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Sieben Jahrhunderte Christentumsgeschichte

Rezension von:
Wolf-Friedrich Schäufele, Kirchengeschichte II: Vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart (Lehrwerk Evangelische Theologie 4), Leipzig Evangelische Verlagsanstalt 2021. 568 Seiten, gebunden, ISBN 9783374954848; 48,00€

Erneut liegt ein Band aus der gelungenen Reihe „Lehrwerk Evangelische Theologie“ vor, der auf „eine Leserschaft, die Freude an theologischer Bildung hat“ (V) zielt. Der Marburger Kirchenhistoriker Wolf-Friedrich Schäufele zeichnet mit „Kirchengeschichte II: Vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart“ die letzten 700 Jahre Christentumsgeschichte nach.

Wissend, dass Kirchengeschichte nicht immer den besten Ruf hat, betont Schäufele in seinem konzisen Vorwort, dass das Verständnis für die Zusammenhänge wichtiger sei als Detail- und Datenwissen. Denn die Aufgabe der Kirchengeschichte sei es, verständlich zu machen, welche Transformationen und Neukonfigurationen dazu beitragen haben, dass „das Christentum, eine vor zwei Jahrtausenden im Vorderen Orient entstandene Religion, noch heute im 21. Jahrhundert […] von einer Mehrheit der Weltbevölkerung als ein plausibles Angebot der Welt- und Selbstdeutung, der Sinnstiftung und der moralischen Orientierung empfunden wird“ (XVII). Dabei sei im vorliegenden Band eine Konzentration auf Europa und Deutschland sinnvoll, um „angehenden Pfarrerinnen und Pfarrern und Religionslehrerinnen und Religionslehrern ein historisch begründetes Verständnis eben jener Gestalt des Christentums zu erschließen, mit der sie in ihrem Wirkungskreis aktuell konfrontiert sind und für die sie in ihrem Amt einzustehen haben“ (XVIII).

Die Einteilung in Zeitabschnitte ist etwas kleinschrittiger als üblich, aber einleuchtend. Im 1. Kapitel „Kirche und Theologie im Spätmittelalter (1294-1517)“ wird deutlich, dass auch diese Zeit mit ihren gesellschaftlichen, kirchenpolitischen und theologischen Entwicklungen zur Geschichte der evangelischen Kirche gehört. Ein Schwerpunkt liegt aber auf dem 16. Jahrhundert, das im 2. Kapitel „Die Reformation im deutschsprachigen Raum (1517-155), im 3. Kapitel „Die Reformation in Westeuropa (1520-1648)“ und im 4. Kapitel „Kirche und Theologie im Konfessionellen Zeitalter (1555-1648)“ behandelt wird. Als Westfale mag man die wenigen Zeilen zum Täuferreich in Münster (vgl. 103) zu kurz finden, aber angesichts des Anspruchs, die großen Linien und nicht die kleinen Details zu beachten, steht eine solche Anfrage wieder etwas zurück. Und die Zusammenfassung der Zusammenhänge gelingt Schäufele hier durchweg, beispielsweise in der Charakterisierung des Protestantismus als neuen Grundtyp des Christentums: „Charakteristisch dafür ist die Aufhebung der Unterscheidung von Klerus und Laien und die daraus resultierende Ausschaltung der sakramentalen priesterlichen Heilsvermittlung sowie die konsequente Individualisierung der religiösen Existenz im Sinne einer Gottunmittelbarkeit jedes einzelnen Gläubigen.“ (569)

Im 5. Kapitel „Kirche und Theologie im Zeitalter von Pietismus und Aufklärung (1648-1789)“ betont Schäufele das Verbindende dieser Bewegungen: erstens die Betonung des subjektiven Wahrheitsbewusstseins, zweitens die Orthopraxie statt der Orthodoxie und drittens die Abkehr von der polemischen Kontroverstheologie. Das wird deutlich gemacht durch den Abdruck eines sprechenden Bildes aus Johann Arndts „Vom Wahren Christentum“ (227); man hätte sich noch mehr solcher Abbildungen in diesem Lehrbuch gewünscht. Aber der Westfale wird gleich wieder durch die ausführliche Darstellung des Wittgensteiner Radikalpietismus (vgl. 263-265) versöhnt. In der Einleitung zum 6. Kapitel „Kirche und Theologie im langen 19. Jahrhundert (1789-1918)“ betont Schäufele zu Recht: „Vieles von dem, was für unsere Lebensweise und unser Lebensgefühl heute selbstverständlich erscheint, ist erst im 19. Jahrhundert unter teilweise heftigen Verwerfungen errungen worden“ (298). Diese Erkenntnis kann gerade in den heutigen kirchlichen Umbrüchen kaum genug betont werden: Die jetzige Gestalt der Kirche geht eben überwiegend nicht auf Reformation und Urchristentum zurück, sondern auf das 19. Jahrhundert. Gerade in diesem Kapitel überzeugt die Reihenfolge der behandelten Themen: Zunächst die Politik, dann der Bereich Wirtschaft/Soziales, folgend die geistigen Umwälzungen und erst dann die Auswirkungen auf Christentum und Kirche. So tritt die Kirchengeschichte der Illusion entgegen, „als habe es die Theologie nur mit Theologie zu tun“ (Gerhard Ebeling). Auf das „lange“ 19. Jahrhundert folgt im 7. Kapitel „Kirche und Theologie im kurzen 20. Jahrhundert (1918-1990)“. Ob das Engagement von Kurt Gerstein wirklich „befremdlich“ (430) war und der Einfluss der 68er-Bewegung auf die evangelische Kirche wirklich „gering blieb“ (454), kann man fragen. Aber damit wäre man schon wieder im Bereich der Details und nicht in den Zusammenhängen, die auch für die Kirchliche Zeitgeschichte überzeugend dargestellt werden. Etwas angehängt wirkt das Unterkapitel 7.12 „Christsein in der Ökumene“, besonders der Exkurs 7.12.5 „Zur Geschichte der Ostkirchen in der Neuzeit“. Hier wäre eine bessere Synchronisation innerhalb der Lehrwerk-Reihe mit Ulrich Körtners Ökumenischer Kirchenkunde denkbar gewesen.

„Ein Wort zum Schluss“ bildet das 8. Kapitel; dort beobachtet Schäufele gegenwärtige Trends und kommt zu dem Schluss, die Geschichte der kirchlichen Transformationen werde fortgesetzt werden müssen: „Die hergebrachten volkskirchlichen Strukturen werden neuen Modellen weichen müssen […]. Innovative Lösungen sind gefragt“ (504). Doch er ist gerade nach dem Rückblick auf die letzten 7 Jahrhunderte überzeugt, dass dies den christlichen Kirchen mit der Hilfe Gottes auch zukünftig gelingen werde.

erscheint demnächst im Kirchlichen Amtsblatt der EKvW

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