Predigt am 25. Januar 2026, 3. Sonntag nach Epiphanias, in der Ev.-Luth. Martini-Kirchengemeinde Gadderbaum in Bielefeld.
Liebe Gemeinde!
Wie doch die Zeit vergeht. Vor genau einem Monat war Weihnachten. Erinnern Sie sich noch daran, welche Weihnachtskarten Sie bekommen haben? Manche Familien haben die ja gesammelt und regelrecht ausgestellt. Da hing dann so eine Schnur durchs Wohnzimmer, daran waren die Weihnachtskarten befestigt. Wahlweise mit den Familienfotos der Absender oder mit einem weihnachtlichen Bild oder mit einem entsprechenden Sinnspruch. Und da sehen nicht nur die vorgedruckten Weihnachtsmotive, sondern auch die Hochglanzfotos der lieben Kleinen sich manchmal so ähnlich, dass man schon mal durcheinander kommen kann. Mir zumindest ging es so. Aber eine Karte stach heraus dieses Weihnachten.

Strahlendes Gold. Und in der Mitte schlicht drei Worte: SEI EIN MENSCH. Stammt von einer Designagentur, mit der ich dienstlich zusammenarbeite. Und im Inneren dann die kurze Erläuterung: „Klingt einfach. Ist schwierig. Und stiftet Friede und Freude, wenn es gelingt. Wir danken für das vertrauensvolle und menschliche Miteinander und wünschen frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr!“
„Sei ein Mensch.“ So lautet der Satz, den der Fußballreporter Marcel Reif in seiner Rede im Bundestag am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus zitiert hat. Er ist die lebenslange, simple Botschaft seines Vaters, der die Shoa überlebt hat, an ihn, den Sohn. Und es ist natürlich auch passend zu Weihnachten, dem Fest, an dem wir feiern, dass Gott Mensch geworden ist.
„Sei ein Mensch“. Diese Karte ist mir eingefallen, als ich mich auf den heutigen Predigttext vorbereitet habe. Der kommt aus einer Erzählung, die in der Apostelgeschichte im 10. Kapitel steht. Petrus war bei Freunden in der Stadt Joppe zu Besuch. Er hatte ja schon eine Menge mitgemacht in seinem Leben als Nachfolger Jesu. Und dann das: Ihm wird in einer Vision vom Himmel zugemutet, nicht nur gegen die religiösen Überzeugungen zu verstoßen, in denen er aufgewachsen war, sondern vermutlich auch gegen sein Ekelgefühl: er soll unreine Tiere essen. Und obwohl Petrus weiß, dass diese Vision von Gott kommt, sagt er erst mal deutlich: „Auf gar keinen Fall, Herr!“ Das geht zu weit, mein lieber Gott!
Und während er sich noch wundert, was das Ganze so soll, passiert schon das nächste Unerwartete. Er bekommt Besuch.
21 Da ging Petrus zu den Männern hinunter und sagte: »Ich bin der, den ihr sucht. Was führt euch zu mir?« – 22 »Wir kommen von Hauptmann Kornelius«, antworteten sie, »einem frommen und gerechten Mann, der an den Gott Israels glaubt und bei der ganzen jüdischen Bevölkerung in hohem Ansehen steht. Er hat von einem heiligen Engel den Auftrag erhalten, dich in sein Haus einzuladen, um zu erfahren, was du ihm zu sagen hast.« 23 Als Petrus das hörte, bat er die Männer herein und sorgte dafür, dass sie bei Simon übernachten konnten. 24 Am darauf folgenden Tag kamen sie in Cäsarea an. Kornelius, der seine Verwandten und seine engsten Freunde zu sich eingeladen hatte, erwartete sie bereits. 25 Als Petrus durch das Hoftor trat, kam Kornelius ihm entgegen und warf sich ehrfurchtsvoll vor ihm nieder. 26 Doch Petrus zog ihn wieder hoch. »Steh auf!«, sagte er. »Ich bin auch nur ein Mensch.« 27 Und während er sich mit Kornelius unterhielt, betrat er das Haus. Überrascht sah er die vielen Leute, die sich dort zusammengefunden hatten. 28 »Ihr wisst sicher«, sagte er zu ihnen, »dass es einem Juden nicht erlaubt ist, engeren Kontakt mit jemand zu haben, der zu einem anderen Volk gehört, oder ihn gar in seinem Haus zu besuchen. Aber Gott hat mir unmissverständlich klar gemacht, dass man keinen Menschen als unheilig oder unrein bezeichnen darf, nur weil er kein Jude ist. 29 Daher habe ich auch keine Einwände gemacht, als man mich einlud, hierher zu kommen. Und nun lasst mich wissen, aus welchem Grund ihr mich geholt habt!« 30 Kornelius erwiderte: »Vor drei Tagen hatte ich mich zur gleichen Zeit wie jetzt, nachmittags gegen drei Uhr, hier in meinem Haus zum Gebet zurückgezogen, als plötzlich ein Mann in einem leuchtend weißen Gewand vor mir stand. 31 ›Kornelius!‹, sagte er. ›Gott hat dein Beten erhört, und er weiß sehr wohl, wie viel Gutes du den Armen tust. 32 Schicke daher Boten nach Joppe zu einem Simon mit dem Beinamen Petrus und lade ihn zu dir ein; er ist bei dem Gerber Simon zu Gast, dessen Haus direkt am Meer liegt.‹ 33 Daraufhin schickte ich sofort einige Leute zu dir, und du bist so freundlich gewesen, zu uns zu kommen. Nun sind wir alle hier in Gottes Gegenwart versammelt, um zu hören, was du uns im Auftrag des Herrn zu sagen hast.« 34 »Wahrhaftig«, begann Petrus, »jetzt wird mir erst richtig klar, dass Gott keine Unterschiede zwischen den Menschen macht! 35 Er fragt nicht danach, zu welchem Volk jemand gehört, sondern nimmt jeden an, der Ehrfurcht vor ihm hat und tut, was gut und richtig ist. «
Apostelgeschichte 10, 21-35 (Neue Genfer Übersetzung)
Und so kommt es, dass zwei Menschen sich begegnen, die sich normalerweise nicht einmal angeschaut hätten: Für Leute wie Petrus ist der Soldat und Nicht-Jude Kornelius jemand, um den man einen Bogen macht. Der gehört halt – wie man heutzutage sagen würde – zu einer anderen Filterblase oder Bubble. Es ist doch schon erstaunlich, dass Petrus seine persönlichen Grenzen so überwindet und den anderen als Menschen sieht.
Ja, und Kornelius? Ganz schön mutig, jemanden kommen zu lassen, von dem man denkt: Der verachtet mich. Schon allein wegen meiner Herkunft. Und ziemlich blauäugig zu meinen, dass er auch kommt, finden Sie nicht? Zwar hat Kornelius einen guten Ruf bei den Juden, aber trotzdem ist er eben keiner von ihnen. Da kann man nie wissen, wie eine Begegnung wohl verlaufen könnte. „Sei ein Mensch. Klingt einfach. Ist schwierig.“
Und dann begegnet Gott beiden. Schließlich haben sie beide eine Vision. Die von Gott kommt.
Wenn man’s ganz genau nimmt, setzt sich auch Gott hier über Grenzen hinweg – über seine eigenen, weil er nämlich nicht mehr unterscheidet zwischen den unterschiedlichen Völkern, aus den die Christen stammen, egal ob Juden oder Menschen, die vorher einem anderen Glauben gefolgt sind. Und wenn Gott das tut, dessen Grenzen Autorität und Bedeutung haben, was für eine Ehre ist es dann, wenn Menschen wie Petrus und Kornelius das auch tun dürfen?
Vielleicht also gar keine Herausforderung, der Auftrag, dass beide einander begegnen sollen, Kornelius und Petrus, sondern eine Hoffnung, die in ihnen womöglich längst auch geschlummert hat? Ein Traum, der wahr werden darf? Von gleichberechtigter Begegnung zwischen zwei Menschen auf Augenhöhe. Das mit der Augenhöhe ist sogar wörtlich genommen: Kornelius kniet nieder, als Petrus zu Gast kommt. Und Petrus fordert ihn auf, aufzustehen – weil auch er nur ein Mensch ist.
Und wie ist das mit uns Menschen heute hier in Martini-Gadderbaum? Wie ist das bei uns mit dem „vertrauensvollen und menschlichen Miteinander“ im vergangenen Jahr? Wer ist der Kornelius, der unsere Grenzen herausfordert? Und tun wir nicht zu schnell, als wären wir in Martini-Gadderbaum da weiter als andere. Na klar, völkische Töne habe ich hier nicht gehört. Unser Milieu ist eher anders aufgestellt, das neigt nicht zu Nationalismus.
„Gott macht keine Unterschiede zwischen Menschen. Er fragt nicht danach, zu welchem Volk jemand gehört.“ Um diesen Satz mitzusprechen, hätten die allermeisten hier im Raum nicht extra eine Predigt über Petrus und Kornelius gebraucht. Das hätten Sie wohl vorher auch schon so gewusst und gesagt.
Aber ich frage mich schon, wo die Grenzen meines Milieus sind, wo die Grenzen unserer Gemeindebubble? Hoffen wir wirklich darauf, Andersessenden, Andersaussehenden, Andersgläubigen zu begegnen und uns von ihnen herausfordern zu lassen? Oder sind wir eigentlich ganz froh, wenn wir darum herumkommen? Die biblischen Beispiele des Hauptmanns von Kapernaum und des Hauptmanns Kornelius lassen mich fragen: Wie ist das denn beispielsweise mit der Haltung zu Soldaten und Soldatinnen bei uns? Wie finden wir die? Wir, die wir doch vermutlich mehrheitlich den Wehrdienst verweigert haben oder aus anderen Gründen nicht zur Bundeswehr gegangen sind? Sind da nicht auch bei uns genauso innere Grenzen vorhanden, wenn es um die Frage einer neuen Wehrpflicht zur Erhaltung der Verteidigungsfähigkeit geht? Es gab vor Jahren mal einen Aufkleber der Friedensbewegung, auf dem Stand: „Soldaten sind Mörder (Kurt Tucholsky)“. Die Klammer war wichtig, damit es ein Zitat war, das nicht strafbar war. Ich gebe zu, früher habe ich durchaus klammheimliche Sympathie dafür gehabt. Heute tue ich das nicht mehr. Sei ein Mensch und sieh im Soldaten nicht den Mörder, sondern den Menschen, der für die Gemeinschaft etwas Notwendiges tut. Wo sind unsere eigenen Anteile an den Grenzen des Schubladendenkens?
„Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. “ So steht es, Sie erinnern sich vielleicht, im Wochenspruch für diese Woche aus dem Lukas-Evangelium (13,29). Und Petrus erkennt in der Apostelgeschichte: „Gott fragt nicht danach, zu welchem Volk jemand gehört, sondern nimmt jeden an, der Ehrfurcht vor ihm hat und tut, was gut und richtig ist.“ Was ist das nun, das Gute und Richtige, das wir tun sollen?
Zum Beispiel: Bewahren wir uns unsere Offenheit für alle, die von Osten und Westen, von Norden und vor allem aus dem Süden zu uns nach Deutschland, zu uns nach Bielefeld kommen. Sie werden mit uns zu Tisch sitzen im Reich Gottes. Dann sollten sie auch schon jetzt mit uns an einem Tisch sitzen. Und nicht als sogenannte „Flüchtlingsflut“ zu bloßen Abschiebestatistiken reduziert werden. Da müssen wir deutlich sagen: Nicht mit uns!
Oder: Wenn jemand in unserem Bekanntenkreis oder am Arbeitsplatz die Zugehörigkeit zur Kirche und zur Gesellschaft von der Volkszugehörigkeit abhängig macht, dann müssen wird deutlich sagen, dass das Quatsch ist, weil Gott nicht danach fragt, wer zu welchem Volk gehört. Christlicher Nationalismus ist immer vom Übel, egal ob er so offensiv und mörderisch wie in den USA auftritt oder demgegenüber eher in kleinerem Maßstab wie in manchen Kreisen deutscher Christen. Da müssen wir deutlich sagen: Nicht mit uns!
Und: Weil übermorgen am 27. Januar der Holocaustgedenktag ist, genauer: Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus: Treten wir dem heute auch in Deutschland wieder stärker werdenden Antisemitismus entschlossen entgegen. Es darf nicht sein, dass Jüdinnen und Juden sich bei uns nicht mehr sicher fühlen! Leider ist ja der klassische rechte Antisemitismus seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 23 ergänzt worden durch einen wachsenden linken Antisemitismus, der legitime Kritik an der israelischen Regierung durch Hass auf alles Jüdische überhaupt ersetzt. Da müssen wir deutlich sagen: Nicht mit uns!
Schließlich: Bemühen wir uns, unsere Ehrfurcht vor Gott dadurch auszudrücken, dass wir uns Mühe geben, das zu tun, was gut und richtig ist. „Sei ein Mensch. Klingt einfach. Ist schwierig.“ Lohnt sich aber. Denn es „stiftet Friede und Freude“. Da können wir deutlich sagen: Gerne mit uns. Amen.