Predigt am 2. August 2026 im Rahmen der Sommerpredigtreihe „Auf dem Weg“ der Evangelischen Kirchengemeinde Haltern im Blauen Klassenzimmer an der Stever
Gewidmet meinem Lehrer Francis E. Ringer + am Lancaster Theological Seminary, inspiriert durch sein Buch: Becoming People of the Way: Intentional Christianity
Lesung
Apostelgeschichte 9, 1-9. 17-19a (Zürcher Bibel)
1Saulus aber schnaubte noch immer Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn. Er ging zum Hohen Priester 2und bat ihn um Briefe an die Synagogen in Damaskus, dass er, wenn er Anhänger dieses neuen Weges dort finde – Männer und auch Frauen -, sie gefesselt nach Jerusalem bringen solle. 3Als er unterwegs war, geschah es, dass er in die Nähe von Damaskus kam, und plötzlich umstrahlte ihn ein Licht vom Himmel; 4er stürzte zu Boden und hörte eine Stimme zu ihm sagen: Saul, Saul, was verfolgst du mich? 5Er aber sprach: Wer bist du, Herr? Und er antwortete: Ich bin Jesus, den du verfolgst. 6Doch steh auf und geh in die Stadt, und es wird dir gesagt werden, was du tun sollst. 7Die Männer aber, die mit ihm unterwegs waren, standen sprachlos da; sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemanden. 8Da erhob sich Saulus vom Boden; doch als er die Augen öffnete, konnte er nicht mehr sehen. Sie mussten ihn bei der Hand nehmen und führten ihn nach Damaskus. 9Und drei Tage lang konnte er nicht sehen, und er aß nicht und trank nicht.
17Da machte sich Ananias auf und ging in das Haus hinein, legte ihm die Hände auf und sprach: Saul, mein Bruder, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir erschienen ist auf dem Weg, den du gekommen bist: Du sollst wieder sehen und erfüllt werden von heiligem Geist! 18Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, und er sah wieder; und er stand auf und ließ sich taufen. 19aUnd er nahm Speise zu sich und kam wieder zu Kräften.
Predigt
Liebe Gemeinde!
„Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, / nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, / nicht ein Sein, sondern ein Werden, / nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. / Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. / Es ist noch nicht getan oder geschehen, / es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, / es ist aber der Weg.“ Das stammt von Martin Luther. Er hat es 1520 geschrieben, als er seine neue Lehre gegen die Angriffe des Papstes verteidigen musste. (Martin Luther, aus: Grund und Ursach aller Aritkel D. Martin Luthers, so durch römische Bulle unrechtlich verdammt, 1520)
Luther wusste, dass er neue Wege eingeschlagen hatte. Selber denken, selber glauben. Nicht an alten Traditionen festhalten, nur weil es alte Traditionen sind. Organisationsformen und Rituale daraufhin überprüfen, ob sie der ursprünglichen Botschaft entsprechen. Und ob sie die Menschen in ihrer jeweiligen Zeit erreichen und ihnen hilfreich sind.
Aber Luther war kein Revoluzzer, sondern ein Reformator, also ein Reformer. Er war überzeugt, dass es zwar neue Formen brauchte, aber keine neue Botschaft. Keine neue Botschaft, sondern die alte Botschaft der Bibel. Kein neuer Gott, sondern der Gott Israels. Der Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat. Wie in so vielem fühlte er sich dem Apostel Paulus nah. Wir haben eben in der Lesung gehört, wie der zu Jesus gekommen ist und damit zu einem neuen Weg zum Gott seiner Mütter und Väter.Als Paulus dann vom Verfolger zum Verfolgten wurde, verteidigte er sich vor dem römischen Statthalter (Apg 24,14-16, Zürcher Bibel): „Dies allerdings bekenne ich vor dir, dass ich dem Gott meiner Väter nach dem neuen Weg – den sie eine Sekte nennen – diene, indem ich in allem auf das vertraue, was im Gesetz und in den Propheten geschrieben steht, 15und die gleiche Hoffnung, die auch diese hier teilen, auf Gott setze: dass es nämlich zu einer Auferstehung für Gerechte und Ungerechte kommen wird. 16Darum übe auch ich mich darin, allezeit ein unangefochtenes Gewissen zu haben vor Gott und den Menschen.“
Paulus hat sich dem neuen Weg angeschlossen, sich auf den Weg gemacht. Aber er weiß auch, dass er noch lange nicht am Ziel ist. Er übt sich aber, strengt sich an, bemüht sich. Das ist wie beim Sport: Ohne Training wird das nichts. Ein Sportler darf sich nicht auf dem Stand ausruhen, den er einmal erreicht hat. Er muss in Bewegung bleiben.
Oder, wie Paulus es an die Gemeinde in Philippi schreibt:
Lesung von Philipper 3,12-15 (Zürcher Bibel): „Nicht dass ich es schon erlangt hätte oder schon vollkommen wäre! Ich jage ihm aber nach, und vielleicht ergreife ich es, da auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Liebe Brüder und Schwestern, ich bilde mir nicht ein, dass ich selbst es ergriffen hätte, eins aber tue ich: Was zurückliegt, vergesse ich und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt. Ich richte meinen Lauf auf das Ziel aus, um den Siegespreis zu erringen, der unserer himmlischen Berufung durch Gott in Christus Jesus verheißen ist. Wir alle, die wir nun vollkommen sein möchten, sollen dies bedenken! Falls ihr anderer Ansicht seid, so wird euch Gott auch darüber Klarheit verschaffen. Doch: Was wir erreicht haben, an dem wollen wir uns auch ausrichten!“
Das ist ein gesunder Realismus: Ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon erlangt oder ergriffen hätte. Ich weiß ganz genau, dass ich nicht vollkommen oder perfekt bin. Aber ich lasse mich davon nicht unterkriegen. Ich mache weiter. Jesus Christus hat mich ergriffen, deshalb weiß ich, was ich für ein Ziel habe. Ich weiß, wohin die Reise geht. Aber wie ich da hin komme, das wird sich erst auf dem Weg zeigen. Deshalb machte ich mich auf den Weg, auf den neuen Weg. Und zwar nicht bummelig-langsam, sondern ich laufe, renne, sprinte. Und ihr, liebe Philipper, ihr solltet das auch tun.
Und weil Martin Luther seinen Paulus gelesen hatte, kannte er diese Worte, kannte er diese Haltung. Das Zitat, das ich am Anfang der Predigt von ihm vorgelesen habe, war seine Auslegung von Philipper 3:<
„Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.“
Diese Worte stehen auf der Rückseite der Martin-Luther-Medaille, die die Evangelische Kirche in Deutschland in der Reformationsdekade engagierten Christinnen und Christen verliehen hat. Richard von Weizsäcker, der Kirchentagspräsident war, bevor er Bundespräsident wurde. Barbara Lambrecht-Schadeberg, die als Unternehmerin evangelische Schulen in ganz Deutschland finanziell unterstützt hat. Oder Klaus-Peter Hertzsch, der ostdeutsche Theologe und Liederdichter – von ihm stammt das Lied „Vertraut den neuen Wegen“, das wir gleich nach der Predigt singen werden.
Mit der Martin-Luther-Medaille wollte die EKD zeigen: Kirchliches Engagement darf nicht als Selbstverständlichkeit angesehen werden und sollte entsprechend gewürdigt werden. Und mit dem Zitat auf der Rückseite wollte sie deutlich machen: Wer sich in Kirche und Gesellschaft engagiert, weiß darum, dass er noch lange nicht am Ziel ist, dass vieles im Gang und im Schwang ist, aber noch nicht umgesetzt. Für dieses Engagement braucht es die Ermutigung: „Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber.“ Das gibt Kraft zum Weitermachen.
Ob in der Kirche, in der Politik oder in der Bildung: das Leben ist „nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden“. Wer in der Bildung mit Kindern, Jugendlichen und Studierenden zu tun hat, weiß um die tiefe Weisheit von Luthers Worten: „Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang.“ Wer versucht, Politik aus christlichen Grundsätzen heraus so zu gestalten, dass sie für die Menschen gut ist, der braucht die Ermutigung: „Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber“.
Von Paulus über Martin Luther zur EKD. Und dann weiter nach Haltern. Wie ist das mit uns?
Dass wir uns auf unsere Gesundheit nicht verlassen können, dass merken viele von uns jeden Tag, den wir älter werden. Dass wir uns unserer Frömmigkeit nicht sicher sein können, das auch. Was wir gestern noch fest geglaubt haben, daran zweifeln wir heute oft. In unseren Familien ist vieles „im Gang und im Schwang“. Ich als Vater muss mich immer wieder neu darauf einstellen, dass meine drei Kinder sich verändern. Das ist nicht immer so einfach, auch wenn ich weiß, dass es notwendig ist.
Aber auch gesellschaftlich ist so vieles im Werden, so vieles heute anders als noch gestern. Mit all den Veränderungen mitzukommen, das ist anstrengend. Geht mir zumindest so. Ihnen vielleicht auch.
Ein bisschen hilft es mir da, wenn ich merke: Das liegt nicht an nur mir. Das liegt auch nicht nur an unserer heutigen Zeit. Das war schon bei Luther so. Das war schon bei Paulus so. So sind wir Menschen. Das Leben ist so. Immer schon gewesen.
Und es hilft mir, wenn ich verstehe: Christ-Sein heißt Auf-dem-Weg-Sein. Von Anfang an und bis heute: Wir sind die „Menschen des Wegs“. Veränderung liegt in der christlichen DNA.
Und auf dieser Veränderung liegt eine Verheißung. Paulus hat Christus noch nicht ergriffen, aber Christus hat ihn ergriffen. Luther weiß: Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Mein eigener Konfirmationsspruch, den ich 1981 im Gemeindezentrum in Lippramsdorf von Pfarrer Rolf Sonnemann zugesprochen bekam, lautet: „Der Herr, Dein Gott, ist mit dir in allem was Du tun wirst“ (Josua 1,9, Luther84). Und noch genauer übersetzt: „Der Herr, Dein Gott, ist mit dir überall wohin du gehst.“
Ich bin nicht allein auf dem Weg. Ich habe Menschen, die mit mir gehen. Und ich habe die Zusage meines Gottes, dass er mit mir geht. Ich bin nicht am Ziel, aber ich werde an das Ziel kommen. Dabei will ich Weg und Ziel nicht verwechseln. Wenn ich auf dem Weg bin, bin ich noch nicht am Ziel. Ich nehme den Weg als Weg ernst. Aber der Weg ist nicht das Ziel. Es ist wie beim Bergsteigen: Auf dem Weg zum Gipfel gibt es wunderschöne Passagen. Und anstrengende. Das alles mache ich, weil ich auf den Gipfel will. Von dort hat man die beste Aussicht. Dort habe ich mein Ziel erreicht. Und bis ich da bin, kümmere ich mich um den Weg und achte darauf, dass ich ihn gut bewältige. Mit denen zusammen, die mit mir auf dem Weg sind. Mit meinen Mitmenschen. Und mit Gott.
Hier könnte meine Predigt enden. Aber ich will noch eine Bemerkung zum Schluss machen.
Ich bin überzeugt, dass all das, was ich gesagt habe, nicht nur auf mich als individuellen Christen, auf Sie als einzelne Christinnen und Christen zutrifft, sondern auch auf uns als evangelische Kirche als Institution.
Vieles in den evangelischen Kirchen in Niedersachsen ist in Bewegung – genauso übrigens bei der Evangelischen Kirche von Westfalen. Und auch in Haltern gibt es einen Strukturprozess, um die Zukunft mitgestalten zu können, bevor sie Sie überrollt. Viele Herausforderungen stehen an: Sinkende Mitgliederzahlen, reduzierte finanzielle Mittel, Vertrauensverlust durch die Missbrauchskrise, weniger hauptamtliches Personal, Klimaneutralität und alles, was damit zusammenhängt. Wir alle merken: Veränderung ist notwendig. Auch unsere gemeindlichen Strukturen sind „nicht ein Sein, sondern ein Werden“. Auch wir in Niedersachsen und in Westfalen sind nicht fromm, sondern wir werden es erst noch. Das gilt auch für Haltern. Hier wird es ganz konkret. Manche zukünftigen Strukturen sind noch nicht geklärt: Welche Gebäude werden Sie behalten? Welche werden Sie umbauen, umnutzen oder sogar verkaufen? Mit welchem hauptamtlichen Personal werden Sie arbeiten, welche Ehrenamtlichen werden welche Aufgaben übernehmen? Alles noch nicht abschließend geklärt. Aber ich bin sicher, dass es im Presbyterium und in dieser Kirchengemeinde Menschen gibt, die sich dafür engagieren, dass es geklärt wird. Denn: Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Unsere Zukunftsplanung ist nicht perfekt oder wie Paulus sagt: Wir haben’s noch nicht erlangt und sind nicht vollkommen.
„Wir sind’s noch nicht.“ Doch ich bin überzeugt: „wir werden’s aber. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.“ Machen wir uns in Niedersachsen und Westfalen auf den Weg, machen Sie sich in Haltern auf den Weg. Bleiben wir als Christinnen und Christen Menschen des Wegs.
Amen.
Lied: Vertraut den neuen Wegen

