Kategorien
Kirchliches

„Ein feste Burg“ in Zeiten von Corona

Reformationsandacht des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche von Westfalen am 3. November 2020 in der Alstädter Nicolaikirche Bielefeld

„trotzdem tröstlich“ – so hatte der Evangelische Kirchenkreis Hagen im Herbst 2020 auf Bannern die protestantische Botschaft in Zeiten von Corona plakatiert.
#keinebange – mit dieser Message ging die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste der EKD zur gleichen Zeit ins Netz.
Und unter diesem Motto las ich die ausgezeichnete Predigt von Doris Gräb zum Reformationstag 2017. Und konnte vieles davon mir mit Dank leicht überabeitet, gekürzt und aktualisiert zu eigen machen. Aber es hat sich gezeigt: Auch in der aktuellen Krise kann die ganz alte Botschaft der Reformation sehr tröstlich sein.

Liebe LKA-Gemeinde!

„Ein feste Burg ist unser Gott“. – Dieses Lied gehört schon immer zum Reformationstag. Es gehört zum Reformationstag – und, noch mehr sogar, es gehört zu unserer evangelischen Identität. Wahrscheinlich mehr noch als die 95 Thesen, die Luther vor 502 Jahren an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angebracht hat.

Ich bin evangelisch. Wir sind evangelisch. Und so das ist unser Lied, seit damals – bis heute.

Damals, Luther hat dieses Lied 1527 geschrieben, – da war nach dem Thesenanschlag im Jahr 1517 ein ganzes Jahrzehnt ins Land gegangen. Viel war geschehen, was Martin Luther so nicht vorausgesehen hatte: Der Kampf gegen Rom; die Standhaftigkeit vor dem Kaiser und den Fürsten. Die Flucht auf die Wartburg. Der Streit ums Abendmahl. Schon wieder der Streit um die rechte Lehre, jetzt unter seinen Schülern.

Und dann wütet zu all dem auch noch die Pest in Wittenberg. Familie Luther öffnet ihr Haus für Freunde und Schüler, pflegt Kranke, muss Frauen und Kinder zu Grabe tragen.

In seiner Schrift „Ob man vorm Sterben fliegen möge“ begründet Luther, warum er das tut. Hören Sie genau zu, das klingt erstaunlich modern: „Wenn Gott tödliche Seuchen schickt, will ich Gott bitten, gnädig zu sein und der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen, Ort meiden, wo man mich nicht braucht damit ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werden.
Wenn mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und Gott nicht versucht.“

Da ist alles drin, woran wir heute denken, wenn der Corona-Virus unsere Gegenwart bestimmt: Viel Lüften. Vernünftiges Verhalten. Abstand halten. Homeoffice. Intensivstationen. Seelsorge in Altenheimen. Erstaunlich modern, dieser Reformator.

Aber Luther ist eben nicht nur der Glaubensheld, von dem wir heute einfach nur zu lernen brauchen. In einem Brief an seinen Freund Nikolaus von Amsdorf schreibt er am 1. November 1527, dass ihm ganz und gar nicht heldenhaft zumute ist: „Draußen sind Kämpfe, inwendig Schrecken, und zwar herbe; auswendig Streit – inwendig Furcht.“

Auch das kennen wir heute: Den Streit zwischen den „Covidioten“, also den Coronaleugnern, und den „Schlafschafen“, also denen, die Corona ernst nehmen.

Und da sehe ich Luther in seiner Studierstube sitzen, von all dem unmittelbar erlebten Leid, von grundlegenden Zweifeln und Depressionen durchgeschüttelt und angefochten. Und er fragt sich: was kann mir jetzt noch helfen? Wo finde ich Hoffnung und Zuversicht? Wo ist ein Ort, zu dem ich fliehen kann?

Er liest in den Psalmen, liest den 46. Psalm, wo es heißt:
„Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken“.

Und er erinnert sich an die Wartburg. Dort, hinter den trutzigen Mauern, hatte er 1521 Schutz gefunden, vor dem Zugriff des Kaisers. Große Hilfe in äußerster Gefahr.

Dem 46. Psalm gibt er diese Überschrift „Ein feste Burg ist unser Gott“ – Und dann schreibt er das Lied, sein Lied, sein Bekenntnis.

„Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen“. Und dazu auch die Melodie, die gar nicht depressiv und schwer, sondern eher leicht und bewegt daher kommt, wenn auch keinesfalls jubelnd oder gar triumphal. Schade, dass wir sie nicht singen können.

Ein feste Burg ist unser Gott – ja, aber eben doch ganz anders als die trutzigen, meterdicken Mauern der Wartburg mit ihren Zinnen und Türmen.

Nein, da schreibt doch einer, der von Ängsten gequält, von Zweifeln übermannt ist, von Depressionen geschüttelt. Eher leise, und nicht triumphierend dringt es an unser Ohr:

Dennoch, trotz allem, trotzdem tröstlich, keine Bange: „Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr…..“ Auch dann noch: Gott wie eine Burg. Wie eine letzte Zuflucht, wenn alles ins Wanken gerät. Dennoch brauchst du dich nicht zu fürchten!

Ein Trostlied, auch für uns heute, im zweiten Corona-Lockdown, auch wenn es „nur“ ein Lockdown light ist. In all den ambivalenten, widersprüchlichen Erfahrungen des Lebens, auch  noch in abgrundtiefer Angst und bitterer Not kann ich dessen gewiss sein: da ist einer, der mich hält, der mich nicht ins Bodenlose sinken lässt, der mich mit seinem Schutz umgibt: Ein feste Burg ist mein, ist unser Gott. Darauf kann ich vertrauen, im Leben und im Sterben.

Aus Gottes Gnade und durch seine Liebe bin ich, Martin Luther, bin ich, Vicco von Bülow, ein freier Mensch – befreit zu einem Leben, das sich, was auch immer geschehen mag, in Gott, der festen Burg, gegründet und geborgen weiß.

Ich, Martin Luther, ich, Vicco von Bülow, ich armer, elender, sündiger Mensch, ich verdanke mein Leben der Gnade und Liebe Gottes. Getragen von dieser Liebe bin ich in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes entlassen – und darf mein Leben in dieser Freiheit selbstbestimmt und selbstbewusst führen.

Natürlich: Martin Luther selbst ist das beste Beispiel dafür, dass ein Leben in Freiheit nicht nur immer leicht und gradlinig verläuft. Freiheit führt in Konflikte und auch in Streit, weil sie doch die Vielfalt der Meinungen und Positionen zur Folge hat. Und auch heute sehen wir die Vielfalt der Meinungen, wie wir uns als Kirche und als Gesellschaft richtig in dieser Krise verhalten sollen. Manchmal erschrecke ich richtig, wenn ich sehe, wie hart da die Gegensätze sind.

„Draußen sind Kämpfe, inwendig Schrecken und zwar herbe, auswendig Streit – inwendig Furcht“ – ja, immer noch, gerade in einem zur Freiheit befreiten Gotteskind.

Das Leben mit all seinen unterschiedlichsten Erfahrungen bleibt ambivalent; die im Glauben an Gott gegründete Existenz angefochten und alles andere als siegesgewiss. Dass Gott allein in unserem widersprüchlichen Leben unsere feste Burg ist, dessen müssen wir uns immer wieder neu vergewissern.

Das müssen wir immer neu glauben lernen. Aber das können wir auch glauben. Glauben heißt eben nicht „nicht wissen“. Sondern Glauben heißt vertrauen. Gerade in dieser Zeit können wir auf Gott vertrauen. Und das ist trotzdem tröstlich. Keine Bange.

Amen.

Ein feste Burg ist unser Gott (Text: Martin Luther)

Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.

Der alt böse Feind mit Ernst er’s jetzt meint,
groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.

Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren;
es streit’ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott,
das Feld muss er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt, wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen.


Das Wort sie sollen lassen stahn und kein’ Dank dazu haben;
er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib:
lass fahren dahin, sie haben’s kein’ Gewinn,
das Reich muss uns doch bleiben.

Kategorien
Kirchliches Musikalisches

The Martin Luther Suite

the martin luther suite – a jazz reformation
NDR Bigband unter der Leitung von Stefan Pfeifer-Galilea
Arrangements: Lucas M. Schmid    –    Komp.: Diverse
Aufführung am 30.10.2014 in der Auferstehungskirche Bad Oeynhausen
im Rahmen von KuK! – Kirche und Kultur des Evangelischen Kirchenkreises Vlotho
Moderation: Vicco von Bülow

Am Anfang war … Blitz und Donner.
Als Martin Luther im Jahr 1505 auf dem Weg nach Erfurt den Ort Stotternheim passierte, brach ein gewaltiges Gewitter los. Die Geschichte erzählt, dass ein Blitz dicht neben Luther einschlug. In Todesangst soll er gerufen haben: „Hilf heilige Anna, ich will ein Mönch werden.“
Die Reformation ist eine Geschichte der Befreiung aus der Angst. Ein Schritt auf dem Weg in die Freiheit.
Luther selbst hat von sich als „Madensack“ gesprochen.
Aber: Wenn man die Wirkung betrachtet, steht Martin Luther im Mittelpunkt der Reformation.
Deshalb ist eine Martin Luther-Suite mehr als angebracht.
Lucas Schmid hat sie komponiert, seinerzeit noch Musiker bei der NDR-Bigband.                                          .

Martin Luther hat einmal gesagt: „Die Musica ist eine schöne und herrliche Gabe Gottes.“ Jazz kannte er nicht. Aber wir werden heute hören, wie a jazz reformation klingt und ich werde ein paar Gedanken zur Verbindung von Musik, von Jazz und von Reformation mit Ihnen teilen.
Auch der Komponist des heutigen Abends hat sich Gedanken zu dieser Verbindung gemacht. Lucas Schmid sagt:
Eine Brücke zu schlagen und die reformatorische Musik in das schöpferische, junge Idiom des Jazz zu transportieren, empfand ich als aufregendes Unterfangen. Wie viele Musikgattun­gen, so ist auch der Jazz aus einem „Schmelztiegelprozeß“ entstanden. Eine der Schmelztiegelbestandteile ist der Gospel, ein Kirchenlied.
Eine andere die Improvisa­tion, in der Kirchenmusik von Organisten über mehrere Jahrhunderte prakti­ziert. Wohl in höchster Vollendung beherrschte Johann Sebastian Bach die Improvisa­tion, seine Bearbeitungen der Luther Choräle für Orgel sind allgemeines Kulturgut.
Den raumfüllenden Klangeindruck einer Orgel auf eine Bigband zu übertragen, lag auf der Hand. Dieses große Ensemble verfügt ebenfalls über eine Fülle von Klangfarben, zudem ist es mit wunderbaren Improvisatoren besetzt. Die Musik von Luther läßt bei der Bearbeitung viel Ausdrucksfreiheit zu. Diese findet man im Jazz wieder, erweitert durch die Soloimprovisation.
Als Musiker der NDR Bigband war mir die Möglichkeit gegeben, die auf Partitur ge­schriebene – stumme – Musik in Klang umzusetzen. Das aufregende Unterfangen kulminiert mit der aufregenden Erfahrung der Aufführung.

1.       STOTTERNHEIM 1505              
Komp./Arr. : Lucas M. Schmid

„Hilf heilige Anna, ich will ein Mönch werden.“ Dieser Satz bestimmt das erste Motiv. Die Zielnote, also die höchste Note, erklingt bei „Mönch“. Luther hielt Wort, er wurde Mönch und nicht Rechtsgelehrter, trotz der Empörung seines Vaters und der Familie.  Am Ende von „Stotternheim 1505“ hört man einen langen tiefen Ton, der das Einstimmen der Mönche beim Chorsingen und damit den Eintritt ins Augustinerkloster andeutet.

Dass Luther in einen Orden in der Tradition des spätantiken Kirchenvaters Augustinus eintrat, hat die weitere theologische Entwicklung mitbestimmt. Martin Luther hat sein Leben als Teil einer religiösen Leistungsgesellschaft gedeutet. Durch eine besondere Intensität religiöser Leistung sollte das Anrecht auf ein gnädiges göttliches Urteil im Endgericht verstärkt werden. Wir wissen, dass Luther als Mönch in Erfurt so viele Sunden bei sich aufzuspüren suchte und beichtete, dass es seinem Beichtvater  Johann von Staupitz zur Last wurde. Ja, er zweifelte, ob es sich wirklich um Sünden handele. Solche Erfahrungen machen heute nur noch Menschen in bestimmten religiösen Milieus, sie sind kein für heutige Mehrheitsfrömmigkeit charakteristisches Verhalten. Uns ist auch das übersteigerte spätmittelalterliche und frühreformatorische Bild von Gott als einem Gerichtsherrn, der wie ein absolutistischer Monarch unumschränkt herrscht, tief problematisch geworden. Es entspricht in seiner Einseitigkeit weder dem, was Jesus von Nazareth über seinen Vater lehrt, noch dem, was viele Passagen des Alten Testaments über den Gott Israels verkünden.
Bedeutsam bis heute ist aber, dass Martin Luther sehr selbstkritisch im Blick auf seinen eigenen Lebensweg formuliert hat, dass sein Ringen um das Heil letzten Endes von purem Egoismus geprägt war. Er erkannte nämlich, dass es ihm insbesondere beim Beichten nicht um Gott, sondern um ihn selbst und seine persönliche Rettung ging. Mit seiner Vorstellung, eine vor Gottes Richterstuhl akzeptable religiöse Leistung erbringen zu können, stellte er sich selbst Gott als eine gleichwertige Größe gegenüber. Gerade eben so, als ob vor einem imaginären Dritten zwei auf derselben Stufe stehende Parteien über ihre Anspruche gegeneinander verhandeln wurden. Als Mönch in der Tradition Augustins wusste Luther aber, dass der Mensch lieber selbst Gott sein will, als zu erkennen, wie wenig perfekt er durch sein Leben stolpert. 
Das Bemühen um die Vergebung der Sünden nennt die christliche Tradition „Buße“.
Am 31.10.1517 (also vor fast 497 Jahren) veröffentliche Martin Luther seine berühmt gewordenen 95 Thesen gegen den Ablass. In der ersten beschreibt er sein Verständnis von Buße: Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht „Tut Buße“ u.s.w. (Matth. 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.
Ein weiterer zentraler Punkt in der Frühgeschichte der Reformation war Luthers Auftritt vor Kaiser und Reich beim Reichstag in Worms am 18. April 1521.
Lange war die Erinnerung daran  durch die Überlieferung geprägt, dass der Reformator seine Rede mit den Worten schloss: „Ich kan nicht anderst, hie stehe ich, Gott helff mir. Amen.“ Damit gab der Reformator vor allem in den nationalen Erinnerungskulturen ein Beispiel für protestantische Standhaftigkeit gegen autoritäre Zumutung. Inzwischen hat sich durchaus die Einsicht im kulturellen Gedächtnis verbreitet, dass Luther seine Wormser Rede höchstwahrscheinlich anders geschlossen hat. Die Erinnerung an diesen authentischen Schluss im Zusammenhang des Jubiläums 2017 ist keine bloße historische Besserwisserei. Sie zeigt vielmehr, dass Luther 1521 erstmals an prominenter Stelle das für die europäische Neuzeit so überaus bedeutsame Thema der Gewissensfreiheit eines Einzelnen gegenüber institutionellen Zwängen prominent zur Geltung brachte. Luther sagte damals: „derhalben ich nicht mag noch will widerrufen, weil wider das gewissen zu handeln, beschwerlich, unheilsam und (ge)ferlich ist. Gott helf mir! Amen.“
Luthers Rede von 1521 war keine feierliche Erklärung der Gewissensfreiheit im modernen Sinne eines allgemeinen Menschenrechts. Er wusste sein Gewissen, wie er selbst kurz vor dem zitierten Schluss seiner Rede sagte, „durch die Worte Gottes gefangen“. Aber er drückte mit seinen Worten seine feste Überzeugung aus, dass weltliche Macht ihre Grenzen an eben diesem Gewissen findet, durch das er selbst sich unmittelbar vor Gott gestellt sah.

2.       NU FREUD‘ EUCH LIEBE CHRISTEN GMEIN                  
Komp.: Martin Luther                         
Arr.: Lucas M. Schmid

Luthers erstes Gemeindelied aus dem Jahre 1523.

Wurde im ersten evangelischen Liederbuch, dem Achtliederbuch veröffenlticht. Steht heute noch im Evangelischen Gesangbuch.

Nun freut euch, lieben Christen g’mein,
und lasst uns fröhlich springen,
dass wir getrost und all in ein
mit Lust und Liebe singen,
was Gott an uns gewendet hat
und seine süße Wundertat;
gar teu’r hat er’s erworben.
(EG 341,1)

Der Einstimmton erklingt wieder. Die Solotrompete spielt den Choral an und das Orchester – die Gemeinde – antwortet. Der Charakter dieses Stückes tendiert zum „Latin feel“ oder besser gesagt „Salsa“; im übertragenen Sinn einer Form, in der die verschiedensten (Musik-) Strömungen frei von Vorurteilen angenommen und verarbeitet werden.

3.       LOBGESANG: NU BITTEN WIR DEN HEILIGEN GEIST
Komp.: Alte deutsche Weise                             
Arr.: Lucas M. Schmid

1. Nun bitten wir den heiligen Geist
Um den rechten glauben allermeist,
Daß er uns behüte an unserm ende,
Wenn wir heimfahren aus diesem elende.
Kyrieleis!

Der Heilige Geist, für uns oft nur schwer greifbar, wurde von Luther in diesem Lied mit verschiedensten Worten angeredet:
2. Du werthes licht!
3. Du süße lieb‘!
4. Du höchster tröster in aller noth!
(EG 124)

Der Heilige Geist ist in biblischer Perspektive schon bei der Entstehung des Lebens wirksam – er schwebte über den Wassern -, er bewirkt neue Lebensaufbrüche und überschreitet das Vorgegebene in seiner Regelhaftigkeit. Gott haucht seinen Geist allem Leben ein, erfüllt es so mit seiner heilsamen Präsenz und bleibt zugleich Subjekt alles Lebendigen. Die dynamische Präsenz des Geistes zeigt sich in der Pfingstgeschichte, wenn vorgegebene Sprache in ihrer verbindenden Gestalt, aber auch ihrer Begrenztheit gegenüber anderem überschritten wird und im Hören, aber auch im Sprechen neue, ungeahnte Verständigung ermöglicht wird.

Als Luther die Kirche in Rom angriff, rief er: „Nun helfe uns Gott und gebe uns der Posaunen eine, mit der die Mauern Jerichos wurden umgeblasen, damit auch wir diese strohernen und papiernen Mauern (Widerstand der Römischen Kirche) umblasen…“ Diesem Ausruf folgend, steht die Posaune im Mittelpunkt des Arrangements.
Das von der Gospelmusik inspirierte Stück steht  im 5/4 Takt.

4.       PATREM             
Komp.: Nikolaus von Kosel   
Arr.: Lucas M. Schmid

Die Melodie stammt aus dem 15. Jahrhundert. Sie steht zuerst über einem Credo in einer Handschrift von 1417 in Breslau und weist als Autor Nikolaus von Kosel aus. Nikolaus von Kosel (1390-1423) war ein schlesischer Franziskaner-Minorit. Er gilt als der früheste deutsche Schriftsteller Oberschlesiens und war geprägt durch eine Marien- und Heiligenfrömmigkeit. Luther übernahm seine Melodie und versah sie mit einem neuen, christuszentrierten Text. So wandt er sich gegen das Anbeten der Heiligen.

Vgl Art. 21 der Confessio Augustana von 1530: „Vom Dienst der Heiligen“:
„Vom Heiligendienst wird von den Unseren so gelehrt, daß man der Heiligen gedenken soll, damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist; außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen, ein jeder in seinem Beruf.* Aus der Hl. Schrift kann man aber nicht beweisen, daß man die Heiligen anrufen oder Hilfe bei ihnen suchen soll. […]“

Das Altsaxophon übernimmt in diesem Stück den Solopart. Das Orchester setzt in den Fermaten ein und verleiht dem Credo verschiedene Stimmungen als Synonym für Zustand, Entwicklungen, Phasen. Die Soloimprovisation des Altsaxophons zerrt diese Stimmungen in die Extreme.

5.       VOM HIMMEL HOCH – EIN KINDERLIED               Komp.: vermutlich aus dem Niederdeutschen         
Arr.: Lucas M. Schmid

Vom Himmel hoch, da komm ich her.
Ich bring’ euch gute neue Mär,
Der guten Mär bring ich so viel,
Davon ich singn und sagen will.
(EG 24,1)

Hier heißt es von der gute Mär, also von der frohen Botschaft, vom Evangelium „Davon ich singen und sagen will…“ Davon ich singen und sagen will – in der Reihenfolge: Musik als erstes Medium der Verkündigung!
Davon ich singen und sagen will: Also, erst das Singen, dann das Sagen – erst die Performance, dann das kognitive Verstehen – oder wenn Sie es auf den Glauben übertragen wollen: Glaube ist zuallererst Vertrauen, kindliches Zutrauen, und dann erst Wissen und Verstehen. Dieser Vorgang ist für den christlichen Glauben grundlegend.
Der Ausruf des Orchesters „Susanine!“ spielt auf die 14. Strophe von Luthers Text an und bezeichnet  ein veraltetes Wort für ein Wiegenlied, das heute nur noch hier vorkommt.:
Davon ich allzeit fröhlich sei,
Zu springen, singen immer frei
Das rechte Susaninne schon,
Mit Herzenslust den süßen Ton.
(EG 24,14)

6.       KATHARINA VON BORA / AMOUR FOU                Komp./Arr.: Lucas M. Schmid

Am 13. Juni 1525 heiratete Luther Katharina von Bora. Diese Jazz-Ballade spielt darauf an, dass beide es sich zu Beginn nicht leicht gemacht haben. Zunächst hielt Luther die Tochter aus verarmtem Rittergeschlecht für hochnäsig. Dennoch nahm er sie aus Vernunftgründen zur Frau: Sie war eine ehemalige Nonne, die aus ihrem Kloster entflohen war. Die Hochzeit eines ehemaligen Mönchs mit einer ehemaligen Nonne war ein kräftiges Symbol gegen die von Luther abgelehnte Verpflichtung zum Zölibat.
Dass aber dann auch die Emotionen erwachten, ist eine wunderbare Weiterentwicklung der Geschichte.  Ja, sie lernten sich nicht nur kennen, sondern auch lieben. Und das offene Haus, das sie führten und das unter Katharinas Leitung stand, wurde zum Modell für das evangelische Pfarrhaus der letzten fünf Jahrhunderte. Katharina von Bora wurde zu der „Lutherin“ (Eva Zeller). Und sie erinnert uns heute stellvertretend an die Frauen, die im 16. Jahrhundert die Reformation vorangetrieben haben. Und in deren Erbe die Frauen stehen, die seit 40 Jahren in unserer Landeskirche als Pfarrerinnen ordiniert wurden. Frauen, die dann auch als Superintendentin oder als Präses Leitungsverantwortung in unserer Kirche übernommen haben.
Martin Luther hat in seiner großen Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ formuliert: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“
Es geht nicht darum, über Freiheit nur zu reden, sondern darum, die Freiheit zu leben.

Musikalisch baut sich anfangs eine Spannung auf , die sich dann in einen liegenden Ton, nämlich D, auflöst. Dieser Vorgang findet mehrmals im Stück statt und deutet auf die Spannung, die sich in einer anfänglichen Liebesbeziehung aufbaut, ein Stau der Gefühle, sozusagen ein Kribbeln im Bauch, und dann kommt der erlösende , entspannende Moment , der diese positive Spannung wohltuend auflöst. Die Entspannung kann das Erwidern der Gefühle sein , ein verzückter Blick, oder ein Lächeln, ein Erwidern der Gefühle.

7.       GOTT DER VATER WON UNS BEY 
Komp.: deutsche Litanei aus dem 15. Jhr. von Luther bearbeitet              Arr.: Lucas M. Schmid

1. Gott der Vater wohn uns bei
und lass uns nicht verderben,
Mach uns aller Sünden frei
und hilf uns selig sterben,
für dem Teufel uns bewahr,
halt uns bei festem Glauben […]
Amen, Amen, das sei war,
so singen wir Halleluia.
2. Jesus Christus wohn uns bei etc.
3. Heilig Geist der wohn uns bei etc.

Der trinitarische Aufbau des Liedes (das als eines der wenigen Luther-Lieder nicht im EG abgedruckt wurde) inspiriert zu einer trinitarischen Deutung der Musik,
Gott der Vater wohn uns bei: Musik ist eine Gabe des Schöpfers, die von seiner Weisheit und Phantasie kündet. Sie ist eine freie Kunst, die uns Menschen zur Gestaltung anvertraut ist. Musik stiftet Beziehung. Sie kann Ausführende und Zuhörer mit Freude erfüllen, ja sogar den Schöpfer verherrlichen.
Jesus Christus wohn uns bei: Das Evangelium ist kein papiernes Lesewort, die frohe Botschaft von Jesus Christus ist ein sinnliches Klangereignis. Deshalb nimmt die christliche Kirche die Musik als Gabe Gottes an und lässt sich durch sie bewegen und anreden. Als klingendes Wort Christi lädt die Kirchenmusik Menschen zum Glauben ein, tröstet und vergewissert. Klagend und lobend, flehend und dankend gibt sie dem dreieinigen Gott die Ehre,
Heilig Geist der wohn uns bei: Gottes Geist ist „Poet und Kantor.“ Er macht die natürliche Gabe der Musik zu einem Instrument, das Gott die Ehre gibt und Glauben schafft, Gemeinschaft stiftet und tröstet, aber auch provoziert und anregt. Kirchenmusik bietet einen vielfältigen Beitrag zur Gegenwartskultur, sie schafft auch ein Stück „Gegenkultur zum Zeitgeist“. Sie geht aber auch nicht gänzlich an den Hörgewohnheiten und Erwartungen der Menschen vorbei.

Lucas Schmid hat die Anmerkung „…von Luther bearbeitet…“ zum Anlass genommen, die Bearbeitung dieses Stückes fortzusetzen.
Um dem vorgegebenen alla breve gerecht zu werden, finden Wechsel zwischen einem schnellen 3/4 Takt und einem medium Swing 4/4 Takt statt. Wer den Text zur Melodie kennt, wird bemerken, das der Textabschnitt „Gott der Vater won uns bey…“ in einer strahlenden Dur Farbe erscheint und dass einige Takte später im Abschnitt „…für dem Teufel uns bewar…“ die Melodie in Moll ertönt.

8.       HYMNUS / NU KOMM DER HEIDEN HEILAND               Komp.: Altlateinisches Lied, Text Luther nach nach dem Hymnus veni redemptor gentium des Ambrosius von Mailand um 386
Arr.: Lucas M. Schmid

Luther durchlebte auch die Einsamkeit, den quälenden Selbstzweifel, die fast selbstzerstörerische Askese und äußerst labile Gemütszustände.

Seinen Trost fand er im Blick auf Jesus Christus. Er war Luther das Licht im Dunkel der Seelennacht. Von der Geburt Jesu, also von der Menschwerdung Gottes, erzählt dieses Lied:
Nun komm, der Heiden Heiland, 
der Jungfrauen Kind erkannt,
dass sich wunder alle Welt,
Gott solch Geburt ihm bestellt.
(EG 4,1)

In reformatorischer Perspektive ist das ganz zentral: In Jesus Christus hat Gott sich so auf die Menschen eingelassen, dass er alles, was die Menschen von ihm trennte, hinweggenommen hat. In Christus hat Gott zum Heil der Menschen gehandelt, er hat die Sünde und den Tod als von Gott Trennendes ein für alle Mal weggenommen. Weil in Jesus Christus Gott umfassend und für alle Menschen gehandelt hat, betont Luther: Jesus Christus allein ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt. Mit der Formel „Christus allein“ – lateinisch solus Christus – erinnern die Reformatoren an diese besondere Bedeutung und Exklusivität Jesu Christi.

Das Arrangement ist gefärbt vom expressiven Tango Nuevo.

9.       JOANNES HUSSEN LIED  / JESUS CHRISTUS UNSER HEILAND                      
Komp.: Johann Hus, Luther
Arr.: Lucas M. Schmid

Jesus Christus, unser Heiland,
Der von uns den Gotteszorn wandt,
Durch das bitter Leiden sein –
Half er uns aus der Höllen Pein.
(nicht im EG)

Sola gratia etc. – aber nicht Solo Luthero.
Luther befand sich in guter Gesellschaft: Philipp Melanchthon hat für die Entwicklung der Bildungsinstitutionen nicht nur im deutschen Raum eine entscheidende Bedeutung. Ulrich Zwingli hat die Verbindung von Reformation und Freiheit in der Züricher Bürgerschaft Gestalt werden lassen. Johannes Calvin begründete die Internationalität der Reformation durch seine Einbindung von französischen und anderen europäischen Traditionen. Die reformatorische Bewegung aber hätte sich nicht so rasant entwickelt, wenn nicht Landesfürsten wie Friedrich der Weise von Sachsen oder Philipp von Hessen sie gefördert hätten und die Bürgerschaften von Städten wie Zürich, Hamburg und Genf.
Es waren aber nicht nur diese Herrscher und Theologen, sondern ganze Netzwerke verbundener Männer und Frauen, die das reformatorische Zeitalter möglich machten und prägten. Im größten Reformationsdenkmal der Welt, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Worms erbaut wurde, kommt das dadurch bildlich zum Ausdruck, dass dort neben den klassischen Reformatoren und den genannten Landesfürsten auch sogenannte Vorreformatoren wie Johannes Hus (1369-1415) abgebildet sind. 
Von ihm stammt das nächste Lied.

Die Melodie dieses Liedes ist in der Urform klar strukturiert. Obwohl auf dem Notensystem keine Taktstriche eingezeichnet sind, läßt sich die Melodie in eine gerade Taktart, in diesem Falle in einen 6/4 Takt und in zwei Dreiergruppen, einteilen. Grundlage für das einfache Muster des Rhythmus war die klare Aussage von Luthers Text. Gegensätze wie „hell“ und „dunkel“ im Text werden musikalisch mit forte und piano sowie durch die verschiedenen Soloimprovisationen umgesetzt.

10.     L. DER REBELL                                         
Komp./Arr.: Lucas M. Schmid

Dieses Musikstück hat Lucas Schmid Martin Luther gewidmet, einem Menschen, der Stärke und Schwäche extrem auslebte, und es verstand Visionen zu verwirklichen.

Aber wie ist das nun mit Luther und Jazz, ja mit Gott und Jazz.
Gott kann kein Jazz“ – so hieß eine Rezension der Platte „Wynton Marsalis and Eric Clapton play the blues“, die 2011 erschien. Ich meine: Das stimmt so nicht.
Von der Jazz-Sängerin Sarah Kaiser habe ich den Satz gehört: „Jesus ist Pop“. Pop, die Kurzform von Populär, kommt vom lateinischen Wort „populus“. Und das heißt: „das Volk, die Leute, die Menschen“. Zu Weihnachten feiern wir Jesu Geburt. Gott wurde Mensch. Wurde populus, wurde populär.
Alles begann ja mit der Schöpfung. Gott schuf den Menschen und sah ihn an und „siehe, alles war sehr gut“. Doch dann kam mit dem Sündenfall alles ganz anders als geplant. Gott musste reagieren. Musste improvisieren. Und tat das, indem er Mensch wurde. Wenn es in einer Musikart um das Improvisieren, wenn es in einer der vielen Formen der Gottesgabe Musik um die Improvisation geht, dann im Jazz.
Was ist denn Improvisation? Wenn ich es recht verstehe, ist Improvisation der  kreative, spontane und subjektbestimmte Umgang mit dem, was vorgegeben ist. Ist Gott nicht kreativ,  ist der Schöpfer nicht schöpferisch? Und ist nicht Gott der Inbegriff der Einheit von Form und Freiheit, Komposition und Inspiration? Ist Gott nicht Grund allen Lebens, und Leben nicht immer auch Improvisation?
Gott kann kein Jazz? Er kann es wohl!
Die kreative, spontane und individuelle Verarbeitung der Tradition lässt sich auch bei Martin Luther finden. Die Reformation kann man ja unter vielen verschiedenen Blickwinkeln sehen. Ich deute sie als ein religiöses Ereignis. Denn in ihrem Zentrum steht die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zu Gott. Luther war wie die anderen Reformatoren davon überzeugt, dass Gott selbst den rechten Glauben wecken und so das Verhältnis zu Gott erneuern werde.
Im Mittelpunkt seines Denkens steht der Begriff der Rechtfertigung. Ein Wort, das sich heutzutage nicht von selbst versteht. Was es bedeutet, können wir vielleicht noch anhand der Redewendung „Gnade vor Recht“ verstehen. Ein Mensch, der nach Recht und Gesetz zu verurteilen ist, darf doch auf Gnade oder auch Begnadigung hoffen. Solche Formen der Vergebung „allein aus Gnaden ohne des Gesetzes Werke“ (Röm 3,28) kennen wir auch heute, selbst wenn sie in unserem Rechtssystem anachronistisch wirken.
Der Mensch wird nicht bemessen nach dem, was er nach außen darstellt oder auch wie er persönlich dasteht, sondern er wird von Gott geliebt, anerkannt, gewürdigt, ganz unabhängig von seinem Bildungsstand, Einkommen, sozialen Hintergrund und gesellschaftlichen Ansehen. Diese Anerkennung oder Würdigung macht den Menschen wahrhaft frei. Schuld belastet ihn nicht mehr, ist aber auch nicht einfach vergessen, sondern ist als bekannte Schuld vergeben und dadurch überwunden.
Genug der Predigt. Wir merken, wie unsere Worte nur um das kreisen können, was Gott für uns ist. Wir können ihn nicht festlegen mit unseren Gedanken, können ihn nicht definieren mit dem, was wir sagen.
Das letzte Wort hat deshalb die Musik.

Kategorien
Kirchliches

Ruhe für unsere Seelen

Predigt am 21. Juni 2020 in der Evangelisch-Lutherischen Martini-Kirchengemeinde Martini-Gadderbaum

Predigtttext am 2. Sonntag nach Trinitatis: Matthäus 11,25-30

Liebe Gemeinde!
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Diese Sätze Jesu aus dem Matthäusevangelium bringen inhaltlich etwas in mir zum Klingen. Sprechen tiefe menschliche Sehnsüchte an. Nehmen Motive auf, die aus dem Alten Testament stammen. Jesus von Nazareth hat seinen Namensvetter Jesus Sirach bestimmt gelesen. Dieser alttestamentliche Weisheitslehrer schreibt als Fazit seines Buches (Sirach 51,23-27):
„Kommt her zu mir, ihr Ungebildeten, und wohnt im Haus der Bildung!
Warum wollt ihr noch warten und eure Seelen dürsten lassen?
Ich habe meinen Mund aufgetan und gesprochen: Kauft euch Weisheit – ganz ohne Geld!
Beugt euren Nacken unter ihr Joch und nehmt ihre Erziehung an. Sie ist nahe und leicht zu finden.
Seht mich an: Ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit gehabt und habe großen Trost gefunden.“

Sie haben die Parallelen bestimmt wiedererkannt. Aber das, was bei Jesus Sirach die Weisheit ist, die Bildung, die Erziehung, das ist bei Matthäus die Person Jesus selbst. Zu ihm sollen die Mühseligen und Beladenen kommen, er will sie erquicken, er will ihnen Ruhe geben.
„Erquicken“ und „Ruhe“ kommen übrigens im griechischen Urtext des Matthäusevangeliums vom gleichen Wortstamm: „pauo“ und „pausis“. Da kommt unser deutsches Wort „Pause“ her. Jesus will uns eine Pause geben.

Und ehrlich gesagt: Die könnte ich brauchen, so eine Pause. Gerade nach den letzten Wochen.
Zu Beginn der Corona-Krise hat der Soziologe Hartmut Rosa gesagt, jetzt, wo man zuhause bleiben müsse, käme die Entschleunigung, die man nutzen könne, um in Resonanz zu sich und seiner Umwelt zu kommen. Ehrlich gesagt, den Herrn Rosa würde ich gerne noch mal sprechen. In den letzten Wochen ist bei mir beruflich und privat ganz viel passiert, aber sicher keine Entschleunigung. Ich hätte eine Pause durchaus brauchen können, etwas Ruhe für meine Seele.
Und da bin ich ja nicht allein.

Auch die Kassiererin im Supermarkt hätte eine Pause brauchen können, wenn sie zum wiederholten Mal den Streit zwischen Kunden schlichten musste, wer denn nun die letzte Klopapierpackung bekommt. Sie erinnern sich, das war das große Thema vor ein paar Wochen. Im Rückblick klingt das vielleicht lustig, aber damals war es das gar nicht.
Die alleinerziehende Mutter hätte eine Pause gebraucht, wenn sie nach der täglichen Arbeit müde nach Hause kam zum Homeschooling mit ihren Kindern, die den ganzen Tag zuhause gesessen haben. In der Corona-Krise waren es ja vor allem die Frauen, die die Doppelbelastung von Beruf und Familie noch stärker als zuvor tragen mussten.
Aber auch diejenigen, die nicht wie bisher gearbeitet haben, hatten zwar vielleicht Zeit, aber keine Ruhe für ihre Seelen.
Der Fabrikarbeiter, der in die Kurzarbeit geschickt wurde, und der nicht wusste, ob das Kurzarbeitergeld für die Miete und die Grundkosten seiner Familie reichen würde. Und der sich vor dem Moment fürchtet, wenn die Kurzarbeit in die Arbeitslosigkeit übergeht. Keine Ruhe für seine Seele.
Der selbstständige Künstler, der nicht mehr vor Publikum auftreten konnte und weder Applaus noch Geld bekam, der hatte keine Ruhe für seine Seele. Und der Realschüler, die Abiturientin kurz vor ihrem Schulabschluss? Der Gastwirt, in dessen Restaurant sich auch nach der Öffnung kaum Gäste verirren? Die wohl auch nicht.

Vielleicht kann die Hoffnung auf die Sommerferien helfen?
Urlaub ist ja immer eine Pause, in der man die Seele baumeln lassen kann.
Aber auch die Sommerferien sind in diesem Jahr anders. Nicht in jedes Land kann gefahren werden. Kurz vorher noch Corona-Fälle in verschiedenen Grundschulen. Und dann der Corona-Ausbruch, der gerade in der Nachbarschaft in Rheda-Wiedenbrück passiert ist. Ein Skandal, was in der fleischverarbeitenden Industrie geschieht! Und wie damit umgegangen wird! Das darf nicht ohne Folgen bleiben. Wir müssen uns politisch kümmern um die Unterbringungssituation und die Hygienestandards in den Sammelunterkünften. Und wir brauchen eine neue gesellschaftliche Debatte über unser Konsumverhalten, das auf Dumpingpreisen und Dumpinglöhnen in der Fleischindustrie beruht.
Dass jetzt im Kreis Gütersloh ausgerechnet die Schulen und die Kindergärten geschlossen werden, verstärkt aus meiner Sicht den Skandal. Immer auf die Kleinsten. Wenn dann noch eine Quarantäne hinzukommen sollte, die nicht nur die Schlachtfabrikmitarbeiter betrifft, sondern weitere Bevölkerungskreise, dann: Prost Mahlzeit! Dann ist nichts mit Ruhepause in den Sommerferien.

Was müsste eigentlich geschehen, damit wir aufatmen und Ruhe finden können? Das ist nicht nur eine rhetorische Frage für mich. Ich habe keine wirklich abschließende Antwort darauf gefunden.
Vielleicht hilft es, zwei Spuren zu verfolgen, die Matthäus gelegt hat.

Eine Spur: Das Joch. Jesus sagt: „Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Das Joch ist ein altertümliches Gerät. Tiere tragen es, um eine Last zu schultern oder zu ziehen. An manchen Orten der Welt tragen Menschen bis heute ein Joch, um Wasser zu holen oder Waren zum nächsten Markt zu bringen. Wie gut, wenn es auf dem schweren Weg eine Wasserstelle gibt, an der die Lasten abgelegt werden können. Mensch und Tier haben hier die Möglichkeit, sich an dem frischen Nass zu erquicken.
Wer von den Lasten seines Jochs nicht erdrückt werden soll, muss es absetzen. Erquickt werden können nur die, die bereit sind, ihre Lasten abzugeben und sich zu erfrischen.
Als Mühselige und Beladene kommen Menschen mit ihrem Joch zu Jesus Christus. Der sagt ihnen nicht, dass sie gar nicht mühselig und beladen sind. Sondern der ruft sie gerade als Mühselige und Beladene zu sich. Der verspricht ihnen nicht, dass es überhaupt kein Joch mehr geben wird. „Ruhe finden für unsere Seelen“ heißt offensichtlich nicht, den ganzen Tag nur auf der faulen Haut zu liegen. Jesus übergibt ein ganz anderes, ein neues Joch. Dessen Last kann leicht sein und es muss nichts Drückendes haben. Mit dem Joch der Freiheit auf den Schultern müssen wir nicht mehr um Leben und Tod kämpfen. Das ist unsere Hoffnung: Wir können loslassen, weil wir von Jesus befreit worden sind. Unsere Sorgen um das, was mit uns wird, mit unseren Familien, mit unserer Gesellschaft können wir freigeben und sie Jesus Christus anvertrauen. Und dann können wir frei werden zum Dienst an Gott und unserem Nächsten in Familie und Gesellschaft. Einen Versuch wäre es wert, oder?

Die zweite Spur: Das Gotteslob. Damit beginnt der Predigttext ja. „Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde“. Jesus preist seinen Vater im Himmel. Das ist erst einmal nicht ungewöhnlich. Aber wenn man genauer hinschaut, dann schon.
Denn was ist „zu dieser Zeit“ passiert? Jesus und seine Jünger sind unterwegs in Galiläa und verkündigen das Wort Gottes. Aber sie bleiben wirkungslos. Und so klagt Jesus die Städte an, in denen sein Wort nicht auf Gehör gestoßen ist. „Weh dir, Kapernaum – Sodom wird es am Tag des Gerichts noch erträglich gehen im Vergleich zu dir.“ Und gerade in dieser Situation der Wirkungslosigkeit, des Misserfolgs ist Jesus nicht frustriert, sondern lobt Gott: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde“. Vielleicht eine gute Idee auch für uns.
Das Lob Gottes bewirkt keine Weltflucht, ganz im Gegenteil. Wir können Gott loben mit Taten des Glaubens und der Liebe. Wer Kranke besucht, wer anderen Menschen zuhört und sie tröstet, wer sich für bessere Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie einsetzt, der lobt Gott auf eine ganz besondere Weise. Gesellschaftliches Handeln von Christen kann Gotteslob sein, ihm zur Ehre dienen.
Gotteslob nimmt die Wirklichkeit dieser Welt zur Kenntnis. Auch wenn diese Wirklichkeit ihre Schattenseiten hat.
Und trotzdem! Elie Wiesel hat einmal gesagt: „Um Gott zu loben, muss man leben, und um zu leben, muss man das Leben lieben – trotz allem.“ Trotz allem das Leben zu lieben, trotz allem zu leben, trotz allem Gott zu loben.
Und dann kann uns das neue Leben erreichen. Dann müssen wir nicht alles selbst tragen, sondern dann können wir uns tragen lassen. Dabei gemeinsam Gott loben. Mit dem sanften Joch erneuerter Freiheit. Ruhe finden in Gott. Danach sehne ich mich.

Amen.

Kategorien
Allgemeines Persönliches

Der verhüllte Reichstag und das Küchenradio

Das Küchenradio in meiner Schöneberger Studentenwohnung verkündete krächzend das Ergebnis: 292 von 525 Abgeordneten des Deutschen Bundestags stimmten am 25. Februar 1994 dem Antrag „Verhüllter Reichstag – Projekt für Berlin“ zu. Das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude war kurz davor, ihren seit 1971 gehegten Traum zu verwirklichen, den Berliner Reichstag zu verhüllen. 223 Abgeordnete sprachen sich dagegen aus und auch in Berlin waren die Meinungen geteilt. Ich selbst hatte lange Zeit keinen rechten Zugang zur Kunst Christos gefunden, aber im Zuge der Werbeveranstaltungen im Vorfeld der Abstimmung einen Vortrag von ihm gehört, der mit einer Ausstellung von ersten Entwürfen begleitet wurde. Und hatte einige dieser Bilder einfach nur ästhetisch schön gefunden. Das wiederum hatte mich dafür geöffnet, mich auch inhaltlich näher mit seinem Konzept von Kunst im öffentlichen Raum zu beschäftigen.

Bei seinem Vortrag hatte Christo angekündigt: Wenn das Projekt realisiert wird, können die Berliner mitwirken. Das fand ich spannend und so schrieb ich eine Postkarte an die Reichstagsverwaltung (in Vor-Internet-Zeiten war es nicht so einfach, an Christos eigene Adresse zu kommen…). Nach einiger Zeit erhielt ich eine Antwort vom Projektbüro des Verhüllten Reichstags, ich könnte als „Monitor“ im Bereich Touristenbetreuung und Wachdienste mitwirken, wenn es soweit sei.

Etwas mehr als ein Jahr später war es soweit. Vom 24. Juni bis zum 7. Juli 1995 wurde das Gebäude des Reichstags mit einer silbrig glänzenden Hülle aus aluminiumbedampftem Propylengewebe verhüllt. Und ich war zwei Wochen lang dabei, als kleines Rädchen in einem großen Getriebe. Jeden Tag sechs Stunden: Wechselnd von 11 bis 17, von 17 bis 23, von 23 bis 5 oder von 5 bis 11 Uhr. Unabhängig von Wind und Wetter (das erfreulicherweise je länger, desto sommerlicher wurde). Das Team sollte auf den Reichstag aufpassen, ihn vor Graffiti-Sprayern oder sonstigen Anschlägen schützen, die zu Beginn befürchtet wurden, dann aber doch nicht kamen. So war es unsere Hauptaufgabe, Touristen zu informieren und die 5x5cm großen Gewebestücke zu verteilen, die als Giveaway vorgesehen waren. Zwei Wochen lang umstanden wir den Reichstag, immer mit demselben Teammitgliedern, die an den unterschiedlichsten Punkten ihres Lebens standen und zu diesem einen Punkt zusammengekommen waren. Ein Holländer musste ständig erklären, dass er trotz der Namensgleichheit nicht mit dem Marinus van der Lubbe verwandt war, der 1934 als Mittäter des Reichstagsbrands hingerichtet worden war. Eine Amerikanerin hatte 1991 bei Christos „Umbrella“-Projekt in den USA mitgemacht und war ihm nun nach Berlin hinterhergereist. Die meisten von uns waren Studentinnen und Studenten aus Deutschland.

Im offiziellen Dokumentationsband des „Verhüllten Reichstags“ sind alle Unterstützer und Mitwirkende des Projekts aufgeführt.

Nach jeder Schicht gab es feines Essen im Reichstagspräsidentenpalais an der Ostseite. Christo und Jeanne-Claude waren dort, der Cheforganistor Roland Specker, der Fotograf Wolfgang Volz; der Koch, so hieß es, arbeitete sonst im Golfclub Wannsee. Das war eine willkommene Ergänzung zum insgesamt doch eher taschengeldähnlichen Lohn.
Natürlich waren auch die einen oder anderen Prominenten vor Ort. Der Verleger Florian Langenscheidt hatte sich als „Monitor“ verpflichtet und schob wie alle anderen seine Schichten. Der SPD-Vorsitzende Rudolf Scharping wiederum wurde vom diensthabenden „Monitor“ nicht erkannt, als er sich ohne Ausweis Zutritt zum Reichstagsgebäude verschaffen wollte. Und wer wissen will, was ich mitten in der Nacht mit dem Schauspieler und Regisseur Dani Levy erlebte, kann sich Folge 11 des Podcasts „Irgendwas dazwischen“ anhören.

Manche der insgesamt 1200 „Monitore“ machten weitere Kasse, indem sie die originalsignierten Drucke oder T-Shirts verkauften, die wir von Christo und Jeanne-Claude bekamen. Eine Frau aus meinem Team bekam 3.000 DM für ihr Shirt.

Aber darum ging es eigentlich nicht. Es ging um das Bewusstsein, an einem großen Kunstprojekt mitgewirkt zu haben (ja, Joseph Beuys hat Recht: „Jeder Mensch ist ein Künstler“), das 5 Millionen Zuschauer nach Berlin zog. Es ging um die Lust, mitten in einem mehrwöchigen und friedlichenVolksfest dabei gewesen zu sein, das elf Jahre vor der Fußball-WM ein ganz besonderes „Sommermärchen“ war. Es ging um eine veränderte Sicht auf ein politisches Gebäude, das eine höchst komplexe Vergangenheit und eine ungewisse Zukunft hatte. Und es ging um Schönheit.

Und das war und ist umstritten: Darf moderne Kunst einfach nur schön sein, oder genauer: als schön empfunden werden? Ich finde keinen Grund, warum sie es nicht darf. Ich finde Schönheit schön. Oder darf ich das nicht?
In den Kulturheologischen Leitfragen der Evangelischen Kirche von Westfalen (2019) wird diese Frage so gestellt und beantwortet:

„Wer entscheidet, was schön ist und was nicht?
Zuerst und zuletzt: dein eigenes Empfinden. Um Immanuel Kant zu variieren: Habe den Mut, dich deines eigenen Geschmacks zu bedienen. Denn erst das Geschmacksurteil, so Kant, ist das wirklich freie Urteil: Gerade weil es „kein Erkenntnisurteil, mithin nicht logisch, sondern ästhetisch“ ist, kann es „nicht anders als subjektiv sein“, und gerade weil es vollkommen subjektiv ist, ist es frei. Natürlich gibt es, will man Kunst von Kunst unterscheiden, ästhetische Kriterien: Man kann nach der Durchgestaltung eines Werkes fragen, nach Maßstäblichkeit und technischem Vermögen, nach Originalität und Reflexivität im Blick auf das, was vorher war und andere schufen, man kann danach fragen, ob ein Werk einlädt oder sich verschließt, ob es sich ausdeuten lässt oder etwas zurück behält, ob es raunt oder spricht, geradlinig ist oder verwickelt, eingängig oder verworren, hölzern oder beseelt, geistlos oder geheimnisvoll, ob ein Plot ungelenk ist oder verblüffend, eine Figur komplex oder plump, eine Pointe überraschend oder absehbar, ob eine Melodie schal ist oder einleuchtend, eine Harmonie gefällig oder wundersam, ein Rhythmus animiert oder befiehlt und so weiter: Wo ein Kriterium ist, ist auch sein Gegenteil, wo Tiefsinn herrscht, zählt Aufmachung, wo Einmaligkeit zählt, gilt Serialität, wo das Gesetz der Serie gilt, punktet die Unterbrechung, wo Klassik punktet, zählt Punk, und jetzt wieder Kant: Jedes ästhetische Urteil, schrieb er, habe seinen Bestimmungsgrund in einer Empfindung, „die mit dem Gefühle der Lust und Unlust unmittelbar verbunden ist“. Und das ist biblisch gedacht: Bereits der Apfel am Baum der Erkenntnis war eine Lust für die Augenund deshalb verlockend, weil er klug machte. Lustgefühle sind ein paradiesisches Erbe, sie versprechen Geist. Auch Unlustgefühle drängen darauf, klüger zu machen – unvermittelt geweckt, teilen sie sich unvermittelt mit, mimisch, akustisch, körpersprachlich, und schon lässt sich über Geschmack wie über nichts anderes streiten. Es ist ein Streit unterm Baum der Erkenntnis: Wo immer es um Wahrheit geht, geht es zuerst (und womöglich auch zuletzt) um ein ästhetisches Empfinden. Wenn aber, müssen wir lernen, über Geschmack zu streiten, wir müssen lernen, einen Geschmack für Demokratie zu entwickeln, es ist dringend: Auch die Ästheten der Barbarei haben ein Geschmacksurteil gefällt, auch sie entscheiden subjektiv und frei aus ihrem eigenen Vermögen.“

Also entscheide ich mich dafür, den Verhüllten Reichstag weiterhin schön zu finden. Wer will, kann ja mit mir darüber streiten.

Auch diese Frage ist umstritten: Darf moderne Kunst populär sein? Ist es nicht geradezu ein Zeichen, dass etwas keine Kunst ist, wenn es populär ist? Schnell kam und kommt der Kitschverdacht auf. „Das ist trivial“ – schallte und schallt es vorwurfsvoll aus der Avantgardisten-Ecke.
Hier ist mir die EKD-Kulturdenkschrift „Räume der Begegnung“ (2002) wichtig geworden, die interessante Gedanken zum Trivialen formuliert:
„Das Triviale stiftet Gemeinschaft und begleitet die Menschen durch ihren Alltag, es nimmt sie in ihrem Bedürfnis nach Nähe und Entdifferenzierung ernst. In der Art und Weise, wie das Triviale emotional wirkt, ist es der Religion viel näher, als man auf den ersten Blick annehmen möchte. Das Triviale weiß um diese Nähe: Es ist reich an religiösen Metaphern; kirchliche Inszenierungen und Rituale gehören selbstverständlich in sein Repertoire. Umgekehrt könnte der Umgang mit dem Trivialen auch für die Religion Gewinn bringen, weil sie hier etwas darüber erfährt, wie Menschen sich emotional berühren lassen und wie Sicherheit beim Gebrauch von Metaphern und Ritualen entsteht.“
In diesem Sinne kann der „Verhüllte Reichstag“ von Christo und Jeanne-Claude meinetwegen gerne trivial sein: Er hat Gemeinschaft und Nähe gestiftet, indem er einen Raum der Begegnung geschaffen hat. Er hat Menschen emotional berührt.
Und er hat religiöse Metaphern genutzt, die ich biographisch nachvollziehen kann: Das Austeilen der oblatengroßen Gewebestücke durch den „Monitor“ (1995) ist voll von Analogien zum Austeilen des Brots beim Abendmahl durch den Vikar (ab 1997) und Pfarrer (ab 2000). Ein symbolischer – und doch nicht nur symbolischer, sondern ganz konkret materieller – Anteil an dem großen Geschehen, auf das es verweist. Manchmal wünsche ich mir dann als Theologe, die Abendmahlsteilnehmer in der Kirche heute würden sich mit der gleichen Emotionaliät und Sehnsucht über die Abendmahlsoblaten freuen wie seinerzeit die Touristen über die Gewebestücke des Verhüllten Reichstags. Auch wenn vermutlich die meisten dieser „Stofffetzen“ inzwischen im Müll entsorgt wurden oder in den hinteren Ecken unbenutzter Schubladen vor sich hin stauben…

Bei mir blieb die Begeisterung für Christo und seine Kunst. Allerdings habe ich mir nur eines seiner weiteren Projekte vor Ort anschauen können: Die Mauer aus 13.000 Ölfässern im Gasometer Oberhausen. Die anderen Projekte habe ich nur durch die Medien vermittelt bekommen. Und mit der Zeit wanderten die von ihm signierten Drucke von der Wohnzimmerwand ins Dachgeschoss.

Doch als am 31. Mai 2020 die Nachricht vom Tod Christos als Eilmeldung durch die Presse ging und er später dort ausführlich gewürdigt wurde, war jener Sommer 1995 in Berlin wieder voll und ganz präsent, den die Nachricht aus dem Küchenradio in der Studentenwohnung angekündigt hatte.

Kategorien
Kirchliches

Das Wunder der geglückten Kommunikation

Gedanken zu Pfingsten

Anders als Weihnachten und Ostern ist Pfingsten nicht so volkstümlich. Da gibt es nicht so viele Bräuche – und nicht so viele Geschenke.

Für die Kirche aber ist Pfingsten ganz zentral.
Wir feiern das Wunder der gelungenen Kommunikation.

Die Bibel berichtet in der Apostelgeschichte, dass Jesu Jünger 50 Tage nach Tod und Auferstehung Jesu in Jerusalem beieinander saßen.
Dann kam der Geist Gottes kam über sie. Er ließt die Jünger verstehen und erzählen.
Erzählen vom Grund ihres Lebens. Vom menschgewordenen, gestorbenen und auferstandenen Gott. Vom neuen Herr ihres Lebens. Von Jesus Christus.
Von der Gemeinschaft derer, die sich nach Christus nannten. Der Christinnen und Christen. Aus dieser Gemeinschaft entwickelte sich die Kirche. Deshalb ist Pfingsten das Geburtsfest aller Kirchen.

Pfingsten als Fest der Kirche und des Heiligen Geistes. Verstehen und erzählen. Das Fest der gelungenen Kommunikation ist um so wichtiger in einer Zeit wie heute, die oft von missglückter Kommunikation geprägt ist.
Da hilft es, den Heiligen Geist immer wieder neu um das Wunder der geglückten Kommunikation zu bitten. Damit wir verstehen, wovon wir erzählen. Von Gott und den Menschen.

(okay, das Video ist schon ein paar Jahre her. Aber das macht nichts.)

Kategorien
Kirchliches Wissenschaftliches

Respekt, Stephan Schaede!

Die 11 Punkte seines „Corona-Panoramas“ auf zeitzeichen.net sind die beste kirchlich-theologische Deutung der Gegenwart, die ich bisher wahrgenommen habe. Ich ertappe mich beim Lesen ständig dabei, „Ja, ja!“ zu sagen. Sowohl bei den Punkten, wo er klug Position zu bekannten Fragen einnimmt. Als auch bei den Punkten, wo er aufmerksam auf vergessene oder verdrängte Fragen hinweist. Und nicht zuletzt bei den Punkten, wo er unaufgeregt auf allzu schnelle Antworten verzichtet. In dieser Richtung will ich auch weiter nachdenken!

Kategorien
Allgemeines Humoriges Kirchliches Persönliches

Irgendwas dazwischen

Gott und die Welt? Flachwitz oder Heiliger Ernst? Klare Kante oder Kirchendiplomatie? Bernd Tiggemann oder Vicco von Bülow?

Na, irgendwas dazwischen! So heißt der Podcast, an dem Bernd und ich uns versuchen. Wir plaudern über alles, was uns so durch den Kopf geht. Über Gott und die Welt und – eben! – irgendwas dazwischen. Und hoffen, dass jemand zuhört.

Online unter „Irgendwas dazwischen“, bei Spotify, bei Apple Podcasts und überall, wo es gute Podcasts gibt.

Kategorien
Kirchliches

„Darum tröstet euch untereinander…“

Geistliches Wort zum 23. März 2020
auf www.evangelisch-in-westfalen.de:

„Darum tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.“ (1. Thessalonicher 5,11)

Nehmen wir uns Zeit für einander, für persönliche Gespräche und für konkrete Hilfe. Es ist gut, wenn ich merke, dass ich nicht allein bin, sondern jemand für mich da ist. Und es ist gut, wenn ich für andere da sein kann. So trösten wir uns gegenseitig in unsicheren Zeiten.

Kategorien
Kirchliches Wissenschaftliches

Zum evangelischen Kirchen- und Amtsverständnis

Einige Stichworte im Dialog der Evangelischen Kirche von Westfalen mit der Neuapostolischen Kirche [<- hinter diesen Links verbergen sich Berichte über einen gemeinsamen Studientag beider Kirchen am 7. März 2020 in Haus Villigst]

Kirchenverständnis:

CA (Confessio Augustana / Augsburger Bekenntnis von 1530), Artikel VII:
„Es ist aber die Kirche die Versammlung der Heiligen, in der das Evangelium rein gelehrt wird und die Sakramente [Taufe und Abendmahl] richtig [=evangeliumsgemäß] verwaltet werden.“

CA VIII:
„da in diesem Leben viele böse Menschen und Heuchler darunter sind“

Unter Apostolizität wird evangelischerseits die Übereinstimmung der heutigen Kirche mit dem in der Bibel enthaltenen Evangelium von Jesus Christus verstanden. Die institutionelle Apostolizität (in Person von Bischöfen oder Aposteln) gehört zum „bene esse ecclesiae“, kann also gut und hilfreich sein, ist aber akzidentiell und nicht substantiell.

Amtsverständnis:

 CA V:
„damit wir diesen Glauben erlangen, ist das Amt zum Lehren des Evangeliums und Austeilen der Sakramente eingesetzt worden“

Zum Amt gehören Ausbildung und Beauftragung/Ordination. Es ist eingebunden in eine zu aktualisierende Tradition; es hat keine heilige Dignität sondern Funktionalität.

Otto Weber, Grundlagen der Dogmatik,
Bd. 2, Neukirchen-Vluyn 7. Auflage 1987, S. 635:
Das gegliederte Amt
(Amt und Charisma.) Die in der Gemeinde zu verrichtenden Dienste bestimmen sich nach den Gaben, die der Gemeinde gewährt sind, und damit den Aufgaben, die sich ihr Stellen. Da aller kirchliche Dienst unter dem verkündigten Wort geschieht, so gebührt dem „Dienst am Wort“ der wichtigste Platz. Er kann aber nicht recht geschehen, wenn nicht zugleich solche Dienste verrichtet werden, die der Erhaltung der Gemeinde in der Disziplin („Zucht“) und in der Liebe gewidmet sind. Diese Dienste gehören zum „Amt“ in der Gemeinde, sind ihm nicht unterstellt, sondern innerhalb der Bruderschaft beigeordnet und bilden mit ihm zusammen das Amt in der Gemeinde. Das ministerium ecclesiasticum ist mehrfältig. Es ist zugleich von der Art, dass es für andere, neu als nötig erkannte Dienste offen ist.“

Kirchenordnung der Ev. Kirche von Westfalen:

KO Grundartikel I-IV:
– Jesus Christus – AT und NT – Rechtfertigung
– Lutherische – Reformierte – Unierte Gemeinden, Bedeutung der Barmer Theologischen Erklärung
– Diener am Wort achten und wahren Bekenntnisstand der Gemeinden, Zulassung aller zum Abendmahl
– Innere Gemeinschaft, Gemeinschaft mit anderen reformatorischen Kirchen

KO Art. 1:
„im Vertrauen auf den dreieinigen Gott, der Israel erwählt hat und ihm die Treue hält“

KO Art. 6ff:
Die Kirchengemeinde –> presbyterial-synodaler Aufbau (Ev. Kirche von Westfalen, Unsere Geschichte. Unser Selbstverständnis (2015), S.8)

KO Art. 18ff:
Ämter und Dienste in der Kirchengemeinde:
Pfarrer/innen, Prediger/innen, Prädikant/innen, Presbyter/innen,
weitere Ämter und Dienste (Kirchenmusiker/innen, Diakone/Diakoninnen, Gemeindepflege und Diakoniestationen, Gemeindepädagog/inn/en, Sozialpädagog/inn/en, Erzieher/innen, Küster/innen, Verwaltung)
Frauenordination seit 1974 (Unsere Geschichte, S. 14)

KO Art. 84 ff.:
Der Kirchenkreis (Superintendent/in, Kreissynodalvorstand)

KO Art. 117 ff:
Die Landeskirche (Landessynode, Kirchenleitung, Landeskirchenamt, die Präses als Vorsitzende der Landessynode + als Leitende Geistliche ≈ Bischöfin in anderen evangelischen Kirchen + als Vorgesetzte des Landeskirchenamts)

KO Art. 156 ff:
Die landeskirchlichen Ämter und Einrichtungen

(KO Art. 167ff: Der Dienst an Wort und Sakrament ≈ Kirchliche Lebensordnung)

Leitsätze der EKvW
( Ev. Kirche von Westfalen, Unser Glaube. Unser Leben. Unser Handeln (2015), S. 20ff.)

  • Wir machen uns auf den Weg zu den Menschen.
  • Wir sind offen und einladend.
  • Wir feiern lebendige Gottesdienste.
  • Wir begleiten die Menschen.
  • Wir bieten Orientierung.
  • Wir machen uns für Menschen stark.
  • Wir machen Menschen Mut zum Glauben. 
  • Wir nehmen gesellschaftliche Verantwortung wahr.
  • Wir laden zu aktiver Mitgestaltung und Beteiligung ein.
  • Wir fördern die weltweite Ökumene mit anderen Kirchen.

Volkskirche:
nicht mehr Kirche des Volkes, sondern Kirche für das Volk
Barmer Theologische Erklärung (1934), These VI:
„Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.“

Kategorien
Kirchliches Wissenschaftliches

#nedika2020

Nedika2020 – das steht für „Netzwerk Digitalisierung Kassel 2020“.
Ein Netzwerktreffen zu „Digitalisierung, Theologie und Ethik“, das die EKD zusammen mit weiteren Partnern am 21./22. Februar in den Räumen der ECKD in Kassel organisiert hat.

Das Tagungsprogramm war erstmal karg: Es gab viele Leerräume bei
– Ankommen,
– Begrüßung,
– Kennenlernen,
– Themen identifizieren,
– Vernetzungsräumen,
– Arbeitsgruppen ohne Titel, deren Ergebnisse im Plenum präsentiert werden sollten,
– einer Blitzlichtrunde,
– dem obligatorischen Reisesegen,
– der obligatorischen Morgenandacht und
– natürlich, einem kirchenleitenden Grußwort.

Zusammen mit Bernd Tiggemann fuhr ich als Vertreter der Evangelischen Kirche von Westfalen mit gemischten Erwartungen nach Kassel. Sicher, Theologie und Ethik der Digitalisierung sind wichtige Themen – aber war da genug Input zu erwarten? Das Ganze schien doch sehr von den Teilnehmern abzuhängen. Im Bahnhof Kassel dann die ersten Begegnungen mit bereits und noch nicht Bekannten, die Vernetzung setzte sich auf dem Weg übers Hotel ins Tagungszentrum fort – ein guter Anfang.

Und es ging gut weiter: 60 Leute waren dabei, die alle ein großes Interesse an Digitialisierung UND an Theologie UND an Ethik hatten. UND aneinander. Manchmal braucht auch die digitale Szene ihre Spiegelung in der Kohlenstoffwelt, mit viel physischer Ko-Präsenz.
Ralph Charbonnier
erinnerte an Leibniz und verortete das Zentrum des Nachdenkens über die Binarität und die Digitalisierung seither in Hannover-Herrenhausen ;-). Stefanie Hoffmann berichtete von der Stabsstelle Digitalisierung im Kirchenamt der EKD und führte in die Andachtsform twaudes ein. Kristin Merle stellte fest, dass digitale Transformationen die wissenschaftliche Theologie zur Neuformulierung zwingen; sie forderte eine Durchdringung der religionskulturellen Gegenwart. Gernot Meier berichtete von den Aktivitäten der badischen Landeskirche in Sachen Digitalisierung und mahnte entsprechenden Ressourceneinsatz an; Wolfgang Loest tat das aus lippischer Perspektive. Frederike van Oorschot wagte eine erste Systematisierung, wie digitale Methoden in die wissenschaftliche Theologie integriert werden können. Denn der Medienwandel verändere die  Vorstellungen von traditionellen theologischen Begriffen, die deshalb neu formuliert werden müssten. Und neue Technologien bräuchten neue Frames und Narrative.

Doch danach ging es erst richtig los und die Leeräume füllten sich. Vernetzung im allerbesten Sinne geschah. Jede/r hatte etwas aus dem eigenen digital-ethisch-theologischen Alltag zu berichten. Und (fast) jede/r hörte aufmerksam zu. Jan Peter Grevel berichtete aus dem württembergischen Digitalisierungsprojekt vom Diskursformat EDS (Ethic Design Sprint). Wir Westfalen gaben Einblick in die Probleme der digitalen Hauptvorlage zu Kirche und Migration mit dem Motto #erlebtvielfalt. Die schon drei Volumes (davon zwei zur Digitalisierung) umfassende Zeitschrift für explorative Theologie „cursor_“ wurde präsentiert. Birte Platow stellte ihre spannende Studie „Selbstwahrnehmung und Ich-Konstruktion im Angesicht von Künstlicher Intelligenz“ vor, in der es u.a. um das Verhältnis von Künstlicher Intelligenz und Gott geht. Und das waren nur einige Ausschnitte, die ich wahrnehmen konnte.

Und das kirchenleitende Grußwort? Horst Gorski bezog sich auf Niklas Luhmann und dessen These, dass jedes neue Medium überschießende Energie bringe, die erstmal ins Chaos führt. Der Buchdruck habe in der Reformation dazu beigetragen, das Verständnis des Evangeliums zu verändern. Der Computer sei dabei, den Diskurscode von wahr _ nicht wahr auf meine Behauptung _ deine Behauptung zu verändern. (Wobei ich ja mit Marc-Uwe Klings „Känguru“ glaube, dass der neue Code witzig_nicht witzig ist. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Zurück zu #nedika2020.)

In drei Arbeitsgruppen wurden die Themen gebündelt:
– Kirche, Ekklesiologie und Digitalisierung,
– Anthropologie und Gottesbild, sowie
– Öffentliche Kommunikation und Gesellschaft.

Und nun geht’s weiter: Theologische Workshops sind geplant. Doktoranden und Habilitanden werden sich zu einem Kolloquium treffen. Kontakte in die Wirtschaft sollen ausgebaut werden. Landeskirchen wollen voneinander lernen. Und alle, die bei #nedika2020 dabei waren, nehmen viel Schwung mit von Kassel nach Hause. Denn, wie es ein Teilnehmer zum Abschluss formulierte: „Wir sind viele!“

PS.
Ein Hashtag. Das klingt erstmal trendy. Und so sagt die Moderation zu Beginn der Veranstaltung auch, der dazugehörige Hashtag „trende“ bereits bei Twitter. Da bin ich aber nicht. Bei Instagram bin ich. Da gibts unter dem Hashtag nedika2020 immerhin 7 Bilder mit maximal 35 „Likes“. Ist das schon ein wirklicher Trend?