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Nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden

Predigt am 2. August 2026 im Rahmen der Sommerpredigtreihe „Auf dem Weg“ der Evangelischen Kirchengemeinde Haltern im Blauen Klassenzimmer an der Stever

Gewidmet meinem Lehrer Francis E. Ringer + am Lancaster Theological Seminary, inspiriert durch sein Buch: Becoming People of the Way: Intentional Christianity

Lesung
Apostelgeschichte 9, 1-9. 17-19a (Zürcher Bibel)
1Saulus aber schnaubte noch immer Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn. Er ging zum Hohen Priester 2und bat ihn um Briefe an die Synagogen in Damaskus, dass er, wenn er Anhänger dieses neuen Weges dort finde – Männer und auch Frauen -, sie gefesselt nach Jerusalem bringen solle. 3Als er unterwegs war, geschah es, dass er in die Nähe von Damaskus kam, und plötzlich umstrahlte ihn ein Licht vom Himmel; 4er stürzte zu Boden und hörte eine Stimme zu ihm sagen: Saul, Saul, was verfolgst du mich? 5Er aber sprach: Wer bist du, Herr? Und er antwortete: Ich bin Jesus, den du verfolgst. 6Doch steh auf und geh in die Stadt, und es wird dir gesagt werden, was du tun sollst. 7Die Männer aber, die mit ihm unterwegs waren, standen sprachlos da; sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemanden. 8Da erhob sich Saulus vom Boden; doch als er die Augen öffnete, konnte er nicht mehr sehen. Sie mussten ihn bei der Hand nehmen und führten ihn nach Damaskus. 9Und drei Tage lang konnte er nicht sehen, und er aß nicht und trank nicht.
17Da machte sich Ananias auf und ging in das Haus hinein, legte ihm die Hände auf und sprach: Saul, mein Bruder, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir erschienen ist auf dem Weg, den du gekommen bist: Du sollst wieder sehen und erfüllt werden von heiligem Geist! 18Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, und er sah wieder; und er stand auf und ließ sich taufen. 19aUnd er nahm Speise zu sich und kam wieder zu Kräften.

Predigt

Liebe Gemeinde!
„Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, / nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, / nicht ein Sein, sondern ein Werden, / nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. / Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. / Es ist noch nicht getan oder geschehen, / es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, / es ist aber der Weg.“ Das stammt von Martin Luther. Er hat es 1520 geschrieben, als er seine neue Lehre gegen die Angriffe des Papstes verteidigen musste. (Martin Luther, aus: Grund und Ursach aller Aritkel D. Martin Luthers, so durch römische Bulle unrechtlich verdammt, 1520)
Luther wusste, dass er neue Wege eingeschlagen hatte. Selber denken, selber glauben. Nicht an alten Traditionen festhalten, nur weil es alte Traditionen sind. Organisationsformen und Rituale daraufhin überprüfen, ob sie der ursprünglichen Botschaft entsprechen. Und ob sie die Menschen in ihrer jeweiligen Zeit erreichen und ihnen hilfreich sind.
Aber Luther war kein Revoluzzer, sondern ein Reformator, also ein Reformer. Er war überzeugt, dass es zwar neue Formen brauchte, aber keine neue Botschaft. Keine neue Botschaft, sondern die alte Botschaft der Bibel. Kein neuer Gott, sondern der Gott Israels. Der Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat. Wie in so vielem fühlte er sich dem Apostel Paulus nah. Wir haben eben in der Lesung gehört, wie der zu Jesus gekommen ist und damit zu einem neuen Weg zum Gott seiner Mütter und Väter.Als Paulus dann vom Verfolger zum Verfolgten wurde, verteidigte er sich vor dem römischen Statthalter (Apg 24,14-16, Zürcher Bibel): „Dies allerdings bekenne ich vor dir, dass ich dem Gott meiner Väter nach dem neuen Weg – den sie eine Sekte nennen – diene, indem ich in allem auf das vertraue, was im Gesetz und in den Propheten geschrieben steht, 15und die gleiche Hoffnung, die auch diese hier teilen, auf Gott setze: dass es nämlich zu einer Auferstehung für Gerechte und Ungerechte kommen wird. 16Darum übe auch ich mich darin, allezeit ein unangefochtenes Gewissen zu haben vor Gott und den Menschen.“
Paulus hat sich dem neuen Weg angeschlossen, sich auf den Weg gemacht. Aber er weiß auch, dass er noch lange nicht am Ziel ist. Er übt sich aber, strengt sich an, bemüht sich. Das ist wie beim Sport: Ohne Training wird das nichts. Ein Sportler darf sich nicht auf dem Stand ausruhen, den er einmal erreicht hat. Er muss in Bewegung bleiben.
Oder, wie Paulus es an die Gemeinde in Philippi schreibt:
Lesung von Philipper 3,12-15 (Zürcher Bibel): „Nicht dass ich es schon erlangt hätte oder schon vollkommen wäre! Ich jage ihm aber nach, und vielleicht ergreife ich es, da auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Liebe Brüder und Schwestern, ich bilde mir nicht ein, dass ich selbst es ergriffen hätte, eins aber tue ich: Was zurückliegt, vergesse ich und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt. Ich richte meinen Lauf auf das Ziel aus, um den Siegespreis zu erringen, der unserer himmlischen Berufung durch Gott in Christus Jesus verheißen ist. Wir alle, die wir nun vollkommen sein möchten, sollen dies bedenken! Falls ihr anderer Ansicht seid, so wird euch Gott auch darüber Klarheit verschaffen. Doch: Was wir erreicht haben, an dem wollen wir uns auch ausrichten!“
Das ist ein gesunder Realismus: Ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon erlangt oder ergriffen hätte. Ich weiß ganz genau, dass ich nicht vollkommen oder perfekt bin. Aber ich lasse mich davon nicht unterkriegen. Ich mache weiter. Jesus Christus hat mich ergriffen, deshalb weiß ich, was ich für ein Ziel habe. Ich weiß, wohin die Reise geht. Aber wie ich da hin komme, das wird sich erst auf dem Weg zeigen. Deshalb machte ich mich auf den Weg, auf den neuen Weg. Und zwar nicht bummelig-langsam, sondern ich laufe, renne, sprinte. Und ihr, liebe Philipper, ihr solltet das auch tun.
Und weil Martin Luther seinen Paulus gelesen hatte, kannte er diese Worte, kannte er diese Haltung. Das Zitat, das ich am Anfang der Predigt von ihm vorgelesen habe, war seine Auslegung von Philipper 3:<
„Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.“
Diese Worte stehen auf der Rückseite der Martin-Luther-Medaille, die die Evangelische Kirche in Deutschland in der Reformationsdekade engagierten Christinnen und Christen verliehen hat. Richard von Weizsäcker, der Kirchentagspräsident war, bevor er Bundespräsident wurde. Barbara Lambrecht-Schadeberg, die als Unternehmerin evangelische Schulen in ganz Deutschland finanziell unterstützt hat. Oder Klaus-Peter Hertzsch, der ostdeutsche Theologe und Liederdichter – von ihm stammt das Lied „Vertraut den neuen Wegen“, das wir gleich nach der Predigt singen werden.
Mit der Martin-Luther-Medaille wollte die EKD zeigen: Kirchliches Engagement darf nicht als Selbstverständlichkeit angesehen werden und sollte entsprechend gewürdigt werden. Und mit dem Zitat auf der Rückseite wollte sie deutlich machen: Wer sich in Kirche und Gesellschaft engagiert, weiß darum, dass er noch lange nicht am Ziel ist, dass vieles im Gang und im Schwang ist, aber noch nicht umgesetzt. Für dieses Engagement braucht es die Ermutigung: „Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber.“ Das gibt Kraft zum Weitermachen.
Ob in der Kirche, in der Politik oder in der Bildung: das Leben ist „nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden“. Wer in der Bildung mit Kindern, Jugendlichen und Studierenden zu tun hat, weiß um die tiefe Weisheit von Luthers Worten: „Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang.“ Wer versucht, Politik aus christlichen Grundsätzen heraus so zu gestalten, dass sie für die Menschen gut ist, der braucht die Ermutigung: „Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber“.
Von Paulus über Martin Luther zur EKD. Und dann weiter nach Haltern. Wie ist das mit uns?
Dass wir uns auf unsere Gesundheit nicht verlassen können, dass merken viele von uns jeden Tag, den wir älter werden. Dass wir uns unserer Frömmigkeit nicht sicher sein können, das auch. Was wir gestern noch fest geglaubt haben, daran zweifeln wir heute oft. In unseren Familien ist vieles „im Gang und im Schwang“. Ich als Vater muss mich immer wieder neu darauf einstellen, dass meine drei Kinder sich verändern. Das ist nicht immer so einfach, auch wenn ich weiß, dass es notwendig ist.
Aber auch gesellschaftlich ist so vieles im Werden, so vieles heute anders als noch gestern. Mit all den Veränderungen mitzukommen, das ist anstrengend. Geht mir zumindest so. Ihnen vielleicht auch.
Ein bisschen hilft es mir da, wenn ich merke: Das liegt nicht an nur mir. Das liegt auch nicht nur an unserer heutigen Zeit. Das war schon bei Luther so. Das war schon bei Paulus so. So sind wir Menschen. Das Leben ist so. Immer schon gewesen.
Und es hilft mir, wenn ich verstehe: Christ-Sein heißt Auf-dem-Weg-Sein. Von Anfang an und bis heute: Wir sind die „Menschen des Wegs“. Veränderung liegt in der christlichen DNA.
Und auf dieser Veränderung liegt eine Verheißung. Paulus hat Christus noch nicht ergriffen, aber Christus hat ihn ergriffen. Luther weiß: Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Mein eigener Konfirmationsspruch, den ich 1981 im Gemeindezentrum in Lippramsdorf von Pfarrer Rolf Sonnemann zugesprochen bekam, lautet: „Der Herr, Dein Gott, ist mit dir in allem was Du tun wirst“ (Josua 1,9, Luther84). Und noch genauer übersetzt: „Der Herr, Dein Gott, ist mit dir überall wohin du gehst.“
Ich bin nicht allein auf dem Weg. Ich habe Menschen, die mit mir gehen. Und ich habe die Zusage meines Gottes, dass er mit mir geht. Ich bin nicht am Ziel, aber ich werde an das Ziel kommen. Dabei will ich Weg und Ziel nicht verwechseln. Wenn ich auf dem Weg bin, bin ich noch nicht am Ziel. Ich nehme den Weg als Weg ernst. Aber der Weg ist nicht das Ziel. Es ist wie beim Bergsteigen: Auf dem Weg zum Gipfel gibt es wunderschöne Passagen. Und anstrengende. Das alles mache ich, weil ich auf den Gipfel will. Von dort hat man die beste Aussicht. Dort habe ich mein Ziel erreicht. Und bis ich da bin, kümmere ich mich um den Weg und achte darauf, dass ich ihn gut bewältige. Mit denen zusammen, die mit mir auf dem Weg sind. Mit meinen Mitmenschen. Und mit Gott.
Hier könnte meine Predigt enden. Aber ich will noch eine Bemerkung zum Schluss machen.
Ich bin überzeugt, dass all das, was ich gesagt habe, nicht nur auf mich als individuellen Christen, auf Sie als einzelne Christinnen und Christen zutrifft, sondern auch auf uns als evangelische Kirche als Institution.
Vieles in den evangelischen Kirchen in Niedersachsen ist in Bewegung – genauso übrigens bei der Evangelischen Kirche von Westfalen. Und auch in Haltern gibt es einen Strukturprozess, um die Zukunft mitgestalten zu können, bevor sie Sie überrollt. Viele Herausforderungen stehen an: Sinkende Mitgliederzahlen, reduzierte finanzielle Mittel, Vertrauensverlust durch die Missbrauchskrise, weniger hauptamtliches Personal, Klimaneutralität und alles, was damit zusammenhängt. Wir alle merken: Veränderung ist notwendig. Auch unsere gemeindlichen Strukturen sind „nicht ein Sein, sondern ein Werden“. Auch wir in Niedersachsen und in Westfalen sind nicht fromm, sondern wir werden es erst noch. Das gilt auch für Haltern. Hier wird es ganz konkret. Manche zukünftigen Strukturen sind noch nicht geklärt: Welche Gebäude werden Sie behalten? Welche werden Sie umbauen, umnutzen oder sogar verkaufen? Mit welchem hauptamtlichen Personal werden Sie arbeiten, welche Ehrenamtlichen werden welche Aufgaben übernehmen? Alles noch nicht abschließend geklärt. Aber ich bin sicher, dass es im Presbyterium und in dieser Kirchengemeinde Menschen gibt, die sich dafür engagieren, dass es geklärt wird. Denn: Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Unsere Zukunftsplanung ist nicht perfekt oder wie Paulus sagt: Wir haben’s noch nicht erlangt und sind nicht vollkommen.
„Wir sind’s noch nicht.“ Doch ich bin überzeugt: „wir werden’s aber. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.“ Machen wir uns in Niedersachsen und Westfalen auf den Weg, machen Sie sich in Haltern auf den Weg. Bleiben wir als Christinnen und Christen Menschen des Wegs.
Amen.

Lied: Vertraut den neuen Wegen

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Allgemeines Kirchliches

„All das glaub‘ ich…“

Predigt am 27. Juli 2025 in der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Martini-Gadderbaum in Bielefeld

Evangeliumslesung: Das Bekenntnis des Petrus. (Lukas 9,18-20)
18 Und es begab sich, als Jesus allein betete, waren seine Jünger bei ihm; und er fragte sie und sprach: Wer, sagen die Leute, dass ich sei? 19 Sie antworteten und sprachen: Sie sagen, du seiest Johannes der Täufer; andere aber, du seiest Elia; andere aber, es sei einer der alten Propheten auferstanden. 20 Er aber sprach zu ihnen: Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei? Da antwortete Petrus und sprach: Du bist der Christus Gottes!

Lied: Christus, dein Licht (Jacques Berthier)

Predigt:

Liebe Gemeinde!
I:
Wissen Sie, dass vorgestern ein ganz besonderer Tag war? Wir konnten ein 1700jähriges Jubiläum feiern. Denn am 25. Juli 325 ging das altkirchliche Konzil von Nizäa zu Ende. Auf diesem Konzil wurde ein Text beschlossen, der sich in diesen etwa 70 Generationen Menschenleben als das weltweit am meisten verbreitete Glaubensbekenntnis durchgesetzt hat. Sie finden es auch heute noch im Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 854. Wir werden es gleich gemeinsam miteinander sprechen. Aber Sie können es schon jetzt einmal aufschlagen. Denn – jetzt mal ehrlich – wer von Ihnen hat vom sogenannten Nizänischen Glaubensbekenntnis schon einmal gehört? Bitte aufzeigen! Und wer hat es schon einmal gesprochen, vielleicht im Gottesdienst? Bitte aufzeigen! Und wer hat es verstanden? Während ich bei den ersten beiden Fragen guten Gewissens die Hand heben konnte, bin ich hier auch raus.
Insofern trifft auch für das Nizänische Glaubensbekenntnis zu, was die Ballastwache in ihrem Gottesdienst im März hier in Martini-Gadderbaum so gesungen hat: „All das glaub ich, aber doch auch irgendwie nich!“
„All das glaub ich, aber doch auch irgendwie nich!“ Was das in Bezug auf das Nizänische Glaubensbekenntnis bedeutet, was das in Bezug auf meinen Glauben bedeutet, was das in Bezug auf unseren Glauben bedeutet, darüber will ich in dieser Predigt gemeinsam mit Ihnen nachdenken. Es wird dabei etwas kirchengeschichtlicher als sonst hier in Martini üblich, aber ich sehe an Ihren Gesichtern, dass Sie heute dazu bereit sind.

II:
Also: Das Konzil von Nizäa. Eine frühchristliche Bischofssynode und zwar nicht nur eine, sondern die allererste. Das Konzil von Nizäa eröffnete die Reihe der sieben ökumenischen Konzilien, die von allen großen christlichen Konfessionen als gemeinsames Erbe anerkannt werden und deren Entscheidungen darum eine besondere Verbindlichkeit haben. Eingeladen hatte Kaiser Konstantin. Zum Konzil reisten fast 300 Bischöfe aus der damaligen christlichen Welt nach Nizäa, das heute Iznik heißt und ein kleiner Ort süd-östlich von Istanbul ist.
Dem Kaiser ging es wohl um die politische Einheit des Römischen Reiches, die er durch theologische Streitigkeiten gefährdet sah. Und außerdem befürchtete er vermutlich, dass Streit über die richtige Verehrung Gottes auch Gott verärgern könnte, was sich gleichfalls negativ auf das Wohlergehen des Reiches ausgewirkt hätte.
Wir empfinden es heute als befremdlich, dass ein Kaiser eine Synode eröffnet und leitet. Spätestens seit der Barmer Theologischen Erklärung 1934 während der Nazi-Herrschaft wissen wir, dass die Aufgaben von Staat und Kirche zu trennen sind, weil es beiden nicht gut tut, wenn sie miteinander vermischt werden. Trotzdem können wir anerkennen, dass die Leistung des Konzils von Nizäa erheblich war. Denn die Konzilsväter haben nicht nur eine Reihe von praktischen Entscheidungen getroffen, wie die Festlegung des Ostertermins auf einen Frühlingssonntag, sondern auch einen Abschlusstext in der Form eines Glaubensbekenntnisses formuliert.

III:
Und dieses Glaubensbekenntnis hat es in sich. Wegen der dreiteiligen Gliederung: Wir glauben den einen Gott, heißt es. Und das wird dann ausgeführt: Wir glauben an Gott den Vater, Gott den Sohn und Gott den Heiligen Geist. Durch diese Formulierung hielt man fest, dass es zum Wesen Gottes gehört, in sich selbst Vielfalt und Beziehung zu sein. Schon in sich selbst ist Gott beziehungsreich zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist. Die Vorstellung der Dreieinigkeit macht Gott lebendig. Vater, Sohn und Heiliger Geist haben etwas miteinander zu tun. Das Glaubensbekenntnis von Nizäa sagt: Sie sind aufeinander bezogen, gehen voneinander aus und wirken miteinander an der Erlösung der Welt und der Menschen. Ein solches beziehungsreiches, lebendiges Gottesbild ist mir wichtig. Auch wenn ich nicht alles daran verstehe. Dabei bin ich aber in guter Gesellschaft: Der Reformator Philipp Melanchthon hat einmal geschrieben: „Die Geheimnisse der Gottheit sollen wir eher anbeten als erforschen.“ Und die Ballastwache singt: „All das glaub ich, aber doch auch irgendwie nich!“
Wobei man sich 325 in Nizäa auf den ersten und vor allem den zweiten Glaubensartikel konzentrierte. Im Originaltext hieß es im dritten Glaubensartikel ursprünglich bloß: „Wir glauben an den Heiligen Geist.“ Punkt.
Die weiteren Aussagen dazu sind 56 Jahre später bei einem weiteren Konzil hinzugefügt worden, nämlich 381 in Konstantinopel. Deshalb heißt das Glaubensbekenntnis, das wir gleich nach der Fassung im Evangelischen Gesangbuch sprechen, auch eigentlich korrekt und vollständig: Nicäno-Konstantinopolitanum. Ni-cä-no-Kon-stan-ti-no-po-li-ta-num. Probieren Sie das mal zu sprechen. Wer das hinterher beim Kirchcafé fehlerfrei hinbekommt, kriegt von mir einen Keks.

IV:
Doch zurück nach Nizäa 325. Den Aufwand, extra ein Konzil einzuberufen, hat man sich damals deshalb gemacht, weil es in den Jahren vorher theologischen Streit gab. Bekenntnisse fallen nie vom Himmel, sondern sind immer die konkrete Klärung einer theologischen Auseinandersetzung in der Kirche zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort.
Damals ging es wie so häufig um die Frage: Wer ist Jesus Christus? Inwiefern kann man den Menschen Jesus von Nazareth „Gott“ nennen? Eine Gruppe von Christen rund um den Priester Arius hatte argumentiert: Christus kann nicht auch so wie der Vater Gott sein, denn sonst hätten wir ja zwei Götter, und das widerspricht dem christlichen Monotheismus, also der Überzeugung, dass es nur einen Gott gibt. Arius meinte, Jesus sei von Gott geschaffen, ähnlich wie die übrige Schöpfung, er sei also nicht gleich ewig wie Gott.
Dagegen betonten Theologen um Bischof Eusebius von Nikomedien die absolute Göttlichkeit von Jesus, ohne darauf zu verzichten, von einem Gott zu sprechen. Denn sie argumentieren: Wenn Jesus nicht vollkommen göttlich war, dann hätte er die Menschheit auch nicht erlösen können. Nur wenn sich menschliche Natur ganz in göttliche Natur verwandelt, nur dann kann auch der Mensch ganz verwandelt werden und der Vergänglichkeit entrinnen, weil nur ein Gott uns erlösen kann.

Um diese Streitfrage zu klären, bezogen sich die Konzilsväter gut christlich auf die Bibel. Aber sie stellten fest, dass die ausgelegt werden muss. Wenn zu Beginn des Johannesevangeliums steht: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Was heißt das denn genau? „Das Wort“, das ist in diesem Fall ein Ausdruck für Jesus, war das nahe bei Gott – oder ist es mit ihm identisch? Wie ist die Beziehung des Vaters zum Sohn? Wenn in der Bibel, im Johannesevangelium, steht, dass Christus Gott sei oder göttlich sei, was bedeutet das konkret? Das wollte das Konzil klären. Und es hat auf Begriffe aus der griechischen Philosophie zurückgegriffen, um zu einem Kompromiss zu kommen. Im Mittelpunkt steht der Begriff „homoousios“, das heißt: wesensgleich oder „eines Wesens“.
Im Nizänischen Glaubensbekenntnis ist festgehalten, dass der Sohn „eines Wesens“ mit dem Vater ist. Was bedeutet das? Sie und ich sind auch wesensgleich, insofern wir alle Menschen sind, aber wir sind nicht komplett identisch. „Wesensgleich“ sollte zunächst einfach besagen, dass Gott und Jesus sozusagen aus dem gleichen göttlichen „Stoff“ sind, dass also Jesus nicht etwa von Gott aus dem Nichts geschaffen, sondern aus ihm selbst hervorgebracht, gezeugt worden ist. Man darf sich das „gezeugt“ nicht wörtlich vorstellen, sondern eher geistig. Geschaffen würde bedeuten: neu geformt, Gott ist der Handwerker. Gezeugt bedeutet: Jesus ist so aus Gott entstanden, so wie die Strahlen der Sonne aus der Sonne kommen, auch wenn sie nicht selbst die Sonne sind.
Überhaupt Licht. Hier wird das Nizänische Glaubensbekenntnis fast schon poetisch. Christus ist „Licht vom Licht“. Das knüpft an biblische Aussagen von Jesus Christus als dem „Licht der Welt“ an (Joh 8,12). Und es scheint weiter in Lieder wie „Christus, dein Licht“, das wir direkt vor der Predigt gesungen haben.
Wenn es im Nizänischen Glaubensbekenntnis darum geht, ob Jesus Christus tatsächlich „Gott von Gott“ war, dann geht es auch darum, ob Gott tatsächlich Mensch geworden ist. Ich finde es auch deshalb wichtig, als Christ heute daran festzuhalten, dass Jesus nicht einfach nur ein guter Mensch war. Jesus Christus gehört dazu, wenn ich sage: „Ich glaube an Gott.“
Habe ich damit alle Bedeutungstiefen des „homoousios“ erkannt und kann sie für mich übernehmen? Nein, es bleibt dabei, was die Ballastwache gesungen hat: „All das glaub ich, aber doch auch irgendwie nich!“

V:
Das Apostolische Glaubensbekenntnis, das im Gesangbuch eine Nummer vor dem Nizänischen steht, beginnt mit den Worten: „Ich glaube“. Ich muss eine Antwort geben auf die Frage des Jesus, die Sie vorhin in der Evangeliumslesung gehört haben: „Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei?“ Es reicht nicht, wenn ich versuche, mit einem Verweis auf die Meinung anderer Leute auszuweichen: „Sie sagen, du seiest Johannes der Täufer; andere aber, du seiest Elia; andere aber, es sei einer der alten Propheten auferstanden.“ Petrus hat sich getraut und Farbe bekannt: „Du bist der Christus Gottes!“ Und auch ich heute muss mich trauen und mich zu dem bekennen, was ich persönlich glaube. Das heißt nicht, dass dann alles zweifelsfrei feststeht. Sie wissen, was die Ballastwache gesungen hat: „All das glaub ich, aber doch auch irgendwie nich!“
Das Nizänische Glaubensbekenntnis bietet für mich eine Lösung an, mit dieser Spannung umzugehen. Es beginnt mit den Worten: „Wir glauben“. Ich kann mich in meinen Glauben getragen wissen durch diejenigen, die den Glauben mit mir zusammen bekennen. Manchmal kann ich Worte sprechen, die anderen nur schwer über die Lippe kommen, manchmal bekennen andere im „Wir glauben“ für mich mit.
Aber, so könnte man fragen, gerade hier in Martini-Gadderbaum, einer Gemeinde, die zu Recht stolz auf das Selber-Denken ist: Darf mir in Formeln vorgeschrieben, vorgesagt, vorgedacht werden, was ich glauben muss?
Ich würde gerne ein kleines Plädoyer für solche Bekenntnisformeln halten.
„Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden“. Mit verdichteten Formeln wie diesen begann der christliche Glaube. Die ersten Christenmenschen haben sich solche Formeln gegenseitig zugerufen und daraus für ihren Glauben Kraft geschöpft. Es ist gerade nicht nur mein privater Glaube, dass Gott seinen Sohn von den Toten erweckt hat, sondern der Glaube der ersten Zeuginnen und Zeugen damals vor zweitausend Jahren in Jerusalem. Diese Glaubensformel trägt mich. Sie hilft mir als Bindeglied, als Teil einer großen Gemeinschaft von Glaubenden aller Zeiten und aller Orte auch persönlich zu glauben. Ohne gemeinsame Bekenntnisse als Voraussetzung gäbe es keinen privaten Glauben, ohne die Gemeinschaft aller Christenmenschen, die Kirche, keinen einzelnen Christenmenschen, nicht mich, nicht Sie.
Die Konzilsväter von Nizäa haben versucht, in einer theologischen Auseinandersetzung die Kirche um eine Kompromissformel zu versammeln. Theologische Auseinandersetzungen innerhalb der Kirche gibt es bis heute, wird es wahrscheinlich immer wieder geben.
In solchen Auseinandersetzungen muss diskutiert werden. Martin Luther hat einmal dazu gesagt, dass man die Geister aufeinander platzen lassen muss. Und dann muss entschieden werden, auf Konzilien, also auf Synoden. Denn würde nicht entschieden, dann würde ein solcher Dauerstreit eine Kirche als Gemeinschaft lähmen. Durch solche Entscheidungen werden Grenzen markiert und auch Positionen aus der Kirche ausgegrenzt. Bestimmte Brandmauern zu bestimmten Positionen muss man ziehen und halten, wenn eine Gemeinschaft intakt bleiben will. Wenn eine Kirche bei dem bleiben soll, was ihr Jesus Christus aufgetragen hat.
Das heißt nicht, dass man immer genau bei den Worten bleiben muss, mit den beispielsweise vor 1700 Jahren dieser Auftrag gedeutet wurde. Das hat schon die Alte Kirche nicht getan. Wie schon erwähnt, hat man bereits 56 Jahre nach dem Konzil von Nizäa den Text des dortigen Glaubensbekenntnisses auf das Nicäno-Konstantinopolitanum erweitert. Und es folgten nicht nur fünf weitere ökumenische Konzilien, sondern auch weitere Glaubensbekenntnisse.

Immer wieder haben Christen und Christinnen in der Kirche darum gerungen, mit welchen Worten sie ihren gemeinsamen Glauben zusammen formulieren können. Es ist nicht einfach, das alte Bekenntnis mit neuen Worten auszudrücken. Gerade, wenn wir noch keine bessere Sprache haben, können wir uns beim Bekennen unseres Glaubens aber von alten Bekenntnistexten helfen lassen. Und weil das Nizänum ein so kluger theologischer Kompromiss auf biblischer Basis ist, lohnt es sich, es immer mal wieder zu sprechen. Auch dann, wenn nicht alle alles verstehen. Aber vielleicht, wenn man einen Text immer mal wieder spricht, eröffnen sich Chancen, ihm näher zu kommen. Und damit dem Verständnis dessen, was wir jeden Sonntag hier in Martini-Gadderbaum im Gottes-Dienst feiern.

Amen.

Nizänisches Glaubensbekenntnis EG RWL 854

Wir glauben an den einen Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
der alles geschaffen hat, Himmel und Erde,
die sichtbare und die unsichtbare Welt.
Und an den einen Herrn Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott, Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.
Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen,
hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist
von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.
Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus,
hat gelitten und ist begraben worden,
ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift
und aufgefahren in den Himmel.
Er sitzt zur Rechten des Vaters
und wird wiederkommen in Herrlichkeit,
zu richten die Lebenden und die Toten;
seiner Herrschaft wird kein Ende sein.
Wir glauben an den Heiligen Geist,
der Herr ist und lebendig macht,
der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht,
der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird,
der gesprochen hat durch die Propheten,
und die eine, heilige, christliche und apostolische Kirche.
Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.
Wir erwarten die Auferstehung der Toten
und das Leben der kommenden Welt.
Amen.

Wichtiger Hinweis: Alles, was ich in dieser Predigt über das Konzil und das Glaubensbekenntnis von Nicäa geschrieben habe, habe ich von Prof. Dr. Wolfram Kinzig (Bonn) und Prof. Dr. Christoph Markschies (Berlin) gelernt. Ich empfehle zum Einstieg die Lektüre des ZEIT-Interviews „Es tobte ein Streit um Jesus“ mit Prof. Kinzig und des Vortrags „Nicaea 325 n. Chr. – alte und neue Perspektiven auf ein Konzil und sein Glaubensbekenntnis“ (epd-Dokumentation 18/25) von Prof. Markschies. Alles, was ich Falsches über das Nizänum geschrieben habe, stammt von mir.
Und ich empfehle einen Besuch bei einem Auftritt der Betheler Kabarattgruppe „Ballastwache„.

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Wider die Impfgegner!

Denjenigen, die aus (vermeintlich) christlichen Gründen zu den prinzipiellen Impfgegnern gehören, kann man mit Martin Luthers Schrift „Ob man vor dem Sterben fliehen möge“ von 1527 antworten.
Luther plädiert dort durchgängig für den Gebrauch der von Gott geschenkten Vernunft im Kampf gegen die Pest, um unvernünftiges Verhalten zu verhindern. Zu diesem unvernünftigen Verhalten gehört für ihn auch, unter der Berufung auf das Gottvertrauen unverantwortlich zu handeln.

Einen Abschnitt aus Luther Schrift könnte man heute mit „Wider die Impfgegner“ überschreiben:

„Sie verachten es, Arznei zu nehmen und meiden die Stätten und Personen nicht, die die Pest gehabt haben und von ihr genesen sind. sondern zechen und spielen mit ihnen, wollen damit ihre Kühnheit beweisen. […]

Solches heißt nicht Gott vertrauen, sondern Gott versuchen. Denn Gott hat die Arznei geschaffen und die Vernunft gegeben, dem Leib vorzustehen und ihn zu pflegen, daß er gesund sei und lebe. [….]

Nicht so, meine lieben Freunde, das ist nicht fein getan. Sondern gebrauche die Arznei, nimm zu dir, was dir helfen kann, räuchere Haus, Hof und Gasse, meide auch Personen und Stätten, wo dein Nächster dich nicht braucht.“

(Martin Luther, Ob man vor dem Sterben fliegen möge (1527), in: Martin Luther. Ausgewählte Schriften, hg. v. Karin Bornkamm u. Gerhard Ebeling, Bd. 2: Erneuerung von Frömmigkeit und Theologie, Insel-Verlag Frankfurt 1982, S.225-250, Zitate: S. 241.) 

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Der verhüllte Reichstag und das Küchenradio

Das Küchenradio in meiner Schöneberger Studentenwohnung verkündete krächzend das Ergebnis: 292 von 525 Abgeordneten des Deutschen Bundestags stimmten am 25. Februar 1994 dem Antrag „Verhüllter Reichstag – Projekt für Berlin“ zu. Das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude war kurz davor, ihren seit 1971 gehegten Traum zu verwirklichen, den Berliner Reichstag zu verhüllen. 223 Abgeordnete sprachen sich dagegen aus und auch in Berlin waren die Meinungen geteilt. Ich selbst hatte lange Zeit keinen rechten Zugang zur Kunst Christos gefunden, aber im Zuge der Werbeveranstaltungen im Vorfeld der Abstimmung einen Vortrag von ihm gehört, der mit einer Ausstellung von ersten Entwürfen begleitet wurde. Und hatte einige dieser Bilder einfach nur ästhetisch schön gefunden. Das wiederum hatte mich dafür geöffnet, mich auch inhaltlich näher mit seinem Konzept von Kunst im öffentlichen Raum zu beschäftigen.

Bei seinem Vortrag hatte Christo angekündigt: Wenn das Projekt realisiert wird, können die Berliner mitwirken. Das fand ich spannend und so schrieb ich eine Postkarte an die Reichstagsverwaltung (in Vor-Internet-Zeiten war es nicht so einfach, an Christos eigene Adresse zu kommen…). Nach einiger Zeit erhielt ich eine Antwort vom Projektbüro des Verhüllten Reichstags, ich könnte als „Monitor“ im Bereich Touristenbetreuung und Wachdienste mitwirken, wenn es soweit sei.

Etwas mehr als ein Jahr später war es soweit. Vom 24. Juni bis zum 7. Juli 1995 wurde das Gebäude des Reichstags mit einer silbrig glänzenden Hülle aus aluminiumbedampftem Propylengewebe verhüllt. Und ich war zwei Wochen lang dabei, als kleines Rädchen in einem großen Getriebe. Jeden Tag sechs Stunden: Wechselnd von 11 bis 17, von 17 bis 23, von 23 bis 5 oder von 5 bis 11 Uhr. Unabhängig von Wind und Wetter (das erfreulicherweise je länger, desto sommerlicher wurde). Das Team sollte auf den Reichstag aufpassen, ihn vor Graffiti-Sprayern oder sonstigen Anschlägen schützen, die zu Beginn befürchtet wurden, dann aber doch nicht kamen. So war es unsere Hauptaufgabe, Touristen zu informieren und die 5x5cm großen Gewebestücke zu verteilen, die als Giveaway vorgesehen waren. Zwei Wochen lang umstanden wir den Reichstag, immer mit demselben Teammitgliedern, die an den unterschiedlichsten Punkten ihres Lebens standen und zu diesem einen Punkt zusammengekommen waren. Ein Holländer musste ständig erklären, dass er trotz der Namensgleichheit nicht mit dem Marinus van der Lubbe verwandt war, der 1934 als Mittäter des Reichstagsbrands hingerichtet worden war. Eine Amerikanerin hatte 1991 bei Christos „Umbrella“-Projekt in den USA mitgemacht und war ihm nun nach Berlin hinterhergereist. Die meisten von uns waren Studentinnen und Studenten aus Deutschland.

Im offiziellen Dokumentationsband des „Verhüllten Reichstags“ sind alle Unterstützer und Mitwirkende des Projekts aufgeführt.

Nach jeder Schicht gab es feines Essen im Reichstagspräsidentenpalais an der Ostseite. Christo und Jeanne-Claude waren dort, der Cheforganistor Roland Specker, der Fotograf Wolfgang Volz; der Koch, so hieß es, arbeitete sonst im Golfclub Wannsee. Das war eine willkommene Ergänzung zum insgesamt doch eher taschengeldähnlichen Lohn.
Natürlich waren auch die einen oder anderen Prominenten vor Ort. Der Verleger Florian Langenscheidt hatte sich als „Monitor“ verpflichtet und schob wie alle anderen seine Schichten. Der SPD-Vorsitzende Rudolf Scharping wiederum wurde vom diensthabenden „Monitor“ nicht erkannt, als er sich ohne Ausweis Zutritt zum Reichstagsgebäude verschaffen wollte. Und wer wissen will, was ich mitten in der Nacht mit dem Schauspieler und Regisseur Dani Levy erlebte, kann sich Folge 11 des Podcasts „Irgendwas dazwischen“ anhören.

Manche der insgesamt 1200 „Monitore“ machten weitere Kasse, indem sie die originalsignierten Drucke oder T-Shirts verkauften, die wir von Christo und Jeanne-Claude bekamen. Eine Frau aus meinem Team bekam 3.000 DM für ihr Shirt.

Aber darum ging es eigentlich nicht. Es ging um das Bewusstsein, an einem großen Kunstprojekt mitgewirkt zu haben (ja, Joseph Beuys hat Recht: „Jeder Mensch ist ein Künstler“), das 5 Millionen Zuschauer nach Berlin zog. Es ging um die Lust, mitten in einem mehrwöchigen und friedlichenVolksfest dabei gewesen zu sein, das elf Jahre vor der Fußball-WM ein ganz besonderes „Sommermärchen“ war. Es ging um eine veränderte Sicht auf ein politisches Gebäude, das eine höchst komplexe Vergangenheit und eine ungewisse Zukunft hatte. Und es ging um Schönheit.

Und das war und ist umstritten: Darf moderne Kunst einfach nur schön sein, oder genauer: als schön empfunden werden? Ich finde keinen Grund, warum sie es nicht darf. Ich finde Schönheit schön. Oder darf ich das nicht?
In den Kulturheologischen Leitfragen der Evangelischen Kirche von Westfalen (2019) wird diese Frage so gestellt und beantwortet:

„Wer entscheidet, was schön ist und was nicht?
Zuerst und zuletzt: dein eigenes Empfinden. Um Immanuel Kant zu variieren: Habe den Mut, dich deines eigenen Geschmacks zu bedienen. Denn erst das Geschmacksurteil, so Kant, ist das wirklich freie Urteil: Gerade weil es „kein Erkenntnisurteil, mithin nicht logisch, sondern ästhetisch“ ist, kann es „nicht anders als subjektiv sein“, und gerade weil es vollkommen subjektiv ist, ist es frei. Natürlich gibt es, will man Kunst von Kunst unterscheiden, ästhetische Kriterien: Man kann nach der Durchgestaltung eines Werkes fragen, nach Maßstäblichkeit und technischem Vermögen, nach Originalität und Reflexivität im Blick auf das, was vorher war und andere schufen, man kann danach fragen, ob ein Werk einlädt oder sich verschließt, ob es sich ausdeuten lässt oder etwas zurück behält, ob es raunt oder spricht, geradlinig ist oder verwickelt, eingängig oder verworren, hölzern oder beseelt, geistlos oder geheimnisvoll, ob ein Plot ungelenk ist oder verblüffend, eine Figur komplex oder plump, eine Pointe überraschend oder absehbar, ob eine Melodie schal ist oder einleuchtend, eine Harmonie gefällig oder wundersam, ein Rhythmus animiert oder befiehlt und so weiter: Wo ein Kriterium ist, ist auch sein Gegenteil, wo Tiefsinn herrscht, zählt Aufmachung, wo Einmaligkeit zählt, gilt Serialität, wo das Gesetz der Serie gilt, punktet die Unterbrechung, wo Klassik punktet, zählt Punk, und jetzt wieder Kant: Jedes ästhetische Urteil, schrieb er, habe seinen Bestimmungsgrund in einer Empfindung, „die mit dem Gefühle der Lust und Unlust unmittelbar verbunden ist“. Und das ist biblisch gedacht: Bereits der Apfel am Baum der Erkenntnis war eine Lust für die Augenund deshalb verlockend, weil er klug machte. Lustgefühle sind ein paradiesisches Erbe, sie versprechen Geist. Auch Unlustgefühle drängen darauf, klüger zu machen – unvermittelt geweckt, teilen sie sich unvermittelt mit, mimisch, akustisch, körpersprachlich, und schon lässt sich über Geschmack wie über nichts anderes streiten. Es ist ein Streit unterm Baum der Erkenntnis: Wo immer es um Wahrheit geht, geht es zuerst (und womöglich auch zuletzt) um ein ästhetisches Empfinden. Wenn aber, müssen wir lernen, über Geschmack zu streiten, wir müssen lernen, einen Geschmack für Demokratie zu entwickeln, es ist dringend: Auch die Ästheten der Barbarei haben ein Geschmacksurteil gefällt, auch sie entscheiden subjektiv und frei aus ihrem eigenen Vermögen.“

Also entscheide ich mich dafür, den Verhüllten Reichstag weiterhin schön zu finden. Wer will, kann ja mit mir darüber streiten.

Auch diese Frage ist umstritten: Darf moderne Kunst populär sein? Ist es nicht geradezu ein Zeichen, dass etwas keine Kunst ist, wenn es populär ist? Schnell kam und kommt der Kitschverdacht auf. „Das ist trivial“ – schallte und schallt es vorwurfsvoll aus der Avantgardisten-Ecke.
Hier ist mir die EKD-Kulturdenkschrift „Räume der Begegnung“ (2002) wichtig geworden, die interessante Gedanken zum Trivialen formuliert:
„Das Triviale stiftet Gemeinschaft und begleitet die Menschen durch ihren Alltag, es nimmt sie in ihrem Bedürfnis nach Nähe und Entdifferenzierung ernst. In der Art und Weise, wie das Triviale emotional wirkt, ist es der Religion viel näher, als man auf den ersten Blick annehmen möchte. Das Triviale weiß um diese Nähe: Es ist reich an religiösen Metaphern; kirchliche Inszenierungen und Rituale gehören selbstverständlich in sein Repertoire. Umgekehrt könnte der Umgang mit dem Trivialen auch für die Religion Gewinn bringen, weil sie hier etwas darüber erfährt, wie Menschen sich emotional berühren lassen und wie Sicherheit beim Gebrauch von Metaphern und Ritualen entsteht.“
In diesem Sinne kann der „Verhüllte Reichstag“ von Christo und Jeanne-Claude meinetwegen gerne trivial sein: Er hat Gemeinschaft und Nähe gestiftet, indem er einen Raum der Begegnung geschaffen hat. Er hat Menschen emotional berührt.
Und er hat religiöse Metaphern genutzt, die ich biographisch nachvollziehen kann: Das Austeilen der oblatengroßen Gewebestücke durch den „Monitor“ (1995) ist voll von Analogien zum Austeilen des Brots beim Abendmahl durch den Vikar (ab 1997) und Pfarrer (ab 2000). Ein symbolischer – und doch nicht nur symbolischer, sondern ganz konkret materieller – Anteil an dem großen Geschehen, auf das es verweist. Manchmal wünsche ich mir dann als Theologe, die Abendmahlsteilnehmer in der Kirche heute würden sich mit der gleichen Emotionaliät und Sehnsucht über die Abendmahlsoblaten freuen wie seinerzeit die Touristen über die Gewebestücke des Verhüllten Reichstags. Auch wenn vermutlich die meisten dieser „Stofffetzen“ inzwischen im Müll entsorgt wurden oder in den hinteren Ecken unbenutzter Schubladen vor sich hin stauben…

Bei mir blieb die Begeisterung für Christo und seine Kunst. Allerdings habe ich mir nur eines seiner weiteren Projekte vor Ort anschauen können: Die Mauer aus 13.000 Ölfässern im Gasometer Oberhausen. Die anderen Projekte habe ich nur durch die Medien vermittelt bekommen. Und mit der Zeit wanderten die von ihm signierten Drucke von der Wohnzimmerwand ins Dachgeschoss.

Doch als am 31. Mai 2020 die Nachricht vom Tod Christos als Eilmeldung durch die Presse ging und er später dort ausführlich gewürdigt wurde, war jener Sommer 1995 in Berlin wieder voll und ganz präsent, den die Nachricht aus dem Küchenradio in der Studentenwohnung angekündigt hatte.

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Irgendwas dazwischen

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