussagen sei, die man Wort für Wort als Realität zu glauben habe. Der Mensch benötige dringend den „Zuspruch der Freiheit von der Macht des Teufels“ (608) in Gestalt von Gesetz und Evangelium, denn Slenczka hält persönlich „in der Tat die Anfechtungserfahrung Luthers für das mit der menschlichen Existenz gestellte Grundproblem“ (712). Dass für ihn an anderer Stelle „die Anerkennung der schlechthinnigen Abhängigkeit des Menschen das Zentrum darstellt“ (91), zeigt sein Selbstverständnis als „ein Lutheraner, der zu viel Schleiermacher gelesen hat“ (33).

Die Bekenntnisschriften helfen, die „Mitte der Schrift“ (257) im Evangelium von der Person Jesu Christi im Vertrauen auf sein Heilswerk und im Verzicht auf das eigene (Glaubens-)Werk zu erkennen. Insofern sind die Bekenntnisse „als präzisierende Lesehilfe“ (706) der Bibel methodisch sogar vorgeordnet, obwohl sie ihr natürlich inhaltlich nachgeordnet sind. Die methodische Vorordnung – so Slenczka bekenntnisorthodox im Anschluss an Werner Elert – gelte dabei nicht für die einzelnen Christenmenschen, sondern vor allem und so gut wie ausschließlich für die ordinierten Amtsträger. Die Bekenntnisse seien Norm für die Verkündigung der Pfarrerinnen und Pfarrer – nicht für den individuellen Glauben der Gemeindeglieder oder für das liturgische Nachsprechen im Gottesdienst. Das entlastet von der empfundenen Verpflichtung, alle Bekenntnisaussagen lehrhaft für sich übernehmen zu müssen, auch wenn der eigene Glaube beispielsweise mit der Jungfrauengeburt so seine Schwierigkeiten hat.

Zu dieser Lösung kommt Slenczka aber nur, indem er aus den Bekenntnisschriften einige besonders hervorhebt und andere vernachlässigt. Im Zentrum stehen für ihn das Augsburger Bekenntnis, dessen Apologie und die Konkordienformel. Kaum in den Blick nimmt er die drei altkirchlichen Bekenntnisse (die ja explizit in den Kanon lutherischer Bekenntnisschriften gehören und von denen zumindest das Apostolikum regelmäßig im Gottesdienst gesprochen wird). Auch die Katechismen Luthers und den Heidelberger Katechismus behandelt er zwar auf immerhin 50 Seiten, lässt sie aber (möglicherweise gerade wegen ihrer Bedeutung für die Glaubenspraxis der Gemeindeglieder) bewusst als Bekenntnisschriften sui generis aus seiner Deutung heraus.

Von hier aus würde eine kirchenordnende Regelung wie in Westfalen unmöglich, in der der Bekenntnisstand der Gemeinde vorgeordnet ist gegenüber der Bekenntniszuordnung, auf die sich Pfarrerinnen und Pfarrer ordinieren lassen. Die von Schleiermacher und seinem Unionsverständnis geprägte rheinisch-westfälische Kirchenordnung und ihre Theologie haben sich mit guten Gründen, unter Beachtung der Frömmigkeitsprägung und nicht ohne geschichtliche Wirkung, für ein anderes Verhältnis von Gemeinde und Amt, von Schrift und Bekenntnis sowie von Bekenntnisschriften und aktuellem Bekennen entschieden. Dies zeigt auf, dass der Sinn und Gehalt des normativen Anspruchs der Bekenntnisse der reformatorischen Kirchen auch anders bestimmt werden kann, als Slenczka es tut.  Dass der Autor dies sichtlich weiß, nötigt dem Rezensenten Respekt ab. Und dieser Respekt gilt trotz allem (Teil-)Widerspruch auch dem Reichtum des dargebotenen Materials und der Konsequenz der theologischen Argumente.

(Kirchliches Amtsblatt der Evangelischen Kirche von Westfalen Nr. 1/2021)

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Kirchliches Persönliches

„Herr von Bülow, was gehört für Sie zu einem guten Gottesdienst?“

„Herr von Bülow, was gehört für Sie zu einem guten Gottesdienst?“ – um diese Frage ging es im Podcast „Lebenszeichen“, in dem ich am 6. Dezember 2020 zu Gast war (Lebenszeichen #19, 06.12.2020)

„Lebenszeichen“ ist der Titel des Podcasts der evangelischen Marienkirchengemeinde Stiftberg Herford. Aike Schäfer und Simon Hillebrecht besprechen mit wechselnden Gästen buchstäblich Gott und die Welt – samt allem dazwischen. Musikalisch untermalt wird jede Folge von den (großartigen!) Künstlerinnen und Künstlern der Marienkirchengemeinde.

In der 19. Folge fahren wir nach Bielefeld und besuchen im Landeskirchenamt den Landeskirchenrat Dr. Vicco von Bülow – Dezernent für Kirchliches Leben, Gottesdienst, Theologie und Kirchenmusik. Mit ihm sprechen wir über Gottesdienstzeiten, Trauungen und die Ehe für Alle – und gehen der Frage nach, was zu einem wirklich guten Gottesdienst gehört.

Moderation: Simon Hillebrecht und Aike Schäfer
Intro/Outro: Dariia Lytvishko

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Kirchliches Wissenschaftliches

Theologie at it’s best

Theologie at it’s best“ – so hat der Zeitzeichen-Chefredakteur Reinhard Mawick die theologische Diskussion auf der Vollversammlung der Union Evangelischer Kirchen (UEK) bezeichnet, in der es am 9. November 2020 um das Votum des Theologischen Ausschusses der UEK zu „Gottes Handeln in der Erfahrung des Glaubens“ ging.

Mawick fasste zusammen, wie der Ausschussvorsitzende Prof. Dr. Michael Beintker das Votum einführte:

Fünf Jahre habe sich der Ausschuss damit beschäftigt, so Beintker in seiner Einbringungsrede und gleich zu Anfang betonte er: „Die Frage nach dem Handeln Gottes hat für den Glauben allergrößtes Gewicht, sie berührt gleichsam seine Schlagader.“

Auf der anderen Seite skizzierte Beintker die Alternative: „Was wäre von einem Gott zu halten, zu dessen höchster Vollkommenheit es gehört, selbstversunken ausschließlich um sich selbst zu kreisen oder irgendwo ein weltentzogenes Dasein am menschlichen Ideenhimmel zu fristen?“

Dass dies für ihn, Beintker, keine Alternative sei, wurde in der folgenden Viertelstunde deutlich, etwas für theologische Feinschmecker, ja, aber, und das ist die große Stärker Beintkers, etwas für theologische Feinschmeckerinnen und Feinschmecker aller Fachbereiche, denn Beintker verfügt über die Gabe, umfassende Dinge komprimiert, aber dabei eben nicht zu komplex zu formulieren, sondern in wunderbarer Weise elementar zu bleiben. Zum Beispiel, wenn er fragt: „Was ist eigentlich Handeln? Um dann fortzufahren: „Schon im Blick auf das menschliche Handeln ist diese Frage nicht leicht zu beantworten. Ist jedes Wirken ein Handeln? Ist jedes Verhalten ein Handeln? Was unterscheidet das Verhalten vom Handeln? Und lässt sich unter Umständen auch das Nicht-Handeln als Handeln auffassen? Was schon im Blick auf das menschliche Handeln nur scheinbar leicht zu beantworten ist, wird im Blick auf Gottes Handeln zu einer hochkomplexen Herausforderung für das Nachdenken.“

Dann kommt das Thema Corona. Für Beintker ist klar: „Die Corona-Krise ist nicht die erste Zumutung für die Rede vom Handeln Gottes und sie wird auch nicht die letzte Zumutung dieser Art bleiben.“ Er erinnert daran, dass es kürzlich eine öffentliche Kontroverse gegeben habe, „ob zwischen der Corona-Pandemie und dem Gericht Gottes ein Zusammenhang bestehe“. Beintkers Antwort: „Man müsste ein Prophet sein, um bei der Antwort auf diese Frage in der einen oder anderen Richtung das Richtige zu treffen.“ Aber es würde seiner Ansicht nach doch sehr weiterhelfen, wenn man sich klarmachte, dass zwischen der „Allmacht Gottes“ und der Vorstellung  von „einer alles und jedes unmittelbar bewirkenden Allwirksamkeit erhebliche Unterschiede bestehen.“

Deshalb dürften „Allmacht und Allwirksamkeit … auf keinen Fall gleichgesetzt werden“. Gott könne eben nicht auf das „moderne ,Aktitivitätsparadigma‘“ festgelegt werden, „demzufolge nur als wirklich gilt, was wirksam ist und Wirkung entfaltet“. Beintker: „Der allmächtige Gott hat ein Recht auf Passivität“. Der Respekt davor, so der Theologe weiter, lindere zwar nicht „unsere Anfechtung“,  aber könne vor dem „Missverständnis“ bewahren, die Corona-Pandemie sei ein „der Wirklichkeit Gottes entzogenes Aktionsfeld.“

Als stellvertretender Vorsitzender des theologischen Ausschusses habe ich gerne an der Erstellung dieses Votums mitgewirkt. Das Zusammenspiel von Theologie und Kirche liegt mir am Herzen; wenn es glückt, bin ich froh darüber.

(Das Votum wird – samt dem Einführungsvortrag – demnächst in der UEK-Reihe „Evangelische Impulse“ als Buch veröffentlicht.)

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Kirchliches

„Ein feste Burg“ in Zeiten von Corona

Reformationsandacht des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche von Westfalen am 3. November 2020 in der Alstädter Nicolaikirche Bielefeld

„trotzdem tröstlich“ – so hatte der Evangelische Kirchenkreis Hagen im Herbst 2020 auf Bannern die protestantische Botschaft in Zeiten von Corona plakatiert.
#keinebange – mit dieser Message ging die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste der EKD zur gleichen Zeit ins Netz.
Und unter diesem Motto las ich die ausgezeichnete Predigt von Doris Gräb zum Reformationstag 2017. Und konnte vieles davon mir mit Dank leicht überabeitet, gekürzt und aktualisiert zu eigen machen. Aber es hat sich gezeigt: Auch in der aktuellen Krise kann die ganz alte Botschaft der Reformation sehr tröstlich sein.

Liebe LKA-Gemeinde!

„Ein feste Burg ist unser Gott“. – Dieses Lied gehört schon immer zum Reformationstag. Es gehört zum Reformationstag – und, noch mehr sogar, es gehört zu unserer evangelischen Identität. Wahrscheinlich mehr noch als die 95 Thesen, die Luther vor 502 Jahren an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angebracht hat.

Ich bin evangelisch. Wir sind evangelisch. Und so das ist unser Lied, seit damals – bis heute.

Damals, Luther hat dieses Lied 1527 geschrieben, – da war nach dem Thesenanschlag im Jahr 1517 ein ganzes Jahrzehnt ins Land gegangen. Viel war geschehen, was Martin Luther so nicht vorausgesehen hatte: Der Kampf gegen Rom; die Standhaftigkeit vor dem Kaiser und den Fürsten. Die Flucht auf die Wartburg. Der Streit ums Abendmahl. Schon wieder der Streit um die rechte Lehre, jetzt unter seinen Schülern.

Und dann wütet zu all dem auch noch die Pest in Wittenberg. Familie Luther öffnet ihr Haus für Freunde und Schüler, pflegt Kranke, muss Frauen und Kinder zu Grabe tragen.

In seiner Schrift „Ob man vorm Sterben fliegen möge“ begründet Luther, warum er das tut. Hören Sie genau zu, das klingt erstaunlich modern: „Wenn Gott tödliche Seuchen schickt, will ich Gott bitten, gnädig zu sein und der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen, Ort meiden, wo man mich nicht braucht damit ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werden.
Wenn mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und Gott nicht versucht.“

Da ist alles drin, woran wir heute denken, wenn der Corona-Virus unsere Gegenwart bestimmt: Viel Lüften. Vernünftiges Verhalten. Abstand halten. Homeoffice. Intensivstationen. Seelsorge in Altenheimen. Erstaunlich modern, dieser Reformator.

Aber Luther ist eben nicht nur der Glaubensheld, von dem wir heute einfach nur zu lernen brauchen. In einem Brief an seinen Freund Nikolaus von Amsdorf schreibt er am 1. November 1527, dass ihm ganz und gar nicht heldenhaft zumute ist: „Draußen sind Kämpfe, inwendig Schrecken, und zwar herbe; auswendig Streit – inwendig Furcht.“

Auch das kennen wir heute: Den Streit zwischen den „Covidioten“, also den Coronaleugnern, und den „Schlafschafen“, also denen, die Corona ernst nehmen.

Und da sehe ich Luther in seiner Studierstube sitzen, von all dem unmittelbar erlebten Leid, von grundlegenden Zweifeln und Depressionen durchgeschüttelt und angefochten. Und er fragt sich: was kann mir jetzt noch helfen? Wo finde ich Hoffnung und Zuversicht? Wo ist ein Ort, zu dem ich fliehen kann?

Er liest in den Psalmen, liest den 46. Psalm, wo es heißt:
„Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken“.

Und er erinnert sich an die Wartburg. Dort, hinter den trutzigen Mauern, hatte er 1521 Schutz gefunden, vor dem Zugriff des Kaisers. Große Hilfe in äußerster Gefahr.

Dem 46. Psalm gibt er diese Überschrift „Ein feste Burg ist unser Gott“ – Und dann schreibt er das Lied, sein Lied, sein Bekenntnis.

„Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen“. Und dazu auch die Melodie, die gar nicht depressiv und schwer, sondern eher leicht und bewegt daher kommt, wenn auch keinesfalls jubelnd oder gar triumphal. Schade, dass wir sie nicht singen können.

Ein feste Burg ist unser Gott – ja, aber eben doch ganz anders als die trutzigen, meterdicken Mauern der Wartburg mit ihren Zinnen und Türmen.

Nein, da schreibt doch einer, der von Ängsten gequält, von Zweifeln übermannt ist, von Depressionen geschüttelt. Eher leise, und nicht triumphierend dringt es an unser Ohr:

Dennoch, trotz allem, trotzdem tröstlich, keine Bange: „Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr…..“ Auch dann noch: Gott wie eine Burg. Wie eine letzte Zuflucht, wenn alles ins Wanken gerät. Dennoch brauchst du dich nicht zu fürchten!

Ein Trostlied, auch für uns heute, im zweiten Corona-Lockdown, auch wenn es „nur“ ein Lockdown light ist. In all den ambivalenten, widersprüchlichen Erfahrungen des Lebens, auch  noch in abgrundtiefer Angst und bitterer Not kann ich dessen gewiss sein: da ist einer, der mich hält, der mich nicht ins Bodenlose sinken lässt, der mich mit seinem Schutz umgibt: Ein feste Burg ist mein, ist unser Gott. Darauf kann ich vertrauen, im Leben und im Sterben.

Aus Gottes Gnade und durch seine Liebe bin ich, Martin Luther, bin ich, Vicco von Bülow, ein freier Mensch – befreit zu einem Leben, das sich, was auch immer geschehen mag, in Gott, der festen Burg, gegründet und geborgen weiß.

Ich, Martin Luther, ich, Vicco von Bülow, ich armer, elender, sündiger Mensch, ich verdanke mein Leben der Gnade und Liebe Gottes. Getragen von dieser Liebe bin ich in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes entlassen – und darf mein Leben in dieser Freiheit selbstbestimmt und selbstbewusst führen.

Natürlich: Martin Luther selbst ist das beste Beispiel dafür, dass ein Leben in Freiheit nicht nur immer leicht und gradlinig verläuft. Freiheit führt in Konflikte und auch in Streit, weil sie doch die Vielfalt der Meinungen und Positionen zur Folge hat. Und auch heute sehen wir die Vielfalt der Meinungen, wie wir uns als Kirche und als Gesellschaft richtig in dieser Krise verhalten sollen. Manchmal erschrecke ich richtig, wenn ich sehe, wie hart da die Gegensätze sind.

„Draußen sind Kämpfe, inwendig Schrecken und zwar herbe, auswendig Streit – inwendig Furcht“ – ja, immer noch, gerade in einem zur Freiheit befreiten Gotteskind.

Das Leben mit all seinen unterschiedlichsten Erfahrungen bleibt ambivalent; die im Glauben an Gott gegründete Existenz angefochten und alles andere als siegesgewiss. Dass Gott allein in unserem widersprüchlichen Leben unsere feste Burg ist, dessen müssen wir uns immer wieder neu vergewissern.

Das müssen wir immer neu glauben lernen. Aber das können wir auch glauben. Glauben heißt eben nicht „nicht wissen“. Sondern Glauben heißt vertrauen. Gerade in dieser Zeit können wir auf Gott vertrauen. Und das ist trotzdem tröstlich. Keine Bange.

Amen.

Ein feste Burg ist unser Gott (Text: Martin Luther)

Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.

Der alt böse Feind mit Ernst er’s jetzt meint,
groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.

Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren;
es streit’ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott,
das Feld muss er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt, wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen.


Das Wort sie sollen lassen stahn und kein’ Dank dazu haben;
er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib:
lass fahren dahin, sie haben’s kein’ Gewinn,
das Reich muss uns doch bleiben.

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Kirchliches Musikalisches

The Martin Luther Suite

the martin luther suite – a jazz reformation
NDR Bigband unter der Leitung von Stefan Pfeifer-Galilea
Arrangements: Lucas M. Schmid    –    Komp.: Diverse
Aufführung am 30.10.2014 in der Auferstehungskirche Bad Oeynhausen
im Rahmen von KuK! – Kirche und Kultur des Evangelischen Kirchenkreises Vlotho
Moderation: Vicco von Bülow

Am Anfang war … Blitz und Donner.
Als Martin Luther im Jahr 1505 auf dem Weg nach Erfurt den Ort Stotternheim passierte, brach ein gewaltiges Gewitter los. Die Geschichte erzählt, dass ein Blitz dicht neben Luther einschlug. In Todesangst soll er gerufen haben: „Hilf heilige Anna, ich will ein Mönch werden.“
Die Reformation ist eine Geschichte der Befreiung aus der Angst. Ein Schritt auf dem Weg in die Freiheit.
Luther selbst hat von sich als „Madensack“ gesprochen.
Aber: Wenn man die Wirkung betrachtet, steht Martin Luther im Mittelpunkt der Reformation.
Deshalb ist eine Martin Luther-Suite mehr als angebracht.
Lucas Schmid hat sie komponiert, seinerzeit noch Musiker bei der NDR-Bigband.                                          .

Martin Luther hat einmal gesagt: „Die Musica ist eine schöne und herrliche Gabe Gottes.“ Jazz kannte er nicht. Aber wir werden heute hören, wie a jazz reformation klingt und ich werde ein paar Gedanken zur Verbindung von Musik, von Jazz und von Reformation mit Ihnen teilen.
Auch der Komponist des heutigen Abends hat sich Gedanken zu dieser Verbindung gemacht. Lucas Schmid sagt:
Eine Brücke zu schlagen und die reformatorische Musik in das schöpferische, junge Idiom des Jazz zu transportieren, empfand ich als aufregendes Unterfangen. Wie viele Musikgattun­gen, so ist auch der Jazz aus einem „Schmelztiegelprozeß“ entstanden. Eine der Schmelztiegelbestandteile ist der Gospel, ein Kirchenlied.
Eine andere die Improvisa­tion, in der Kirchenmusik von Organisten über mehrere Jahrhunderte prakti­ziert. Wohl in höchster Vollendung beherrschte Johann Sebastian Bach die Improvisa­tion, seine Bearbeitungen der Luther Choräle für Orgel sind allgemeines Kulturgut.
Den raumfüllenden Klangeindruck einer Orgel auf eine Bigband zu übertragen, lag auf der Hand. Dieses große Ensemble verfügt ebenfalls über eine Fülle von Klangfarben, zudem ist es mit wunderbaren Improvisatoren besetzt. Die Musik von Luther läßt bei der Bearbeitung viel Ausdrucksfreiheit zu. Diese findet man im Jazz wieder, erweitert durch die Soloimprovisation.
Als Musiker der NDR Bigband war mir die Möglichkeit gegeben, die auf Partitur ge­schriebene – stumme – Musik in Klang umzusetzen. Das aufregende Unterfangen kulminiert mit der aufregenden Erfahrung der Aufführung.

1.       STOTTERNHEIM 1505              
Komp./Arr. : Lucas M. Schmid

„Hilf heilige Anna, ich will ein Mönch werden.“ Dieser Satz bestimmt das erste Motiv. Die Zielnote, also die höchste Note, erklingt bei „Mönch“. Luther hielt Wort, er wurde Mönch und nicht Rechtsgelehrter, trotz der Empörung seines Vaters und der Familie.  Am Ende von „Stotternheim 1505“ hört man einen langen tiefen Ton, der das Einstimmen der Mönche beim Chorsingen und damit den Eintritt ins Augustinerkloster andeutet.

Dass Luther in einen Orden in der Tradition des spätantiken Kirchenvaters Augustinus eintrat, hat die weitere theologische Entwicklung mitbestimmt. Martin Luther hat sein Leben als Teil einer religiösen Leistungsgesellschaft gedeutet. Durch eine besondere Intensität religiöser Leistung sollte das Anrecht auf ein gnädiges göttliches Urteil im Endgericht verstärkt werden. Wir wissen, dass Luther als Mönch in Erfurt so viele Sunden bei sich aufzuspüren suchte und beichtete, dass es seinem Beichtvater  Johann von Staupitz zur Last wurde. Ja, er zweifelte, ob es sich wirklich um Sünden handele. Solche Erfahrungen machen heute nur noch Menschen in bestimmten religiösen Milieus, sie sind kein für heutige Mehrheitsfrömmigkeit charakteristisches Verhalten. Uns ist auch das übersteigerte spätmittelalterliche und frühreformatorische Bild von Gott als einem Gerichtsherrn, der wie ein absolutistischer Monarch unumschränkt herrscht, tief problematisch geworden. Es entspricht in seiner Einseitigkeit weder dem, was Jesus von Nazareth über seinen Vater lehrt, noch dem, was viele Passagen des Alten Testaments über den Gott Israels verkünden.
Bedeutsam bis heute ist aber, dass Martin Luther sehr selbstkritisch im Blick auf seinen eigenen Lebensweg formuliert hat, dass sein Ringen um das Heil letzten Endes von purem Egoismus geprägt war. Er erkannte nämlich, dass es ihm insbesondere beim Beichten nicht um Gott, sondern um ihn selbst und seine persönliche Rettung ging. Mit seiner Vorstellung, eine vor Gottes Richterstuhl akzeptable religiöse Leistung erbringen zu können, stellte er sich selbst Gott als eine gleichwertige Größe gegenüber. Gerade eben so, als ob vor einem imaginären Dritten zwei auf derselben Stufe stehende Parteien über ihre Anspruche gegeneinander verhandeln wurden. Als Mönch in der Tradition Augustins wusste Luther aber, dass der Mensch lieber selbst Gott sein will, als zu erkennen, wie wenig perfekt er durch sein Leben stolpert. 
Das Bemühen um die Vergebung der Sünden nennt die christliche Tradition „Buße“.
Am 31.10.1517 (also vor fast 497 Jahren) veröffentliche Martin Luther seine berühmt gewordenen 95 Thesen gegen den Ablass. In der ersten beschreibt er sein Verständnis von Buße: Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht „Tut Buße“ u.s.w. (Matth. 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.
Ein weiterer zentraler Punkt in der Frühgeschichte der Reformation war Luthers Auftritt vor Kaiser und Reich beim Reichstag in Worms am 18. April 1521.
Lange war die Erinnerung daran  durch die Überlieferung geprägt, dass der Reformator seine Rede mit den Worten schloss: „Ich kan nicht anderst, hie stehe ich, Gott helff mir. Amen.“ Damit gab der Reformator vor allem in den nationalen Erinnerungskulturen ein Beispiel für protestantische Standhaftigkeit gegen autoritäre Zumutung. Inzwischen hat sich durchaus die Einsicht im kulturellen Gedächtnis verbreitet, dass Luther seine Wormser Rede höchstwahrscheinlich anders geschlossen hat. Die Erinnerung an diesen authentischen Schluss im Zusammenhang des Jubiläums 2017 ist keine bloße historische Besserwisserei. Sie zeigt vielmehr, dass Luther 1521 erstmals an prominenter Stelle das für die europäische Neuzeit so überaus bedeutsame Thema der Gewissensfreiheit eines Einzelnen gegenüber institutionellen Zwängen prominent zur Geltung brachte. Luther sagte damals: „derhalben ich nicht mag noch will widerrufen, weil wider das gewissen zu handeln, beschwerlich, unheilsam und (ge)ferlich ist. Gott helf mir! Amen.“
Luthers Rede von 1521 war keine feierliche Erklärung der Gewissensfreiheit im modernen Sinne eines allgemeinen Menschenrechts. Er wusste sein Gewissen, wie er selbst kurz vor dem zitierten Schluss seiner Rede sagte, „durch die Worte Gottes gefangen“. Aber er drückte mit seinen Worten seine feste Überzeugung aus, dass weltliche Macht ihre Grenzen an eben diesem Gewissen findet, durch das er selbst sich unmittelbar vor Gott gestellt sah.

2.       NU FREUD‘ EUCH LIEBE CHRISTEN GMEIN                  
Komp.: Martin Luther                         
Arr.: Lucas M. Schmid

Luthers erstes Gemeindelied aus dem Jahre 1523.

Wurde im ersten evangelischen Liederbuch, dem Achtliederbuch veröffenlticht. Steht heute noch im Evangelischen Gesangbuch.

Nun freut euch, lieben Christen g’mein,
und lasst uns fröhlich springen,
dass wir getrost und all in ein
mit Lust und Liebe singen,
was Gott an uns gewendet hat
und seine süße Wundertat;
gar teu’r hat er’s erworben.
(EG 341,1)

Der Einstimmton erklingt wieder. Die Solotrompete spielt den Choral an und das Orchester – die Gemeinde – antwortet. Der Charakter dieses Stückes tendiert zum „Latin feel“ oder besser gesagt „Salsa“; im übertragenen Sinn einer Form, in der die verschiedensten (Musik-) Strömungen frei von Vorurteilen angenommen und verarbeitet werden.

3.       LOBGESANG: NU BITTEN WIR DEN HEILIGEN GEIST
Komp.: Alte deutsche Weise                             
Arr.: Lucas M. Schmid

1. Nun bitten wir den heiligen Geist
Um den rechten glauben allermeist,
Daß er uns behüte an unserm ende,
Wenn wir heimfahren aus diesem elende.
Kyrieleis!

Der Heilige Geist, für uns oft nur schwer greifbar, wurde von Luther in diesem Lied mit verschiedensten Worten angeredet:
2. Du werthes licht!
3. Du süße lieb‘!
4. Du höchster tröster in aller noth!
(EG 124)

Der Heilige Geist ist in biblischer Perspektive schon bei der Entstehung des Lebens wirksam – er schwebte über den Wassern -, er bewirkt neue Lebensaufbrüche und überschreitet das Vorgegebene in seiner Regelhaftigkeit. Gott haucht seinen Geist allem Leben ein, erfüllt es so mit seiner heilsamen Präsenz und bleibt zugleich Subjekt alles Lebendigen. Die dynamische Präsenz des Geistes zeigt sich in der Pfingstgeschichte, wenn vorgegebene Sprache in ihrer verbindenden Gestalt, aber auch ihrer Begrenztheit gegenüber anderem überschritten wird und im Hören, aber auch im Sprechen neue, ungeahnte Verständigung ermöglicht wird.

Als Luther die Kirche in Rom angriff, rief er: „Nun helfe uns Gott und gebe uns der Posaunen eine, mit der die Mauern Jerichos wurden umgeblasen, damit auch wir diese strohernen und papiernen Mauern (Widerstand der Römischen Kirche) umblasen…“ Diesem Ausruf folgend, steht die Posaune im Mittelpunkt des Arrangements.
Das von der Gospelmusik inspirierte Stück steht  im 5/4 Takt.

4.       PATREM             
Komp.: Nikolaus von Kosel   
Arr.: Lucas M. Schmid

Die Melodie stammt aus dem 15. Jahrhundert. Sie steht zuerst über einem Credo in einer Handschrift von 1417 in Breslau und weist als Autor Nikolaus von Kosel aus. Nikolaus von Kosel (1390-1423) war ein schlesischer Franziskaner-Minorit. Er gilt als der früheste deutsche Schriftsteller Oberschlesiens und war geprägt durch eine Marien- und Heiligenfrömmigkeit. Luther übernahm seine Melodie und versah sie mit einem neuen, christuszentrierten Text. So wandt er sich gegen das Anbeten der Heiligen.

Vgl Art. 21 der Confessio Augustana von 1530: „Vom Dienst der Heiligen“:
„Vom Heiligendienst wird von den Unseren so gelehrt, daß man der Heiligen gedenken soll, damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist; außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen, ein jeder in seinem Beruf.* Aus der Hl. Schrift kann man aber nicht beweisen, daß man die Heiligen anrufen oder Hilfe bei ihnen suchen soll. […]“

Das Altsaxophon übernimmt in diesem Stück den Solopart. Das Orchester setzt in den Fermaten ein und verleiht dem Credo verschiedene Stimmungen als Synonym für Zustand, Entwicklungen, Phasen. Die Soloimprovisation des Altsaxophons zerrt diese Stimmungen in die Extreme.

5.       VOM HIMMEL HOCH – EIN KINDERLIED               Komp.: vermutlich aus dem Niederdeutschen         
Arr.: Lucas M. Schmid

Vom Himmel hoch, da komm ich her.
Ich bring’ euch gute neue Mär,
Der guten Mär bring ich so viel,
Davon ich singn und sagen will.
(EG 24,1)

Hier heißt es von der gute Mär, also von der frohen Botschaft, vom Evangelium „Davon ich singen und sagen will…“ Davon ich singen und sagen will – in der Reihenfolge: Musik als erstes Medium der Verkündigung!
Davon ich singen und sagen will: Also, erst das Singen, dann das Sagen – erst die Performance, dann das kognitive Verstehen – oder wenn Sie es auf den Glauben übertragen wollen: Glaube ist zuallererst Vertrauen, kindliches Zutrauen, und dann erst Wissen und Verstehen. Dieser Vorgang ist für den christlichen Glauben grundlegend.
Der Ausruf des Orchesters „Susanine!“ spielt auf die 14. Strophe von Luthers Text an und bezeichnet  ein veraltetes Wort für ein Wiegenlied, das heute nur noch hier vorkommt.:
Davon ich allzeit fröhlich sei,
Zu springen, singen immer frei
Das rechte Susaninne schon,
Mit Herzenslust den süßen Ton.
(EG 24,14)

6.       KATHARINA VON BORA / AMOUR FOU                Komp./Arr.: Lucas M. Schmid

Am 13. Juni 1525 heiratete Luther Katharina von Bora. Diese Jazz-Ballade spielt darauf an, dass beide es sich zu Beginn nicht leicht gemacht haben. Zunächst hielt Luther die Tochter aus verarmtem Rittergeschlecht für hochnäsig. Dennoch nahm er sie aus Vernunftgründen zur Frau: Sie war eine ehemalige Nonne, die aus ihrem Kloster entflohen war. Die Hochzeit eines ehemaligen Mönchs mit einer ehemaligen Nonne war ein kräftiges Symbol gegen die von Luther abgelehnte Verpflichtung zum Zölibat.
Dass aber dann auch die Emotionen erwachten, ist eine wunderbare Weiterentwicklung der Geschichte.  Ja, sie lernten sich nicht nur kennen, sondern auch lieben. Und das offene Haus, das sie führten und das unter Katharinas Leitung stand, wurde zum Modell für das evangelische Pfarrhaus der letzten fünf Jahrhunderte. Katharina von Bora wurde zu der „Lutherin“ (Eva Zeller). Und sie erinnert uns heute stellvertretend an die Frauen, die im 16. Jahrhundert die Reformation vorangetrieben haben. Und in deren Erbe die Frauen stehen, die seit 40 Jahren in unserer Landeskirche als Pfarrerinnen ordiniert wurden. Frauen, die dann auch als Superintendentin oder als Präses Leitungsverantwortung in unserer Kirche übernommen haben.
Martin Luther hat in seiner großen Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ formuliert: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“
Es geht nicht darum, über Freiheit nur zu reden, sondern darum, die Freiheit zu leben.

Musikalisch baut sich anfangs eine Spannung auf , die sich dann in einen liegenden Ton, nämlich D, auflöst. Dieser Vorgang findet mehrmals im Stück statt und deutet auf die Spannung, die sich in einer anfänglichen Liebesbeziehung aufbaut, ein Stau der Gefühle, sozusagen ein Kribbeln im Bauch, und dann kommt der erlösende , entspannende Moment , der diese positive Spannung wohltuend auflöst. Die Entspannung kann das Erwidern der Gefühle sein , ein verzückter Blick, oder ein Lächeln, ein Erwidern der Gefühle.

7.       GOTT DER VATER WON UNS BEY 
Komp.: deutsche Litanei aus dem 15. Jhr. von Luther bearbeitet              Arr.: Lucas M. Schmid

1. Gott der Vater wohn uns bei
und lass uns nicht verderben,
Mach uns aller Sünden frei
und hilf uns selig sterben,
für dem Teufel uns bewahr,
halt uns bei festem Glauben […]
Amen, Amen, das sei war,
so singen wir Halleluia.
2. Jesus Christus wohn uns bei etc.
3. Heilig Geist der wohn uns bei etc.

Der trinitarische Aufbau des Liedes (das als eines der wenigen Luther-Lieder nicht im EG abgedruckt wurde) inspiriert zu einer trinitarischen Deutung der Musik,
Gott der Vater wohn uns bei: Musik ist eine Gabe des Schöpfers, die von seiner Weisheit und Phantasie kündet. Sie ist eine freie Kunst, die uns Menschen zur Gestaltung anvertraut ist. Musik stiftet Beziehung. Sie kann Ausführende und Zuhörer mit Freude erfüllen, ja sogar den Schöpfer verherrlichen.
Jesus Christus wohn uns bei: Das Evangelium ist kein papiernes Lesewort, die frohe Botschaft von Jesus Christus ist ein sinnliches Klangereignis. Deshalb nimmt die christliche Kirche die Musik als Gabe Gottes an und lässt sich durch sie bewegen und anreden. Als klingendes Wort Christi lädt die Kirchenmusik Menschen zum Glauben ein, tröstet und vergewissert. Klagend und lobend, flehend und dankend gibt sie dem dreieinigen Gott die Ehre,
Heilig Geist der wohn uns bei: Gottes Geist ist „Poet und Kantor.“ Er macht die natürliche Gabe der Musik zu einem Instrument, das Gott die Ehre gibt und Glauben schafft, Gemeinschaft stiftet und tröstet, aber auch provoziert und anregt. Kirchenmusik bietet einen vielfältigen Beitrag zur Gegenwartskultur, sie schafft auch ein Stück „Gegenkultur zum Zeitgeist“. Sie geht aber auch nicht gänzlich an den Hörgewohnheiten und Erwartungen der Menschen vorbei.

Lucas Schmid hat die Anmerkung „…von Luther bearbeitet…“ zum Anlass genommen, die Bearbeitung dieses Stückes fortzusetzen.
Um dem vorgegebenen alla breve gerecht zu werden, finden Wechsel zwischen einem schnellen 3/4 Takt und einem medium Swing 4/4 Takt statt. Wer den Text zur Melodie kennt, wird bemerken, das der Textabschnitt „Gott der Vater won uns bey…“ in einer strahlenden Dur Farbe erscheint und dass einige Takte später im Abschnitt „…für dem Teufel uns bewar…“ die Melodie in Moll ertönt.

8.       HYMNUS / NU KOMM DER HEIDEN HEILAND               Komp.: Altlateinisches Lied, Text Luther nach nach dem Hymnus veni redemptor gentium des Ambrosius von Mailand um 386
Arr.: Lucas M. Schmid

Luther durchlebte auch die Einsamkeit, den quälenden Selbstzweifel, die fast selbstzerstörerische Askese und äußerst labile Gemütszustände.

Seinen Trost fand er im Blick auf Jesus Christus. Er war Luther das Licht im Dunkel der Seelennacht. Von der Geburt Jesu, also von der Menschwerdung Gottes, erzählt dieses Lied:
Nun komm, der Heiden Heiland, 
der Jungfrauen Kind erkannt,
dass sich wunder alle Welt,
Gott solch Geburt ihm bestellt.
(EG 4,1)

In reformatorischer Perspektive ist das ganz zentral: In Jesus Christus hat Gott sich so auf die Menschen eingelassen, dass er alles, was die Menschen von ihm trennte, hinweggenommen hat. In Christus hat Gott zum Heil der Menschen gehandelt, er hat die Sünde und den Tod als von Gott Trennendes ein für alle Mal weggenommen. Weil in Jesus Christus Gott umfassend und für alle Menschen gehandelt hat, betont Luther: Jesus Christus allein ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt. Mit der Formel „Christus allein“ – lateinisch solus Christus – erinnern die Reformatoren an diese besondere Bedeutung und Exklusivität Jesu Christi.

Das Arrangement ist gefärbt vom expressiven Tango Nuevo.

9.       JOANNES HUSSEN LIED  / JESUS CHRISTUS UNSER HEILAND                      
Komp.: Johann Hus, Luther
Arr.: Lucas M. Schmid

Jesus Christus, unser Heiland,
Der von uns den Gotteszorn wandt,
Durch das bitter Leiden sein –
Half er uns aus der Höllen Pein.
(nicht im EG)

Sola gratia etc. – aber nicht Solo Luthero.
Luther befand sich in guter Gesellschaft: Philipp Melanchthon hat für die Entwicklung der Bildungsinstitutionen nicht nur im deutschen Raum eine entscheidende Bedeutung. Ulrich Zwingli hat die Verbindung von Reformation und Freiheit in der Züricher Bürgerschaft Gestalt werden lassen. Johannes Calvin begründete die Internationalität der Reformation durch seine Einbindung von französischen und anderen europäischen Traditionen. Die reformatorische Bewegung aber hätte sich nicht so rasant entwickelt, wenn nicht Landesfürsten wie Friedrich der Weise von Sachsen oder Philipp von Hessen sie gefördert hätten und die Bürgerschaften von Städten wie Zürich, Hamburg und Genf.
Es waren aber nicht nur diese Herrscher und Theologen, sondern ganze Netzwerke verbundener Männer und Frauen, die das reformatorische Zeitalter möglich machten und prägten. Im größten Reformationsdenkmal der Welt, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Worms erbaut wurde, kommt das dadurch bildlich zum Ausdruck, dass dort neben den klassischen Reformatoren und den genannten Landesfürsten auch sogenannte Vorreformatoren wie Johannes Hus (1369-1415) abgebildet sind. 
Von ihm stammt das nächste Lied.

Die Melodie dieses Liedes ist in der Urform klar strukturiert. Obwohl auf dem Notensystem keine Taktstriche eingezeichnet sind, läßt sich die Melodie in eine gerade Taktart, in diesem Falle in einen 6/4 Takt und in zwei Dreiergruppen, einteilen. Grundlage für das einfache Muster des Rhythmus war die klare Aussage von Luthers Text. Gegensätze wie „hell“ und „dunkel“ im Text werden musikalisch mit forte und piano sowie durch die verschiedenen Soloimprovisationen umgesetzt.

10.     L. DER REBELL                                         
Komp./Arr.: Lucas M. Schmid

Dieses Musikstück hat Lucas Schmid Martin Luther gewidmet, einem Menschen, der Stärke und Schwäche extrem auslebte, und es verstand Visionen zu verwirklichen.

Aber wie ist das nun mit Luther und Jazz, ja mit Gott und Jazz.
Gott kann kein Jazz“ – so hieß eine Rezension der Platte „Wynton Marsalis and Eric Clapton play the blues“, die 2011 erschien. Ich meine: Das stimmt so nicht.
Von der Jazz-Sängerin Sarah Kaiser habe ich den Satz gehört: „Jesus ist Pop“. Pop, die Kurzform von Populär, kommt vom lateinischen Wort „populus“. Und das heißt: „das Volk, die Leute, die Menschen“. Zu Weihnachten feiern wir Jesu Geburt. Gott wurde Mensch. Wurde populus, wurde populär.
Alles begann ja mit der Schöpfung. Gott schuf den Menschen und sah ihn an und „siehe, alles war sehr gut“. Doch dann kam mit dem Sündenfall alles ganz anders als geplant. Gott musste reagieren. Musste improvisieren. Und tat das, indem er Mensch wurde. Wenn es in einer Musikart um das Improvisieren, wenn es in einer der vielen Formen der Gottesgabe Musik um die Improvisation geht, dann im Jazz.
Was ist denn Improvisation? Wenn ich es recht verstehe, ist Improvisation der  kreative, spontane und subjektbestimmte Umgang mit dem, was vorgegeben ist. Ist Gott nicht kreativ,  ist der Schöpfer nicht schöpferisch? Und ist nicht Gott der Inbegriff der Einheit von Form und Freiheit, Komposition und Inspiration? Ist Gott nicht Grund allen Lebens, und Leben nicht immer auch Improvisation?
Gott kann kein Jazz? Er kann es wohl!
Die kreative, spontane und individuelle Verarbeitung der Tradition lässt sich auch bei Martin Luther finden. Die Reformation kann man ja unter vielen verschiedenen Blickwinkeln sehen. Ich deute sie als ein religiöses Ereignis. Denn in ihrem Zentrum steht die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zu Gott. Luther war wie die anderen Reformatoren davon überzeugt, dass Gott selbst den rechten Glauben wecken und so das Verhältnis zu Gott erneuern werde.
Im Mittelpunkt seines Denkens steht der Begriff der Rechtfertigung. Ein Wort, das sich heutzutage nicht von selbst versteht. Was es bedeutet, können wir vielleicht noch anhand der Redewendung „Gnade vor Recht“ verstehen. Ein Mensch, der nach Recht und Gesetz zu verurteilen ist, darf doch auf Gnade oder auch Begnadigung hoffen. Solche Formen der Vergebung „allein aus Gnaden ohne des Gesetzes Werke“ (Röm 3,28) kennen wir auch heute, selbst wenn sie in unserem Rechtssystem anachronistisch wirken.
Der Mensch wird nicht bemessen nach dem, was er nach außen darstellt oder auch wie er persönlich dasteht, sondern er wird von Gott geliebt, anerkannt, gewürdigt, ganz unabhängig von seinem Bildungsstand, Einkommen, sozialen Hintergrund und gesellschaftlichen Ansehen. Diese Anerkennung oder Würdigung macht den Menschen wahrhaft frei. Schuld belastet ihn nicht mehr, ist aber auch nicht einfach vergessen, sondern ist als bekannte Schuld vergeben und dadurch überwunden.
Genug der Predigt. Wir merken, wie unsere Worte nur um das kreisen können, was Gott für uns ist. Wir können ihn nicht festlegen mit unseren Gedanken, können ihn nicht definieren mit dem, was wir sagen.
Das letzte Wort hat deshalb die Musik.

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Kirchliches

Ruhe für unsere Seelen

Predigt am 21. Juni 2020 in der Evangelisch-Lutherischen Martini-Kirchengemeinde Martini-Gadderbaum

Predigtttext am 2. Sonntag nach Trinitatis: Matthäus 11,25-30

Liebe Gemeinde!
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Diese Sätze Jesu aus dem Matthäusevangelium bringen inhaltlich etwas in mir zum Klingen. Sprechen tiefe menschliche Sehnsüchte an. Nehmen Motive auf, die aus dem Alten Testament stammen. Jesus von Nazareth hat seinen Namensvetter Jesus Sirach bestimmt gelesen. Dieser alttestamentliche Weisheitslehrer schreibt als Fazit seines Buches (Sirach 51,23-27):
„Kommt her zu mir, ihr Ungebildeten, und wohnt im Haus der Bildung!
Warum wollt ihr noch warten und eure Seelen dürsten lassen?
Ich habe meinen Mund aufgetan und gesprochen: Kauft euch Weisheit – ganz ohne Geld!
Beugt euren Nacken unter ihr Joch und nehmt ihre Erziehung an. Sie ist nahe und leicht zu finden.
Seht mich an: Ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit gehabt und habe großen Trost gefunden.“

Sie haben die Parallelen bestimmt wiedererkannt. Aber das, was bei Jesus Sirach die Weisheit ist, die Bildung, die Erziehung, das ist bei Matthäus die Person Jesus selbst. Zu ihm sollen die Mühseligen und Beladenen kommen, er will sie erquicken, er will ihnen Ruhe geben.
„Erquicken“ und „Ruhe“ kommen übrigens im griechischen Urtext des Matthäusevangeliums vom gleichen Wortstamm: „pauo“ und „pausis“. Da kommt unser deutsches Wort „Pause“ her. Jesus will uns eine Pause geben.

Und ehrlich gesagt: Die könnte ich brauchen, so eine Pause. Gerade nach den letzten Wochen.
Zu Beginn der Corona-Krise hat der Soziologe Hartmut Rosa gesagt, jetzt, wo man zuhause bleiben müsse, käme die Entschleunigung, die man nutzen könne, um in Resonanz zu sich und seiner Umwelt zu kommen. Ehrlich gesagt, den Herrn Rosa würde ich gerne noch mal sprechen. In den letzten Wochen ist bei mir beruflich und privat ganz viel passiert, aber sicher keine Entschleunigung. Ich hätte eine Pause durchaus brauchen können, etwas Ruhe für meine Seele.
Und da bin ich ja nicht allein.

Auch die Kassiererin im Supermarkt hätte eine Pause brauchen können, wenn sie zum wiederholten Mal den Streit zwischen Kunden schlichten musste, wer denn nun die letzte Klopapierpackung bekommt. Sie erinnern sich, das war das große Thema vor ein paar Wochen. Im Rückblick klingt das vielleicht lustig, aber damals war es das gar nicht.
Die alleinerziehende Mutter hätte eine Pause gebraucht, wenn sie nach der täglichen Arbeit müde nach Hause kam zum Homeschooling mit ihren Kindern, die den ganzen Tag zuhause gesessen haben. In der Corona-Krise waren es ja vor allem die Frauen, die die Doppelbelastung von Beruf und Familie noch stärker als zuvor tragen mussten.
Aber auch diejenigen, die nicht wie bisher gearbeitet haben, hatten zwar vielleicht Zeit, aber keine Ruhe für ihre Seelen.
Der Fabrikarbeiter, der in die Kurzarbeit geschickt wurde, und der nicht wusste, ob das Kurzarbeitergeld für die Miete und die Grundkosten seiner Familie reichen würde. Und der sich vor dem Moment fürchtet, wenn die Kurzarbeit in die Arbeitslosigkeit übergeht. Keine Ruhe für seine Seele.
Der selbstständige Künstler, der nicht mehr vor Publikum auftreten konnte und weder Applaus noch Geld bekam, der hatte keine Ruhe für seine Seele. Und der Realschüler, die Abiturientin kurz vor ihrem Schulabschluss? Der Gastwirt, in dessen Restaurant sich auch nach der Öffnung kaum Gäste verirren? Die wohl auch nicht.

Vielleicht kann die Hoffnung auf die Sommerferien helfen?
Urlaub ist ja immer eine Pause, in der man die Seele baumeln lassen kann.
Aber auch die Sommerferien sind in diesem Jahr anders. Nicht in jedes Land kann gefahren werden. Kurz vorher noch Corona-Fälle in verschiedenen Grundschulen. Und dann der Corona-Ausbruch, der gerade in der Nachbarschaft in Rheda-Wiedenbrück passiert ist. Ein Skandal, was in der fleischverarbeitenden Industrie geschieht! Und wie damit umgegangen wird! Das darf nicht ohne Folgen bleiben. Wir müssen uns politisch kümmern um die Unterbringungssituation und die Hygienestandards in den Sammelunterkünften. Und wir brauchen eine neue gesellschaftliche Debatte über unser Konsumverhalten, das auf Dumpingpreisen und Dumpinglöhnen in der Fleischindustrie beruht.
Dass jetzt im Kreis Gütersloh ausgerechnet die Schulen und die Kindergärten geschlossen werden, verstärkt aus meiner Sicht den Skandal. Immer auf die Kleinsten. Wenn dann noch eine Quarantäne hinzukommen sollte, die nicht nur die Schlachtfabrikmitarbeiter betrifft, sondern weitere Bevölkerungskreise, dann: Prost Mahlzeit! Dann ist nichts mit Ruhepause in den Sommerferien.

Was müsste eigentlich geschehen, damit wir aufatmen und Ruhe finden können? Das ist nicht nur eine rhetorische Frage für mich. Ich habe keine wirklich abschließende Antwort darauf gefunden.
Vielleicht hilft es, zwei Spuren zu verfolgen, die Matthäus gelegt hat.

Eine Spur: Das Joch. Jesus sagt: „Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Das Joch ist ein altertümliches Gerät. Tiere tragen es, um eine Last zu schultern oder zu ziehen. An manchen Orten der Welt tragen Menschen bis heute ein Joch, um Wasser zu holen oder Waren zum nächsten Markt zu bringen. Wie gut, wenn es auf dem schweren Weg eine Wasserstelle gibt, an der die Lasten abgelegt werden können. Mensch und Tier haben hier die Möglichkeit, sich an dem frischen Nass zu erquicken.
Wer von den Lasten seines Jochs nicht erdrückt werden soll, muss es absetzen. Erquickt werden können nur die, die bereit sind, ihre Lasten abzugeben und sich zu erfrischen.
Als Mühselige und Beladene kommen Menschen mit ihrem Joch zu Jesus Christus. Der sagt ihnen nicht, dass sie gar nicht mühselig und beladen sind. Sondern der ruft sie gerade als Mühselige und Beladene zu sich. Der verspricht ihnen nicht, dass es überhaupt kein Joch mehr geben wird. „Ruhe finden für unsere Seelen“ heißt offensichtlich nicht, den ganzen Tag nur auf der faulen Haut zu liegen. Jesus übergibt ein ganz anderes, ein neues Joch. Dessen Last kann leicht sein und es muss nichts Drückendes haben. Mit dem Joch der Freiheit auf den Schultern müssen wir nicht mehr um Leben und Tod kämpfen. Das ist unsere Hoffnung: Wir können loslassen, weil wir von Jesus befreit worden sind. Unsere Sorgen um das, was mit uns wird, mit unseren Familien, mit unserer Gesellschaft können wir freigeben und sie Jesus Christus anvertrauen. Und dann können wir frei werden zum Dienst an Gott und unserem Nächsten in Familie und Gesellschaft. Einen Versuch wäre es wert, oder?

Die zweite Spur: Das Gotteslob. Damit beginnt der Predigttext ja. „Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde“. Jesus preist seinen Vater im Himmel. Das ist erst einmal nicht ungewöhnlich. Aber wenn man genauer hinschaut, dann schon.
Denn was ist „zu dieser Zeit“ passiert? Jesus und seine Jünger sind unterwegs in Galiläa und verkündigen das Wort Gottes. Aber sie bleiben wirkungslos. Und so klagt Jesus die Städte an, in denen sein Wort nicht auf Gehör gestoßen ist. „Weh dir, Kapernaum – Sodom wird es am Tag des Gerichts noch erträglich gehen im Vergleich zu dir.“ Und gerade in dieser Situation der Wirkungslosigkeit, des Misserfolgs ist Jesus nicht frustriert, sondern lobt Gott: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde“. Vielleicht eine gute Idee auch für uns.
Das Lob Gottes bewirkt keine Weltflucht, ganz im Gegenteil. Wir können Gott loben mit Taten des Glaubens und der Liebe. Wer Kranke besucht, wer anderen Menschen zuhört und sie tröstet, wer sich für bessere Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie einsetzt, der lobt Gott auf eine ganz besondere Weise. Gesellschaftliches Handeln von Christen kann Gotteslob sein, ihm zur Ehre dienen.
Gotteslob nimmt die Wirklichkeit dieser Welt zur Kenntnis. Auch wenn diese Wirklichkeit ihre Schattenseiten hat.
Und trotzdem! Elie Wiesel hat einmal gesagt: „Um Gott zu loben, muss man leben, und um zu leben, muss man das Leben lieben – trotz allem.“ Trotz allem das Leben zu lieben, trotz allem zu leben, trotz allem Gott zu loben.
Und dann kann uns das neue Leben erreichen. Dann müssen wir nicht alles selbst tragen, sondern dann können wir uns tragen lassen. Dabei gemeinsam Gott loben. Mit dem sanften Joch erneuerter Freiheit. Ruhe finden in Gott. Danach sehne ich mich.

Amen.