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Humoriges Kirchliches

Die spinnen, die Römer!

„Die spinnen, die Römer!“

Den Satz wollte ich immer schon mal in einer Andacht unterbringen. Gut, dass ich kein Ökumene-Dezernent bin.

Und der Satz ist ja auch gar nicht anti-ökumenisch, weil er gar nicht auf die römisch-katholische Kirche bezogen ist. Sondern – Sie werden es alle erkannt haben – „Die spinnen, die Römer“ ist natürlich ein Zitat aus den Asterix-Comics. Meistens sagt ihn Asterix‘ dicker Freund Obelix (nein, der ist natürlich gar nicht dick!), aber er ist auch darüber hinaus irgendwie zum geflügelten Wort geworden.

Ich bin seit meiner Jugend ein großer Fan der Gallier, die von den Franzosen Goscinny und Uderzo erfunden wurden – und seit meinem ersten Heft „Die Trabantenstadt“ freue ich auf jedes neue Heft. Nach einem kleinen Hänger zwischendurch gilt das besonders, seitdem Jean-Yves Ferri und Didier Conrad das Ruder übernommen bzw. die Feder in die Hand genommen haben.

So auch Ende Oktober dieses Jahres. Da erschien Band 39: „Asterix und der Greif“. Asterix, Obelix, Miraculix und Idefix machen sich auf nach Asien ins Barbaricum zum Volk der Sarmaten, um den sagenumwobenen Greifen zu finden. Sie haben sich aber nicht alleine auf den Weg gemacht. Mit auf dem Weg nach Osten sind auch die Römer, die ja bekanntlich spinnen. Während die Gallier auf ihrem dreispännigen Schlitten nur leichtes Gepäck dabei haben, sind die römischen Legionäre unter ihrem Zenturio Brudercus so wohl organisiert, wie es international bekannte Institutionen wie die Armee Roms nun einmal sind. Angekommen im Barbaricum, schlagen sie erst einmal ihr Lager auf – auch um den Barbaren zu zeigen, was römische Architektur ist. Und dann schreit Brudercus: „An die Arbeit! Ich will ein Provisorium, das Bestand hat!

Ja, habe ich mir da gedacht: Das kenne ich. Ein Provisorium, das Bestand hat. Das gibt’s auch heute noch. Ist das nicht auch die Kirche, der ich angehöre, für die ich arbeite, für die wir arbeiten? Ist das nicht ein Thema der Bibel von ihren Anfängen an? Abraham verlässt sein Vaterhaus und zieht ins Unbekannte. Das Volk Gottes wohnt in provisorischen Zelten. Gott selbst wohnt mit seinen Geboten in einem Zelt, das mit dem Volk zieht. Der spätere Tempelbau ist sehr umstritten. Die Propheten kritisieren, wenn das Volk sich darauf ausruht, sesshaft zu werden. Dennoch: Sie bauen ihre Häuser, ihre Straßen, ihre Brunnen, ihre Märkte. Sie bauen ihre Stadt und suchen dieser Stadt Bestes. Sie richten sich ein.

Jesus macht sich ebenfalls auf ins Provisorium. Er verlässt die Zimmerwerkstatt seines Vaters und wird Wanderprediger. Die Füchse wissen, wo sie sich abends schlafen legen, er weiß es nicht. Seine wandernde Existenz ist Ausdruck seiner Haltung. Sein Leben ist Bewegung, Aufbruch. Nach seinem Tod brechen die Jünger auf und erzählen in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde von ihm. Paulus und andere Apostel gründen christliche Gemeinden in Galatien, in Korinth, in Rom. Am Anfang wurden diese frühen Christen „Anhänger des Wegs“ genannt.

Aber der Mensch braucht Wurzeln. Er braucht Heimat. Er will wissen, wohin er gehört. Je weitläufiger die Welt wird, desto mehr sehnt er sich nach Heimat. Sehnsucht nach Ankommen, Bleiben. Auch die urchristlichen Gemeinden treffen sich in Häusern, bauen bald besondere Häuser für ihre Gottesdienste. Basiliken und Kathedralen entstehen – wunderschöne Architektur zum Lobe Gottes.

Nur, feste Häuser schaffen ein Problem. Sie lehren das Festhalten. Hecken, Zäune, geschlossene Fensterläden. Geschützte Räume verlangen nach Recht. „Wenn wir irgendwelche Besitztümer hätten“, sagt der heilige Franziskus, „wären uns Waffen nötig“. Feste Häuser werden zu Lagern. Man will unter sich sein. Milieugebundene Stadtteile entstehen. Im Lager entsteht eine Lagermentalität. Die Schriftgelehrten und Hohepriester bilden ein Lager. Man definiert sich über Zugehörigkeit zum Lager. Wir erleben das in diesen Tagen auf andere Weise. Filterbubbles entstehen nicht nur im Internet. In der Kohlenstoffwelt gibt es ebenso nicht nur Lagerdenken, sondern ganz reale Lager. Auch in der Kirche. Die Politischen stehen gegen die Frommen, die Pop-Freunde gegen die Klassik-Liebhaber, die ländlichen Regionen gegen die städtischen Gebiete, die Lutheraner gegen die Unierten. Und alles natürlich auch wieder andersrum.

Jesu Existenz ist das Heraustreten, wie das lateinische Wort „Existenz“ zu übersetzen ist. Ex-sistere. Herausstellen, sich herausbewegen. Jesus brach den Lagergedanken auf. Er ist die ganze Zeit seines Wirkens aus den Gewohnheiten herausgetreten. Er gab auf, sein Recht zu behaupten. Er verzichtete auf Besitz. Er setzte die Beziehung zu Gott höher als zu Mutter und Geschwistern. Er hat Menschen nie festlegt. Er gab dem Zachäus Raum zur Veränderung und der Ehebrecherin einen neuen Anfang. Die ihn verurteilten und draußen vor den Toren der Stadt töteten, wussten gar nicht, dass der Ort außerhalb der Stadtmauer genau seinem Wesen entsprach. Sie wollten ihn behandeln wie ein Tier-Opfer im Tempel, das seinen Dienst getan hat und draußen vor dem Tor durch Verbrennen entsorgt wird.

„Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13,12-14)

Hinausgehen ist eine menschliche Lebensaufgabe von Beginn an. Der erste Schock, wenn ich den warmen Mutterleib verlassen und selbst anfangen muss zu atmen, um nicht zu sterben. Der erste Tag im Kindergarten ohne Mutter oder Vater. Das Elternhaus verlassen. Der erlernte Beruf reicht nicht für ein ganzes Leben. Neues lernen. Die Kinder verlassen das Haus und richten sich in der eigenen Existenz ein. Die eigene Lebensplanung wird fragwürdig: Nun bin ich Schritt für Schritt die Karriereleiter hochgestiegen, aber lehnt die Leiter überhaupt an der richtigen Wand? Die Melancholie des alten Menschen: „Wie viele Frühlinge werde ich noch sehen?“ Muss ich meine vertraute Wohnung verlassen, um mich in einem Pflegeheim versorgen zu lassen? Für viele Ältere ist diese Frage in Corona-Zeiten nicht mehr bloß kokett gestellt. Wird es ein Beatmungsgerät für mich geben, wenn das Virus mich erwischt? Wir haben hier keine bleibende Stadt. Alle Sicherungsmaßnahmen taugen nicht.

Aber Häuser sind nicht als solche sinnlos, Städte sind nicht grundsätzlich falsch.

Denn die zukünftige Stadt, die suchen wir. Jeder und jede für das je eigene Leben. Und für unsere Kirche wir alle am besten gemeinsam. Nicht gegeneinander, in Abgrenzung zu den anderen Filterblasen. Sondern miteinander auf dem Weg zu einer Einheit in versöhnter Verschiedenheit.

Als Fromme erkennen wir an, wie aktiv die Politischen Gottes Auftrag zur Weltgestaltung erfüllen; als Politische, wie innig die Frommen aus der Quelle unseres Glaubens leben. Als Pop-Freunde lernen wir die Schönheit der Gregorianik und Barock zu schätzen und als Klassik-Liebhaber die Energie von Jazz, Rock und Pop. Als Landbewohner nehmen wir Ernst, wie in den Städten viele gemeinsame Probleme zuerst bewältigt werden müssen; als Stadtbewohner, wie auf dem Land vieles Gute noch bewahrt ist, was anderswo schon aufgegeben wurde. Als Lutheraner, Reformierte und Unierte, wie in unseren unterschiedlichen Ausformungen die Vielfalt der reformatorischen Bewegung in ihrem ganzen Reichtum lebendig sein kann.

„Ein Provisorium, das Bestand hat“ – diesem Paradox werden wir auch in der Kirche nicht entkommen. Aber wir brauchen auch nicht daran verzweifeln. Wir können es fröhlich gestalten. Das ist unsere gemeinsame Aufgabe. Um es mit einem Römer, dem Zenturio Brudercus, zu sagen: „An die Arbeit!“

Amen.

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