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Sei ein Mensch.

Predigt am 25. Januar 2026, 3. Sonntag nach Epiphanias, in der Ev.-Luth. Martini-Kirchengemeinde Gadderbaum in Bielefeld.

Liebe Gemeinde!

Wie doch die Zeit vergeht. Vor genau einem Monat war Weihnachten. Erinnern Sie sich noch daran, welche Weihnachtskarten Sie bekommen haben? Manche Familien haben die ja gesammelt und regelrecht ausgestellt. Da hing dann so eine Schnur durchs Wohnzimmer, daran waren die Weihnachtskarten befestigt. Wahlweise mit den Familienfotos der Absender oder mit einem weihnachtlichen Bild oder mit einem entsprechenden Sinnspruch. Und da sehen nicht nur die vorgedruckten Weihnachtsmotive, sondern auch die Hochglanzfotos der lieben Kleinen sich manchmal so ähnlich, dass man schon mal durcheinander kommen kann. Mir zumindest ging es so. Aber eine Karte stach heraus dieses Weihnachten.

Strahlendes Gold. Und in der Mitte schlicht drei Worte: SEI EIN MENSCH. Stammt von einer Designagentur, mit der ich dienstlich zusammenarbeite. Und im Inneren dann die kurze Erläuterung: „Klingt einfach. Ist schwierig. Und stiftet Friede und Freude, wenn es gelingt. Wir danken für das vertrauensvolle und menschliche Miteinander und wünschen frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr!“

„Sei ein Mensch.“ So lautet der Satz, den der Fußballreporter Marcel Reif in seiner Rede im Bundestag am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus zitiert hat. Er ist die lebenslange, simple Botschaft seines Vaters, der die Shoa überlebt hat, an ihn, den Sohn. Und es ist natürlich auch passend zu Weihnachten, dem Fest, an dem wir feiern, dass Gott Mensch geworden ist.

„Sei ein Mensch“.  Diese Karte ist mir eingefallen, als ich mich auf den heutigen Predigttext vorbereitet habe. Der kommt aus einer Erzählung, die in der Apostelgeschichte im 10. Kapitel steht. Petrus war bei Freunden in der Stadt Joppe zu Besuch. Er hatte ja schon eine Menge mitgemacht in seinem Leben als Nachfolger Jesu. Und dann das: Ihm wird in einer Vision vom Himmel zugemutet, nicht nur gegen die religiösen Überzeugungen zu verstoßen, in denen er aufgewachsen war, sondern vermutlich auch gegen sein Ekelgefühl: er soll unreine Tiere essen. Und obwohl Petrus weiß, dass diese Vision von Gott kommt, sagt er erst mal deutlich: „Auf gar keinen Fall, Herr!“ Das geht zu weit, mein lieber Gott!

Und während er sich noch wundert, was das Ganze so soll, passiert schon das nächste Unerwartete. Er bekommt Besuch.
21 Da ging Petrus zu den Männern hinunter und sagte: »Ich bin der, den ihr sucht. Was führt euch zu mir?« – 22 »Wir kommen von Hauptmann Kornelius«, antworteten sie, »einem frommen und gerechten Mann, der an den Gott Israels glaubt und bei der ganzen jüdischen Bevölkerung in hohem Ansehen steht. Er hat von einem heiligen Engel den Auftrag erhalten, dich in sein Haus einzuladen, um zu erfahren, was du ihm zu sagen hast.« 23 Als Petrus das hörte, bat er die Männer herein und sorgte dafür, dass sie bei Simon übernachten konnten. 24 Am darauf folgenden Tag kamen sie in Cäsarea an. Kornelius, der seine Verwandten und seine engsten Freunde zu sich eingeladen hatte, erwartete sie bereits. 25 Als Petrus durch das Hoftor trat, kam Kornelius ihm entgegen und warf sich ehrfurchtsvoll vor ihm nieder. 26 Doch Petrus zog ihn wieder hoch. »Steh auf!«, sagte er. »Ich bin auch nur ein Mensch.« 27 Und während er sich mit Kornelius unterhielt, betrat er das Haus. Überrascht sah er die vielen Leute, die sich dort zusammengefunden hatten. 28 »Ihr wisst sicher«, sagte er zu ihnen, »dass es einem Juden nicht erlaubt ist, engeren Kontakt mit jemand zu haben, der zu einem anderen Volk gehört, oder ihn gar in seinem Haus zu besuchen. Aber Gott hat mir unmissverständlich klar gemacht, dass man keinen Menschen als unheilig oder unrein bezeichnen darf, nur weil er kein Jude ist. 29 Daher habe ich auch keine Einwände gemacht, als man mich einlud, hierher zu kommen. Und nun lasst mich wissen, aus welchem Grund ihr mich geholt habt!« 30 Kornelius erwiderte: »Vor drei Tagen hatte ich mich zur gleichen Zeit wie jetzt, nachmittags gegen drei Uhr, hier in meinem Haus zum Gebet zurückgezogen, als plötzlich ein Mann in einem leuchtend weißen Gewand vor mir stand. 31 ›Kornelius!‹, sagte er. ›Gott hat dein Beten erhört, und er weiß sehr wohl, wie viel Gutes du den Armen tust. 32 Schicke daher Boten nach Joppe zu einem Simon mit dem Beinamen Petrus und lade ihn zu dir ein; er ist bei dem Gerber Simon zu Gast, dessen Haus direkt am Meer liegt.‹ 33 Daraufhin schickte ich sofort einige Leute zu dir, und du bist so freundlich gewesen, zu uns zu kommen. Nun sind wir alle hier in Gottes Gegenwart versammelt, um zu hören, was du uns im Auftrag des Herrn zu sagen hast.« 34 »Wahrhaftig«, begann Petrus, »jetzt wird mir erst richtig klar, dass Gott keine Unterschiede zwischen den Menschen macht! 35 Er fragt nicht danach, zu welchem Volk jemand gehört, sondern nimmt jeden an, der Ehrfurcht vor ihm hat und tut, was gut und richtig ist. «
Apostelgeschichte 10, 21-35 (Neue Genfer Übersetzung)

Und so kommt es, dass zwei Menschen sich begegnen, die sich normalerweise nicht einmal angeschaut hätten: Für Leute wie Petrus ist der Soldat und Nicht-Jude Kornelius jemand, um den man einen Bogen macht. Der gehört halt – wie man heutzutage sagen würde – zu einer anderen Filterblase oder Bubble. Es ist doch schon erstaunlich, dass Petrus seine persönlichen Grenzen so überwindet und den anderen als Menschen sieht.
Ja, und Kornelius? Ganz schön mutig, jemanden kommen zu lassen, von dem man denkt: Der verachtet mich. Schon allein wegen meiner Herkunft. Und ziemlich blauäugig zu meinen, dass er auch kommt, finden Sie nicht? Zwar hat Kornelius einen guten Ruf bei den Juden, aber trotzdem ist er eben keiner von ihnen. Da kann man nie wissen, wie eine Begegnung wohl verlaufen könnte. „Sei ein Mensch. Klingt einfach. Ist schwierig.“
Und dann begegnet Gott beiden. Schließlich haben sie beide eine Vision. Die von Gott kommt.

Wenn man’s ganz genau nimmt, setzt sich auch Gott hier über Grenzen hinweg – über seine eigenen, weil er nämlich nicht mehr unterscheidet zwischen den unterschiedlichen Völkern, aus den die Christen stammen, egal ob Juden oder Menschen, die vorher einem anderen Glauben gefolgt sind. Und wenn Gott das tut, dessen Grenzen Autorität und Bedeutung haben, was für eine Ehre ist es dann, wenn Menschen wie Petrus und Kornelius das auch tun dürfen?
Vielleicht also gar keine Herausforderung, der Auftrag, dass beide einander begegnen sollen, Kornelius und Petrus, sondern eine Hoffnung, die in ihnen womöglich längst auch geschlummert hat? Ein Traum, der wahr werden darf? Von gleichberechtigter Begegnung zwischen zwei Menschen auf Augenhöhe. Das mit der Augenhöhe ist sogar wörtlich genommen: Kornelius kniet nieder, als Petrus zu Gast kommt. Und Petrus fordert ihn auf, aufzustehen – weil auch er nur ein Mensch ist.

Und wie ist das mit uns Menschen heute hier in Martini-Gadderbaum? Wie ist das bei uns mit dem „vertrauensvollen und menschlichen Miteinander“ im vergangenen Jahr? Wer ist der Kornelius, der unsere Grenzen herausfordert? Und tun wir nicht zu schnell, als wären wir in Martini-Gadderbaum da weiter als andere. Na klar, völkische Töne habe ich hier nicht gehört. Unser Milieu ist eher anders aufgestellt, das neigt nicht zu Nationalismus.
„Gott macht keine Unterschiede zwischen Menschen. Er fragt nicht danach, zu welchem Volk jemand gehört.“ Um diesen Satz mitzusprechen, hätten die allermeisten hier im Raum nicht extra eine Predigt über Petrus und Kornelius gebraucht. Das hätten Sie wohl vorher auch schon so gewusst und gesagt.

Aber ich frage mich schon, wo die Grenzen meines Milieus sind, wo die Grenzen unserer Gemeindebubble? Hoffen wir wirklich darauf, Andersessenden, Andersaussehenden, Andersgläubigen zu begegnen und uns von ihnen herausfordern zu lassen? Oder sind wir eigentlich ganz froh, wenn wir darum herumkommen? Die biblischen Beispiele des Hauptmanns von Kapernaum und des Hauptmanns Kornelius lassen mich fragen: Wie ist das denn beispielsweise mit der Haltung zu Soldaten und Soldatinnen bei uns? Wie finden wir die? Wir, die wir doch vermutlich mehrheitlich den Wehrdienst verweigert haben oder aus anderen Gründen nicht zur Bundeswehr gegangen sind? Sind da nicht auch bei uns genauso innere Grenzen vorhanden, wenn es um die Frage einer neuen Wehrpflicht zur Erhaltung der Verteidigungsfähigkeit geht? Es gab vor Jahren mal einen Aufkleber der Friedensbewegung, auf dem Stand: „Soldaten sind Mörder (Kurt Tucholsky)“. Die Klammer war wichtig, damit es ein Zitat war, das nicht strafbar war. Ich gebe zu, früher habe ich durchaus klammheimliche Sympathie dafür gehabt. Heute tue ich das nicht mehr. Sei ein Mensch und sieh im Soldaten nicht den Mörder, sondern den Menschen, der für die Gemeinschaft etwas Notwendiges tut. Wo sind unsere eigenen Anteile an den Grenzen des Schubladendenkens?

„Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. “ So steht es, Sie erinnern sich vielleicht, im Wochenspruch für diese Woche aus dem Lukas-Evangelium (13,29). Und Petrus erkennt in der Apostelgeschichte: „Gott fragt nicht danach, zu welchem Volk jemand gehört, sondern nimmt jeden an, der Ehrfurcht vor ihm hat und tut, was gut und richtig ist.“ Was ist das nun, das Gute und Richtige, das wir tun sollen?

Zum Beispiel: Bewahren wir uns unsere Offenheit für alle, die von Osten und Westen, von Norden und vor allem aus dem Süden zu uns nach Deutschland, zu uns nach Bielefeld kommen. Sie werden mit uns zu Tisch sitzen im Reich Gottes. Dann sollten sie auch schon jetzt mit uns an einem Tisch sitzen. Und nicht als sogenannte „Flüchtlingsflut“ zu bloßen Abschiebestatistiken reduziert werden. Da müssen wir deutlich sagen: Nicht mit uns!

Oder: Wenn jemand in unserem Bekanntenkreis oder am Arbeitsplatz die Zugehörigkeit zur Kirche und zur Gesellschaft von der Volkszugehörigkeit abhängig macht, dann müssen wird deutlich sagen, dass das Quatsch ist, weil Gott nicht danach fragt, wer zu welchem Volk gehört. Christlicher Nationalismus ist immer vom Übel, egal ob er so offensiv und mörderisch wie in den USA auftritt oder demgegenüber eher in kleinerem Maßstab wie in manchen Kreisen deutscher Christen. Da müssen wir deutlich sagen: Nicht mit uns!

Und: Weil übermorgen am 27. Januar der Holocaustgedenktag ist, genauer: Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus: Treten wir dem heute auch in Deutschland wieder stärker werdenden Antisemitismus entschlossen entgegen. Es darf nicht sein, dass Jüdinnen und Juden sich bei uns nicht mehr sicher fühlen! Leider ist ja der klassische rechte Antisemitismus seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 23 ergänzt worden durch einen wachsenden linken Antisemitismus, der legitime Kritik an der israelischen Regierung durch Hass auf alles Jüdische überhaupt ersetzt. Da müssen wir deutlich sagen: Nicht mit uns!

Schließlich: Bemühen wir uns, unsere Ehrfurcht vor Gott dadurch auszudrücken, dass wir uns Mühe geben, das zu tun, was gut und richtig ist. „Sei ein Mensch. Klingt einfach. Ist schwierig.“ Lohnt sich aber. Denn es „stiftet Friede und Freude“. Da können wir deutlich sagen: Gerne mit uns. Amen.

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Talente teilen

Predigt am 14.08.2022 (9. S. n. Tr.) in der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Gehlenbeck anlässlich des 125(+1)jährigen Jubiläums des Posaunenchors
(mit Dank an Lars Hillebold für die inspirierende Göttinger Predigtmeditation zum Text!)

Liebe Gemeinde,

na super. Seit Monaten freue ich mich darauf, hier in Gehlenbeck die Festpredigt zum 125jährigen Jubiläum des Posaunenchors zu halten. Coronabedingt hat das immer wieder verschoben werden müssen. Zuletzt im März, weil da kaum ein Posaunenchor da gewesen wäre, dessen Jubiläum man hätte feiern können. Im August passt’s endlich für alle. Die Sonne scheint, die Kirche ist voll. Und dann: nichts als Heulen und Zähneklappern. Na super.

Das hat man davon, wenn man sich an den Predigttext hält, der für diesen 14. August, den 9. Sonntag nach Trinitatis, vorgeschlagen ist. Der läuft nämlich auf das Heulen und Zähneklappern hinaus. Auf das Wehklagen und Zähneknirschen. Auf das laute Jammern und das angstvolle Zittern und Beben. Je nachdem, welche Übersetzung man so nimmt.

Ich lese Ihnen das Gleichnis von den anvertrauten Talenten nach der Neuen Genfer Übersetzung vor, der Predigttext steht im Matthäusevangelium, im 25. Kapitel (V. 14-30):

14 Es [Das Himmelreich] ist wie bei einem Mann, der vorhatte, in ein anderes Land zu reisen. Er rief seine Diener zu sich und vertraute ihnen sein Vermögen an.
15 Einem gab er fünf Talente, einem anderen zwei und wieder einem anderen eines – jedem seinen Fähigkeiten entsprechend. Dann reiste er ab.
16 Der Diener, der fünf Talente bekommen hatte, begann sofort, mit dem Geld zu arbeiten, und gewann fünf weitere dazu.
17 Ebenso gewann der, der zwei Talente bekommen hatte, zwei weitere dazu.
18 Der aber, der nur ein Talent bekommen hatte, grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn.
19 Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück und forderte seine Diener auf, mit ihm abzurechnen.
20 Zuerst kam der, der fünf Talente erhalten hatte. Er brachte die anderen fünf Talente mit und sagte: ›Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; diese fünf hier habe ich dazugewonnen.‹ –
21 ›Sehr gut‹, erwiderte der Herr, ›du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist mit dem wenigen treu umgegangen, darum will ich dir viel anvertrauen. Komm herein zum Freudenfest deines Herrn!‹
22 Dann kam der, der zwei Talente erhalten hatte. ›Herr‹, sagte er, ›zwei Talente hast du mir gegeben; hier sind die zwei, die ich dazugewonnen habe.‹ –
23 ›Sehr gut‹, erwiderte der Herr, ›du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist mit dem wenigen treu umgegangen, darum will ich dir viel anvertrauen. Komm herein zum Freudenfest deines Herrn!‹
24 Zuletzt kam auch der, der ein Talent bekommen hatte. ›Herr‹, sagte er, ›ich wusste, dass du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast.
25 Deshalb hatte ich Angst und vergrub dein Talent in der Erde. Hier hast du zurück, was dir gehört.‹
26 Da gab ihm sein Herr zur Antwort: ›Du böser und fauler Mensch! Du hast also gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe.
27 Da hättest du mein Geld doch wenigstens zur Bank bringen können; dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückbekommen.‹
28 ›Nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat!
29 Denn jedem, der hat, wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.
30 Doch diesen unnützen Diener werft in die Finsternis hinaus, dorthin, wo es nichts gibt als lautes Jammern und angstvolles Zittern und Beben.‹

Tja. Da hab‘n wir’s: lautes Jammern und angstvolles Zittern und Beben. Der heutige Predigttext nimmt so gar keine Rücksicht darauf, dass wir hier ein Jubiläum feiern wollen.

Aber eigentlich weiß ich, und Sie wissen das auch: Die Bibel ist nicht für den Posaunenchor und sein Jubiläum da. Sondern der Posaunenchor ist für die Bibel da und für die Verkündigung des Gottes, der sich in dieser Bibel offenbart. Da könnte man sagen: Pech für den Prediger, Pech für die Festgemeinde.

Doch ich will mich damit nicht zufrieden geben. Deshalb zwei Versuche, sich dem heutigen Predigttext anders zu nähern. Der erste: Gibt’s da nicht noch mehr in Matthäus 25 als nur Heulen und Zähneklappern? Der zweite: Gibt’s da nicht noch mehr im Matthäus-Evangelium als nur diesen Text?

Der erste Versuch: Gott und die Menschen in Matthäus 25.
Ja, es stimmt, der Predigttext über die drei Diener, ihre Talente und ihren Herrn endet mit Heulen und Zähneklappern. Er besteht aber nicht nur daraus. Bei zwei von drei Dienern geht die Sache gut aus. Richtig gut.

Diese beiden Diener bekommen von ihrem Herrn vor dessen großer Reise einen Teil seines Vermögens zur Verwaltung. Und wenn man mal genauer nachrechnet, sind 1 Talent 6000 Denare. Und 1 Denar ist nach dem Gleichnis der Arbeiter im Weinberg (Mt 20) 1 Tageslohn. Der erste Diener bekommt also über 80 Jahresgehälter, der zweite Diener immerhin über 30 Jahresgehälter. Sie legen sie klug an und verdoppeln die Summe. Und als ihr Herr zurückkommt, können sie ihm über 220 Jahresgehälter übergeben.

Das sind Dimensionen, die sind so irreal hoch, dass man schnell merkt: Es geht hier eigentlich gar nicht ums Geld. Sorry, liebe anwesende Bankkaufleute. Es geht um die andere Bedeutung des Wortes „Talent“, das Martin Luther noch mit „Zentner“ übersetzt hat. Es heißt auch Begabung, Leistungsfähigkeit, Potenzial.

Es geht also darum, was wir mit unserem Potenzial machen, mit den Fähigkeiten, mit denen wir begabt worden sind. Die ersten beiden Diener haben den Mut, etwas zu riskieren. Sie setzen ihre Talente ein. Und weil das klappt, werden sie von ihrem Herrn belohnt. Allerdings nicht etwa mit einer gut dotierten Pension, damit sie sich zur Ruhe setzen können. Sondern mit einem noch größeren Auftrag. Ein jüdischer Spruch aus der damaligen Zeit lautet: „Der Lohn für die Gebotserfüllung ist (weitere) Gebotserfüllung“. Gottes Gabe kann also nie ruhender Besitz sein, sie muss leben und weiter wirken. Gerade wenn man viel Talent hat. Ob das nun das Talent zum Musizieren ist. Oder das Talent zum Zuhören. Das Talent zum Organisieren. Oder das Talent zum kritischen Nachfragen. Es geht darum, dass wir etwas mit den Begabungen machen, die uns Gott geschenkt hat. Einige Begabungen feiern wir heute besonders. Aber ich bin mir sicher, dass Gehlenbeck noch mehr Talente hat, die darauf warten, zum Einsatz zu kommen.

Und dann steht über diesem Einsatz die Verheißung, dass der Herr sagt: „du bist ein tüchtiger und treuer Diener“. Das Wort „treu“ in seiner griechischen Wurzel bedeutet eigentlich „gläubig“. Wer glaubt, setzt seine von Gott geschenkten Talente fruchtbar ein.

Eigentlich, liebe Gemeinde, wäre es schön, wenn der Predigttext jetzt enden würde. Aber nach den ersten beiden kommt der dritte Diener. Der geht anders vor. Er verschleudert das Geld nicht, riskiert nicht den Komplettverlust. Auf eine gewisse Art und Weise handelt er durchaus verantwortungsbewusst. Wenn auch zu passiv, zu defensiv. Und das wirft ihm der Herr vor: Du hättest dein Talent zur Bank bringen können, um zumindest den Minimalzins zu bekommen. Aber nein: Er steckt den Kopf und die Gaben in den Sand. Und dann wird ihm sein Talent genommen.

Und zwar nicht deshalb, weil er nichts hat, sondern weil er nichts getan hat. Der Herr schimpft ihn einen bösen und faulen Diener. Das Wort „faul“ heißt hier eigentlich „ängstlich“. Und tatsächlich hat dieser Diener Angst vor dem Herrn. Er sagt es selbst: „du bist ein harter Mann“. Und wie bei einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung erweist sich der Herr dann als hart – dem Diener wird sein übriggebliebenes Talent genommen. Er wird in die Finsternis geworfen. Es bleiben Heulen und Zähneklappern.

Die eigentliche Ursache ist also das Bild, das der Diener von seinem Herrn hat. Welches Bild habe ich von Gott? Welches Bild haben Sie? Ich glaube, dass es die dunklen Seiten Gottes durchaus gibt. Gott ist nicht nur eia-popeia-lieb; Gott ist nicht harmlos. Aber trage ich als Gottesbild nur das Gottesklischee vom „harten Mann“ in mir? Dann könnte auch mich die sich selbst erfüllende Prophezeiung erwischen.

Mein erster Versuch, mit dem angstvollen Jammern und Zittern und Beben umzugehen, ist offenbar noch nicht genug. Deshalb nun der zweite.

Bei meinem zweiten Versuch, den Predigttext aus Matthäus 25 zu verstehen, hole ich mir Hilfe von zwei weiteren Texten aus dem Matthäusevangelium. Martin Luther hat ja einmal gesagt, dass die beste Bibel-Auslegung die Bibel selbst ist.

Fünf Talente und zwei Talente? Erinnern Sie diese Zahlen an was? Im 14. Kapitel des Matthäusevangeliums wird von fünf Broten und zwei Fischen erzählt, die die Jünger miteinander und mit der Volksmenge teilen. Und so vermehren sie sie, dass alle satt werden und am Ende noch ganz viel übrig bleibt.

Wie wäre es, wenn die Diener nicht einzeln für sich gewirtschaftet, sondern sich zusammengetan hätten? Wenn der erste und der zweite Diener dem dritten geholfen hätten? Und zwar so, dass alle satt werden und am Ende noch ganz viel übrig bleibt. Wenn der erste Diener seine fünf Brote, fünf Talente eingebracht hätte, der zweite Diener seine zwei Fische, Talente. Und wenn sie dann den dritten Diener aus seiner Ängstlichkeit herausgeholt hätten. Ihm ihre Vision eines freundlichen und großzügigen Gottes vermittelt hätten. Dann hätten sie zu dritt aus 8 Talenten 15 gemacht.

Die Talente mit den anderen teilen und sie so vermehren. Das wäre eine Vision von kirchlicher Gemeinschaft, die mir wesentlich besser gefällt, statt dass die einen immer mehr kriegen und die anderen immer weniger.

Wir können unsere Begabungen gemeinsam vermehren. Im Chor klingt jede Stimme besser als bloß alleine.

Und ein zweiter Text. Ich will vom Ende her denken. Von Matthäi am letzten. In Matthäus 28 sagt der auferstandene Herr Jesus seinen Jüngern zu, bei ihnen zu sein alle Tage bis ans Ende der Welt.

Das ist mein Taufspruch. Aber nicht nur mein Taufspruch, sondern auch mein Gottesbild: Ein Gott, der bei mir ist. Das stärkt mich. Das motiviert mich dazu, meine Talente einzusetzen. In meiner Welt und in meiner Kirche. Denn ich weiß: Beide haben es nötig. Die Welt und die Kirche.

Und ich weiß: Ich habe es nötig. Meine ängstlichen Gottesklischees abzubauen. Meinen Kopf und meine Talente aus dem Sand zu ziehen. Zu sehen, wieviele Schwestern und Brüder sich mit mir in dieser Kirche engagieren, wieviele wunderbare Begabungen wir gemeinsam haben. Und wie wir miteinander unsere Talente vermehren können.

Und so schließe ich mit dem Lied, das wir vor der Predigt gesungen haben (Ulrich Kaiser, EG RWL 668). Die letzte Strophe lautet:

„Wir wolln gehen an alle Enden, wir wolln gehen mit Jesus Christ, geben auch mit offnen Händen, was uns selbst gegeben ist.“

Amen.

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Mütend

Predigt am 26. Dezember 2021 (2. Weihnachtsfeiertag) in der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Martini-Gadderbaum in Bielefeld
(hier nachzuhören)

Liebe Gemeinde,

seit 1977 legt die Gesellschaft für Deutsche Sprache das „Wort des Jahres“ vor. Und wenn man sich diese Worte so im Rückblick anschaut, dann sind sie oft ein Spiegel der Geschichte dieser Jahre. Ein paar Beispiele aus den letzten 20 Jahren:
1999: Millenium – das neue Jahrtausend weckt Hoffnungen und Befürchtungen.
2005: Bundeskanzlerin – zum ersten Mal steht eine Frau der Bundesregierung vor.
2006: Fanmeile – bei der Fußballweltmeisterschaft ist die Welt zu Gast bei Freunden.
2008: Finanzkrise – der Zusammenbruch einer Immobilienbank stürzt die Finanzwirtschaft der ganzen Welt ins Chaos.
2015: Flüchtlinge – die Bundeskanzlerin sagt „Wir schaffen das!“
2020: Coronapandemie – das Virus ist da.

Und dann in diesem Jahr? Erinnern Sie sich, welches Wort Anfang Dezember gekürt wurde?
2021 war es –  Wellenbrecher
Die Begründung: „Das Wort steht für alle Maßnahmen, die getroffen wurden und werden, um die vierte Corona-Welle zu brechen.“

Tja, das war wohl nix. Entweder haben wir die vierte Welle gar nicht gebrochen. Oder die vierte Welle war gar nichts gegenüber der fünften, die mit der Omikron-Variante bevorsteht. Inzwischen wird ja schon ganz offen darüber gemunkelt, dass im Januar wieder ein ernsthafter Lockdown über unsere Gesellschaft verhängt wird. Mit Schulschließungen und allem, was dazu gehört.

Wissen Sie, was mein Wort des Jahres ist? „Mütend“. Das bin ich nämlich: „müde“ und „wütend“ zugleich – eben „mütend“. Müde bin ich von dem ganzen Hin und Her, dem Auf und Ab, den Hoffnungen und Enttäuschungen. Das strengt an. Und wütend bin ich. Auf dieses blöde Virus, das unsere Welt überzogen hat und einfach nicht gehen will. Und wütend auf die, die meinen, dass man dem Virus ohne medizinische Vernunft begegnen kann. Die das Impfen verweigern und damit nicht nur sich, sondern auch andere gefährden. All das macht mich „mütend“. Dieses Mütendsein ist schon eine eigentümliche Erfahrung. Aber ich glaube, ich bin nicht der einzige, der sie gemacht hat.

Nicht der einzige hier im Raum, nicht der einzige in unserer Gesellschaft, aber auch nicht in der Geschichte. Und auch nicht in der Bibel. Im heutigen Predigttext sind auch Menschen mütend. 

Jesaja 7,10-14
10Und der Herr redete abermals zu Ahas und sprach: 
11Fordere dir ein Zeichen vom Herrn, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe! 
12Aber Ahas sprach: Ich will’s nicht fordern, damit ich den Herrn nicht versuche.
13Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? 
14Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

Ahas war König von Juda einige Jahre vor dem Jahr 700 v. Chr. Der Dialog zwischen ihm und dem Propheten Jesaja findet statt in einer Situation, in der er festsaß in seiner Stadt Jerusalem. Belagert wird seine Stadt von zwei feindlichen Heeren. Es ist nur noch eine Frage der Zeit und er würde alles verlieren, seine Macht, sein Reich, sein Leben. Wer sollte ihm jetzt noch helfen? Vielleicht die mächtigen Assyrer. Die sind stark, die könnte er um Hilfe bitten, die würden kommen und ihn retten. Gut, er müsste den assyrischen Göttern opfern, seinen Tribut zahlen. Aber der Entschluss stand für ihn fest. Wenn es keinen anderen Weg gibt, gibt es keinen anderen Weg.

Nervig, dass da dieser Jesaja kommt. Der meint, die beiden Feinde vor der Stadt wären nur rauchende Scheite, die bald von verglühen würden. Keine Ahnung vom Militär, dieser Prophet. Und jetzt steht er schon wieder vor ihm und hat angeblich eine Botschaft von Gott für ihn: „Es wird dieses Mal gut ausgehen. Es wird Euch nichts passieren. Und damit Du das auch glauben kannst, König Ahas, darum gebe ich Dir ein Zeichen. Du darfst Dir eins wünschen. Aus der Tiefe oder aus der Höhe, ich hole Dir auch die Sterne vom Himmel.“

Aber Ahas will nicht. Er sagt, er will Gott nicht auf die Probe stellen. Aber eigentlich ist er auch einfach nur müde. Müde vom Regierungsgeschäft. Müde von den Feinden vor der Stadt. Wütend auf sie und auf das Gemecker der Leute auf den Straßen seiner Stadt. Er wimmelt Jesaja ab.

Und da lässt der Prophet Ahas seinen ganzen Frust spüren: „Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen?“ Jesaja ist mütend. Unverbesserlich ist er, dieser Ahas. Wie sehr man auch auf ihn einredet. Selbst wenn man freundlich zu ihm ist, wenn man ihm alles möglich machen will, ihm die tollsten Zeichen anbietet, bleibt er verschlossen und verbohrt. Wut steigt in ihm auf und gleichzeitig diese Müdigkeit. Und nicht nur bei ihm. Das ganze Volk hat dieser König mütend gemacht. Jesaja wirft ihm das vor. Und noch mehr: „Willst Du auch Gott mütend machen?“ fragt er ihn. Willst Du, dass Gott so genervt ist von Deinem Unglauben, dass Gott selbst müde von Deinen Ausreden wird? Und dass er dann richtig wütend auf Dich wird? Dich bestraft und uns, das Volk Israel, gleich mit?

Das ist für mich ein neuer Gedanke beim Nachdenken über den Text geworden. Gott selbst kann auch müde werden, vielleicht sogar mütend. So wie ich. Haben Sie das schonmal gedacht?

Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht“, heißt es ja eigentlich in Psalm 121,3.

Aber Gott hat doch viel mehr um die Ohren als unsereins. Eine ganze Welt, einen ganzen Kosmos. Pflanzen und Tiere, Erde und Meer, und obendrauf noch uns Menschen alle. Die Guten. Und die Bösen. Die seinen Rat überhören, kein Zeichen von ihm wollen. Und manchmal macht ihn das vielleicht müde. Das alles Viele. Und das alles Böse macht ihn wütend dazu. Wenn Gott Mensch geworden ist, dann kennt er vielleicht auch so ganz menschliche Gefühle wie das Mütend-Sein.

Aber Jesaja gibt mir Hoffnung, dass es nicht dabei bleibt.
Wenn wir nicht mehr rauskommen aus unserem Mütend-Sein – Gott rappelt sich auf. Wenn wir nicht mehr wollen – Gott will. Und nimmt uns mit. Ahas wollte kein Zeichen von Gott. Aber Gott hat ihm von sich aus ein Zeichen gegeben, erzählt Jesaja: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

Eine schwangere Jungfrau mit einem Sohn, dessen Name „Immanuel“ heißt, dass Gott bei uns ist. Den Satz kennen Sie, nicht wahr?

Der steht in der Evangeliums-Lesung für den heutigen Tag (Matthäus 1,18-25). Der Evangelist Matthäus ist offensichtlich als gläubiger Jude aufgewachsen. Und deshalb kannte er natürlich den Propheten Jesaja. Und wusste, dass dieses Prophetenorakel ganz bekannt war. Obwohl, oder vielleicht auch weil niemand so genau wusste, wer denn dieser Sohn sein sollte, von dem Jesaja da orakelt hatte. Vielleicht der Junge, der als zufälligerweise nächstes in Jerusalem geboren werden würde? Oder das Kind der Frau von Jesaja selbst? Dazu würde ja der sprechende Name Immanuel passen, denn Jesaja hatte seinen anderen Kindern auch sprechende Namen gegeben. Oder sollte die Frau des Königs Ahab einen Sohn bekommen, ihn Immanuel nennen und so ihren Mann davon überzeugen, dass Gott weiterhin auf seiner Seite steht? Die meisten Bibelausleger heutzutage denken, dass das die historisch wahrscheinlichste Variante ist.

Matthäus denkt: Jesus von Nazareth ist der Immanuel. Dass Gott seinen Sohn auf die Erde schickt, ist das deutlichste Zeichen, dass er weiterhin auf unserer Seite stehen will. Und weil Matthäus davon überzeugt war, dass der Gott des Jesaja und das Ahas auch sein Gott war, dass dieser Gott auch der Vater Jesu war, erschien ihm das ganz einleuchtend.

Und wahrscheinlich hat Matthäus auch kein Problem damit gehabt, dass in seiner griechischen Bibelübersetzung (der Septuaginta) die Mutter des Immanuel eine Jungfrau war. Das war eben nur ein besonderes Zeichen für die wirklich wunderbare, also ganz göttliche Herkunft des Kindes – und deshalb war Maria, die Mutter Jesu, auch eine Jungfrau.

Uns heute kommt das nicht mehr so leicht über die Lippen: „Eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären.“ Das halten wir biologisch für ziemlich unmöglich. Und deshalb freuen wir uns, wenn wir entdecken, dass im hebräischen Urtext gar nicht „Jungfrau“, sondern „junge Frau“ steht. Das kommt unserem naturwissenschaftlichen Weltbild entgegen. Eine junge Frau wird schwanger, und ihr Kind wird zum Zeichen dafür, dass Gott mit uns ist.

Ein Kind als Zeichen dafür, dass Gott mit uns ist. Das steht im Zentrum des Wunders von Weihnachten.

Weihnachten ist ja ein Fest der Zeichen, das unsere Augen auf das Wunder der Geburt Gottes im Menschen lenken sollen. Geschenke, liebevoll ausgewählt und verpackt, Zeichen der Liebe. Wunderbare gedeckte Festtafeln, bereit für gute Gespräche und Begegnungen. Engel am Weihnachtsbaum, die die Botschaft vom Frieden auf Erden in unsere Wohnzimmer bringen. Aber bevor das jetzt zu kitschig wird – es gibt neben diesen Zeichen natürlich auch andere. Geschenke, die offenbaren, dass der andere gerade nichts mit uns anzufangen weißt. Tante Milla, die sich lauthals am Tisch darüber aufreget, dass die geklöppelte Weihnachtsdecke ihrer Mutter nicht aufliegt, das Besteck falsch angeordnet ist und die Kinder offensichtlich nicht gelernt haben, dass man Kartoffeln nicht mit einem Messer schneidet. Und auch wenn Sie keine Tante Milla zu Besuch hatten, dann wissen Sie, dass man sich auch innerhalb der Familie mit immer den gleichen Streitereien, Schubladen und Witzigkeiten mütend machen kann.

Auch 2021 brauchen wir das Weihnachtswunder, um uns aus unserem Mütendsein zu befreien. Wir brauchen den Glauben, der Mut macht, mit dem Wunder zu rechnen. Wir brauchen die Gabe, uns vorstellen zu können, dass etwas Außergewöhnliches geschehen kann, etwas, das außerhalb unserer jetzt machbaren Möglichkeiten seht.

Das Immanuel-Zeichen macht uns inmitten der vielen anderen Zeichen deutlich: Gott ist mit uns. Auch 2021. Vielleicht gerade jetzt.

Wo Gott in einem Menschenkind geboren wird, da wird etwas heil.
Heil werden, nicht müde werden, das Wunder zu erwarten. Auch wenn das Kind nicht mehr göttlich aussieht, wenn es anfängt zu quengeln, Blödsinn macht und beginnt, die falschen Spiele der Erwachsenen mitzuspielen. Auch wenn das Mütendsein in der Gesellschaft sich immer weiter ausbreitet, so dass es manchmal wirklich um Verzweifeln ist.

Heil werden, nicht müde werden, das Wunder zu erwarten, dass Gott sich im Menschen in diese allzu menschliche Welt begibt. Dass es heilsame Begegnungen gibt mit anderen Menschen, auch mit den Tante Millas dieser Welt. Und dass uns in dem einen oder anderen Menschen Gott begegnet.

Am besten wäre es, „Immanuel“ wäre das Wort des Jahres 2021.
Immanuel. Gott ist mit uns. Hier in Martini-Gadderbaum. Und heute am 2. Weihnachtsfeiertag.

So sei es.
Amen.

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Kirchliches

„Ein feste Burg“ in Zeiten von Corona

Reformationsandacht des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche von Westfalen am 3. November 2020 in der Alstädter Nicolaikirche Bielefeld

„trotzdem tröstlich“ – so hatte der Evangelische Kirchenkreis Hagen im Herbst 2020 auf Bannern die protestantische Botschaft in Zeiten von Corona plakatiert.
#keinebange – mit dieser Message ging die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste der EKD zur gleichen Zeit ins Netz.
Und unter diesem Motto las ich die ausgezeichnete Predigt von Doris Gräb zum Reformationstag 2017. Und konnte vieles davon mir mit Dank leicht überabeitet, gekürzt und aktualisiert zu eigen machen. Aber es hat sich gezeigt: Auch in der aktuellen Krise kann die ganz alte Botschaft der Reformation sehr tröstlich sein.

Liebe LKA-Gemeinde!

„Ein feste Burg ist unser Gott“. – Dieses Lied gehört schon immer zum Reformationstag. Es gehört zum Reformationstag – und, noch mehr sogar, es gehört zu unserer evangelischen Identität. Wahrscheinlich mehr noch als die 95 Thesen, die Luther vor 502 Jahren an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angebracht hat.

Ich bin evangelisch. Wir sind evangelisch. Und so das ist unser Lied, seit damals – bis heute.

Damals, Luther hat dieses Lied 1527 geschrieben, – da war nach dem Thesenanschlag im Jahr 1517 ein ganzes Jahrzehnt ins Land gegangen. Viel war geschehen, was Martin Luther so nicht vorausgesehen hatte: Der Kampf gegen Rom; die Standhaftigkeit vor dem Kaiser und den Fürsten. Die Flucht auf die Wartburg. Der Streit ums Abendmahl. Schon wieder der Streit um die rechte Lehre, jetzt unter seinen Schülern.

Und dann wütet zu all dem auch noch die Pest in Wittenberg. Familie Luther öffnet ihr Haus für Freunde und Schüler, pflegt Kranke, muss Frauen und Kinder zu Grabe tragen.

In seiner Schrift „Ob man vorm Sterben fliegen möge“ begründet Luther, warum er das tut. Hören Sie genau zu, das klingt erstaunlich modern: „Wenn Gott tödliche Seuchen schickt, will ich Gott bitten, gnädig zu sein und der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen, Ort meiden, wo man mich nicht braucht damit ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werden.
Wenn mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und Gott nicht versucht.“

Da ist alles drin, woran wir heute denken, wenn der Corona-Virus unsere Gegenwart bestimmt: Viel Lüften. Vernünftiges Verhalten. Abstand halten. Homeoffice. Intensivstationen. Seelsorge in Altenheimen. Erstaunlich modern, dieser Reformator.

Aber Luther ist eben nicht nur der Glaubensheld, von dem wir heute einfach nur zu lernen brauchen. In einem Brief an seinen Freund Nikolaus von Amsdorf schreibt er am 1. November 1527, dass ihm ganz und gar nicht heldenhaft zumute ist: „Draußen sind Kämpfe, inwendig Schrecken, und zwar herbe; auswendig Streit – inwendig Furcht.“

Auch das kennen wir heute: Den Streit zwischen den „Covidioten“, also den Coronaleugnern, und den „Schlafschafen“, also denen, die Corona ernst nehmen.

Und da sehe ich Luther in seiner Studierstube sitzen, von all dem unmittelbar erlebten Leid, von grundlegenden Zweifeln und Depressionen durchgeschüttelt und angefochten. Und er fragt sich: was kann mir jetzt noch helfen? Wo finde ich Hoffnung und Zuversicht? Wo ist ein Ort, zu dem ich fliehen kann?

Er liest in den Psalmen, liest den 46. Psalm, wo es heißt:
„Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken“.

Und er erinnert sich an die Wartburg. Dort, hinter den trutzigen Mauern, hatte er 1521 Schutz gefunden, vor dem Zugriff des Kaisers. Große Hilfe in äußerster Gefahr.

Dem 46. Psalm gibt er diese Überschrift „Ein feste Burg ist unser Gott“ – Und dann schreibt er das Lied, sein Lied, sein Bekenntnis.

„Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen“. Und dazu auch die Melodie, die gar nicht depressiv und schwer, sondern eher leicht und bewegt daher kommt, wenn auch keinesfalls jubelnd oder gar triumphal. Schade, dass wir sie nicht singen können.

Ein feste Burg ist unser Gott – ja, aber eben doch ganz anders als die trutzigen, meterdicken Mauern der Wartburg mit ihren Zinnen und Türmen.

Nein, da schreibt doch einer, der von Ängsten gequält, von Zweifeln übermannt ist, von Depressionen geschüttelt. Eher leise, und nicht triumphierend dringt es an unser Ohr:

Dennoch, trotz allem, trotzdem tröstlich, keine Bange: „Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr…..“ Auch dann noch: Gott wie eine Burg. Wie eine letzte Zuflucht, wenn alles ins Wanken gerät. Dennoch brauchst du dich nicht zu fürchten!

Ein Trostlied, auch für uns heute, im zweiten Corona-Lockdown, auch wenn es „nur“ ein Lockdown light ist. In all den ambivalenten, widersprüchlichen Erfahrungen des Lebens, auch  noch in abgrundtiefer Angst und bitterer Not kann ich dessen gewiss sein: da ist einer, der mich hält, der mich nicht ins Bodenlose sinken lässt, der mich mit seinem Schutz umgibt: Ein feste Burg ist mein, ist unser Gott. Darauf kann ich vertrauen, im Leben und im Sterben.

Aus Gottes Gnade und durch seine Liebe bin ich, Martin Luther, bin ich, Vicco von Bülow, ein freier Mensch – befreit zu einem Leben, das sich, was auch immer geschehen mag, in Gott, der festen Burg, gegründet und geborgen weiß.

Ich, Martin Luther, ich, Vicco von Bülow, ich armer, elender, sündiger Mensch, ich verdanke mein Leben der Gnade und Liebe Gottes. Getragen von dieser Liebe bin ich in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes entlassen – und darf mein Leben in dieser Freiheit selbstbestimmt und selbstbewusst führen.

Natürlich: Martin Luther selbst ist das beste Beispiel dafür, dass ein Leben in Freiheit nicht nur immer leicht und gradlinig verläuft. Freiheit führt in Konflikte und auch in Streit, weil sie doch die Vielfalt der Meinungen und Positionen zur Folge hat. Und auch heute sehen wir die Vielfalt der Meinungen, wie wir uns als Kirche und als Gesellschaft richtig in dieser Krise verhalten sollen. Manchmal erschrecke ich richtig, wenn ich sehe, wie hart da die Gegensätze sind.

„Draußen sind Kämpfe, inwendig Schrecken und zwar herbe, auswendig Streit – inwendig Furcht“ – ja, immer noch, gerade in einem zur Freiheit befreiten Gotteskind.

Das Leben mit all seinen unterschiedlichsten Erfahrungen bleibt ambivalent; die im Glauben an Gott gegründete Existenz angefochten und alles andere als siegesgewiss. Dass Gott allein in unserem widersprüchlichen Leben unsere feste Burg ist, dessen müssen wir uns immer wieder neu vergewissern.

Das müssen wir immer neu glauben lernen. Aber das können wir auch glauben. Glauben heißt eben nicht „nicht wissen“. Sondern Glauben heißt vertrauen. Gerade in dieser Zeit können wir auf Gott vertrauen. Und das ist trotzdem tröstlich. Keine Bange.

Amen.

Ein feste Burg ist unser Gott (Text: Martin Luther)

Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.

Der alt böse Feind mit Ernst er’s jetzt meint,
groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.

Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren;
es streit’ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott,
das Feld muss er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt, wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen.


Das Wort sie sollen lassen stahn und kein’ Dank dazu haben;
er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib:
lass fahren dahin, sie haben’s kein’ Gewinn,
das Reich muss uns doch bleiben.

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Kirchliches

Ruhe für unsere Seelen

Predigt am 21. Juni 2020 in der Evangelisch-Lutherischen Martini-Kirchengemeinde Martini-Gadderbaum

Predigtttext am 2. Sonntag nach Trinitatis: Matthäus 11,25-30

Liebe Gemeinde!
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Diese Sätze Jesu aus dem Matthäusevangelium bringen inhaltlich etwas in mir zum Klingen. Sprechen tiefe menschliche Sehnsüchte an. Nehmen Motive auf, die aus dem Alten Testament stammen. Jesus von Nazareth hat seinen Namensvetter Jesus Sirach bestimmt gelesen. Dieser alttestamentliche Weisheitslehrer schreibt als Fazit seines Buches (Sirach 51,23-27):
„Kommt her zu mir, ihr Ungebildeten, und wohnt im Haus der Bildung!
Warum wollt ihr noch warten und eure Seelen dürsten lassen?
Ich habe meinen Mund aufgetan und gesprochen: Kauft euch Weisheit – ganz ohne Geld!
Beugt euren Nacken unter ihr Joch und nehmt ihre Erziehung an. Sie ist nahe und leicht zu finden.
Seht mich an: Ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit gehabt und habe großen Trost gefunden.“

Sie haben die Parallelen bestimmt wiedererkannt. Aber das, was bei Jesus Sirach die Weisheit ist, die Bildung, die Erziehung, das ist bei Matthäus die Person Jesus selbst. Zu ihm sollen die Mühseligen und Beladenen kommen, er will sie erquicken, er will ihnen Ruhe geben.
„Erquicken“ und „Ruhe“ kommen übrigens im griechischen Urtext des Matthäusevangeliums vom gleichen Wortstamm: „pauo“ und „pausis“. Da kommt unser deutsches Wort „Pause“ her. Jesus will uns eine Pause geben.

Und ehrlich gesagt: Die könnte ich brauchen, so eine Pause. Gerade nach den letzten Wochen.
Zu Beginn der Corona-Krise hat der Soziologe Hartmut Rosa gesagt, jetzt, wo man zuhause bleiben müsse, käme die Entschleunigung, die man nutzen könne, um in Resonanz zu sich und seiner Umwelt zu kommen. Ehrlich gesagt, den Herrn Rosa würde ich gerne noch mal sprechen. In den letzten Wochen ist bei mir beruflich und privat ganz viel passiert, aber sicher keine Entschleunigung. Ich hätte eine Pause durchaus brauchen können, etwas Ruhe für meine Seele.
Und da bin ich ja nicht allein.

Auch die Kassiererin im Supermarkt hätte eine Pause brauchen können, wenn sie zum wiederholten Mal den Streit zwischen Kunden schlichten musste, wer denn nun die letzte Klopapierpackung bekommt. Sie erinnern sich, das war das große Thema vor ein paar Wochen. Im Rückblick klingt das vielleicht lustig, aber damals war es das gar nicht.
Die alleinerziehende Mutter hätte eine Pause gebraucht, wenn sie nach der täglichen Arbeit müde nach Hause kam zum Homeschooling mit ihren Kindern, die den ganzen Tag zuhause gesessen haben. In der Corona-Krise waren es ja vor allem die Frauen, die die Doppelbelastung von Beruf und Familie noch stärker als zuvor tragen mussten.
Aber auch diejenigen, die nicht wie bisher gearbeitet haben, hatten zwar vielleicht Zeit, aber keine Ruhe für ihre Seelen.
Der Fabrikarbeiter, der in die Kurzarbeit geschickt wurde, und der nicht wusste, ob das Kurzarbeitergeld für die Miete und die Grundkosten seiner Familie reichen würde. Und der sich vor dem Moment fürchtet, wenn die Kurzarbeit in die Arbeitslosigkeit übergeht. Keine Ruhe für seine Seele.
Der selbstständige Künstler, der nicht mehr vor Publikum auftreten konnte und weder Applaus noch Geld bekam, der hatte keine Ruhe für seine Seele. Und der Realschüler, die Abiturientin kurz vor ihrem Schulabschluss? Der Gastwirt, in dessen Restaurant sich auch nach der Öffnung kaum Gäste verirren? Die wohl auch nicht.

Vielleicht kann die Hoffnung auf die Sommerferien helfen?
Urlaub ist ja immer eine Pause, in der man die Seele baumeln lassen kann.
Aber auch die Sommerferien sind in diesem Jahr anders. Nicht in jedes Land kann gefahren werden. Kurz vorher noch Corona-Fälle in verschiedenen Grundschulen. Und dann der Corona-Ausbruch, der gerade in der Nachbarschaft in Rheda-Wiedenbrück passiert ist. Ein Skandal, was in der fleischverarbeitenden Industrie geschieht! Und wie damit umgegangen wird! Das darf nicht ohne Folgen bleiben. Wir müssen uns politisch kümmern um die Unterbringungssituation und die Hygienestandards in den Sammelunterkünften. Und wir brauchen eine neue gesellschaftliche Debatte über unser Konsumverhalten, das auf Dumpingpreisen und Dumpinglöhnen in der Fleischindustrie beruht.
Dass jetzt im Kreis Gütersloh ausgerechnet die Schulen und die Kindergärten geschlossen werden, verstärkt aus meiner Sicht den Skandal. Immer auf die Kleinsten. Wenn dann noch eine Quarantäne hinzukommen sollte, die nicht nur die Schlachtfabrikmitarbeiter betrifft, sondern weitere Bevölkerungskreise, dann: Prost Mahlzeit! Dann ist nichts mit Ruhepause in den Sommerferien.

Was müsste eigentlich geschehen, damit wir aufatmen und Ruhe finden können? Das ist nicht nur eine rhetorische Frage für mich. Ich habe keine wirklich abschließende Antwort darauf gefunden.
Vielleicht hilft es, zwei Spuren zu verfolgen, die Matthäus gelegt hat.

Eine Spur: Das Joch. Jesus sagt: „Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Das Joch ist ein altertümliches Gerät. Tiere tragen es, um eine Last zu schultern oder zu ziehen. An manchen Orten der Welt tragen Menschen bis heute ein Joch, um Wasser zu holen oder Waren zum nächsten Markt zu bringen. Wie gut, wenn es auf dem schweren Weg eine Wasserstelle gibt, an der die Lasten abgelegt werden können. Mensch und Tier haben hier die Möglichkeit, sich an dem frischen Nass zu erquicken.
Wer von den Lasten seines Jochs nicht erdrückt werden soll, muss es absetzen. Erquickt werden können nur die, die bereit sind, ihre Lasten abzugeben und sich zu erfrischen.
Als Mühselige und Beladene kommen Menschen mit ihrem Joch zu Jesus Christus. Der sagt ihnen nicht, dass sie gar nicht mühselig und beladen sind. Sondern der ruft sie gerade als Mühselige und Beladene zu sich. Der verspricht ihnen nicht, dass es überhaupt kein Joch mehr geben wird. „Ruhe finden für unsere Seelen“ heißt offensichtlich nicht, den ganzen Tag nur auf der faulen Haut zu liegen. Jesus übergibt ein ganz anderes, ein neues Joch. Dessen Last kann leicht sein und es muss nichts Drückendes haben. Mit dem Joch der Freiheit auf den Schultern müssen wir nicht mehr um Leben und Tod kämpfen. Das ist unsere Hoffnung: Wir können loslassen, weil wir von Jesus befreit worden sind. Unsere Sorgen um das, was mit uns wird, mit unseren Familien, mit unserer Gesellschaft können wir freigeben und sie Jesus Christus anvertrauen. Und dann können wir frei werden zum Dienst an Gott und unserem Nächsten in Familie und Gesellschaft. Einen Versuch wäre es wert, oder?

Die zweite Spur: Das Gotteslob. Damit beginnt der Predigttext ja. „Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde“. Jesus preist seinen Vater im Himmel. Das ist erst einmal nicht ungewöhnlich. Aber wenn man genauer hinschaut, dann schon.
Denn was ist „zu dieser Zeit“ passiert? Jesus und seine Jünger sind unterwegs in Galiläa und verkündigen das Wort Gottes. Aber sie bleiben wirkungslos. Und so klagt Jesus die Städte an, in denen sein Wort nicht auf Gehör gestoßen ist. „Weh dir, Kapernaum – Sodom wird es am Tag des Gerichts noch erträglich gehen im Vergleich zu dir.“ Und gerade in dieser Situation der Wirkungslosigkeit, des Misserfolgs ist Jesus nicht frustriert, sondern lobt Gott: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde“. Vielleicht eine gute Idee auch für uns.
Das Lob Gottes bewirkt keine Weltflucht, ganz im Gegenteil. Wir können Gott loben mit Taten des Glaubens und der Liebe. Wer Kranke besucht, wer anderen Menschen zuhört und sie tröstet, wer sich für bessere Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie einsetzt, der lobt Gott auf eine ganz besondere Weise. Gesellschaftliches Handeln von Christen kann Gotteslob sein, ihm zur Ehre dienen.
Gotteslob nimmt die Wirklichkeit dieser Welt zur Kenntnis. Auch wenn diese Wirklichkeit ihre Schattenseiten hat.
Und trotzdem! Elie Wiesel hat einmal gesagt: „Um Gott zu loben, muss man leben, und um zu leben, muss man das Leben lieben – trotz allem.“ Trotz allem das Leben zu lieben, trotz allem zu leben, trotz allem Gott zu loben.
Und dann kann uns das neue Leben erreichen. Dann müssen wir nicht alles selbst tragen, sondern dann können wir uns tragen lassen. Dabei gemeinsam Gott loben. Mit dem sanften Joch erneuerter Freiheit. Ruhe finden in Gott. Danach sehne ich mich.

Amen.